Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 85
Quellenangabe
pfad/weiss/verfuehr/verfuehr.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101110
projectidf6d04d2a
Schließen

Navigation:

5.

Vielleicht war ich niemals mehr einer wahren Freundschaft zwischen Männern fähig, als zu dieser Zeit. Aber die alten Freunde waren nicht zufrieden mit mir, und mich enttäuschten sie so, daß ich es ihnen verschwieg. Indessen waren sie genau so, wie sie immer gewesen waren. Wharf war nichts als die verkörperte Neugierde, und doch mußte er im Nebenberufe auch ein Mensch sein. Seine ewige Frage was Neuen? konnte ich nicht mehr hören. War er denn neu? Selbst diese grammatikalisch zweifelhafte Verbindung was Neuen? war uralt, und vergebens bemühte ich mich, halb scherzhaft, halb ernst, ihn zu einer neuen Fassung seiner alten Zwangsidee zu bewegen. Er schüttelte seine roten Locken, grinste dann mit allen seinen fischgrätenartigen Zähnen und ließ mich allein, eine bessere Gelegenheit abwartend, um aus mir meine Geheimnisse herauszuholen. Karl machte es klüger. Er tat, als wisse er, was mich beschäftigte. Er schwieg sich durch meine schlechte Laune durch und konnte tatsächlich bisweilen eine bessere abwarten. Oft war es uns beiden aber am liebsten, wenn wir stumm beieinander blieben. Beim Abschied ließ er stets eine mehr oder weniger merkwürdige Wendung fallen. So in dieser Zeit die, daß er mir auf meinen Wegen folge als getreuer Schüler, nur in kleinerem Maßstabe. Ich hielt ihn zurück, ich wollte die Lösung des Rätsels wissen. Er gab sie mir nicht, wohl aber kannte sie der allwissende Wharf, der mir Andeutungen darüber machte, daß Karl sein Augenmerk (aber bisher wirklich nur die Augen) auf ganz unerschlossene, kleine Blüten geworfen hatte. Ich hätte Karl empört zurückweisen können, denn solche Laster mit den Kleinen erschienen mir zu schnöde, zu schauerlich. Er ahnte aber, was ihm bei mir bevorstand, und hielt sich ferne, bis mich viel wichtigere Dinge beschäftigten, und mir seine schmutzigen, gefährlichen Abenteuer gleichgültig geworden waren.

Ich hatte inzwischen durch den jungen Dragoner, der mit uns bei dem Bruder des Ministers gewesen war, die Bekanntschaft eines jungen Offiziers gemacht, des Pionieroberleutnants Maximilian Fürst von V. Seine Truppe, die man auch als Genietruppe bezeichnete, war stets der Sammelplatz guter Köpfe gewesen, begabter Mathematiker, Brückenbauer, Entwerfer von strategischen Straßen usw. Er war vielleicht das alles. Aber nichts von alledem vermochte er ernst zu nehmen. Man hatte ihn, als einzigen unter dreißig Kameraden, aufgefordert, einen Urlaub zu nehmen, um sich für die technische Militärakademie, eine Art technischen Generalstab vorzubereiten. Er nahm den Urlaub an. Mit dem Studium zu beginnen, war ihm aber, als wir einander kennenlernten, noch nicht möglich gewesen, da auch er die Tage mit dem ›holden Mädchenflor‹, die Abende hingegen mit Baccarat, Poker und, in Zeiten der Reue, mit dem sanften Ecarté zubrachte. Er war sehr groß. Schön konnte man ihn nicht nennen, nur die Augen und Hände, die Ohren und die Zähne waren prachtvoll. Seine Geiernase trug er wie ein Raubritter, was sollte er auch dagegen tun? Das überreiche strubblige Haar gedachte er zu zähmen und zwar durch eine Unmenge Brillantine, die nach dem süßen Heliotrop roch, das sich mit dem Tabakaroma und dem Odem der Kaserne mischte. Morgens wachte er bereits mit der Zigarette im Munde auf, (er rauchte stets die billigste Sorte, Drama genannt). Alkohol in jeder Menge und Qualität erfreute sein frisches, einfaches, gutes Herz. Aber ebenso wenig wie mich konnte ihn Alkohol betäuben. Niemals sah man ihm an, ob er beim Spiel gewonnen oder verloren, ob er viel oder wenig Alkohol zu sich genommen hatte, ob er glücklich in seinen Liebesabenteuern war oder nicht. Er hatte immer eine Masse ›Herzensaffären‹ zu gleicher Zeit, (ich immer nur je eine), aber es war bei ihm vielleicht am ehesten Mitleid und ritterliche Galanterie. Er gefiel nicht trotz, sondern vielleicht wegen seiner Schwächen. Das Noble seiner Natur leuchtete überall durch, am meisten, wenn er errötend bis zu der hohen, durchfurchten Stirn verlegen schwieg, sich im Unrecht fühlend.

Er konnte eben keiner Evastochter widerstehen. Wenn er einer Schönen gefiel, so gefiel sie ihm auch, sofort, blitzartig, aber leider nicht ausschließlich. Er sagte sich, er müsse nun endlich ›aufräumen und beichten‹, das heißt, der Neuen zuliebe den anderen himmlischen Geschöpfen, denen er huldigte und an denen er sich wie ein Kind ausgelassen freute, mitteilen, daß sie ›über ihn ein Kreuz machen‹ müßten, daß er fürderhin der neuen Eroberung einzig und allein dienen und die Treue halten wolle, aber dazu fehlte es ihm immer an Mut. Er, sonst so couragiert, ja tollkühn, – hier zögerte er und war schwach. Ab und zu ließ er eine Freundin einer dieser Schönen in den Klub ›Cercle hippique‹, in dem sich ein großer Teil seines Lebens während des Urlaubs abspielte, kommen, wo ein uralter, prachtvoller, einsamer, weil dem Publikum unzugänglicher Park eine Sehenswürdigkeit war. Er wollte von der Dame erreichen, sie sollte ihn bei ihrer Freundin losbitten, damit er dort in Gnaden entlassen sei. Aber meist trat das Gegenteil ein, er wurde die alte Geliebte nicht los und gewann eine neue hinzu. Als ich ihn kennenlernte, hatte er, von unzähligen Telephonanrufen, Briefen, Besuchen hin- und hergehetzt, keine freie Minute. Als wir einander näher kamen, – sehr schnell, nach etwa zehn Wochen – hatte er für mich schon etwas mehr Zeit. Er machte mir den Vorschlag, ich solle ihm Lektionen geben in Astronomie und Botanik, die unsinnigerweise zu dem Prüfungsprogramm der Akademie gehörten, und er wollte mir dafür Reitstunden erteilen in dem gedeckten Trainingsschuppen, der sich im Prater befand und dem Cercle gehörte. Aus meinen Lektionen wurde nichts. Man konnte sie nur im Club oder in seiner Wohnung halten, aber hier waren wir nicht sicher vor Besuchen, oder, mag sein, die Gegenstände interessierten ihn zu wenig, oder ich war kein guter Lehrer. Dafür hielt er zu meiner größten Freude die Reitstunden mit militärischer Pünktlichkeit ein. Obwohl ich nicht Mitglied des Cercle war, bekamen wir gute Pferde, um Sattelzeug sollte ich mich am Anfang, so hieß es, nicht kümmern. Übrigens hatte er auch eigene Pferde; natürlich hätte ich als Anfänger kein solches reiten können.

 << Kapitel 84  Kapitel 86 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.