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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 68
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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23.

Ich konnte natürlich nicht darauf rechnen, daß Anninka sofort, durch meinen ›Sermon, wie der Fuchs den Gänsen predigt‹, bestimmt, ihren Lebensplan, den sie bisher ohne Wank aufrecht erhalten hatte, aufgeben würde. Die Zeit mußte auch hier für mich wirken, sagte ich mir auf dem Heimweg vom Kloster auf der herrlichen, schnurgeraden Pappelallee: angefangen von dieser Nacht, die ich noch im Orte verbringen wollte, bis zu dem Zeitpunkt, der meiner Meinung nach unbedingt einmal kommen mußte, aber freilich, wer wußte wann?

Dann aber, in dieser an Schlaf etwas armen Nacht, zweifelte ich am Gelingen. Ich zweifelte sogar tief an allem, was ich seit dem Tode meines Vaters begonnen hatte. Ich muß es sagen: Zweifel ist noch damals mein tägliches Brot gewesen und man konnte auch davon leben, wenn man mußte. Endlich schlief ich ein, mehr unruhig als glücklich, auch das gestehe ich. Der Gedanke an Karla trug zu dieser trüben Stimmung bei, ich fürchtete, sie nun ganz verloren zu haben, ohne daß ich das leicht, schmerzlos und ›unschuldig‹ zu Erreichende genossen hatte, das sie mir als einmal angeboten hatte unter dem banalen Namen der herzlichen Freundschaft.

Ich wurde sehr früh wieder aufgeweckt, es war der Hausbursche, der mir sagte, vor dem Wirtshaus warteten zwei Postulantinnen vom Kloster auf mich. Welch stolzes Gefühl! Mußte Anninka nicht von jetzt an immer auf meiner Seite sein? Hatte ich vielleicht in ihr einen wahren Kameraden, einen Leidens- und Freudengefährten, nämlich einen echten Freund zu erwarten? Ich wollte halb angezogen hinuntereilen, dann aber besann ich mich, ich kleidete mich sorgfältig an, nachdem ich mich gewaschen und rasiert hatte, und die zwei jungen Klosterdamen mußten etwas warten. Endlich kam ich hinunter. Meine Schwester war nicht unter ihnen. Es waren zwei derbe, aber sehr schüchterne Töchter des Landes, die mir den Gottesgruß: »Gelobt sei Jesus Christus!« zuriefen und mir, in feines Papier eingewickelt, eine kleine Lebzehr auf die Reise aus der Klosterküche brachten. Es war Anninkas Liebesgabe. Aber von Anninka keine Silbe? Ich wollte mich schon zum Abschied entschließen, als das eine holde Kind mir tief errötend sagte, meine Schwester bitte mich, ihr jetzt mehr zu schreiben. Ich versprach es und ging mit dem Abschiedsgruß: »In Ewigkeit Amen« zwar nicht überglücklich, aber auch nicht unzufrieden in meinen Gasthof, um alles zur Abreise vorzubereiten.

So kehrte ich Anfang September nach Wien zurück. Von Karla war nichts gekommen. Wir hatten ja verabredet, wir wollten einander nicht mehr schreiben, und sie hatte sich als der starke geschlossene Charakter, der sie war (oder der sie sein wollte und mußte), an die Vereinbarung gehalten. Warum sollte ich nicht das gleiche tun? Wir hatten, als einen Ausweg für unsere bedrängten Herzen im Fall wahrer Not und unerträglicher Sehnsuchtsqualen, ausgemacht, daß wir bei besonderen Gelegenheiten, entscheidenden Ereignissen, Krankheiten usw., einander dennoch Nachricht geben wollten. Aber ich konnte mich ringsum umsehen, soviel ich wollte, nichts Neues und Unerwartetes hatte sich inzwischen begeben. Ich war gesund, arbeitete, ich studierte und füllte mein ohnehin schon übervolles Gehirn mit einer neuen ungeheuren Menge von Erkenntnissen an, die nicht von mir stammten, und überfutterte mich mit einem Wissen, das in mich einfloß ohne Mühe, aber auch ohne Freude. Ich gestehe es offen, von den Geheimnissen, die mich als Kind gelockt hatten, – keine Spur. Unlösbare Fragen, Türen, hinter denen nichts ist, das sind ja nicht Geheimnisse, die ein Kind und einen Mann locken: vor der Leere graut es jedem, jung und alt. Auch an dem zweiten großen Kinderwunsch, geliebt zu werden, wurde ich allmählich irre. Ich fragte mich mit dem Recht des klaren simplen Menschenverstandes, ob ich nicht auch hier an eine Tür poche und rüttle, hinter der nichts sei. Ich wußte, daß es in der Welt, ja auch schon in dem prangenden, lebensfreudigen Wien, Tausende und Abertausende von Frauen oder Mädchen gäbe, die für einen jungen, gesunden, starken und ungebrochenen Mann mindestens ebenso begehrenswert waren als Karla. Karla stand also zwischen mir und meinem Glück, da sie mich abhielt, als vermögender, unabhängiger, von überflüssigen Skrupeln freier Mensch das zu besitzen, das soviele meiner Altersgenossen mühelos erreichen konnten. Ich hungerte nach dem, dessen sie bereits langsam überdrüssig wurden. Und weiter verfolgte mein Kopf die logische Jagdspur: Es gab zahlreiche Gebiete des Lebens, die nichts zu tun hatten mit Frauen, weder mit den Erfahrenen, Schönen, noch mit den Unberührten, den Blüten. Karla stand also auch zwischen mir und meiner eigentlichen Tätigkeit, meinem Beruf, meiner Zukunft und ließ mich meine beste Kraft an ein ewig fliehendes, aber kärgliches, niederes Wild verschwenden, das diese Mühe niemals lohnte. Aber, leider, es war nur der Verstand und sonst nichts, das mir diese gutgemeinten aber vorläufig unausführbaren Ratschläge gab, und ich tat, was ich bis jetzt getan hatte, ich wartete auf Karla und gab, hier wenigstens, auf die Dauer keinem Zweifel Raum, vielleicht weil ich froh war, wenigstens von einem Gegenstand meiner Seele zu wissen, dessen Besitz mich sicher machte. Aber mein Vater? A. v. W.? Sie waren mir unerreichbar, ich hatte mich damit abgefunden und wollte es nicht anders. Gut.

Nur eins: Bis jetzt hatte ich die Einsamkeit nicht bloß stets gut ertragen, sondern auch der Gesellschaft eines Karl oder Wharf vorgezogen. Die Einsamkeit war das Klima, in dem ich am besten gediehen war. Nun aber suchte ich, um mich in meiner qualvollen Sehnsucht und immer stärker saugenden Begierde etwas zu zerstreuen, den mit so großer Mühe und so wenig Dank geretteten Karl auf, der mich mit offenen Armen empfing. Er war der Tierarzneikunde längst wieder müde geworden. Ich konnte den Grund nicht erfahren. Manchmal schien es mir, sein in Wahrheit viel zu wehleidiges Gemüt hielt ihn ab, die Leiden der stummen tierischen Kreatur mit der nötigen Ruhe und Objektivität zu studieren. Er trug sich jetzt mit anderen, noch absurderen Lebensplänen. Er wollte, (vielleicht von Wharfs schwarzgelbem Patriotismus, Kaisertreue und Österreicherliebe angesteckt) in unser altes k. u. k. Heer eintreten, als einfacher Soldat, sich in der Formation der ›Doppelreihe, marsch!‹ aufgeben und in einer Infanteriekompagnie untertauchen wie ein Tropfen im Weltmeer. Ich riet ihm nicht ab, nicht zu. Ich glaubte, die amtliche Kommission, welche die körperliche Eignung der Militärpflichtigen festzustellen hat, würde einen solchen Rekruten, bei dem alles Kopf und nichts Exerzierknochen war, abweisen. Aber ich täuschte mich. Man fand ihn durchaus geeignet. Aber die Zeit der letzten sogenannten Herbst-Einrückung war leider in diesem Jahr schon vorbei. Inzwischen arbeitete Karl, der zu mir in mein Hotel in der Stadt übersiedelte, mit dem eifrigen Reporter und Photographen Wharf um die Wette. Wir hatten drei Zimmer unter dem Dach, eines neben dem anderen. Ich hielt mich in meinem fast nur an den Sonntagen auf. Mich quälte oft ein grausames Spiel, das ich mit mir selber spielte: in welchem meiner Zimmer sollte ich Karla empfangen, wenn sie wiederkam? Mir gefiel keines von beiden Quartieren. Aber kam sie denn zurück? Unnütze qualvolle Fragen, da ja das bloße Grübeln und Fragen nie eine zurückhaltende Geliebte heranlockt. Trotzdem wollte ich so lange wie möglich das Äußerste versuchen, das hier eben im Nichtstun bestand. Mein Vater hatte dies wohl nie begriffen.

Karl zeigte manchmal Spuren eines bösen Gewissens. Aber ich habe ihn nie durchschaut. Wharf ließ durchblicken, der Absturz Karls auf dem Dachsteingletscher sei eine Art Selbstmordversuch gewesen, den er, der niemals schwindelfrei gewesen war, eben ›spaßeshalber‹ mit uns beiden, Wharf und mir, unternommen habe, um auch hierbei Gesellschaft zu haben, – und Gesellschaft war ihm immer etwas Großes gewesen, – er hatte mich bei sich immer festgehalten, er hatte die Einsamkeit immer gefürchtet und hatte doch nicht wirklich lieben können. Ich sage offen, ich konnte Wharf nicht recht glauben und Karls böses Gewissen machte mir keine reine Freude. Ich sah in Karl einen für das Leben, die Liebe, den Sport und die Wissenschaft gleicherweise unfähigen Jungen, der in der Jugend irgend eine Wunde erhalten haben mußte, die nicht heilen wollte. Zugleich aber fürchtete ich, ein Karl sei mir näher verwandt, als ich es für schön hielt, und deshalb zog ich mich nach einiger Zeit wieder etwas zurück, freilich so allmählich, daß er nicht merken konnte, weshalb es geschah.

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