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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 77
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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32.

Ich hatte an meiner neuen Arbeit von Tag zu Tag größere Freude, so daß sie mich meine Reise bis zum letzten Tag des alten Jahres hinauszögern ließ. Endlich war ich am Bahnhof. Als der Zug bereits einlief, (der gleiche, den meine Mutter seinerzeit benützt hatte) entsann ich mich, daß ich keine Geschenke mitbrachte. Mein Bruder hatte ja am 1. Januar Geburtstag! Ich verließ den Perron noch einmal, denn ich hatte in den Korridoren des Bahnhofs slowakische Hausierer mit Körben voll bunter Holzspielzeuge gesehen, die sie um den Leib umgebunden trugen. Ich kaufte in Eile, was mir eben unter die Hand kam, und erreichte den Zug gerade noch zur rechten Zeit.

Es war mächtig viel Schnee gefallen, der Mond kam hinter den Schornsteinen der Vorstädte Wiens herauf und hielt sich fast andauernd an der einen Seite des Zugs, allmählich höher steigend. Ich dachte nicht mehr viel an Karla, die ich auf diesem Bahnhof kennengelernt hatte, ich dachte auch nicht allzuviel an die Meinen, die mich erwarteten, ich dachte an mein philosophisches Gebäude, das ich nach und nach errichten wollte.

Ich neigte wie jeder junge Mensch zur leidenschaftlichen, überspitzten, ungeordneten, aphoristischen Darstellung. Notwendig war aber ein gut fundamentierter, in jeder Hinsicht solider Bau, der die schärfste Kritik ertragen konnte und Gott, Tod und Teufel trotzte. Ich hatte niemanden zu schonen, niemandem zu schmeicheln, ich mußte auf Kampf und Angriff gefaßt sein. Gut. Aber es sollte auch keine schwerfällige, träge Masse aneinander geklebter, schwerflüssiger Philosophie sein, sondern etwas, das bis ins Letzte belebt, frei und gewichtlos in die Höhe strebte. Ich konnte diese Gewichtlosigkeit nicht durch freundliche Breite, sondern nur dadurch erreichen, daß ich von allen möglichen Gedankenverbindungen, Einfällen und Ideen nur das notwendigste aufnahm. Was war vonnöten? Meine Mutter führte mich zugleich mit dem Vater. Es hieß, selbstverständlich zu werden. Nicht glänzen. Dennoch einleuchten. Nur dadurch konnte ich hoffen, daß mich auch andere verstehen würden und vor allem, daß ich mir selbst treu bleiben und mich ohne Widerspruch entwickeln könne, in dem Klarsten, das in mir war. Mitten in meinen Gedanken, das kleine dünne Schreibheft auf den Knien, so wie ich damals den Atlas mit den Sternen auf unserer Haustreppe auf den Knien gehabt hatte, zu Zeiten meines Vaters, machte ich die Fahrt mit, ohne viel auf die Landschaft zu achten.

Plötzlich begannen mir aber die Hügel und Täler bekannt vorzukommen. Ich näherte mich der Heimat. Jetzt mußten bald die roten Felsen kommen, in deren Schatten ich vor Jahren neben Lilyfine gelegen war. Ich erkannte sie wieder, aber nicht mit Sicherheit. Aber der Name der Station, die wir damals in wollüstiger Flucht erreicht hatten, um dennoch falsch einzusteigen, leuchtete gut lesbar, er hieß Boure.

Auf dem Bahnhofe daheim erwarteten mich trotz der späten Stunde meine Mutter, Anninka, der Postillion und Marthy. Ich umarmte alle und küßte sie, ich glaube, Marthy nicht ausgenommen. Dann traten wir durch den dicken Schnee den Heimweg an, das heißt, Postillion ging nicht mit, er wollte getragen sein und da mir die Meinen schon den Koffer abgenommen hatten, nahm ich ihnen den ›Hallodri‹ ab und trug ihn huckepack bis zum Hause, sehr zu seinem Wohlgefallen. Dann machte er sich los, sprang herab und kletterte in bezaubernder Schelmerei, uns Alte kopierend, die kleinen dicken Händchen auf dem Rücken verschränkt, mit großen Schritten die Treppe hinauf, dabei eine, zweie, viere zählend. Die Drei hatte er vergessen, vielleicht konnte er nur zweisilbige Zahlen brauchen für die Marschmusik zu seiner Bergbesteigung, und nahm das kommandierende: »drei! drei! Postillion, höre doch, drei!« das meine Mutter ihm zurief, nicht an.

Meine Schwester begab sich vom Vorzimmer aus sofort in die Küche. Unser Speisezimmer war ausgeräumt, ein neuer großer Tisch stand in der Mitte, ich sollte später erst erfahren warum. Marthy und Anninka trugen nun auf. Anninka hatte in der Klosterküche wunderbar kochen gelernt, und so begann mein Aufenthalt daheim mit einem so üppigen Mahl, wie wir es seit dem Tode des Lieben nie mehr genossen hatten. In dem gleichen Raum wurde mir später ein Notbett hergerichtet. Meine Mutter und Anninka schliefen in dem alten Schlafzimmer meiner Eltern, der Junge schlief seit kurzem auf Anraten Anninkas, sehr zum Leidwesen Marthys, die ihm bis dahin jeden Wunsch erfüllt hatte, in unserem früheren Kinderzimmer allein, und Marthy wie immer in einem Verschlag bei der Küche. Es hieß, daß Postillion das Alleinsein nicht ertragen wolle und könne, er fürchtete die Nacht, die uns ältere Geschwister nie geängstigt hatte, und schrie sich die Kehle wund. Bei uns war nie von etwas Ähnlichem die Rede gewesen. Vielleicht weil wir wußten, unser Vater war immer da. Postillion hat einen Vater nie gekannt, nur Frauen.

Ich hätte ihn nicht aufsuchen dürfen. Aber ich entsann mich meines Geschenkes erst, als Mutter und Schwester zur Ruhe gegangen waren. Ich holte aus dem Koffer die slowakischen Holztiere heraus, drei Schäfchen, mit ziemlich schmutziger Wolle bekleidet, und sonderbarerweise dazu ein Dromedar mit zwei Buckeln und aufgestellten spitzen Ohren, die eher Hörnern glichen. Ich schlich mich also zu dem Kinde. Es schwamm ein glimmendes Nachtlicht neben ihm oben in einem vollen Wasserglas langsam im Kreise, er hatte die Augen geschlossen. Ich legte die Spielsachen in sein Taghemd, das mit ausgebreiteten Ärmeln über einem Stuhle lag.

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Bruder zu küssen. Ich küßte sein Ohr, ich berührte es eigentlich nur so zart, wie man eine Rose berührt, deren Duft man aus der Nähe einatmen will. Aber mit einem Male umfing mich das Geburtstagskind (es war ja Mitternacht vorbei) auflachend mit seinen nicht sehr dicken, aber für sein Alter sehr festen Armen und drückte mir einen heftig schmatzenden Kuß auf die Wange, mit seinem warmen Mäulchen meinen Mund suchend. War er eben erwacht? Hatte er gar nicht geschlafen? Ich fragte nicht. Ich hörte meine Mutter etwas geräuschvoll schlafen, die gute Marthy schien noch nicht zur Ruhe gegangen zu sein, ich hörte sie mit etwas klirren und konnte nicht erraten, waren es die Bestecke, die sie reinigte, oder war es ihr Schatz, das harte, schöne, glatte, ewig treue Gold, das sie aus dem weißen Strumpf herausgenommen hatte, um sich an dem Bewußtsein ihres Reichtums zu weiden? Ich holte die drei kleinen Tiere hervor und gab sie dem Hallodri in die Hand und wünschte ihm Glück zu seinem Geburtstag. Ich war also der Erste. So mäßig auch die Beleuchtung war, so sah ich doch die Augen wie im hellen Jubel aufblitzen. Welch ein großes Glück für so wenig Geld und Mühe! Aber mein Postillion wollte nicht gehorchen, als ich ihm alles, auch das slowakische Dromedar, auf dem Bettdeckchen ausgebreitet hatte und versuchte, ihm die Augenlider herabzuziehen, um ihn zum Schlafen zu zwingen. Denn immer wieder hob er sie gegen den Druck meiner Finger empor. Er begann zu plaudern mit wichtiger Miene, halb zu seiner Menagerie, halb zu mir gewandt, und wie Kinder oft tun, in einer von ihm erfundenen Sprache, deren Sinn er vielleicht selbst nicht immer verstand. Was tuts, wenn die Kinder in ihrer Unschuld nur glücklich sind. Mitten in seinem Plappern merkte ich, wie ihm nun doch die Augenlider unten blieben, ich strich ihm über die schön gezeichneten Augenbrauen, die er ererbt hatte von dem Teuren. Schnell verließ ich auf den Zehenspitzen das Zimmer. Marthy klirrte noch immer, als sie aber das Knarren meiner Tür hörte, wurde es totenstill bei ihr. Auch meine liebe Mutter schlief still.

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