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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 52
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7.

Die Vorstädte Wiens gehen zum großen Teil, nach Westen und Süden, in Weinberge, Weindörfer voller Weinschenken aus, – das nördliche Viertel, in dem ich wohnte, endete aber in dem großen Exerzier- und Paradeplatz der Garnison Wien, und ich sah häufig des Morgens große Truppenmassen zur ›Schmelz‹ marschieren. Wharf war voller Bewunderung für das Militär. Er liebte das Bestehende, er war dem alten Kaiserstaat zugetan. Ebenso liebte er aber auch die Gemütlichkeit und den Wein. Ab und zu klopfte er abends bei mir an und freute sich, wenn er mich, selten genug, im Hotelzimmer antraf. Er forderte mich auf, ihn in die Weindörfer zu begleiten, wo er besonders gute Quellen für das dünne, aber würzige Getränk kannte, das zum Glück für die bodenständigen ›Weinbeißer‹ keine lang dauernde Lagerung und keinen Transport verträgt, und das bekanntlich der Heurige heißt. Ich kam endlich mit, nachdem ich mich einige Male geweigert hatte.

Er trank. Ich trank noch mehr. Er wollte mich nach Kräften übertrumpfen, als söffen wir um die Wette. Aber bei einer solchen Wette hätte ich nicht einmal eine schäbige Silberkrone eingesetzt! Sein Gesicht begann in Seligkeit zu strahlen, seine rostroten Haare gerieten in Unordnung, komisch stach aus seinem hold geröteten Gesicht der violette Tintenfleck heraus, der von seiner unbotmäßigen Füllfeder herrührte und der auch dann nicht weichen wollte, als er sein Taschentuch in den Wein getaucht hatte und sich die Stirn damit abwusch. Er begann zu singen oder vielmehr zu grölen mit seiner heiseren Stimme und schlug den Takt mit den Füßen gegen die Querkante des alten Tisches. Er gedachte den wackeren Musikanten, die in Hemdsärmeln auf der hölzernen Estrade saßen, mit dieser musikalischen Unterstützung eine besondere Freude zu bereiten. Mitten im rührseligen, langgezogenen Liede blieben aber diese hemdsärmligen Musiker tückisch stecken, und ließen Wharf allein weitersingen, sehr zum Mißfallen der anderen Gäste. Er allein war zufrieden, rauschig, Freund Österreichs, der Frauen, der Schönheit Wiens und aller Welt.

Ich konnte den Wein als Wein genießen. Er war sicherlich besser als anderswo und billiger. Als guter Reporter hatte Wharf auch hier die richtigen Quellen herausgeschnüffelt. Nur berauschen konnte er mich nicht. Drei Liter hatten wir getrunken, und ich dachte mit Angst daran, wie Wharf heimzuschaffen sei, aber ich dachte eben, ich lachte nicht stumpfsinnig wie er, ich ließ den Tisch und die vorbeigehende Kellnerin in Ruhe. Ich sang nicht, vor allem sang ich nicht falsch mit! Ich war klar, leider überklar! Mit echter Betrübnis sah ich ein, daß mir der Wein, selbst der beste nicht, dazu verhelfen werde, mir selbst zu entgehen und unterzutauchen in der mir bis jetzt noch unbekannten, bewußtlosen, urtiefen Wollust des Rausches. Vielleicht war er animalisch, vielleicht halbgöttlich, mir war er nicht gegeben. Dieser nicht.

Was mich an Opossum quälte, war das Unvollendete. Es verließ mich auch jetzt nicht, es saß neben mir, an dem Holztisch unter den noch kahlen Nußbäumen, deren Zweige von den Kerzen in den Windlichtern von unten her beleuchtet waren. Ich malte auf den Zettel der Rechnung ein O nach dem anderen, sah und hörte nichts um mich. »Warum schreibst du eine Null und zwei Nullen und drei Nullen?« fragte Wharf, seinen Arm um mich legend, und mir den Weinatem ins Gesicht hauchend, voller Mitgefühl, denn er hatte sich mit mir, zum Glück nur für heute, verbrüdert. Was hätte ich ihm antworten sollen? Ich hätte ja jetzt, wo er sich im ›siebenten Himmel‹ befand, alles erzählen können. Aber mich trieb es nicht dazu, mich mitzuteilen.

Wir kamen von dieser Weinreise ›glücklich‹ heim, wenigstens er. Denn ein Wharf war im Grunde seines Wesens so sehr Reporter, daß er über ›Wiener Land und Wiener Leute beim Wein‹ einen reizenden Bericht zu schreiben vermochte, dem, sobald die stilistischen und orthographischen Fehler verbessert waren, niemand angesehen hätte, daß er von einem ›Zugereisten‹, also einem nicht in Wien geborenen Mann der Feder stammte, der seine Eindrücke trotz dem Genuß von dreieinhalb Litern starken Weins, (soviel kam zuletzt auf jeden von uns) gesammelt hatte. So war auch ein Wharf vielleicht doch nicht so sehr zu beneiden? Wenn ich meine O. nicht hatte vergessen können, so war er auch nicht so tief in den seligen Rausch untergetaucht, als daß er seine Berufspflicht vergessen hätte.

Ostern kam immer näher. Meine Mutter schrieb mir täglich. Niemals erwähnte sie den Besuch, den wir vereinbart hatten. Gerade das bewegte mich, es rührte mich. Ich schämte mich meiner selbst, ich gestehe es, und vielleicht zum erstenmal in meinem Leben, und ich hätte mich sogar selbst verachtet, wenn es möglich gewesen wäre, – – und doch blieb ich während der Osterfeiertage in der Stadt, ja, ich trieb es so weit, meiner Mutter nicht einmal mitzuteilen, ich käme nicht, unter einem billigen, aber glaubwürdigen Vorwand, zum Beispiel, ich habe zu arbeiten, Stunden zu geben, ich schwieg, erbärmlicherweise, so wie sie vornehmerweise schwieg.

Anderen Frauen mich zu nähern, (mich reizten die erfahrenen, die ›Schönen‹ im Grunde fast ebenso wie die unberührten Mädchen, die ›Blüten‹), vermochte ich nicht. So unsinnig es klingt, bei den einen hatte ich Angst, sie würden sich mir zu leicht hingeben, vielleicht durch meine äußere Gestalt angezogen, woran mir nichts liegen konnte, bei anderen fürchtete ich, sie könnten mir wie O., die Tochter sehr vornehmer, vielleicht adeliger und stolzer Eltern, einen zu großen Widerstand entgegensetzen und mich zu tief und lange leiden machen.

Aber war denn O. ganz für mich verloren? Was wußte ich denn von ihr? Je mehr ich mich gegen den letzten Rest einer Hoffnung wehrte, desto besser widerstand mir die Illusion. Diese leere, durch nichts auszufüllende Öffnung des O., (das doch nicht das Geringste mit ihr und mit ihrem wahren und mir noch unbekannten Namen und Wesen gemein hatte), verfolgte mich bei Tag und Nacht und saugte wie ein Strudel im Wasser mich hinab zu sich. Ich begriff, es war kein Glückstag sondern ein Unheilstag gewesen, an dem ich ihr begegnet war. Ich konnte nicht einmal meine Träume vor ihr schützen. Aber meine Träume waren viel bescheidener, viel kleinmütiger und tugendhafter geworden.

Nichts mehr von den fleischlichen, blitzartigen Entzückungen. Weder glühender Rost noch Rosenbett, sondern nur das kaum in Worten ausdrückbare Fühlen: Wärest du doch endlich bei ihr, selbst wenn sie dich dabei nicht sähe! wärest du ein Stäubchen auf dem silber- und stahlgrauen Pelz, den sie um den weißen warmen Hals trägt und wohin sie ihr kleines, rosiges schimmerndes Kinn versenkt. Oh, Elend über Elend! Und nur wünschen müssen, auch diese letzte erdgeborene Illusion möge ganz verschwinden und alles mit ihr untergehen, was ich mir zum Unheil hatte groß und schwer, überschwer werden lassen tief in mir!

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