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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 61
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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16.

Wir kehrten nach Hallstadt zurück, brauchten aber zum Abstieg doppelt so lange wie zum Aufstieg. Fast schien es, als ob Karl nicht schwindelfrei sei, (und es nie gewesen sei, dachte ich), es war mühsam genug, ihn zu schleppen, ihm immer die nötige Sicherheit zu geben. Von Genuß für mich keine Spur, und mein Arm schmerzte mehr, als die Sache wert war.

Im Wirtshaus wußte man bereits von unseren Taten. Irgendjemand, – (ich vermute, es war der brave Tierarzt, der Geliebte des Stubenmädchens, der sich für unsere dumme, waghalsige Partie interessierte), war uns mit seinem scharfen Fernrohr gefolgt. Mir war dies sehr gleichgültig, wichtiger war mir, daß man mir noch am gleichen Abend einen schönen, festen, kühlenden Verband anlegte. Nachts hatte ich ein wenig Fieber, was mich aber nicht daran hinderte zu schlafen. Im Zimmer nebenan hantierte Wharf mit seinen photographischen Bädern, und ich träumte, ich sei am Strande des Meeres. Am nächsten Tage wurde der Verband gewechselt, der Doktor riet, die gequetschte Stelle dem Sonnenlicht auszusetzen. Dies tat ich.

Ich brauchte nur kurzen Abschied von den zwei Gefährten zu nehmen, die am Vorabend noch Bruderschaft getrunken hatten. Ich packte meine Joppe in den Rucksack, streifte das Hemd am Oberarm hoch, so zog ich zu Fuß vorerst nach Salzburg, von dort marschierte ich vergnügt auf Höhenwegen, jede etwas gefährliche Stelle vermeidend, weil ich noch nicht ganz hergestellt war, nach Innsbruck. Dort kam ich zum erstenmal wieder zu einem warmen Bad, schrieb ein paar Karten und las die Zeitungen. Von Innsbruck ging ich bei dauernd schönem, nicht zu heißem Wetter in das Stubaital und machte dort, wieder ganz hergestellt, ohne Gefährten, ohne Führer und ohne Seil einige Aufstiege. Alles glückte wunderbar, weil ich allein war und mich an keine Menschenseele kettete.

Als ich nach Wien Ende August zurückkehrte, erwartete mich ein kleiner Berg von Briefen. Ich holte den meiner Mutter zuerst heraus, merkte aber unter den anderen einen, der mir besonders auffiel, ich weiß nicht warum. Vielleicht war es die Schrift, vielleicht war es ein gewisses Aroma, das dem Briefe anhaftete, halb Medizin, halb Parfüm. (Aber wie sollte sich das mischen?!) Und doch konnte ich eine Art Rausch von auffliegendem Glück nicht unterdrücken. Der Atem strömte mir voll banger Wonne und in süßer Unruhe durch die Brust. Aber ich bezwang mich, wenn auch nicht ohne Mühe, ich überlas vorerst genau das Schreiben meiner Mutter, die sich vorgenommen hatte, mir eine gewissenhafte Rechenschaft über ihr Leben, ihre Pläne und Zukunftsaussichten abzulegen.

Endlich war ich damit zu Ende. Ich nahm den anderen Brief vor, ich wollte ihn aufreißen, aber dann kam es mir würdiger vor, wenn ich nicht so roh mit ihm umging. Ich holte mein gutes Taschenmesser aus der Tasche meiner Lederhose und schnitt den Brief auf der Längsseite vorsichtig auf. Es war O., ich hatte mich nicht getäuscht. Aber weshalb schrieb sie erst jetzt? Der Brief erklärte alles. Sie hatte eben, offenbar noch vor meiner Mutter, durch einen illustrierten Artikel Wharfs in der österreichischen illustrierten Zeitschrift von meinen komischen Heldentaten erfahren. Wharf hatte also sein Wort nicht gehalten, er hatte die Filme veröffentlicht. Freilich, wer wollte es ihm verbieten, nachdem er sie unter Lebensgefahr aufgenommen hatte? Und da ich mit einem guten Apparat aus allernächster Nähe aufgenommen war, so mußte man mich erkennen. Man hatte sich um mich gesorgt. Denn in dem Bericht sollte gestanden haben, daß ich schwer verletzt abtransportiert worden sei usw. Sie deutete in dem Briefe an, – (es waren nicht mehr als zwei Seiten, aber jetzt, da ich Nachricht hatte von ihr, kam es mir ganz selbstverständlich vor, daß sie mich nicht vergessen hatte), sie wolle zu mir kommen, wenn ich sie brauche, dies sei eigentlich ihr Beruf , sie warte nur auf mein Wort... Sie nannte ihren Namen Karla D. Ich überlegte nicht mehr lange, bis ich zu einem Entschluß kam, wenn auch dieser Entschluß mir etwas schwer fiel. Er hieß, nichts aus Liebe und Leidenschaft tun, nichts annehmen, sondern danken und abwarten.

Antworten aber mußte und wollte ich, ich tat es nach einiger Zeit und zwar schriftlich, statt zu telephonieren. Ich hatte gegen diese neue Einrichtung ein gewisses Vorurteil, man sieht dem Gegner dabei nicht ins Gesicht.

Ich schrieb also, ich hätte ihren Brief erst mit Verspätung erhalten. Ihre Besorgnisse seien unbegründet, in Lebensgefahr wäre ich nie gewesen, meine Verletzung hätte sich auf eine kleine Quetschung der Unterarmmuskeln beschränkt, alles sei längst geheilt. Ich würde mich aber sehr freuen, ihr nach so langer Trennung wieder zu begegnen usw.

Sie antwortete am gleichen Tage. Dieser zweite Brief war in größerer Eile geschrieben als der erste, der Medizingeruch war deutlich, der Parfümgeruch fehlte völlig. Sie schrieb, sie wolle mir in aller Kürze die volle Wahrheit sagen. Ich dürfe mir nicht mehr ein falsches Bild von ihr machen. Sie fürchte, ich habe mich über ihren ›Rang auf der sozialen Stufenleiter‹ getäuscht. Sie brauche aber Klarheit um sich und bitte mich, ihr stets die Wahrheit zu sagen, so wie sie selbst sich stets an die Tatsachen halten wolle. Sie könne im Augenblick nicht über ihre Zeit verfügen, nicht so, wie sie vielleicht wolle, aber mit der Zeit würde Rat kommen, und sie bitte mich, die schlechte Schrift zu entschuldigen und ihr gelegentlich zu antworten, wenn es mir jetzt noch der Mühe wert sei.

War das nicht die Stimme meiner Mutter, sprach aus diesen Worten nicht das ›brave Weib‹, das tapfere Ehegespons? Vielleicht doch nicht ganz. Denn obwohl sechs Monate zwischen unserer ersten Begegnung und diesen zwei Briefen lagen, entsann ich mich noch zu deutlich ihres verschleierten Blickes, und mehr noch, der wollüstigen, werbenden, fliehend begehrenden Geste, die in dem Versenken ihres Gesichtchens in den stahlgrauen und perlgrau schimmernden hohen Opossumpelz bestand.

Ich antwortete diesmal erst nach langem Zögern, denn ich fand die Worte nicht. Wahrscheinlich verlangte ihr Brief im Grunde keine Antwort. Sie, nicht ich, hatte sich auszusprechen, ich hatte zu warten, und alles so aufzunehmen, wie ich es wollte und sie es verdiente. Von meiner ›Liebe‹ hatte ich zu schweigen, da mich Karla nicht darum gefragt hatte. Ich hatte an ihm gelernt.

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