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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 72
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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27.

Natürlich trieb mich alles zum Handeln. Der Zufall brachte es mit sich, daß Wharf einen komischen Plan im Auge hatte, der etwas Bewegung in mein Leben brachte. Er hatte ein Interview mit einem bedeutenden, aber stark angefeindeten, in seiner politischen Haltung nicht ganz durchsichtigen, aber eben deshalb zukunftsreichen österreichischen Politiker in einer amerikanischen Zeitung veröffentlicht, das bald durch alle europäischen Blätter ging und so viel Lärm machte, daß der Minister a. D. alles widerrief. Er ließ aber Wharf heimlich kommen, erklärte ihm, was der findige Journalist längst wußte und bot ihm brav ein ›kleines Pflaster‹ an. Wharf in seinem unzerstörbaren Optimismus und seiner lebensfrischen Einfalt hatte keineswegs damit gerechnet, er hatte genügend Aufsehen erregt, und sein Name war noch mehr bekannt geworden. Er brauchte das Pflaster also nicht und bot es mir an, ohne zu wissen, daß ich eine Wunde hatte.

Der Minister glaubte, es könne nicht schaden, wenn er sich auf eine Zeit aus der Öffentlichkeit zurückziehe; und eine kleine Weltreise zu unternehmen, habe ihn stets gelockt. Er schlug Wharf vor, er solle als sein Privatsekretär die Reise mitmachen, die mindestens ein halbes Jahr dauern sollte. Aber auch aus diesem Gespräch machte Wharf zum Erstaunen und Entzücken des Ministers einen prachtvollen Artikel; sich aber aus Europa fortzurühren, daran dachte er nicht. Denn er phantasierte von großen und düsteren Ereignissen, die kommen konnten und mußten, seitdem sich das bis jetzt stets so friedensliebende Habsburgerreich auf seine alten Tage zu einer forschen Expansionspolitik im Balkan entschlossen hatte. Wharf wollte dem Minister nicht nein sagen, oder doch nur ein gemäßigtes Nein und kam zu mir, um mir diese Stelle anzubieten. Mein erster Willensimpuls aber war natürlich ebenfalls nein. Mich reizten damals große Reisen (Amerika, China oder Indien) nur mäßig. Aber ich wollte mich nicht heute entscheiden. Entscheiden? War eine solche Reise nicht eine der von uns beiden, Karla und mir, für den Notfall vorgesehenen ›Entscheidungen‹, und mußte ich ihr dies nicht mitteilen, schon aus ›herzlicher Freundschaft? Ich setzte mich hin und schrieb.

Plötzlich war ich guten Mutes. Eine Tat erlöst immer, selbst eine dumme. Denn durch ein sonderbares Zusammentreffen kreuzte sich dieser unnütze Brief mit einer Nachricht von Karla. So trafen wir uns endlich. Karla war noch mehr erregt als ich. Sie sah nicht mehr so elend aus wie bei unserem letzten Zusammensein, aber sie hatte einen Zug um den Mund, den ich zum erstenmal an ihr sah.

Es war ein schöner, noch warmer Tag im Oktober. Wir fuhren ins Freie, zu jenem Hügel im hohen Buchenwalde, wo wir auf der Lichtung vor einem Jahr gesessen und die Rehe in der Abenddämmerung äsen gesehen hatten. Wir waren einig, wir waren friedlich, wir waren jung und froh!

Ich fragte nicht, warum Karla mich so lange auf ihren Brief hatte warten lassen, sie fragte nicht, wann ich die Reise antreten wollte. Im Walde schmiegte sich Karla mit ihrer weichen Schulter etwas an mich. Ich zog mich unmerklich zurück. Aber statt daß sie meine Kälte beleidigt hätte, machte sie meine Selbstbeherrschung glücklich. Sie wurde noch ›herzlicher‹, inniger, sie legte ihren Arm fest um meinen Hals. Mit dem anderen Arm raffte sie ihren grauen Rock, wobei ein dunkelblauer seidener Unterrock mit Volants am Rande zum Vorschein kam. Sie fragte mich, uneingedenk all dessen, was wir uns doch schon oft gesagt hatten, ob es nicht immer so bleiben könne?!

Sie gestand, im Anfang habe sie (etwas in ihr!) sich vor mir gefürchtet, sie habe in mir eine Art bösen Geist gesehen, und doch sei ich ja nichts als Güte, Selbstbeherrschung, Klugheit und Ritterlichkeit. Sie vertraue mir jetzt voll und ganz, weil sie wisse, daß ich aus reiner Liebe für sie auf alles verzichte... Ihr Gesicht näherte sich dem meinen, ich sah ihren dunkelroten halbgeöffneten Mund aus so großer Nähe, daß das Himbeerrot der Lippen mit dem Milchweiß der Zähne verschmolz. Ich hätte sie nicht an mich zu ziehen brauchen. Ich hätte bloß meinen Kopf zu ihr senken müssen, um endlich ihren Mund zu berühren. Ich tat aber, als stolpere ich über einen Stein des schlecht gepflegten Weges, es ging aufwärts, mein Arm löste sich von selbst aus dem ihren, die Gefahr war vorüber. Ich zwang mich zu einem wohlwollenden herzlichen Lächeln, und sie tat desgleichen. Es wurde dämmerig, und kupferrot stieg der Mond hinter den bereits etwas entlaubten Buchen langsam empor. Wir waren wieder auf die Landstraße hinabgekommen. Sie zog sich breit und ziemlich hell zwischen Wäldern und weiten Wiesen entlang. Die kleinen, nach dem Berg hin aufsteigenden Fußpfade, die von der Landstraße auf beiden Seiten abzweigten, waren dunkel, hohe Schichten abgefallenen Laubes lagen fußhoch auf der würzig duftenden Erde, und wenn sich der Schritt abseits des Weges verirrte, trat er in tiefes, leise knisterndes Moos. Ich führte Karla, die mir so gut wie willenlos folgte, immer wieder in die Mitte der Landstraße, die im Lichte des allmählich in seiner Fülle sichtbaren Mondes, vom Nachttau benetzt, bis in die Radspuren in der Mitte silbrig erglänzte. Sie war niemals ganz von Menschen und Pferdefuhrwerken verlassen. Karla preßte sich unmerklich an mich. »Warum sprichst du nicht? Bist du mir böse? Hörst, meinetwegen mußt du nicht von Wien fortgehen. Auch ich kann mich beherrschen«, sagte sie, die Stimme senkend und meinen Arm loslassend, wie um zu beweisen, wie gut sie sich beherrschen könne, »ich kann in der gleichen Stadt leben wie du und dich halt doch nicht sehen. Vielleicht gehen wir dann aneinander vorbei, und du erkennst mich nicht mehr wieder.«

»Es kann aber auch eine Zeit kommen«, sagte ich, so weich ich konnte, »wo du den Mann gefunden hast und ich die Frau, die wir heiraten können, und dann brauchen wir uns nicht mit Gewalt zu beherrschen, wir können gute Freunde sein, wie du es immer mit Recht gewollt hast.« »Recht? Recht? Was ist Recht?« fragte sie mit lauter, etwas ordinärer Stimme, »was beginne ich mit allem Recht, wenn ich jetzt auch dich meinem Herrn Vater, diesem Saufaus hingeben muß. Es ist ja alles nicht wahr, meine Mutter hat nur er auf dem Gewissen, er säuft nicht etwa alle Quartale im Jahr, sondern viermal jeden Tag, den der Herrgott gibt. Bin ich denn mein eigener Herr? Ich und die Familie? Nein, nein, Gott sei es geklagt. Was hilft es? Sieh mich an! Ich habe vier unmündige Geschwister, und die vier Anhängsel haben nichts als mich. Aber was ist mir das alles, dich muß ich erst recht aufgeben. Aber damit rechne nicht, daß du mich so bald als ausgefressene, dicke Ehegattin, als fesche Hausfrau eines anderen wiedersiehst. Wenn ich das gewollt hätte, war es längst geschehen. Und alte Herren wollen halt immer gern gepflegt sein. Aber da täuschens Ihna groß. Ich und du aber, mein Herz, weißt was? Nein? Wir heiraten nicht«, sagte sie, »ich heirat halt nicht. Und ich seh dich niemals wieder.« »Du hast recht«, sagte ich, das Wort ›recht‹ unabsichtlich wiederholend.

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