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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 58
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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13.

Als ich das jenseitige Ende der ziemlich waagrecht, aber in einer Kurve verlaufenden Traverse schon vor mir sah, schlang ich das Seil nicht nur einmal wie bisher, sondern drei- oder viermal um meinen linken Unterarm, um es nicht durch das Ziehen auf dem aus scharfen Felsblöcken bestehenden Saumpfad abzunützen. Schon wollte ich mich endlich einem wunschlosen Glücksempfinden hingeben, (das vielleicht eine Art Rausch war infolge der dünnen, herrlichen, kalten Luft und der Höhe), als ein furchtbarer Schmerz meinen linken Unterarm durchschoß, ausstrahlend bis in die Fingerspitzen, zugleich riß etwas an mir, an meiner Schulter, meiner Brust, das Seil spannte sich jäh, ich hörte – alles in der gleichen Sekunde – etwas mit lautem Scharren und Krachen in die Tiefe stürzen, ein harter Fluch ertönte von Wharfs Lippen in einer fremden Sprache, und keine Sekunde später, während das Kollern des Gerölls sich noch verstärkte, hörte ich bereits Karl mit gellendem, langem, verzweifelten Schrei nach Hilfe rufen. Jetzt erst, als das Seil fast bis zum Reißen gespannt war und einen hohen Ton wie eine gespannte E-Saite von sich gab, zerrte es mich mit dem Oberkörper mit Macht hinab, ich warf mich aber ebenso mit Macht nach vorn, bohrte den Stock mit dem rechten Arm mit seiner eisernen Zwinge so fest zwischen die Steine, als ich vermochte, und als ich merkte, daß dies nicht genügte, ließ ich mich ins Knie nieder, vor allem bemüht, meinen Arm von dem Seile freizubekommen – und gegen das Fluchen Wharfs und das Jammern Karls solange unempfindlich zu bleiben, bis ich mich selbst gerettet hatte. Aber meine Versuche, den Arm aus der Schlinge zu ziehen, waren vergeblich. Das Seil schnitt nur schärfer durch den dünnen Lodenstoff der Steyrerjoppe in das Fleisch, und schon begann ein Ring von dunkler Feuchtigkeit sich hier zu zeigen, Blut. Immer noch auf den nackten Knien, mich mit beiden Händen an den Bergstock klammernd, sah ich mich notgedrungen nach Karl um. Er war die steile Schneeböschung hinabgestürzt, hatte sich aber, so weit das Seil reichte, erfangen und gehalten. Da unten lag er in Eis und Schnee, die Brust nach vorn, den Kopf voran, das heißt nach unten, die Hände in den Schnee eingekrallt, die Arme weit ausgebreitet, als wolle er den Schnee umarmen, die Füße in den Schnee eingebohrt, die Fersen nach oben. Konnte er aber noch lange so bleiben? Er hielt sich nicht ganz sicher, ich sah (und fühlte an der immer stärkeren Spannung des Seils, das mich mit ihm verband), daß er immer etwas weiter glitt, wenn auch nur noch wenig im Vergleich zu dem ersten gewaltigen Sturz.

Zum Glück war das Seil unter seinen Achseln nicht so fest geknotet, als daß es nicht etwas nach oben hätte nachgeben können. Es faßte ihn also statt unter den Achseln etwas weiter unten, aber mindestens ebenso fest, und ich bekam etwas Luft. Aber der Schmerz im linken Arm war fürchterlich und wuchs, statt abzunehmen!

Und Wharf? Statt an Karls Rettung zu denken, ohne meinen eingeklemmten Arm zu sehen, hatte er zuerst, genau wie ich, sein eigenes Leben nach Möglichkeit gesichert, indem er sich auf die Knie geworfen hatte, den Hintern auf den Fersen, den Oberkörper nicht weiter vorgebeugt, als es unbedingt nötig war. Denn je gerader er sich hielt, desto sicherer war er.

Aber was tat dieser Mensch? Er hielt immer noch in seinen Händen den Apparat und machte ruhig oder stupid oder heroisch Aufnahme nach Aufnahme, mit dem blinkenden Visier des Objekts nach mir zielend oder in die Tiefe der Schneeböschung nach Karl hin, der nicht aufhörte, so laut zu schreien, daß ich mich mit Wharf anfangs nicht verständigen konnte.

Ich mußte einen Entschluß fassen und zwar sofort. Handeln, gut. Aber allein? Mit Wharfs Hilfe? Zu rechnen war in dieser Minute nur mit mir. Ich ließ ihn also tun und lassen, was er wollte.

Alles hatte sich im Zeitraum von wenigen Augenblicken abgespielt. Noch rieselten von dem Stück der Traverse, das Karl zum Verhängnis geworden war, kleine Felspartikel ab und folgten Karl in die Tiefe, ja noch weiter. Sie rollten ohne lautes Geräusch, mit knisterndem Laut über den Schnee, und viel später hörte ich sie sehr tief unten in dem unsichtbaren, dämmerigen Felsengrunde niederfallen, dumpf tönte es herauf.

Karl war plötzlich verstummt. Um so besser! Um so ruhiger konnte ich meine Entscheidung treffen.

Konnte ich mich allein retten? Den Teil des Seiles kappen, der von meinem Arm zu Karl reichte, und der mir nach wie vor mit unbarmherziger Gewalt ins Fleisch schnitt? Ich hatte ein gutes Messer bei mir, ich hätte die große Schneide mit der rechten Hand unter Zuhilfenahme der Zähne frei machen können. Mir widerstrebte es. Der Umstand, daß der unselige Karl schwieg, daß er nur ein kleines, bitteres, trockenes Hüsteln zu uns emporsandte, bestimmte mich dazu, seine Rettung zuerst zu unternehmen.

Vor allem war ich aber, solange das Seil hielt, ebenso hilflos wie er. Ich versuchte, meinen Arm dadurch frei zu bekommen, daß ich das Seil mit dem rechten, stärkeren Arm zentimeterweise, millimeterweise zu mir empor zog. Vergebens. Ich konnte ja Karl nicht mit einer Hand hissen. Außerdem klammerte er sich unten fest, und mit Recht! Ich verlor bloß mein Gleichgewicht, – (auf den Knien ist man ja nie in gutem Gleichgewicht!), und ich wäre beinahe Karl nachgefolgt. Auch diesen Augenblick verewigte der tapfere Reporter Wharf, nicht bedenkend, daß er vielleicht auch sich verewigte, und daß keiner von uns dreien lebend zurückkommen würde. Ich hatte die Schneebrille nicht mehr an. Schaudernd sah ich die Landschaft in ihrer strengen, unbarmherzigen Klarheit in der ungeheuren Tiefe vor mir. Natur? Friede? Kraft? Vielleicht konnte nur mein Instinkt mich retten? Wie konnte, wie mußte ich handeln? Der Natur gemäß? Welcher Natur? An Gott wagte ich nicht zu denken. Selbst jetzt stand mir vor Augen, daß er meinen Vater mir nicht gerettet hatte.

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