Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/weiss/verfuehr/verfuehr.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101110
projectidf6d04d2a
Schließen

Navigation:

5.

Am schwersten fiel mir in der Schule die Mathematik, Geometrie, Algebra. Aus Widerspruchsgeist gab ich mir bald die größte Mühe gerade mit diesen Gegenständen. Die verwickelten Aufgaben in immer kürzerer Zeit, auf immer weniger Umwegen, immer klarer zu lösen, ›eleganter‹, wie es im Schuljargon heißt, das war nur der Anfang. Die schwerste, wichtigste Schule bestand aber für mich darin, die Beweise der Lehrsätze, die Ableitungen der Formeln selbst zu finden. Weder auf den Professor zu warten, der sie vortrug, noch in dem Lehrbuch nachzusehen, wo alle Beweise sich bereits gedruckt vorfanden. Die Kameraden glaubten der Autorität, sie lernten auswendig. Ich wollte (auch dies ein Größenwahn der Jugend) selbst meine Autorität sein, ich lernte inwendig. Unnütze Zeitverschwendung?

Und doch brachte ich mit Stolz eine halbe Nacht damit zu, die Ableitung für den binomischen Lehrsatz in meinem Geist, in meiner Logik, in meiner Kombination zu finden. Nicht nur unnütz, sondern dieses – wie viele andere Male – vergeblich! Die Wonne verwandelte sich in Müdigkeit und Gram. Endlich erkannte ich, daß mein Grübeln mich nur verwirrter mache. Ich wollte aber nicht verzweifeln. Ich konnte mich nicht geschlagen geben. Ich kam lieber ›unvorbereitet‹ in die Schule, wurde gerade an diesem Tage geprüft, und wenn ich mich auch der unsinnigen Hoffnung hingegeben hatte, vor der schwarzen Schultafel den Beweis zu finden, so mußte ich doch voller Beschämung, die Kreide zerbröckelnd, schweigen. Meine Kameraden, die bis jetzt meinen geistigen Hochmut bewundert hatten, statt ihn, wie ich es später selbst tat, zu belächeln, flüsterten mir die Lösung zu. Ich war nicht imstande, ihnen die lange gesuchte Wahrheit abzulauschen. Ich kam mit einer schlechten Note heim, aber an meiner Energie zweifelte ich weniger denn je. Ich erzählte diese komischen Abenteuer meiner Mutter. Sie als frühere Lehrerin begriff sofort das Unsinnige daran, sie warnte mich. Mein Vater kam hinzu, lächelte zerstreut. Er sagte nichts. Ich glaubte mich damals weit von ihm entfernt (seit dem Besuch in seinem Büro), aber in Wahrheit waren wir uns näher denn je. Denn auch er hing unnützen Spekulationen nach, die über seine Kraft gingen, wenn auch in ganz anderer Weise. Ich grübelte über den binomischen Lehrsatz, der längst von großen Genies gefunden war, er grübelte über seine Kombinationen, die ihm Millionen verschaffen sollten, ein Palais, den Adel, einen Sitz im Gemeinderat ... Er setzte alles, was er hatte, und vielleicht noch etwas mehr auf eine Karte. Für wen? Nicht für uns! Das hatte ich erkannt, als ich vor seiner Tür vergebens auf ihn gewartet hatte.

Er studierte den Stadtplan, um zu sehen, nach welcher Richtung sich die Stadt ausbreiten würde. Hier und da in der Provinz kaufte er unbebaute Grundstücke, sich schlecht rentierende Zinshäuser, verlassene Villen, Gärten und Felder auf. Er hielt sich nicht lange mit Überlegungen auf: »Flott, flink und federleicht!« wiederholte er oft. Aber glaubte er an sein Glück, an seinen Stern? Er verkaufte die ›Gründe‹ weiter, oder er ließ sich die Realitäten hoch belehnen, er tauschte sie gegen andere um, oft mußte er sie aus einer ›schwachen Hand‹ wieder zurücknehmen.

Aber er erzählte nur von den Gewinnen. Telegraphenboten kamen, fürstlicher Trinkgelder gewiß, auch nachts, die mürrischen, abgeschabten und strengen Steuerbeamten suchten ihn morgens auf, er hatte seinen Anwalt. Alte, aber noch gute Häuser ließ er niederreißen und machte mit Architekten oder Gruppen kühne Verträge. Zum Bauen gehörte viel Mut, aber noch mehr Geld. Die Architekten stürmten unsere Wohnung, mein Vater konnte sich weder in seinem Büro noch bei uns vor ihnen retten. Hatte er aber das Geld besorgt, dann mußte er hinter ihnen bei Tag und bei Nacht her sein. Er stand in seinem hellen Mantel den ganzen Tag auf dem Bau, trieb die Polierer und Maurer bis zum letzten Tagelöhner und ›Ziegelschupfer‹ an, und alle waren froh, daß sie für ihn arbeiten konnten. Er sparte nicht, denn sparen bringe kein Glück sagte er, Glück aber war die Hauptsache. Kaum waren die Mauern etwas ausgetrocknet, als die ersten Mieter einziehen mußten. Dann kamen die Termine, vier im Jahr, und wir zitterten alle um die Mieten, denn auch unter den vielen neuen Mietern gab es manche schwache Hände.

»Wenn die erste Jahresmiete bis morgen Glockenschlag zwölf nicht da ist, richtet mich die Bank zugrunde.« Das Wort verlor sich dumpf, unheimlich in seinem Bart. Wie sehr zitterte ich bei diesem Unglückslaut, wie blaß wurde meine Mutter, selbst mein ahnungsloses zartes Schwesterchen verkroch sich in eine Ecke mit den Spielsachen, die sie von mir geerbt hatte. Und doch schien er eine gewisse Wollust bei diesem Worte zugrunde zu empfinden.

Eines Tages sandte er die ganze Familie in die Kirche. – »Betet! Betet um Sonnenschein!« Wie meist, wie bis jetzt noch immer hatten wir Glück, die Regenzeit hörte auf und der Bau kam noch vor dem Herbst unter Dach und Fach. Ein anderesmal hatte er mit dem Grundwasser nicht gerechnet. Die Fundamente sackten nach einem Gewitter zusammen. Wo war jetzt: Flott, flink und federleicht? Nur durch ein Wunder konnten wir vor dem ›Zugrunde‹ gerettet werden. Und wurden gerettet. Auch hier fragte ich mich nicht nach dem Warum. Ich war sehr froh und alle mit mir. Waren das Gebet, der Himmel, der Heiland (den ich mir als jungen Menschen, wenig älter als ich vorstellte), die Rettung? Verdankten wir der Hilfe Gottes, des Allmächtigen, das Wunder? Nein, meine Mutter klärte mich heimlich auf, die Rettung kam vom grünen Tisch, vom grünen Rasen. Mein Vater spielte, er setzte auf junge, dreijährige Pferde, er setzte auf Sieg und auf Platz. Einmal nahm er mich sonntags heimlich gleich nach dem Essen zum Rennen mit, er erklärte mir alles wie seinem Freund. Er hatte aber nicht den Mut, den Ausgang der Rennen abzuwarten, und vielleicht zuzusehen, da der Name eines ›fremden‹ Pferdes am Totalisator hochgezogen würde. – »Nie wieder!« sagte er beim Fortgehen, halb lustig, halb verzweifelt lächelnd, als wir vor dem verlassenen Ausgang standen.

In einer vor Hitze knisternden Holzbude zählte ein eisgrauer alter Beamter den Erlös der Eintrittskarten. Der Tee auf dem Dache glänzte in der prallen Sonne, über den gemähten Wiesen flirrte die Luft. Dann ging mein Vater. Man hörte die Glocke klingeln. Das Heranrauschen der Hufschläge auf der Erde, das Rufen und Klatschen der Zuschauer und ihr Verstummen. Plötzlich dachte ich an A. v. W. Da begann es von neuem auf der Erde zu trommeln. Die Pferde kamen zum zweitenmale vorbei. Es war noch nicht entschieden.

Er war schon fern. Seine hohe Gestalt hob sich kaum von der strahlenden weißen staubigen Landstraße ab, die sich zwischen den kurzgeschnittenen, weiß bepuderten Hecken in gerader Linie hinzog. Ich kehrte zu dem Sattelplatz zurück, für den wir die zwei teuren Karten gelöst hatten. Mich reizte das Gewinnen nicht. Ich verstand vom Geld noch zu wenig. Herrlich fand ich die prachtvollen Pferde mit den bunten Jockeys. Es war ein wolkenloser, aber schon etwas müder Tag, am Ende des Sommers. Unsere Pferde gewannen. Warum hatte sich mein Vater diese Freude versagt? Er hatte richtig gesetzt. Er hatte ungewöhnliches Glück. Er? Wir alle! Wir hatten die Sieg-Quoten 26 : 1,5 : 1 und zweimal wenigstens Platz.

Ich sollte ihm die Nachricht in sein Kaffeehaus bringen. Ich hatte noch niemals eine so riesige Summe in der Hand gehabt. Atemlos vor Stolz, Freude und Aufregung kam ich an, aber er winkte mir ab, müde und bleich in seinem weißen Leinenrock, der nicht in die schmierige Umgebung hereinpaßte ... Ich habe niemals gewagt, über ihn zu urteilen wie über andere Menschen.

Ich mußte die großen Banknoten eine nach der anderen aus der Hand geben. Er war dauernd im Verlust. Meinen Blicken wich er aus. Ich hockte hinter ihm, hielt den Atem an und wünschte nur eines: Wäre er wenigstens glücklich gewesen! Ich schweige über unseren Heimweg. Er mußte doch jemandem Vorwürfe machen. Mich machte auch dies glücklich.

Unser altes Dienstmädchen, der treue Geist, sie, die seit zehn Jahren an einen Kaminfeger ›versagt‹ war und dennoch meine Mutter und uns ›arme Kinder‹, wie sie uns nannte, nicht verlassen wollte, fand am nächsten Morgen die blutroten Eintrittskarten zum Rennplatz in meinen Taschen. Auf eine hatte ich mit Kopierstift ein A geschrieben. Marthy zeigte sie meiner Mutter, die sie im Küchenherd verbrannte.

Mich nahm er seitdem nie mehr zum Rennen mit. Er war nicht mehr der alte. Oft kehrte er am Vormittag noch einmal zurück in unsere Wohnung, mit ganz verlorenem leeren Blick, totenstill, klein geworden. Um den Tag zum zweitenmal zu beginnen, legte er sich zu Bett, aber er stand bald nachher flott und federleicht ein zweitesmal auf, den Blick wieder lebhaft, die Stimme klangvoll, ein Bild der Jugend und Gesundheit wie immer.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.