Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 71
Quellenangabe
pfad/weiss/verfuehr/verfuehr.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101110
projectidf6d04d2a
Schließen

Navigation:

26.

Ich verlebte eine Nacht, von der ich nicht weiß, soll ich sie herrlich oder fürchterlich nennen. Nicht allein die brennende Begierde nach Karla hielt mich auf die Dauer der ganzen Nacht wach. Es waren auch Geheimnisse, dunkle, bange, die mir ihre Hingabe entschleiern sollte. Als der Morgen herankam, überfiel mich noch eine andere Unruhe, es war als künde sich mir endlich ein lapidarer Gedanke im Gebiet der Philosophie an. Wenn ich beides erreichte, konnte ich mich dann wirklich nicht glücklich und überglücklich nennen? Und Karla auf immer (oder auf sehr lange) dankbar sein? Ich mußte mich zwingen, den Vormittag in der gewohnten Weise mit Arbeit auszufüllen. Ich hatte vor, nicht mehr nach Hause zu gehen und von der Universität mich direkt zu dem Treffpunkt zu begeben.

Nachmittags aber erwachten leise, aber zähe, nagende Zweifel. Aus dem lapidaren Gedanken war nichts geworden, vielleicht sollte auch aus der seit ein und einem halben Jahr erwarteten Hochzeit ohne Ehe mit Karla nichts werden. Ich eilte heim. Nichts war gekommen, zum Glück! Also keine Absage. Aber als ich das Haus verließ, sah ich einen Postboten von seinem Rade steigen. Er trat in unser Haustor. Ich ihm nach, immer noch in der Hoffnung, die Briefschaft sei nicht für mich, es sei eine Nachricht (vielleicht ein Todesfall) bestimmt für einen der vielen Mieter des Hauses. Leider nein. Es war der Absagebrief Karlas. Sie schrieb in diesem zusammengeknüllten blaugrauen Rohrpostbrief, ihr Patient hätte heute in das Militärspital in der Währingerstraße geschafft werden sollen. Dort könne man ihn besser pflegen als sie es je vermöchte. Aber im letzten Augenblick habe er sich, schon auf der Bahre zum Transport, geweigert. Er wollte lieber ›elendiglich‹ sterben, als seine Wohnung (und Karla) verlassen. Karla sagte nicht, ob und wann sie später kommen könne. Das war alles.

Die Leiden des Zweifels und des ungesättigten Begehrens wurden immer qualvoller, je mehr ich sie durch Vernunftgründe bekämpfen wollte.

Dieses Zweifeln hat mich immer besonders dann überfallen, wenn ich allein war. Wenn ich mit anderen Menschen, Karla zum Beispiel, zusammen war, handelte ich ohne langes Besinnen, ich zweifelte dann nicht. Ja, ich war meiner Sache zumeist so sicher, daß ich nicht einmal viel fragte.

So war mir aus den oft widersprechenden Äußerungen Karlas etwas sehr Natürliches bekannt geworden, nämlich daß sie einen oder einige ernste Bewerber hatte, auch jüngere, meist aber ältere Menschen, die ihr etwas zu bieten hatten: Ehering, Sicherheit, Luxus. Bei einem so braven herrlichen Geschöpf war es nur selbstverständlich. Ich wußte nun nicht, war einer dieser Bewerber in der letzten Zeit vielleicht wieder aufgetaucht? War dies das ›Entscheidende‹, wovon Karla gestern Andeutungen gemacht hatte? Ich sagte mir, einerlei ob es dieser unbekannte Mann in Rang und Würden ist, der Karla heiraten will, oder der mir ebenso unbekannte Offizier, der es romantischerweise vorzieht zu sterben, als sich von seiner liebreizenden und aufopfernden Krankenpflegerin zu trennen, – auf jeden Fall sind für Karla in dieser Minute andere Menschen wichtiger als du.

Was aber soll ich tun? In sie dringen? Ihr in rosigen Farben vormalen, was sie in meinen Armen erwarten wird? Wahrscheinlich kannte sie die Geheimnisse des männlichen und weiblichen Körpers tausendmal besser als ich, trotz aller Unberührtheit, denn sah sie nicht dauernd menschliche Körper ohne Hülle und mußte sich mit ihren keuschen Händen dort zu schaffen machen, wohin nicht einmal der Blick der meisten Menschen jemals dringt? Ich konnte ihr also keine Rätsel aufgeben, viel eher sie mir.

Konnte ich ihr trauen? Eine Stimme in mir sagte mir: Gewiß! Traue ihr, so wie sie dir trauen darf. Nicht mehr, nicht minder!

Es trieb mich ungeheure Lust, ihr zu schreiben, einen feuerspeienden Brief voller Vorwürfe und vulkanischer Leidenschaft, aus dem sie meine Liebe, meine Sehnsucht erkennen müsse. Weshalb hätte ich ihn nicht schreiben können? Ich konnte es sicherlich. Aber die Vernunft widersprach. Wenn ich sie durch meine Gegenwart gestern nicht hatte umstimmen und wenn ich sie in dieser langen Zeit seit Beginn noch nicht auf immer in meine Gewalt hatte bringen können, welches Wunder an Hingabe der Seele und des Leibes konnten da vier oder fünf Seiten Papier verrichten, und wenn auch sie mit lodernden Feuerworten aus der Tiefe meiner Leidenschaft (ich sage nicht Liebe) beschrieben waren? Nein! Oh nein. Ich mußte mich beherrschen. Ich mußte ›halt‹ warten. Konnte ich es? War ich so glücklich, trotz allem warten zu können? Nur dadurch, daß ich da blieb, erreichbar, aber daß ich gar nichts tat, nichts Gutes, nichts Böses, konnte ich sie noch ein ganz klein wenig näher an mich ziehen und hier halten. Daran war nicht zu zweifeln. Ich war wohl gestern immer noch zu leidenschaftlich gewesen. Jetzt kam die Buße. Nach der Buße aber die Belohnung, der Besitz, ihr Genuß, vielleicht das Glück, und sogar der Friede! Ich durfte ihr weder ein Geschenk machen noch meine Liebe ›erklären‹, ihr nicht drohen, (Abschied für immer und ewig), ich durfte ihr nichts versprechen. Ich wollte sie nicht betrügen, ihr Hoffnungen auf ewige Treue, ewige Gemeinschaft, auf Ehe machen und sie verraten, bevor ich sie besessen hatte. Wie immer, wenn ich allein war, wurde ich allmählich bescheiden. Mir selbst zuliebe hatte ich alle Bitterkeit zu unterdrücken und mußte versuchen, ihr auch weiterhin zu glauben, ihr mit Vorbehalten zu trauen und mich mit Zurückhaltung zu freuen auf sie und an ihr.

Diese Vorsätze befolgte ich denn in den nächsten Tagen so gut ich konnte. Leider war dies bei Tag leichter als bei Nacht. Von diesen erbärmlichen Nächten kann ich ohne lange Überlegung sagen, sie waren fürchterlich. Mir dabei vorzustellen, daß sie sich mit einem wohlhabenden Mann verlobt habe und sich meiner nur als eines ›sitzengebliebenen‹ keuschen Jugendfreundes erinnere, welche Pein! Oder sie vor mir zu sehen, wie sie aus christlicher Liebe und für etwas Weniges an Geld ihre Zeit und ihre Kraft bei Tag und Nacht ohne eine einzige freie Minute für mich an einen wildfremden Menschen verschwendete, der sich seine Krankheit (durch die Berührung mit einer Negerin) nach einem prachtvoll wüsten Leben zugezogen hatte, welcher Pfahl im Fleische! Alles waren die anderen und ich nichts.

Und kein Wort von ihr! Und niemanden, dem ich klagen konnte! Zwar wich mir gerade jetzt Wharf in seiner Neugierde nicht von den Fersen. Was aber hätte ich von ihm, was er von mir erfahren können? Hatte die Welt solch törichtes Abenteuer nie gesehen? Ich war klar genug, um zu begreifen, daß dies alles für den Europäer Wharf eine so triviale blöde Sache war, daß sie ihm nicht einmal eine kleine Druckzeile wert war. Nur daß ich selbst im Mittelpunkte dieser Einzeilengeschichte stand und daß es sogar der Mittelpunkt meines Wesens war, der hier in qualvollem schwarzen Feuer brannte, das machte diese Nächte so fürchterlich, und, ich sage es offen, so lächerlich zugleich.

 << Kapitel 70  Kapitel 72 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.