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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 53
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8.

Meine Mutter wollte es mich nicht merken lassen, wie sehr sie über mein Fernbleiben enttäuscht war. Sie schrieb von jetzt an nicht seltener, aber noch kalligraphischer und inhaltloser als bisher. Hätte ich nicht durch Marthy ausführliche Nachrichten erhalten, wäre ich vielleicht noch unruhiger, noch abgehetzter gewesen als ich es war. Ich wollte die Mutter nicht ganz verlieren, ohne etwas anderes gewonnen zu haben. O. aber war kein Gewinn, sie quälte mich, obgleich ich sie nicht liebte. Auch jetzt nicht. Ich sah nur, daß ich an sie gefesselt war, sie aber nicht an mich. Der Umstand, daß der letzte von mir gesetzte Termin, das Osterfest, verstrichen war, ohne daß sie mich auch nur eines Wortes gewürdigt hatte, hatte mich leider nicht ganz hoffnungslos und ganz ruhig gemacht. Ich hoffte nur darauf, nichts mehr von ihr zu hoffen, und darauf, sie vergessen zu dürfen.

Als ich eines Abends auf den Bahnhof ging, bloß um einen Zug zu der gleichen Stunde abfahren zu sehen wie damals, war mir, als ob ich mich niemals von dieser kindischen Sehnsucht befreien könne. Mit O. schien alles von mir zurückzuweichen, mich zu fliehen! Aber im Grunde war ich es, der floh, der sich verbarg, und von einem Schatten das verlangte, was nur das lebendige, wenn auch nüchterne Licht zu geben vermochte.

Komischerweise wurde ich an diesem Abend von alten Bekannten auf dem Bahnhof angesprochen. Es war die Kaiserliche Ratsfamilie, der Vater mit dem Sohn, der endlich die Prüfung bestanden hatte und nun sein erstes Sommersemester in Wien zubringen sollte. Der Abend zu dritt verlief amüsanter, als ich es hätte hoffen können. Kam es also nicht unbedingt darauf an, daß gerade O., dieser und kein anderer Gegenstand der Sehnsucht bei mir weilte? Genügte ein Kaiserlicher Rat, der von undurchsichtigen Geschäften lebte, (das Krawattengeschäft war nur eine Fassade, und Peters spielte jetzt eine große Rolle bei den ›kommerziellen Unternehmungen‹), und hatte ich genug Interesse an seinem nicht so sehr hoffnungsvollen als vielmehr verzweiflungsvollen Sprößling, um mich und meine sentimentalen Leiden etwas zu vergessen? Seltsamerweise hatte dieser Abend noch einen zweiten Trost in sich: ich sagte mir, und beruhigte dadurch mein etwas angekränkeltes Gewissen, daß wenn ich mich beruhigte, auch meine Mutter sich über meine Abwesenheit in dieser oder jener Weise trösten werde. Denn vielleicht war ich ihr das, was mir O. war.

Der Kaiserliche Rat reiste am nächsten Tage ab, nachdem er im Justizministerium eine erfolgreiche Konferenz mit den maßgebenden Persönlichkeiten über die Verwertung der Sträflingsarbeit und über die Verzinsung und Amortisation der dabei aufgewendeten Kapitalien gehabt hatte. Der Sohn, so phlegmatisch und lebensabgewandt er war, zeigte sich in geschäftlichen Dingen als ungemein kenntnisreich. Nichts interessierte ihn, er verneinte alles, aber alles wußte er. Sein Vater wollte, daß der Staat erstens das Risiko trage, zweitens, daß er ihm die braven arbeitswilligen Häftlinge zur Verfügung stelle zwecks Herstellung konkurrenzfähiger Ware, und drittens, daß der Staat ihm womöglich auch den Absatz dieser Sträflingswaren, – (Raubmörderpantoffeln und Kindsmörderinnenspitzenröcke, witzelte der Sohn) – sicherstelle durch Verkauf an die k. k. Beamtenorganisationen.

Dem Staat als solchem waren weder Vater noch Sohn besonders wohlgesinnt. Dem Vater schien der Staat als ein zwar zahlungsfähiger und kreditwürdiger, aber einfallsloser und träger Geschäftspartner, aus dem jeder herausschlagen müsse und dürfe, was nur möglich sei, schon um sich für die unsinnig hohen Steuern und Gebühren schadlos zu halten. Für das Genie von Sohn aber war der Staat die Wurzel des gesellschaftlichen Übels, »von den Oberen kommt die Pest, und der Fisch stinkt vom Kopfe her«, ließ er sich kurz darauf an einem Abend in meinem Kabinett vernehmen, unvorsichtig genug, denn Wharf, der kaisertreue Reporter, der österreichische Engländer, hörte zu und riß seine grünen Augen auf, so vor den Kopf geschlagen, daß er nicht wagte, zu widersprechen. Vielleicht dachte er an einen Artikel, der sich mit der anarchistischen Geistesströmung der dekadenten Jugend beschäftigen sollte. Ich freilich hätte Wharf eigentlich warnen sollen.

Ich wußte nicht, ob es Karl mit diesen Reden ernst sei. Er redete langsam, er tat, als müsse er die Worte zusammensuchen, machte unnötige Pausen, aber dies war alles nur Theater, denn seine Sätze waren so gut gedrechselt, und sein Gehirn hatte die mephistophelischen Gedanken schon so klar kristallisiert, daß die Sätze ihm bereits druckfertig von den dünnen, wäßrig roten Lippen traten. Man kam auf lebensfähige Ideale zu sprechen, Karl – (welch häßlicher, knarrender Name! dachte ich, ein Name, der trocken hüstelt!), zählte folgende auf: Nation, internationaler Sozialismus, Christentum und den antiken Humanismus, Sinn für Schönheit der Form und Gerechtigkeit im Zusammenleben der Völker und der Menschen. Wharf fragte ihn, begierig, endlich etwas Positives zu hören, oder ebenso bereit, etwas Haarsträubendes für seine Leser aufzufinden, zu welchem Ideal er sich bekenne. »Zum Ideal des blonden saftigen Wienerschnitzels mit einer guten Salzgurke«, sagte Karl mit Grabesstimme sehr ernst. Wharf ereiferte sich, widersprach endlich und hoffte auf eine Diskussion, denn er liebte solche, abgesehen von den Informationen, schon um sich in der deutschen Sprache zu üben, in der er immer noch komische Schnitzer machte.

Aber Karl antwortete nicht mehr. Dann aber, als die Rede längst auf ganz andere Dinge gekommen war, kam es, mit einem leisen, trockenen Hüsteln begleitet, aus seinem Munde: »Ideale brauchen keinen Wahrheitsbeweis anzutreten. Je falscher desto besser, es sind falsche Wegweiser, die den Wanderer in die Irre führen, selbst aber ruhig an Ort und Stelle bleiben, die Lüge ist das Brot der Masse und der Staat ist eine Brotfabrik von zahlungsunfähigen Idealen, die Lüge des Staates ernährt die Lüge des Patriotismus, die Lüge der Gesetze ernährt die Lüge der Justiz, und die legale Befolgung der Gesetze ist mit Lebensgefahr verbunden, siehe Christus, Sokrates und mich.« Das Staunen Wharfs kannte nun natürlich keine Grenzen. Er wußte nicht, war Karl ein ernster Spaßmacher, oder war er ein staatsgefährlicher Anarchist?

Man sprach von Verbrechern. Karl gab vor, mehr als einen zu kennen und zwar solche Kerle, die noch warmes Blut an den Fingern kleben hatten, aber mit dem Genie des Instinkts überall und immer der Justiz zu entgehen verstanden. Es schien ihm nicht in den Sinn zu kommen, daß es seine staatsbürgerliche und soziale Pflicht gewesen wäre, sie der strafenden Gerechtigkeit auszuliefern, – vor allem aber, dem stets nach sensationellen Neuigkeiten lüsternen Journalisten Wharf Stoff zu einer ungeheuerlichen und ganz Europa interessierenden Reportage zu geben. Auf diskrete Fragen Wharfs ging er nicht ein, als dieser aber von den Entdeckungen eines jungen genialen Physikers zu schwärmen begann, der ihm gestern ein Interview und sogar Handzeichnungen gegeben hatte, sagte Karl, in einem Spitzbuben stecke manchmal mehr Poesie und Natur als in einem Stubengelehrten, und ein richtiger Raubmord, technisch vollendet, ohne Spuren vollbracht, bei dem einer Geld für sein ganzes Leben erbeute, so etwas sauge sich niemand aus den Fingern. Der größte Dichter Frankreichs sei der von der Justiz gebrandmarkte Raubmörder Villon, und Shakespeare, das höchste dramatische Genie der Menschheit, hätte Jagdfrevel getrieben und schändliche Verhältnisse mit jungen Kavalieren in unsterblichen Gedichten verherrlicht, Cervantes sei arretiert worden wegen Gaunereien mit Steuergeldern. Die Tugend sei schön, fromm, sauber, ungefährlich, aber steril, und es sei Zeit, daß ein heißer Wüstenatem durch den Taubenschlag Alt-Europas gehe! Dies konnte der konservative Wharf nicht ertragen, er empfahl sich. Karl lächelte ihm hüstelnd nach und nannte ihn mit verachtungsvoller Güte ein Herz von falschem Gold und echter Druckerschwärze. Da ich nur die Achseln zuckte, bestand er nicht länger auf meiner Gesellschaft und ging. Als er fort war, wollte ich an O. denken. Es gelang mir nicht. Meine Arbeit aber ging von jetzt an besser vonstatten.

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