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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 76
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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31.

Ich sah Karla an diesem Tage nicht wieder. Sie sandte mir, treu ihrem Versprechen, abends eine Botschaft und zwar durch einen ganz jungen baumstarken, der deutschen Sprache nicht recht kundigen Soldaten, einen polnischen Dragoner, eine von den Ordonnanzen des kranken Rittmeisters. Ich antwortete ihr noch am gleichen Abend.

Nachts träumte ich aber nicht von ihr, mit der ich mich doch fast den ganzen Tag beschäftigt hatte, sondern von A. v. W., von der ich seit langem nicht mehr hörte. Aber am nächsten Tage kam sie nicht. Sie kam überhaupt nicht mehr.

Ich arbeitete. Ich hätte vor den letzten Ereignissen mir eine solche kühne Arbeit nicht zugetraut. War nun meine Idee wirklich ein lapidarer Gedanke? Ich fragte keine Menschenseele. Ich fragte vor allem mein überaus gutes und lästiges Gedächtnis nicht. Ich ging, kritisch und mißtrauisch vorschreitend, den steinigen Weg der logischen Entwicklung, des allmählichen Wachstums, wobei mir zuerst dunkel vorschwebte, man müsse eine Brücke zwischen der Physik und dem Geist schlagen, zwischen der Schwerkraft und der Sittlichkeit. Diese Brücke konnte meines Erachtens nur die Zeit sein, und in der Zeit, in der Aktualität war es das Individuum, sei es selbst in dem einzigen Fall, wo das Individuum, mein Ich, an Sittlichkeit und Schwerkraft zugleich denkt, und auf diese Weise die Brücke der Zeit passiert als Philosoph und lebender Kopf.

Ich hütete mich, mich zu überarbeiten. Ich lernte einen Punkt kennen, wo die Ideen gar zu leicht angezaubert kommen, gar zu gefällig sich anbieten, wo man spekuliert und tüftelt, und Feuerwerke prasseln läßt statt bis zu Ende zu denken. Am nächsten Tage, beim nüchternen Morgenlicht, enthüllte sich der Flug der kühnsten Gedanken oft als verantwortungsloses Spintisieren. Ich lernte, daß meine Denkarbeit immer noch eher einem mathematischen Exempel als einem lyrischen Gedichte zu gleichen habe. Aber am besten keinem von beiden, sondern nur dem Ausdruck des durchbohrenden, transzendenten Betrachtens, das die Geheimnisse mit Hilfe der Liebe ohne Last, und kraft der Vernunft, in voller Freiheit und in aller Wirklichkeit, zart und energisch, entschleiert.

Aber dies waren dann auch alle Geheimnisse, die mir im Augenblick zu entschleiern blieben. Von Karla nur Briefe, Erklärungen voller treuherziger Breite, mit vielen Worten, von einer nicht ganz faßbaren Zärtlichkeit, einer Sehnsucht, die sie immer nur mit der letzten Anstrengung im Zaune halten konnte, um nicht ›auf der Stelle‹ zu mir ›geflogen‹ zu kommen. Aber sie war halt ihrer Sehnsucht bisher immer noch Herr geworden.

Nach Ablauf von 10-11 Tagen wurden auch die Briefe seltener, und ich mußte lernen, nicht mehr auf sie zu warten wie bisher und aus ihnen Sonnenschein oder schlechtes Wetter abzulesen – was nicht immer leicht gewesen war.

An einem Sonntag, als ich mich wieder in meinem Hotel aufhielt, klopfte es an der Tür. Ich war so unsinnig töricht (ich war nicht ganze 22 Jahre) zu glauben, Karla sei endlich zu mir gekommen. Als aber Wharf in Begleitung eines älteren, sehr distinguierten Herrn erschien, empfing ich sie so, als hätte ich auf niemanden mit so großer Spannung gewartet wie auf sie. Der Herr Minister a. D. selbst beehrte mich mit seiner Visite. Exzellenz waren immer noch auf der Suche nach dem richtigen Reisebegleiter, wenigstens behauptete er dies. Ich hatte ihn im Verdacht, daß er einen Sturz des gegenwärtigen Ministeriums nicht für ausgeschlossen hielt und daß er dieses für ihn freudige Ereignis gerade nicht gern bei der Ankunft in Karachi am Persischen Meerbusen erfahren hätte. Ich versprach ihm also, ihm meine Entscheidung ›in Kürze mitzuteilen‹, und er sagte mir, er würde sich ›in Bälde‹ entschließen, jedenfalls aber noch im alten Jahr, da er den Neujahrsempfang gewisser hoher und höchster Beamter nicht in Wien mitmachen wolle.

Wir logen uns also fröhlich und höflich an wie alte Chinesen. Ich dachte nicht einen Augenblick daran, etwa aus Verzweiflung über Karlas unerklärliches Fernbleiben meiner Arbeit untreu zu werden, gerade jetzt, wo ich die Aufgabe klar umreißen, und die Schwierigkeiten ebnen, und die guten Aussichten abschätzen konnte. Und er dachte nur daran, den etwas leichtgläubigen Wharf so lange auf eine falsche Fährte zu führen, bis die Entscheidung über das alte und neue Ministerium gefallen war. Die Ereignisse, wie er und ich sie sich dachten, traten tatsächlich innerhalb von zehn Tagen ein. Er wurde wieder Minister, gab Wharf ein fulminantes Interview und bestätigte es, so sicher war er jetzt seiner Position. Noch viel schneller als das erste und zweite hatte es seinen Weg durch die Weltpresse gemacht und Wharfs Ruf noch mehr befestigt. So fanden wir alle unsere Rechnung. Ich durfte alles, nur nicht leidenschaftlich bitter werden. Denn mit Bitterkeit schafft man keine Philosophie, nicht einmal schlechte, sondern höchstens Leidenschaftsverbrechen.

Eifersucht mit der Wurzel zu unterdrücken, ist auch für einen Kopf, der die Klarheit verehrt und die Ruhe sucht, unmöglich. Es ist die qualvolle unbefriedigte Neugierde, die einen den glühenden Pfahl im eigenen Fleisch umdrehen und umdrehen läßt. Es ist der Hunger des Geistes, das Saugen des verwirrten Herzens, das vergebliche Begehren des Körpers, alle drei in einem, eine teuflische Dreifaltigkeit. Was nützte mir diese schöne Erkenntnis? Philosophie ist keine Medizin. Sie ist nicht einmal ein Desinficiens wie die Jodtinktur, welche mir meine Geliebte so gerühmt hatte. Ich mußte nun auch einmal durch diese stupiden Qualen hindurchgehen. Vielleicht hatte ich Wunden geschlagen. Vielleicht eine Wunde erhalten von unbekannter Tiefe. Ich hatte kein Recht, mich zu beklagen, gut; aber, was das traurigste war, ich konnte nicht handeln. Welches Recht hatte ich denn für mich? Wie hätte ich denn Karla, die mir freiwillig und voller Stolz ihre Unberührtheit hingegeben hatte, zwingen sollen, sich mit mir jetzt wenigstens im Cafehaus zu treffen, wo ich ihre Stimme hören oder ihre schöne, feste, etwas harte Hand hatte drücken können. Ich war das Große wert gewesen. Das Kleine nicht. Sie war frei, Herrin ihrer selbst. Ich war frei, Herr meiner selbst. Ich hatte mich nicht binden wollen und können. Und ihr deshalb Vorwürfe machen? Mich nicht an ihren liebevollen, zärtlichen und, wenn auch seltenen, so doch immer höchst leidenschaftlichen Briefen freuen? Ungerecht werden? Undankbar? Nichts davon. Wer wollte sich gegen echte Liebe wehren?

Ich schrieb schöne Briefe, und sie schrieb noch schönere Briefe. Vorzuwerfen war keinem etwas. Der große Lümmel von Dragoner kam stets schmunzelnd mit den ›Botschaften‹ an. Ich hatte ihm immer einiges Geld gegeben, und er, das große, blonde Kind in blauer Dragonerbluse, war dankbar. Die Briefe hatte er meist im Revers seiner zinnoberroten schirmlosen Dragonerkappe.

Törichterweise kam er kurz vor Weihnachten mitten in einem starken Schneegestöber mit ganz durchnäßter Kappe an, und als ich den Brief in der Hand hielt, der durch den Schnee ziemlich gelitten hatte, fragte ich ihn im Scherz, ob er mir denn keinen besseren zu bringen habe? Der Dummkopf wurde puterrot, kramte in der Brusttasche seiner Litewka und brachte einen noch von seiner Soldatenbrust warmen, beintrockenen Brief hervor, in dem Glauben, er habe die Briefe verwechselt, was aber nicht der Fall war. Ich behielt den eigenen Brief, den andern gab ich zurück, nachdem ich, fast gegen meinen Willen, man muß es mir glauben, die Adresse von Karlas Hand gelesen hatte. Sie lautete: An Seiner Hochwohlgeboren Herrn Dr. Georg Ritter von Knieböck, Landesökonomierat a. D., Grand-Hotel Imperial, Wien I.

Ich schloß mich in meinem Zimmer ein. Die Wut würgte mich. Ich habe stets sehr schwer geweint, nun weinte ich, aus Wut, bittere Tränen. Aber es kam der Abend, die Zeit, wo ich zu arbeiten hatte. Ich setzte mich, den an mich gerichteten, noch ungeöffneten Brief unter dem Fuß der Lampe, an den Tisch, dachte nach, über die Zeit und deren Verbindung mit dem Willen, nicht über Karla, und schrieb mein Pensum, das auf den Tag nie mehr als 2-3 kleine Seiten betrug. Wenn diese drei Seiten reine Gedankenarbeit, Fleisch ohne Fett und ohne Knochen waren, – war es genug. Als ich fertig war, schloß ich die Blätter mit dem Brief, wie er war, zu dem anderen Zeug in die Tischlade.

Es ist ein herrliches Gefühl, wenn man seine Arbeit vor sich sieht, wenn man zum Beispiel solche Blätter in der offenen Hand wiegen kann. Man hat sich nicht ganz vergeblich gemüht. Gut oder schlecht, – irgend etwas ist entstanden. Es bleibt einem treu.

Natürlich trieb es mich, mich an Karla zu rächen. Mit furchtbarer Erbitterung entsann ich mich des Wortwechsels über den Ökonomen beim Heimweg. Damals hatte sich Karla schon entschlossen gehabt. Ich aber hatte ihr noch in meiner stupiden Blödheit den Wagen besorgt und hatte sie – auf Händen getragen, damit sie noch schneller und müheloser von mir fortkommen konnte. Mußte das sein?

Ich wurde nicht geliebt. Das heißt, ich wurde nur in dem beschränkten Maße geliebt, als Karla zwischen ihrer sozialen Lage, ihren Pflichten und ihrem Gefühl für mich einen Mittelweg zu finden vermochte. Dieser Mittelweg, (notwendigerweise in ein Gewirr von Lügen eingehüllt, deren System ich ja nur zu gut kannte!) genügte mir nicht. Es war kümmerlich, kärglich, es war zwei Jahre Werbung nicht wert. Von einer ›Macht‹ über sie war nicht die Rede. Ich überlegte nicht einen giftgetränkten Briefentwurf, sondern deren zehn, zwanzig, die alle mehr von der gekränkten heißen Leidenschaft als von rachsüchtigem kaltem Haß diktiert gewesen wären. Aber der Haß hätte mich als Schwächling gezeigt. Denn tun konnte ich nichts. Alles lieber als das! Nach einigen wahrhaft qualvollen Tagen kam mir endlich die meiner würdige Lösung. Wäre nur die Erinnerung an diese einzige Nacht nicht so empörend herrlich gewesen! Aber was half alles, Empörung wie Herrlichkeit, Verführung, der bei mir eine Art Liebe gefolgt war, und Verrat, der sich der Hingabe der Blüte an die Fersen heftete! Genug! Keine Verwicklung mehr! Lösung! Es war diejenige Lösung, die nicht giftig war.

Ich hätte glühende Kohlen auf Karlas Haupt häufen können, ich hätte ihr Verzeihung anbieten und ihr meinen Bankausweis senden können, aus dem zu ersehen war, daß ich junges ›Bürschlein‹ mit dem alten Ritter von und zu wohl wetteifern konnte, wenn es sich um Vermögen, um die Gründung eines Haushalts, um die Versorgung jüngerer Geschwister handelte. Über meine äußere Erscheinung habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich hätte der Apoll von Belvedere sein können und wäre doch nicht stolz darauf gewesen. Aber ich war jung, er aber, nach dem Titel zu schließen, mußte bereits ein gesetzter Herr sein. Ich hätte nun auch gnädig meine Erlaubnis geben können zu dem Ehebunde, den Karla vielleicht ganz ohne Neigung nur wegen ihrer Familie anstrebte. Ich hätte ebensogut durch eine Niederträchtigkeit, einen Telephonanruf, einen Brief an den Herrn Knieböck die Ehe unmöglich machen können. Ich hätte auch eine allzu billige Generosität üben und Karla einladen können, mit mir zu Mutter und Schwester zu reisen, und sich mit mir als ›braves Weib‹ unter dem Weihnachtsbaum zu verloben, weil ich sie gut genug kannte, um zu wissen, sie würde es nicht tun. Ich hätte sie schließlich um Verzeihung bitten können, weil ich eine schwache Stunde ausgenützt hatte. Ich hätte danken und ihr die Hände in der Erinnerung an unser ephemeres Glück küssen können, ein Aktschluß in Dunkelgrün und Mondenschein, mit Waldhorn im Hintergrunde. Nein! Nichts! Nichts von alldem. Ich sagte mir, es sei gentlemanlike, – (ich entsann mich der Rettung aus Lebensgefahr auf dem Dachsteinplateau!), zu schweigen und zu gehen, zu gehen und zu schweigen. Sie hatte das sofort, nach der ersten Nacht, wenn auch nicht radikal und ehrlich genug, getan, was ich vielleicht, ich sage vielleicht, erst nach Jahren und nach großen Konflikten getan hätte. Sie hatte zerrissen. Und nicht ich. Was wir eben erst geknüpft hatten, bestand nun nicht mehr und konnte nie mehr zusammenheilen. Warum hatte sie sich hingegeben? Warum mich verraten? Aus Stärke? Aus Schwäche? Einerlei. Das alles waren nur Spekulationen ohne aktuellen Wert. Zum drittenmal: Gehen, Schweigen. So tat ich es denn. Ich antwortete nicht mehr, und Karlas Briefe hörten mit jenem auf, der in meiner Tischlade verschlossen lag und den ich nie gelesen habe.

Ich war allein, aber viel weniger unglücklich, viel sicherer meiner selbst, als wenn ich so einem gewissen Trieb in mir nachgegeben und Verrat mit Verrat beantwortet hätte.

Es war Weihnachten, ich besuchte die letzten Vorlesungen vor den Weihnachtsferien, meine Arbeit daheim schritt während der Nächte fort. Ich schwieg vor meiner Familie von dieser Arbeit und sprach nur von den offiziellen Fächern und Prüfungen, ich schwieg von der gentlemanlike verlorenen Geliebten. Ich kündigte kurz meinen Besuch meiner Mutter und meiner Schwester an. Ich war lange fortgewesen von daheim.

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