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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 65
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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20.

Ich besuchte voll Fleiß und Eifer meine Vorlesungen, Übungen und Seminare. Ich bereitete alles für die Prüfungen vor. Glücklich war ich bei dieser Arbeit nicht. Ich fürchtete, der wahrhaft fruchtbare Einfall, der ›lapidare Gedanke‹, der Funke wäre mir trotz allem wackeren Bemühen bis zum heutigen Tage versagt, und ich wußte nicht, ob nicht auf immer. Und dabei hieß es, daß die wirklich zündenden Gedanken den Geistern in der kräftigsten ungebrochenen Jugend kommen sollten. Aber bei mir zeigte mein unbarmherzig treffsicheres Gedächtnis, daß fast alle meine Einfälle, Schlüsse und Systeme bereits von anderen gedacht und von mir nur nachgedacht worden waren.

Natürlich zeigte ich niemandem, und Karla am allerwenigsten, meine Bedrückung. Es hätte sie (genau wie meine Mutter) nur in ihren Ansichten bestärkt. Ich bestand die Vorprüfungen nicht schlecht. Aber an meiner Verzweiflung konnten die glänzenden Noten, die ich einheimste, nichts ändern. Ja, sie bestätigten meine Befürchtung. Denn hätte ich auch nur den geringsten wahrhaft originellen Einfall geäußert, hätte ich den Schatten einer neuen Philosophie oder Erkenntnis vorgebracht, so hätte ich nicht diese satte, falsch väterliche, befriedigte Freude bei den konservativen Prüfern, den alten Herren Hofräten und k. k. Philosophen, (einer, der bedeutendste, trug das Priestergewand), hervorgerufen. Sie kündigten mir eine gute Eignung für das Lehramt an, weil ich unsere alte Leier allgemein verständlich, klar und einfach abhaspeln konnte, so daß sie jedes brave Kalb verstand. – Aber, sagte ich mir voll Bitterkeit, kündigt sich so ein erneuernder Geist an? Nein, nicht einmal ein geringes Talent, sondern nur die Routine.

Oft zürnte ich nicht nur mir, sondern auch der allzu begehrenswerten, viel zu lockenden und unschuldigen und unberührten ›Blüte‹ Karla, ich verfluchte den Tag, wo ich sie kennen gelernt hatte, ich sagte mir, kein noch so großartiges Genie könne es zu einer wissenschaftlich dauernden Leistung bringen, solange es nicht sein Herz zusammen mit den alten Schwarten mitten ins Feuer geschmissen hatte. Ich verstand Fausts Untergang als kritischer Mensch, seinen Absturz in das katholische Wunder. Es kam daher, weil er den Weibern zu sehr nachgejagt, weil er zuerst einer ungepflückten, geschlossenen Knospe aus dem Volk, Gretchen, und dann einem unsterblichen, nie zu pflückenden mythischen Idol unterlegen sei, Helena. Was haben Gretchen und Helena mit der Philosophie zu tun? Wenn es wenigstens die Hexe gewesen wäre! Sie besaß magische Weisheit. Ein genialer Lehrer, Mephisto, hatte einen sentimentalen, konservativen Schüler, der zum Schluß viel unwissender war als am Beginn und der sich mit Recht in der Lichtsphäre des leeren Himmels auflöste, unter Weihrauch, Mystik und Gesang!

Karla sah mir meine Sorge an, sie ahnte vielleicht nicht (oder viel zu gut), woher meine Unruhe kam.

Oft traf mich in dieser Zeit aus ihren großen, aber keineswegs schwimmenden, sondern klaren, harten, wahren Augen ein Strahl voll Sorge, voll Innigkeit, voll heißer Zärtlichkeit und Liebe! Aber war es nicht viel mehr die Liebe einer braven Mutter zu ihrem selbstquälerischen Sohn, der Unmögliches von seinen schwachen Kräften verlangt, als der Blick einer zitternden, im Inneren ebenso heiß begehrenden und nur scheu sich selbst schützenden, in ungewollter Keuschheit dahinalternden Geliebten? (Oder war auch das nur eine Jagdlist des Weibes, das den Mann verfolgt, indem es vor ihm flieht?)

Der Frühling kündete sich nach diesem Winter besonders spät an. Wir trafen uns jetzt öfter. Aber ich ließ jede Gelegenheit zu einem ›unschuldigen‹ Kuß vorübergehen. Vielleicht ahnte ich etwas von der Kraft des nicht Gewährten. Ich erinnerte mich ja noch sehr deutlich meiner Qualen während ihrer Abwesenheit vor einem Jahre. Wie hätte mich damals ein Wort auf einer Postkarte glücklich gemacht! Wie sehr hätte sie jetzt vielleicht ein zarter Kuß auf ihr schönes Haar glücklich gemacht! Nicht das eine, damals. Nicht das andere, jetzt! Manchmal kamen wir erst spät abends zusammen. Wir gingen nur einmal oder zweimal um einen Häuserblock im Stadtbezirk herum, dann ein Blick, ein Händedruck, ein Nicken, genug! Viel? Nein! Genug? Ja!

Als es wärmer wurde, fuhren wir mit der Straßenbahn in die waldige Umgebung. Besonders eine Lichtung in einem jungen, um die späte Abendzeit schon ganz verlassenen Buchenwalde, eine halbe Stunde von dem Dörfchen Neuwaldegg entfernt, hatte es uns angetan. Wir saßen nebeneinander auf einem gewaltigen Baumstumpf, der noch den ganzen Duft des herben Saftes aushauchte, den die unversehrten Wurzeln – und wie nutzlos – immer noch aus der Tiefe der Erde heraussogen.

Oft sahen wir von hier aus Rehe, umgeben von ihrer Nachkommenschaft, auf der anderen Seite der Lisiere grasen. Die Dämmerung fiel ein, die Abfahrtsignale der Straßenbahn erschollen von ferne. Wenn schon die braunen Flecke der Rehfelle im leichten Nebel verschwammen, erkannte man immer noch die weißen, herzförmigen Flecke auf dem Hinterteil des Wildes, das, was mein Großvater, der Gärtner und Jäger den Rehspiegel nannte. Ich sah Karla von der Seite an. Unter ihrem Hute quoll das mahagonifarbene, reiche Haar hervor. Ihre Hände hielt sie um die Knie geschlungen. Ihre Knie zu sehen, ihre Kniekehlen zu berühren, sie zu küssen, davon hatte ich oft geträumt.

Aber ich sah über ihre Knie hinweg in das Tal, wo im Scheine der letzten Laternen des Vorortes die gewundene Straße schimmerte. Ich war der erste, der sich erhob. Ich gab meiner Geliebten nicht den Arm. Sie hastete den Hang hinab, sie atmete schnell und unregelmäßig. Sie hatte aber beim steilen Aufstieg keine Anstrengung gezeigt. Denn hätte sie sonst gesungen? Jetzt nicht mehr.

Inzwischen kamen von daheim nicht die allerbesten Nachrichten. Meine Mutter nahm von meinen ›fürtrefflichen‹ Zeugnissen, die ich ihr gesandt hatte, um ihr Freude zu machen, nicht viel Notiz. Sie wollte nur eines von mir, ich sollte endlich, nach so langer Abwesenheit, heimkommen. Aber gerade das wollte ich nicht. Ich hätte es lieber gesehen, sie hätte mich besucht, aber davon schien sie nichts wissen zu wollen. Sie klagte über Marthy. Marthy hatte sich – der Strabanzerliebe ergeben, sie erlaubte sich das, was meine Mutter ›Ausschweifungen‹ nannte, und zwar nicht nur an Sonntagen, wo ihr Körper und ihre Seele von vier Uhr ab ›Ausgang‹ hatten, sondern auch an nüchternen Wochentagen. Welch Laster! Noch nicht genug! Man hatte sie in Gesellschaft zweier ›Burschen‹ und eines anderen verlorenen Wesens weiblichen Geschlechtes in das übelbeleumdete Hotel ›Zum Güldenen Pferd‹ eintreten sehen. Aber sie habe, ins Gebet genommen, meiner Mutter mit treuem Augenaufschlag vorgelogen, die Nacht bei den Portiersleuten verbracht zu haben. Und immer noch nicht genug! Sie scheute sich jetzt nicht, den Schmutz ins friedliche Heim zu tragen, das heißt, sie brachte nachts ihre Geliebten, Schamster genannt, nach Hause mit, nachdem sie ihnen auf der Treppe aufgetragen hatte, die Schuhe auszuziehen, in die Hand zu nehmen und die Zigarette auszutreten. Die Mieter über uns wollten diese Schandtat beschwören. Aber wozu braucht man einen Schwur? Nie würde sie, so schrieb meine Mutter, nun wieder die Seiten mit Zeilen und die Zeilen mit Worten bis an den Rand ausfüllend, sich erlauben, meine unschuldige Seele mit solchen Schandbildern moralischer Verkommenheit und gottloser Sittenlosigkeit zu verunreinigen, wenn sie nicht meinen Rat haben müsse. Sie hätte sich am liebsten längst von dem Hausdrachen getrennt, denn alle Erziehung komme angesichts von Marthys grauem Haar und träger Seele zu spät, die Hölle sei entfesselt! Aber mein Bruder hinge so sehr an ihr, – (›verstehe wer kann! Ein Engel und eine Hexe! Und das küßt sich!‹), daß sie, die leibliche Mutter, es ihm mit Milde und auch mit Strenge noch nicht habe abgewöhnen können, das verluderte Weibsstück Mutterl, sie aber nur Tante zu nennen! Das beste wäre, wenn der erste Schamster die Hexe nehmen würde, denn dieser hätte sie in der ›Brautzeit‹, der leider niemals das Aufgebot in der Kirche gefolgt sei, und die eher eine Brunstzeit gewesen sei, um ihr heiligstes Gut gebracht, und damit aus der Ordnung, aus dem heiligen Kreis der bürgerlichen Gesittung. Aber sie zweifle, ob man die beiden noch zur Vernunft und Pflicht zurückbringen könne. Bei dem Manne wisse sie es nicht. Er komme oft ins Haus, angeblich um die Öfen zu reparieren, die seiner im Sommer nicht bedürften, was zwischen ihm und Marthy sich noch jetzt abspiele oder nicht, könne sie nicht entscheiden. Der Ofensetzer behauptete, das Geld Marthys müsse noch da sein. Er hätte sogar in ihren Sachen danach gesucht. Gefunden hätte man natürlich nichts! Wahrscheinlich hätten die anderen › Schamster‹ sich an diesen bitteren Schweißgroschen einer liebestollen Magd bereichert usw. Ich nahm von diesem Bericht einfach Kenntnis, genau so wie meine Mutter von dem Abenteuer auf dem Dachstein.

Durch Zufall ging ich eines Tages zum Postamt, das ich seinerzeit mit Marthy ausgemacht hatte. Sonderbarerweise waren nicht weniger als drei Briefe von ihr gekommen.

Sie enthielten eigentlich alle fast das gleiche. Sie berichtete, sie wisse nicht, was mit meiner Mutter los sei. Die Gnädige habe unlängst ihre Sachen durchschnüffelt, kümmere sich aber nicht um die eigenen. Sie widme sich ihrem Postillion weniger denn je. Postillion habe nur zwei Hemden und Höslein, von denen immer eine Garnitur oben an der Leine hänge. Ich solle doch kommen und alles zurechtsetzen. Sie, Marthy, tue nur, was recht und billig sei, sie könne leben und lieben, wie es ihr Spaß mache, aber es sei eine Schande, wenn die Mutter eines einzigen guten armen Postillion den ganzen Tag statt bei ihrem Fleisch und Blut lieber bei ungewaschenen, verlausten und räudigen, bösartigen und ungelehrigen Elendskindern zubringe, in einem sogenannten Hort! (Nicht einmal das Wort Hort hatte Gnade gefunden in ihren Augen.) Aber daran nicht genug, lange nicht, leider! Abends bis spät in die Nacht hinein rackere sich meine Mutter für Gotteslohn oder, besser gesagt, Teufelslohn ab in einer neuen aufrührerischen Partei, die das unterste zu oberst kehren wolle, als ob uns der Jüngste Tag schon nahe sei! Und komme sie endlich nach Hause, dann gehe sie, ohne Licht zu machen und ihren kleinen Engel auch nur anzusehen, an dessen Bettchen vorbei, gut, aber mit so festem Trampeln, daß das arme Wurm erwache und zittere! Und sie beginne zu schreiben wie besessen, sofort, stantepede, ohne mit dem Essen fertig zu sein, oft das Tischtuch mit der Tinte beschmutzend. Und wenn es wenigstens etwas Feines oder Gebildetes wäre. Aber es seien nur Adressen für die Wahlversammlungen dieser Satanspartei. Und nicht genug daran, hätten die Portiersleute meine Mutter wie eine gewöhnliche Fabrikarbeiterin in einer solchen Versammlung, in einem Wirtshaus letzter Güte, umherlaufen gesehen und schreien gehört, eine rot-grüne Armbinde umgebunden! Das nenne man dort Ordnungsdienst der Proletarier, aber wo sei eine Ordnung, wenn die Polizei und der Kaiser beschimpft würden und Stuhlbeine sowie Biergläser durch die Luft zum aufsichtführenden Kommissar flögen?! Aber das Ärgste sei, daß eine feingebildete Dame, eine Herrschaft sich nicht scheue, mit einer blechernen, rotgrün lackierten Sammelbüchse umherzugehen, sie mit lautem Getöse zu schütteln und den armseligen Fabriksmenschern unter die Nase zu halten, dem armen Gesindel, um diesen sogenannten Proletariern noch ihr letztes Geld abzunehmen! Nachts habe meine Mutter natürlich dann die zarten Fingerchen voll Schmutz, der trotz allem Reiben und Scheuern nicht abgehen wolle, denn er stamme von den Kupfermünzen, die sie zähle und zähle und vor sich in Häufchen aufreihe, auf der sauberen, frischgewaschenen Tischdecke, von den Parteigeldern, dem schmutzigen, giftigen Grünspan! Sie, Marthy, schäme sich, in einem solchen Hause zu dienen, die Hausbesorgersleute seien fast derselben Ansicht, denn niemand reiße sich um die Ehre, ein ›Elendiger‹ zu sein. Sie bleibe nur aus Mitleid für Postillion und in der Hoffnung, ich käme bald, an mich denke sie oft und auch an den ›seligen Herrn Papa‹! Oh, lieber Gott, was für Zeiten! Damals und jetzt! Sie hätte einmal von uns geträumt und habe ›an gewissem Ort, in guter Stunde‹, drei Lotterienummern vor sich gesehen. Sie teilte sie mir mit, die allezeit Getreue.

Ich spielte nicht. Ich sandte aber wieder etwas Geld, diesmal gegen dreihundert Kronen, ohne Erklärung, woher ich das Geld hatte. Die gute Marthy glaubte, die Träume in ihren Liebesnächten brächten also unweigerlich Glück. Sie selbst spielte nicht gern, ihr altes Gold war ihr wohl zu schade. Aber die Portiersleute taten es, ich fürchte, ohne viel Glück.

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