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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 62
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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17.

Wie gerne hätte ich in ihr die Kameradin gesehen, die das gleiche von mir erwartete wie ich von ihr, also die Leidensgefährtin, die Freudengefährtin! Nehmen, geben, frei, flink und federleicht, wie mein Vater es geträumt hatte. Mir war nicht gegeben zu träumen. Mein Vater war nicht vergessen. Ich wußte, was Lieben heißt. Leiden war mir nicht fremd. Die sechs Monate Warten hatten mich vorsichtig gemacht. Der kurze Vormittag auf dem Dachsteinfelsenband war eine Schulstunde für mich gewesen, eine wichtige.

Als sie sah, daß ich sie nicht verfolgte, begann sie damit, womit sie am ersten Abend hätte beginnen sollen, mit der schlichten Wahrheit, mit der sie auf so vertrautem Fuß zu stehen behauptete. Sie nannte ihren Stand, ihre Herkunft, ihre Absichten und Pläne. Sie war weder die Tochter noch auch die Geliebte des alten Kontre-Admirals, sie war seine Krankenpflegerin. Der dunkelblaue Mantel – (sie beichtete jetzt alles, als sei sie sich einer Schuld vor mir bewußt) – war ein Geschenk der Admiralin, die diese etwas zu kostspielige Gabe aber vielleicht bald nachher bereut haben sollte. Aber der Mantel sei zu schön, sagte Karla, und sie glücklich, sooft sie ihn trage. Er erinnere sie an mich. Sie hätte ihn damals zum ersten Male angehabt. Noch am gleichen Abend sei sie von mir zu der alten Frau zurückgekehrt.

Sie unterschrieb sich jetzt einfach mit ihrem Vornamen, Karla. Wie schön, wie voller Kraft und Musik erschien mir dieser Name jetzt, ich entsann mich erst später, daß mir der Name Karl früher nicht ebenso süß und musikalisch in den Ohren geklungen hatte!

Sie war Halbwaise wie ich. Ihre Mutter hatte im Verlauf von siebzehn Ehejahren acht Kinder zur Welt gebracht. Dann war die arme Frau noch verhältnismäßig jung von einer furchtbaren Krankheit, deren Namen die Tochter mir nicht nennen wollte, angefallen worden. Karla hatte sie gepflegt. Es mußte neben der Linderung der unerträglichen Schmerzen ihre wichtigste Aufgabe gewesen sein, die Mutter über ihr Leiden und den unausweichlichen Untergang zu täuschen mit einem ganzen Gespinst von frommer Lüge und heiligem Betrug. Sie mußte ihr ausreden, daß die Schmerzen, die Schwäche, das Abmagern schwarze Zeichen seien, sie mußte in dem furchtbarsten Augenblick ihr einreden, daß dieser Moment der letzte des Leidens sei, nämlich unzweifelhaft der Beginn der Besserung, daß der Arzt diesen Leidenstag vorausgesehen, ja erwartet und erhofft habe, als Beweis, daß seine Diagnose richtig sei und der gute Ausgang sicher, Gott sei Dank! Und dies solange, bis die arme Frau wirklich eine Besserung verspürte, die sogar den Arzt überraschte, also eine mit Fanatismus festgehaltene Lüge als letzte Medizin, als einziger Heiltrank dort, wo die Wissenschaft versagte! Nach dem Tode der Mutter habe der Arzt ihr gesagt, sie habe Talent zu diesem Beruf, sie solle einen Pflegerinnenkurs durchmachen usw. Auch von ihrem Anhang, das heißt, von der sozialen Stufenleiter schwieg Karla nicht, es war, als wolle sie alles aufklären, bevor sie mich wiedersah. Ich hätte auf diese langen Briefe verzichtet, ich hätte sie lieber fünf Minuten gesehen, als zehn Seiten gelesen. Aber ich ließ es sie nicht merken. An Geduld sollte es mir nicht fehlen. Vielleicht hatte sie sogar ein wenig mehr Ungeduld von meiner Seite erwartet. Zurückhaltung ist aber ritterlich.

Ihr Vater war etwas Sonderbares, er war – Marmormaler. Er war eigentlich Anstreicher, war aber so künstlerisch, so geschickt, daß er auf Kalkwänden und Gipsstukkaturen die Adern des echten Marmors mit seinen Pinseln und Mixturen täuschend ähnlich nachzuahmen vermochte. In vielen kleinen Cafés, in den Hausfluren so mancher Zinskasernen war dieser Marmor sehr beliebt, obwohl sich niemand über seine Echtheit täuschte. Denn der Maler mochte noch so geschickt sein, der gemalte Marmor war lauwarm und etwas rauh, der echte aber fühlte sich glatt und kalt an.

Endlich sah ich sie wieder. Es war Mitte September, sie kam ganz in Weiß. Ich hatte gedacht, ihr Anblick würde mich nach meiner so langen Sehnsucht enttäuschen. Gerade das Gegenteil trat ein. Ich weiß nicht, ob sie schön war. Aber sie entflammte mich wieder bis zu einer so schmerzhaften Begierde, daß sie mir den Atem nahm.

Aber auch sie war atemlos angekommen. Sie flüsterte mir zu, ein weißes Tuch an die offenen, vollen, himbeerfarbenen Lippen führend, sie käme nur, um mich nicht warten zu lassen, denn sie müsse sofort zurück zu ihrem Kranken. Als ich sie aber nach der Wohnung ihres Patienten zurückbegleiten wollte, lehnte sie ab. Sie sah mich scheu unter dichten Wimpern an. Am liebsten aber hielt sie den Kopf abgewandt, und als sie das Tüchlein in das ebenfalls blütenweiße, aus gesticktem Leinen bestehende Täschchen unterbrachte, sah ich es von Blutflecken betupft. Sie hatte Nasenbluten gehabt.

Nichts war natürlicher bei einem vollblütigen Geschöpf, das meiner Ansicht nach nicht viel älter sein konnte als ich. Aber weshalb wollte sie es mir verbergen? Schämte sie sich? Schämt man sich der Natur? Nichts ist wahrer und keuscher als sie.

Unser Gespräch an diesem Tage war viel stockender als an dem Bahnhofabend vor sechs oder sieben Monaten. Es bestand fast nur aus Abschiednehmen. Aber der Abschied war niemals ganz ernst gemeint, sei es, daß ihr Zurückkommen zu dem Kranken doch nicht ganz so dringend war, sei es, daß sie sich auf unser Zusammensein so sehr gefreut hatte, daß sie es nicht nach fünf oder zehn oder fünfzehn Minuten schon beenden wollte. Und was war eine ganze Stunde?

Ich fragte nicht. Ich hütete mich, ihre Hand zu fassen. Als meine Finger die ihren einmal durch reinen Zufall gestreift hatten, hatte ihre Haut sich wie Brotkrumen angefühlt, kühl, etwas gekörnt. Aber konnte Brotkrume brennen?

Ich hielt nach einem Blumengeschäft Ausschau, bat sie dann zu warten und kaufte ihr ein paar farbenprächtige Blüten, gefüllte Nelken, glaube ich. Zu spät merkte ich, sie dufteten nicht. Dann kamen wir zu einer Caféhausterrasse, ich lud sie durch einen Blick ein, sie stimmte mir nur durch ihr Schweigen und Erröten zu. Ich war es, der für sie bestellen sollte. Ich legte ihr die gedruckte Getränkekarte des Cafés vor und sah, wie sie verlegen und gespannt in den Zeilen nach irgend etwas suchte, das schwer zu finden war. Auch ich beugte mich über das Blatt, das in einen Nickelrahmen gespannt war, mit der linken Hand berührte ich durch Zufall die Rückenlehne ihres Sessels. Ich weiß nicht, wie es kam, Wille und System war es nicht! Plötzlich lag meine Hand an ihrem nackten Hals, ich sage, sie lag nahe an ihm, sie berührte ihn gar nicht! Sie war es, die sich zurücklehnte mit der Rundung ihres mattschimmernden festen milchweißen Halses gerade in die Höhlung meiner Hand.

Sie und ich zuckten zusammen. Sie riß mir, ohne sich umzusehen und ohne sich in ihrem gebildeten Gerede zu unterbrechen, meine Hand hinab, und unglücklicherweise hatte sie meinen Unterarm an der Stelle ergriffen, wo er noch von der Quetschung durch das Seil etwas überempfindlich war.

Auf Schmerz war ich nicht gefaßt. Ich war so überrascht, daß ich ein leises Stöhnen von mir gab. Sie sah auf, begriff – (sie mußte sehr klug sein), schien ihre Handlung aber nicht zu bereuen. Finsteren Gesichts, mit düster blitzendem Auge saß sie da, aus meinen duftlosen Blumen wie mit Gewalt einen Duft herausholend, mit den Zähnen die armen zarten Blütenblätter zerfleischend, nachdem sie ihre vollen feuchten Lippen blutig gebissen hatte.

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