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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 75
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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30.

Bevor wir das Zimmer verließen, gab sie sich große Mühe, das Bett sorgfältig zuzudecken. Ich verstand sie gut und machte mir am Fenster zu schaffen. Wir mußten nun einen Weg von ungefähr einer Stunde bis zur Station der Straßenbahn zurücklegen. Der Wirt deutete etwas von einem Fuhrwerk an. Aber Karla wollte nichts davon wissen, sie sagte mir, wir müßten sparen, und als ich ein Fünfkronenstück als Trinkgeld auf den Wirtshaustisch niederlegte, vertauschte sie es gegen ein Zweikronenstück und gab mir vor dem Haus den Rest zurück. Wir kamen jetzt nicht mehr an der Stelle vorbei, wo sie sich mir zum erstenmal hingegeben hatte, – und für immer. Für immer? Ich war es gewesen, der mit einer langen Reise gedroht hatte. Jetzt wollte ich sie beruhigen und sagte ihr, mit der Reise sei es noch nicht besiegelt und entschieden, ich müsse mich erst im Laufe der Woche entschließen.

Sie sah mich von der Seite an, sie biß die Zähne zusammen und war mir wieder einmal etwas voraus. Und dabei hatte ich mich bemüht, nicht zu schnell zu gehen, denn ich dachte, sie sei noch müde, denn sie hatte, abgesehen von den vorangegangenen schlaflosen Nächten, auch heute nur wenig geruht. Als ich neben ihr war, begann sie zu sprechen, aber sie wandte dabei ihr Gesicht statt mir dem in leichtem Nebel verschwindenden Walde zu, und ich mußte mir Mühe geben, sie zu verstehen.

Sie war aber nicht mehr so entsetzt über meinen Plan. Sie hielt ihn für eine gute Gelegenheit, die Welt zu sehen und mich mit einem bedeutenden Beamten, einer Exzellenz, anzufreunden, ihm unentbehrlich zu werden, mir meine Zukunft zu sichern. »Und dann kommst du ja zurück, du schreibst mir, ich schreibe dir. Und du kommst ja dann zurück«, wiederholte sie gedankenlos den ersten Satz.

Ich sah wohl, sie war jetzt nicht bei mir. Auch dies versuchte ich zu verstehen. Ich begann, irgend etwas zu erzählen, und zwar, da mir sonst nichts Besseres einfiel, von Karl, der jetzt, als ein neuer Termin des Einrückens zum Militär näherrückte, alles in Bewegung setzte, um nicht Soldat werden zu müssen, er hatte eine neue Idee, Nationalökonomie. Als ich das Wort Ökonomie aussprach, zuckte Karla zusammen, sie öffnete den Mund, und rief laut: »Was soll das bedeuten? Wer ist ein Ökonom? Was meinst du damit? Sprich offen! Was soll der Ökonom?« Ich faßte ihren Arm und drückte ihn an mich, »beruhige dich, ich habe von einem Bekannten gesprochen«, sagte ich, »es handelt sich um eine Art Wissenschaft, die man Nationalökonomie nennt.« »Ach so«, sagte sie, seufzte und schwieg. »Mach dir keine Sorgen um unsere Zukunft«, sagte ich, »komme heute abend zu mir, ich werde alles besprechen, was unsere Zukunft betrifft, willst du? Komm doch!« »Ja, heute abend, wann denn sonst, heut abend, versteht sich, Karla kommt«, sagte sie plötzlich auflachend. »Du brauchst also sicher und gewiß deine Tür nicht abschließen heute abend!« »Karla!« sagte ich ernst. »Ich meine nur«, sagte sie scheu, »auf die Minute kann ich es nicht sagen, wann ich komme, aber ich komme, verlaß dich darauf, hörst du?«

Sie schien auf dem schlecht gehaltenen, etwas abschüssigen glatten Wege etwas unsicher zu sein, aber sie wollte nicht an meinem Arm gehen, und ich ließ sie los. Tatsächlich ging sie allein viel sicherer. Die große Landstraße kam näher.

Es wurde allmählich wieder die alte Karla aus ihr, so wie ich sie auf dem Bahnhofe vor fast zwei Jahren kennen gelernt hatte. Sie sah mir plötzlich mit ihren umränderten großen graublauen Augen scharf ins Gesicht und runzelte die Stirn, als strenge sie sich an. Sie hatte etwas von meinen Gedanken erraten und antwortete auf einen Vorwurf, den ich ihr nie gemacht hätte, mit den Worten: »Ich komme heute abend und bleibe die Nacht! Aber du darfst mir niemals böse sein, weil ich dich zwei Jahre habe schmachten lassen! Und jetzt... Aber ich komme doch, ich schwöre es dir, so wahr Karla selig werden will mit dir!« Das Wort Schmachten und der Schwur und daß sie sich selbst wie ein Kind beim Namen nannte, dies alles mißfiel mir, ich sagte aber nichts. »Versprich mir, versprich mir«, rief sie immer lauter und sogar schärfer, als ich gedacht hätte, daß sie nach einer solchen Nacht zu mir sprechen könnte, »du mußt! Nein ich bitte dich! Nur das eine versprich mir, daß du mir niemals zürnst, es mag kommen, was will.« Auch darauf gedachte ich keine Antwort zu geben. »Kommst du heute abend?« wiederholte ich, Auge in Auge. »Natürlich«, sagte sie, »glaubst du denn, ich wolle dich, nie mehr wiedersehen, nach dem, nach ... unsere Unschuld ... aber ich...« Sie war ganz fassungslos, hing an meinem Halse und weinte sich aus, aber noch während sie schluchzte und sich schüttelte, grub sie in ihrem Täschchen, und nachher holte sie flugs ihren Handspiegel heraus und erschrak, als sie sich sah. »Was wird jetzt aus uns?« fragte sie, während sie sich noch einmal das Stirnhaar kämmte mit ihrem kleinen, elfenbeinernen, silbergefaßten Taschenkamm, »was wird man von mir sagen? Ich kann ja gar nicht in diesem Zustand zu dem Rittmeister zurückkommen. Er sieht mir ja alles an den Augen an.« »Karla, Karla«, sagte ich, »was ist dir denn? Es hat niemand ein Recht auf dich, er ist auf dem Wege der Besserung, er hat dir dankbar zu sein, nicht du ihm! Und wenn er unzufrieden ist mit dir, dann laß ihn, er kann ins Militärspital, du kannst zu mir kommen, ich habe zwei Wohnungen, wir müssen uns unser Leben anders einrichten!« »Ach du, mit deinen zwei Wohnungen«, rief sie laut und rieb sich die Wangen mit der Hand, um ihnen mehr Farbe zu geben, »was willst du damit sagen? Kann man Wohnungen essen, kann man mit Wohnungen eine Existenz aufbauen und vier unmündige, hungrige, blöde Kinder großziehen?!« »Es wird uns an Geld niemals fehlen, wir sind beide jung und können arbeiten, höre Karla, vertrau mir!« sagte ich, sah aber, daß sie mir kaum noch zuhörte. »Ja, ja«, sagte sie, »ich vertraue dir, nur zu sehr, das hast du wohl gesehen. Aber du kannst mein Mann nicht sein.« »Warum«, fragte ich, im Grunde froh über die Wendung, die das Gespräch bekommen hatte. »Warum?« sagte sie und blieb stehen trotz ihrer Eile, »das Leben besteht nicht nur aus Liebe und Küssen. Du hast noch gar nicht begriffen, was Geld überhaupt bedeutet, du bist eben nur ein Kind, ein herziges Kind mit all deiner Philosophie, deshalb liebe ich dich ja!« Ich schüttelte den Kopf. »Schüttle nicht dein weises Haupt!« sagte sie, die Stimme ändernd und schnell wieder weitergehend, »er hat ja gestern nacht auch nicht den Kopf geschüttelt.« Und sie überschwemmte mein Gesicht mit so ungestümen Liebkosungen, daß mein Hut hinabfiel. Hinter uns kam in schnellem Trab ein Wägelchen einher, und beinahe hätten die Pferde meinen Hut zerstampft. Ich gab dem Kutscher ein Zeichen, und er hielt, es war ein sogenannter Fouragewagen, in dem die Leute in der Umgebung ihre Lebensmittel aus der Großstadt herbeischaffen. Er hatte leider keine Sitzplätze, sondern als Fond nur einen mit einem Nickelschloß versperrten Kasten. Aber auf dem Bock war Gott sei Dank noch Platz für eine Person. Karla war glücklich und unglücklich zugleich, als ich sie auf meinen Armen, ohne ihr Gewicht als Last zu empfinden, emporhob. Von oben beugte sie sich zum letztenmal hinab und küßte mich mit einem keuschen und sogar mütterlichen Kuß ihrer festgeschlossenen Lippen. »Du darfst nicht fortreisen, bevor... bevor...«, sie sah sich ratlos um, während der Kutscher bereits die feinen Schnüre seiner Peitsche auf dem prallen Rücken eines Pferdes tanzen ließ. »Warte, bis ich kommen kann, heute, oder wann ich eben kommen kann, und Botschaft schicke ich ihm... ganz gewiß, Botschaft bekommst du, und früher fahre nicht! Versprich mir das, ich muß es wissen, sonst, Jesus, Maria, Josef! habe ich keine ruhige Minute mehr. Ach, was ist aus mir geworden, was werden sich die Menschen denken? Bitte fahren Sie schnell, ich muß in die Landstraße, aber dorthin fahren Sie nicht, da setzen Sie mich schon lieber ab am Gürtel!« (So heißt der äußere Ring, der die Vorstädte von der inneren Stadt trennt.) »Wird geschehen, schönes Fräulein, wird geschehen, tschüüt, tschüüt«, er gab den Pferden das bewußte Zeichen, und bald verschwand der Wagen.

Noch auf dem Heimwege formte ich die ersten Grundsteine meiner Philosophie der Zeit. Diese Philosophie und ihre fernen Folgerungen sollten nicht allein kritisch und kontemplativ abwartend sein, sondern in möglichst hohem Grade tätig, kraftvoll, optimistisch.

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