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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6.

In einem dieser schönen Sommer machten wir fast jeden Sonntag Ausflüge. Es war meiner Mutter gelungen, meinen Vater davon abzuhalten, uns Kinder mit ihr aufs Land zu schicken, wie er es in den früheren Jahren getan hatte, um allein in der heißen Stadt zurückzubleiben.

Wir fuhren gewöhnlich gegen 2 Uhr von unserem Bahnhof ab, dessen Glasveranda mit wildem Wein bewachsen war, und wo eiserne Netze zwischen den Geleisen gespannt waren, um zu verhindern, daß die Reisenden diese überquerten. Wenn wir in der kleinen Station angekommen waren, gingen wir den zuerst geraden, breiten und staubigen, aber bald schmaler und schattiger werdenden, in Windungen verlaufenden Weg zur Ortschaft. Die Hühner liefen über die holperigen, mit Gras durchwachsenen Pflastersteine der einzigen Dorfstraße, flatterten uns über die Füße, magere Hunde gähnten, den Kopf zurückbeugend und mit der langen Zunge plötzlich Fliegen schnappend. Aus einer offenen Wirtschaftstür drang der Geruch von abgestandenem Bier, auf hohen Düngerhaufen paradierte ein bunter Hahn, ein halbnacktes Kind sprang mit wehenden schmutzigen Hemdzipfeln aus einem schwarzen Hausflur, und rannte, bis zu den Knöcheln im Staube, einer feuerfarbenen Katze nach, die in weiten Sprüngen galoppierte. Bald waren wir an dem mit grünem Unkraut bedeckten Dorfteich vorbei, wo die bunten Enten träge dahinschwammen, bisweilen tauchend und ihre unschönen Füße nach oben kehrend, während die schneeweißen glatten Gänse auf den gemähten Wiesen, von einem schläfrigen Jungen gehütet, das von der Hitze schon bräunlich gewordene Gras abknabberten, bis sie, von einer unter ihnen gewarnt, mit lautem Zischen und gereckten offenen Schnäbeln sich uns in den Weg stellten. Nach einer kleinen Steigung kamen wir zu einer verlassenen Gnadenkapelle. Aus der Kapelle hauchte der Geruch der frisch getünchten Wände, des noch am Morgen verbrannten Weihrauchs und des alten wurmzerfressenen goldbraunen Gestühls. Wir standen im Schatten etwas still. Von den nahen Linden duftete es heiß und zart zugleich. Im Wind raschelten die Papierblumen auf dem verlassenen Altare und die himmelblaue, mit Silber gestickte Prozessionsfahne bauschte sich in einem Winkel der Kapelle.

Jetzt nahm uns alle der Wald auf. Meine Eltern lagerten sich mit meiner Schwester auf dem alten weichen schattigen Platz. Ich erkundete stundenlang für mich allein den tiefen kühlen Wald, kehrte aber immer, von einem Instinkt geführt, zu den Meinen zurück, die schon unnötigerweise in Sorge waren. Dann machte sich meine Mutter von neuem an ihre Handarbeit, meine Schwester hielt den Garnknäuel und wehrte mit einem Zeitungsblatt die Fliegen und andern Insekten ab, welche die Obstreste herangelockt hatten. Ich und mein Vater gingen dann schwimmen.

Einmal verfing ich mich beim Schwimmen mit dem linken Fuß in die tief am Grund wurzelnden schleimigen Algen.

Wir schwammen sonst immer nebeneinander, mein Vater und ich, und zwar zuerst gegen den Strom, dem Mühlwehr zu. Ich hätte vielleicht zu Anfang etwas schneller schwimmen können als er, ich ließ ihn aber immer vor. Er wandte sich lachend nach mir um, spritzte, laut atmend, geröteten Gesichts, den Bart im Wasser, mit seiner reich beringten Hand Wasser nach mir, als wäre ich nicht naß genug geworden. Nun konnte ich ihm plötzlich nicht nach. Ich ruderte mit den Armen, schlug mit den Beinen um mich. Alles wurde einen kurzen Augenblick lang dunkel um mich, so heiß stürzte mir das Blut von der Anstrengung in die Augen. Ich hatte keine Angst. Ich, in meinem Größenwahn des Glücks, hielt mich ja für besonders von Gott begünstigt. Ich hätte ihn jetzt schon noch um Hilfe anrufen können, meinen Vater – auf Erden. Aber ich dachte daran, daß auch er sich in den Algen und Seerosenstengeln verfangen könne, und ihn würden sie sicherlich zu Boden ziehen. Ich sah ihn also vorne im funkelnden Wasser immer kleiner werden, und endlich verschwand sein Kopf bei der Biegung, die der Fluß ein paar hundert Meter weiter aufwärts machte.

War ich immer noch so ruhig? Hatte ich immer noch keine Angst vor dem Untergang? Blitzartig schossen zwei Gedanken durch meinen Kopf, der eine war der Gedanke an das Zugrundegehen, das geschäftliche, das mein Vater immer in seinem Pessimismus gefürchtet hatte und das ich vielleicht unmöglich machte, wenn ich selbst unterging. Denn wie sollte der allgerechte Gott meinen Eltern zwei Unglücke auf einmal bescheren, ohne daß sie schuld waren?

Der zweite Gedanke war aber ganz anderer Art. Der Beweis des binomischen Lehrsatzes trat vor meinen Geist mit absoluter Klarheit. Ich hatte das stolze Gefühl, als hätte ich die sich logisch entwickelnde Formel selbständig gefunden. Dies war natürlich ein Irrtum. Aber es erfüllte mich mit einem kalten und doch glühenden Stolz, daß ich in Lebensgefahr, – ich merkte endlich, wie es mich mit aller Gewalt, langsam, aber zähe und unentrinnbar, niederzog zum Grunde –, daß ich selbst jetzt noch an die Wissenschaft, an das ewige Warum denken konnte.

Jetzt war alles still, denn, von meiner Kraft verlassen, erlahmend, fast atemlos, von unten gepackt, schlug ich nicht mehr um mich. Die Wasseroberfläche breitete sich in der bronzefarbenen Spätnachmittagssonne glimmernd vor meinen Augen aus. In der Stille hörte ich deutlich das Dröhnen der Mühlenräder und vom Dorf her das dünne Krähen eines alten Hahnes und das Läuten der Glocke in der Kapelle.

Ich dachte jetzt – an eine Totenglocke. Aber nur einen flüchtigen Augenblick lang. Dann wallte in mir meine ganze Jugendkraft auf. Ich wollte nicht sterben. Ich wußte jetzt, daß ich nicht sterben konnte, bevor ich mich nicht ergab. Mein ›Widerspruchsgeist‹ wehrte sich, es war mein Lebenswille, der mir neue Kräfte gab. Und vor allem gab er mir die notwendige Klarheit. Rufen hatte keinen Sinn. Der kleine Flußweg am Ufer war sonntags verlassen. Niemand konnte mich hören. Vielleicht kehrte mein Vater von einer Ahnung getrieben aus eigenem zurück? Noch länger warten? Vielleicht fehlte ich ihm, und er vermißte mich? Nein, sich selbst helfen, in der Not den besten, den einzigen Halt an sich finden. Kein unnützes kräftevergeudendes sich Aufbäumen mehr. Aber das allein war zu wenig. Was also noch? Endlich durchzuckte mich der rettende Gedanke. Weshalb war ich immer noch gegen die Strömung gewandt, statt umgekehrt? Ich ließ mich also vor allem im Halbkreis in die Flußrichtung zurücktreiben. An meinem Knöchel zerrte es und es schmerzte ziemlich stark. Plötzlich sah ich die kleine Gräfin vor mir mit ihrem linken Fuß, dem zarten Knöchel, ihre schwellende Hüfte, ihren langen weißen Hals. Es kann sogar sein, daß ich jetzt schon über meine Angst erhaben war. Ich tat nämlich das Notwendige. Ohne klare Überlegung, ich gestehe es. Vielleicht aus animalischem Instinkt, um das nackte Leben zu retten. Über Wasser war mir nicht zu helfen. Ich mußte unter Wasser an die Wurzeln gehen. Ich tauchte, nachdem ich die Lunge so weit wie nur möglich mit Luft gefüllt hatte. Ich versuchte die Algen mit der Hand zu erreichen, aber ich sah sie ja nicht und sie entglitten mir. Halb tot tauchte ich auf.

Die Welt erschien mir viel dunkler. Der Himmel viel niedriger, wie zusammengedrückt. Alles muß sterben. Das wußte ich und es dröhnte mir in den Ohren. Jetzt faßte ich mir nochmals ein Herz. Nochmals getaucht, aber diesmal mit offenen Augen. Das Wasser war schön klar, smaragdfarben, die Luftblasen aus meinem Haar rieselten silbern nach oben, nur aus meinen Nüstern kamen keine, ich sparte mit der Luft. Jetzt sah ich die Seerosenstengel so klar vor mir, als hätte ich sie schon. Sie hatten mein Knie umklammert. Sie waren aber weiter entfernt und viel zäher, als ich dachte. Ich mußte mich wie einen Bogen zusammenpressen, und das Herz stieß mir schmerzhaft in der Herzgrube und in der Kehle. In den Ohren dröhnte es, und vor den Augen wallte es purpurn. Aber ich blieb unten, ich hatte endlich die Stengel gefaßt mit der rechten Hand, mit der linken ruderte ich, um nicht abgetrieben zu werden, so gut als es eben noch ging. Ich riß an den Stengeln und sie rissen an mir. Sie schnitten mir ins Fleisch, und es kamen Wolken von Rot von meiner Hand her. Die Luft fehlte mir, fürchterlich gierte ich nach oben, es drängte mich, meine Lungen zu füllen, einzuatmen ... Aber ich wußte, das war der Tod durch Ertrinken. Wenn ich mich wenigstens hätte gerade strecken können! Aber erst mußten die Stränge gerissen sein, und eben begannen sie zähe zu weichen, ich brauchte nicht mehr so gebückt im Wasser zu bleiben, ich durfte und mußte mich strecken. Jetzt kam ich los. Die Hand noch um ein paar unscheinbare schleimige Stränge geklammert, tauchte ich endlich wieder auf. Jetzt atmete ich mich wieder hinein in die herrliche, wunderbare und himmlische Luft! Und jetzt stieß ich ab von dem gefährlichen Ort mit einem gewaltigen Schwimmstoß, auf der Flanke liegend, den rechten Arm mit der immer noch blutenden Hand kraftvoll nach vorne werfend. Jetzt trug mich das Wasser, wohin ich nur wollte. Den Flußlauf hinab, die rechte Wange und das Ohr im Wasser, zu den Weiden am rechten Ufer. Hier kam ich an Land, hundert Meter unter der Abfahrtstelle. Atemlos legte ich mich auf die grasige Böschung. Meinen Namen hörte ich von weitem rufen und ein kleines Echo dazu. War aber zu müde, zu antworten. Ich sah die Sommerluft mit den silbergrünen Weidenblättern spielen. Von meinem Haupthaar tropfte es kühl mein Rückgrat entlang. Meine Hand blutete noch etwas in das dichte kurze Gras hinein, meine Knie nicht mehr. Die Sonne stand noch hoch. Ich war sehr froh zu leben.

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