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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 83
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3.

Wharf war durch den bewußten Minister in ein vornehmes Haus gekommen, das seines Bruders, eines Bankiers, der ebenso wegen seines maßlosen Ehrgeizes als wegen seines großen Reichtums stadtbekannt war. Es hieß, daß er zwei ›berauschend schöne‹ Töchter habe. Dieser Mann war mit Hilfe seines Bruders geadelt worden, der Minister hatte aber (vielleicht um sich von dem Parvenu zu unterscheiden) seinen bürgerlichen Namen beibehalten.

Wharf war auf der Suche nach jungen Herren, die gesellschaftsfähig waren und gut tanzen konnten. Außer mir hatte er einen meiner entfernten Bekannten aufgetrieben, einen Freiwilligen bei den Windischgrätz-Dragonern. Zu dritt kamen wir in die schöne Villa. Da wir alle keineswegs übertrieben gute Gesellschafter waren, (in diesem Punkte war man in Wien sehr verwöhnt), ist es möglich, daß wir ein klein wenig enttäuschten. Aber die ältere Tochter des Hauses enttäuschte auch mich. Ich fand Eugenies Züge kalt, den Blick abwesend, arrogant, die Bewegungen einstudiert, die Haltung und Kleidung prüde. Tatsächlich wurde sie von der Erzieherin kaum aus den Augen gelassen. Vor mir war Eugenie sicher. Höchstens ihre Unnahbarkeit hätte mich gereizt. Wir wollten uns bald verabschieden, (wohl zu bald?) sie nickte uns zu, oder vielmehr, sie hob etwas den Kopf und sah uns mit einer Art herablassender Güte an, während sie mit ihrer etwas großen, knochigen Hand ihr Haar fester steckte. Ich hatte dieses Haar bis jetzt nicht gewürdigt, es war herrlich. Blauschwarz, in zwei dichten Flechten um den Kopf gewunden, in natürlichen Wellen erglänzend, die den Haarnadeln sich nur widerwillig fügten. Die Musik setzte ein, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie wenigstens um diesen Tanz zu bitten und es bei dem langsamen Walzer so einzurichten, daß eine ganz kleine, gewichtlose, seidige Haarflechte meine Wange streifte: nur ein einzigesmal, sicherlich gegen ihren Willen. Beim letzten Takt entließ sie mich endgültig ohne Dank und Gruß, sie wandte höchstens den Kopf etwas nach meiner Seite. Ihre Schwester kam gerade hinzu, in bunter Seide, ein blondes, kindliches Geschöpf, sie hatte nur Augen für den Dragoner, der sie sporenklirrend für den nächsten Tanz auffordern mußte, während Wharf und ich die Villa verließen, ohne die Bekanntschaft des Hausherrn zu machen, der erst zum Souper zu der Gesellschaft stoßen wollte.

Als wir die schöne Freitreppe hinabliefen, glücklich, dem Zeremoniell zu entfliehen und entschlossen, den Abend wie in alter Zeit beim Wein in Döbling zu beschließen, dachte ich Eugenie nie wieder zu sehen. Und doch kam es dazu. Es war das erste große gastfreie Haus, das sich uns auftat, und von jetzt an bekamen wir mehr Einladungen, als wir annehmen konnten. Ich blieb diesem Haus durch Monate treu. Ich hatte mich mit der strengen Form, der gemessenen Haltung Eugeniens abgefunden, ich fand sogar, daß man innerhalb dieser Formen viel Genuß finden kann. Ich konnte mit dem jungen Mädchen, das angeblich nur auf Wunsch des Vaters mit einem älteren, sehr vornehmen, reichen Mann verlobt war, sprechen wie mit einem Freund. Sie konnte ohne Verstimmung ertragen, daß man schwieg. Meinen Widerspruch fand sie meist notwendig und anregend. Wenn sie aber etwas nicht verstand, fragte sie. Hatte ich mich in irgend einer Sphäre unwissend gezeigt, belehrte sie mich ohne Dünkel. Sie war Herrin ihrer selbst. Sie gab selten Urteile ab. Tat sie es, mußte man ihr fast immer zustimmen. Sie schwärmte nicht für mich, sie lächelte nur selten über mich, und sogar dies tat mir wohl. Ich vertraute ihr. Nichts konnte sie den Gesetzen ihrer Erziehung untreu machen. Ihr Vater wollte höher hinaus. Sie mit ihm. Ich hatte immer geglaubt, wohlerzogene Menschen müßten langweilig, öde, lähmend sein. Leider war es nicht so. Bei ihr umgab sich trotz allem die Natur mit einem Geheimnis. Ihre Schönheit wirkte mit jedem Tage stärker auf mich. Ich wußte, daß man diese Blüte nicht einfach pflücken konnte. Ich hätte um sie werben, hätte sie erobern müssen. Ich hätte meine Laufbahn ändern, etwas in der Welt erreichen (und noch größere Hoffnungen in den Augen meines Schwiegervaters erwecken) müssen, um sie zu gewinnen. Gerade das Gehegte, das Unberührte, das Untadelige achtete und liebte und begehrte ich in ihr. Aber ein kurzer Augenblick genügte, alles zu zerstören.

Wir waren niemals allein. Einmal traf ich sie zum Beispiel mit der Schwester und der Gesellschaftsdame. Die Erzieherin stickte, Eugenie und die Schwester spielten Schach. Ich stand ruhig hinter ihr. Ich sah von oben auf ihren schönen Kopf und dann auf das Brett mit den merkwürdig geschnitzten Elfenbein- und Ebenholzfiguren hinab. Sie hatte an diesem Tage das Haar anders geflochten als sonst, nämlich in einem dicken schweren Knoten im Nacken. Warum befand sich nur diese Masse prachtvollen Haars so nah bei meiner Hand? Zuerst berührte ich das Haar nicht, ich umfaßte es nur scheu von außen mit der hohlen Hand. Aber es reizte mich, ich konnte nicht widerstehen, und mit der Spitze des kleinen Fingers lockerte ich die oberste, ganz feine Schicht. Wie zitterte ich, als Eugenie zusammenzuckte. Aber es kam kein Ton aus ihrem Mund, ihre Finger ergriffen ruhig den Königsläufer an seinem runden Kopf und schoben ihn in der Diagonale gegen einen exponierten Bauer. Ich faßte neuen Mut. Ich drang vorsichtig mit dem Zeigefinger zwischen die einzelnen Lagen der Zöpfe, die Haarnadeln sorgsam vermeidend. Immer tiefer nistete ich mich ein in das knisternde, lebende, duftende Gewühl, bis ich an die nackte Haut des Kopfes gelangte, die der Fingernagel gerade noch streifte. Alles, was mir das Mädchen mit dem Goldfaden gegeben hatte, war nichts im Vergleich mit dieser halben Sekunde. Es hob mich von der Erde. Ich sah und fühlte unter rasendem Herzklopfen, in wütender Glut, nichts als diesen winzigen Punkt, wo mein Nagel ihre Haut berührte, wo meine Hand ringsum bis an die Wurzeln umgeben war von dem warmen Fell ihres Haares. Zum Glück oder Unglück ließ die Schwester eine Figur auf den Teppich fallen. Ich mußte mich danach bücken. So schnell ich mich erhob, – nachher war alles zu Ende. Eugenie verlor die Partie. Sie stand auf in ihrer stolzen dunklen keuschen Schönheit, sie hielt den Blick auf das Brett gesenkt, als studiere sie die letzten Züge noch einmal, um aus ihren Fehlern zu lernen. Dann blickte sie mich mit einem drohenden und doch verlorenen Blick an. Zwischen welchen Empfindungen mochte sie schwanken? Aber jetzt schüttelte sie wie im Zorn den herrlichen Kopf, das Haar löste sich, in gewaltigen, wie Erz glänzenden Schlangenwindungen rollte es ihr an den blutleeren, festen, glatten Wangen hinab über die Schulter, fast bis auf den Boden zu der Asche meiner Zigarette. Die Schwester mit ihren kurzen blonden Zottelhaaren und ihren bunten Kämmen lachte, die Erzieherin entsetzte sich, meinte es aber nicht ernst. Aber Eugeniens bitterer Blick verfolgte mich bis zur Tür. Sie lud mich nicht mehr ein. Auch Wharf und der junge Dragoner besuchten das Haus nicht mehr. Es war ihnen zu förmlich. Die Leute waren ihnen zu reich und zu wohlgesittet, zu ehrgeizig, zu frisch geadelt.

Ich war noch mit vielen Schönen und mit vielen Blüten zusammen. Ich hatte fast nur gute Tage. Ich schwieg bei meinen Freunden, in meinen Briefen an Mutter und Schwester über alles. Denn ich besaß und genoß doppelt, wenn ich alles nur für mich behielt: Schweigen, Lächeln und diskrete Lüge. Und meinen großen Besitz auf der Bank, meine geistige Existenz auf der Universität. Die Schönen und die Blüten wollten mir gefallen. Ich ihnen. Konnte es denn nicht ewig so dauern?

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