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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 56
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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11.

Gegen Abend des nächsten Tages klärte sich das Wetter auf. Wir gingen zu dritt noch spät in den nahen Wald. Er duftete sehr kräftig nach den frisch aufgeschossenen Pilzen, mehr noch nach den violetten Zyklamen, die ich von Wien her stets als duftlos kannte und die ein starkes Aroma nach Vanille ausströmten. Von einer Lichtung im Walde sahen wir, jenseits der im Lichte der Abendsonne funkelnden Matten, die dunkleren Nadelwälder der ansteigenden Höhen, durch schnurgerade, schmale Schneisen unterbrochen, wo auf Lichtungen Hunderte von schneeweißen entrindeten Baumstämmen nebeneinander zwischen Felsgeröll zum Transport ins Tal bereit lagen. Darüber begann das Niederholz, dann der pflanzenlose Stein, von einer gewissen Höhe angefangen war alles von Neuschnee eingehüllt. Aber in grellerem, härterem, gleißenden Weiß erhoben sich über dem Neuschnee die breiten Dachsteingletscher, aus denen wie Klippen die Spitzen des Gebirges hervorstachen, die wir besteigen wollten.

Wir hatten schon für den nächsten Tag alles vorbereitet, als das schlechte Wetter wiederkehrte. Zwischen Wharf und Karl entwickelte sich eine gereizte Stimmung. Sie behandelten einander zu höflich, niemand wollte die Wahrheit sagen, bis ich sie durch den Wirt erfuhr. Wharf hatte das Herz einer prallen steirischen Magd dadurch zu gewinnen versucht, (er sagte, man muß die Mädchen nehmen, wie sie gefallen), daß er sie mit seinem herrlichen Apparate photographierte. Unglücklicherweise hatte Karl, der immer alles sah, was er nicht sehen sollte, bemerkt, daß keine Platte eingelegt war. Er hatte dies der Schönen zu ›stecken‹ gewußt, angeblich keineswegs aus Neid oder Eifersucht, sondern nur wegen der wissenschaftlichen Wahrheit, einzig würdig eines gebildeten Menschen und um der Ehre willen. Hätte ich nur nicht genau gewußt, daß Treue und Ehre, aber auch Bildung und Wahrheit einem Mann wie Karl nichts als leere Ideale waren, die den Wahrheitsbeweis nicht anzutreten brauchten, hätte ich die beiden versöhnen können. Nun hielt ich mich zurück. Natürlich wäre mir lieber gewesen, die beiden hätten vor unserer Tour den Streit mit den Fäusten statt mit spitzigen und allzu sehr geschmückten Redensarten ausgetragen.

Wir brachen erst am vierten Tag früh morgens auf. Zuerst gingen wir alle drei nebeneinander, ich in der Mitte. Die Wege waren noch breit und gemächlich, die Feuchtigkeit war bis auf geringe Reste in den queren Wagenrasten aufgesogen, die Farne und das Waldgras am Wegrand waren mächtig aufgeschossen, alles üppig, strotzend, voll Duft; Sonne zwischen den Ästen und Vogelsang, Holzfäller mit ihren Beilen hämmernd, mit ihren Sägen arbeitend, einander über einem stöhnenden und zitternden Baumstamm gegenüberstehend, mit nacktem Oberkörper, die Pfeife im Bartgestrüpp, ein Förster, den Hund an der Leine, ein paar Touristen, die wir bald aus den Augen verloren.

Leichte duftige Nebel zogen sich zuerst über uns, dann in einer Höhe von etwa 1600 Meter rings um uns zusammen. Wir stiegen ohne Schwierigkeiten, Wharf sang, Karl, der sonst wortkarg war, erzählte mir, mich mit dem Seil streifend, das er um den dünnen Hals trug, von seinen Plänen. Er war entschlossen, sich nur jenem Beruf zu widmen, zu dem er sich am wenigsten eigne, und gab an, er hätte sich auf Anraten der Magd im Wirtshaus zu dem Beruf eines – Tierarztes entschieden, weil es sich herausstellte, daß ein solcher, (freilich kein akademischer, sondern nur ein Bauerndoktor für das Vieh) das Herz der Kleinen gewonnen hatte. Ich hätte es lieber gesehen, er hätte geschwiegen. Aber das eine gute hatte seine Bosheit, daß Wharf zu grölen aufhörte und besser auf die Wegmarkierungen achtete, was seine Pflicht war.

Karl trug also unser Seil. Er behauptete, es werde, da es die Feuchtigkeit anzöge, von Stunde zu Stunde schwerer. Als ich es anfaßte, war es beintrocken. Ich drohte ihm mit einem Backenstreich, und als das nichts half... Endlich gab er sich zufrieden. Als wir noch etwa zweihundert Meter höher waren, wichen unter uns die neuen Nebelmassen, von einem kräftig aufsteigenden Talwinde erfaßt, auseinander, die Landschaft entschleiernd.

Noch waren hier die Wälder nicht zu Ende, aber es waren nicht mehr die alten Tannen und Kiefern. Hier standen keine fast meterdicken Stämme mehr, aus denen dicke honigfarbene Harztropfen hervorstrotzten, in denen sich ein Sonnenstrahl in Diamantenblitzen brach, wenn er durch das Gezweig geschlüpft war. Es wurden die Baumbestände zwar dichter, die Stämme aber dünner, der Bodenwuchs war stärker, das Gras war noch saftiger, viel mehr Blumen wuchsen hier, von Erdbeeren und Himbeeren ganz zu schweigen. Die Brombeeren freilich waren noch grün und hart. Ihre dornigen Ranken faßten nach uns und in der Stille hörte man sie mit einem krachenden Laut zerreißen, wenn wir unseren Weg auf dem schmalen Pfad verfolgten. Bald kamen nur noch Matten und dann, dem Boden angepaßt, wie auf dem Bauche ihm anliegend, krumme, sehnige, wie in einen Knoten geschlungene Bäumchen oder Sträucher, wetterfest, zähe angeklammert, genügsam, mit magerem, aber unverwüstlichem Grün. Der Duft der Nadeln aber wogte in der trockenen, zitternden, heißen Luft. Hier waren die Berglatschen. Wir mußten eine Höhe von über zweitausend Metern erreicht haben. Die Matten waren voll Saft und Glanz nach den letzten Regengüssen, aber nicht frei von Steinen, die von den höher gelegenen Steinhalden im Laufe langer Zeiten herabgerollt waren. Die Kühe kletterten nicht ohne Anmut die steilen Hänge hinauf, sie sprangen wie Ziegen hinab, lebhaft mit den kupfernen Glocken läutend. Die Luft wurde kälter, klarer und härter, aber immer noch balsamisch, ein Bach, der neben uns in schmalem Felsbrett zu Tale schoß, rauschte sehr stark, vielleicht weil die Luft hier schon viel dünner war und den Ton besser leitete; es war hier die Sicht viel weiter und deutlicher, neue Täler taten sich, bis in die azurene Tiefe erhellt und in allen Einzelheiten sichtbar, bei jeder Biegung des Weges vor uns auf. Es war immer das gleiche, Matten, Forste, mit Steinen gesicherte Holzdächer, hier und dort ein Kirchlein mit zwiebeiförmigem Turm, eine Mühle an einem glitzernden Wasserstreifen, und eine noch größere Zahl von Seen, Silber und Azur, aber schon viel kleiner im Vergleich zur letzten Aussicht. Auf einem sahen wir, wie ein Schwimmkäferchen auf einer Wasserlache, ein Dampfschiff zähe vorwärtsstreben, und es erreichte uns sogar der ferne Klang der Schiffsglocke. Breite schwarze Holzkähne zogen dahin.

Die Markierungen waren jetzt statt an Baumstämmen nur an Steinen mit glatten Oberflächen angemalt und so schwer zu erkennen, daß ich Wharf bat, mehr auf sie und weniger auf Gelegenheiten zum Photographieren zu achten. Wir machten die erste größere Pause im Stehen. Jetzt hielten wir über dem gleichen Walde, den wir gestern abend von unten her gesehen hatten, und waren so hoch, daß die reihenweise geordneten Baumstämme unter uns wie Streichhölzchen erschienen, die aus der Schachtel herausgefallen sind und die eine Kinderhand geordnet hat.

Hier begannen die Sandmoränen. Sie waren zum Teil ›ausgeapert‹, das heißt durch die Sonne vom letzten Neuschnee befreit, zum Teil aber gab es weite schneebedeckte Partien, bei denen man nicht wußte, was unter dem Neuschnee war. An einigen Stellen war er vom Wind zu dichten Schneewächten zusammengeweht, an anderen füllte er kleine, aber tückische Gruben und Felsspalten aus. Der Wirt hatte uns des Neuschnees wegen geraten, noch einen Tag unten zuzuwarten, aber Karl, der immer das Schlechteste annahm, hatte diesen Rat mit dem Geschäftsinteresse erklärt. Wahrscheinlich hatte er Angst, die Magd könne Wharf trotz dem photographischen Mißgeschick dem Viehdoktor vorziehen.

Bis jetzt war alles ganz einfach gewesen und mußte ferner, bis auf eine kleine Traverse, gar nicht sehr delikat sein, sofern wir uns nur streng an die Markierungen hielten. Aber gerade hier war der Neuschnee für uns eine unvorhergesehene Erschwerung, er hatte viele von den Marksteinen zugedeckt. Und dann blendete die Sonne auf dem frischen Schnee so, daß wir oft die im Laufe der Zeit etwas abgeblaßten Markierungen nur schwer erkannten, selbst wenn der Stein frei lag. Unter der Schneebrille aber verschwanden die Zeichen völlig. Wir brachen nun wieder auf.

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