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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 50
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidf6d04d2a
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5.

Ich lief nach Hause und kam atemlos vor Glück in meinem Zimmer an, nichts als Glück war es, das mich nicht schlafen ließ. Ich erwartete eine Nachricht von ihr für den nächsten Tag. Als mit der Post nichts kam, eilte ich in mein Hotel in der inneren Stadt. Aber an dem nichtssagenden Lächeln des Portiers erkannte ich, auch ohne zu fragen, daß weder ein Brief gekommen war, noch daß sie angerufen hatte. Sie? Ich wußte ja nicht einmal den Namen. Ich hatte geglaubt, mich dadurch überlegen zeigen zu müssen, daß ich nicht nach ihrem Namen und der Adresse gefragt hatte, so fest war ich von meinem Glück überzeugt gewesen. – –

Nach einigen Tagen pochte es morgens an der Tür, bloßfüßig eilte ich hin, um aufzuriegeln, (ich hatte mir seit den ersten Tagen, des Geldes wegen, angewöhnt, nur bei verriegelter Tür zu schlafen), und sah mich dem Postboten gegenüber, der mir, noch vom Treppensteigen schnaufend, einen dicken Brief reichte, – dessen Handschrift mir zuerst unbekannt zu sein schien. Aber es war nur die Handschrift meiner Mutter, die sich heute, als ob sie sich mir zuliebe mit dem besten Kleide schmücke, eine noch klarere und mehr kalligraphische Handschrift zugelegt hatte, auf die Gefahr hin, daß sie etwas Schülerhaftes und Fremdes dadurch bekam. Zu einem so dicken Brief voll neuer Nachrichten hätte es natürlich in der kurzen Zwischenzeit seit ihrer Abreise nicht gereicht. Aber meiner Mutter waren auf der öden Bahnfahrt, (und auf dem schlechten Platz, der sie im Zuge nicht schlafen ließ), einige ›anspruchslose Gedankensplitter‹ gekommen, die sie für eine Hausfrauenzeitung bestimmt hatte. Warum sollte sie es denn nicht versuchen, fragte sie mich. Eine schöne Hand hatte sie ja, und der Text, den sie mir in der Abschrift sandte, konnte allen Menschen guten Willens von Vorteil sein.

Sie schrieb nach einer langen Einleitung, in der sie die Bibel und den ersten Sündenfall erwähnte, (nicht den Apfel Evas nannte sie so, sondern den Brudermord Kains an Abel!), von dem Geschlecht der Hirten, der ewigen Abels, und dem der Jäger, der nicht weniger ewigen Kains. Die anscheinend Schwachen wie Abel, waren in Wahrheit die Starken. Diese Art Menschen, (zu denen sie wahrscheinlich sich und mich rechnete) jagte, kämpfte und eroberte in der Urzeit wie jetzt nur deshalb, um das eroberte Wesen, Wild, Reh oder Berglamm oder Jungfrau oder Jüngling, für immer zu ›hüten‹ und es lebend und friedlich zu besitzen bis zu seinem natürlichen Ende. Die anderen, zu denen sie wohl meinen armen Vater und wie es schien auch Marthy rechnete, die, ohne daß ich genau wußte wieso, zu einer ›Strabanzerin‹ geworden war, diese nur scheinbar Starken kämpften, siegten und eroberten nur, um das Eroberte zu vernichten, ihrem Opfer das Blut auszutrinken in einem einzigen sinnlosen Rausch, und dann von neuem auf die Jagd zu gehen. Der ersten Art war der häusliche Frieden, die friedliche Arbeit, der regsame und häusliche Mann, das brave, sparsame, treue Weib, die sittsamen Kinder bestimmt, während die anderen... wozu dies alles ausmalen? Hatte sie es nicht selbst genugsam ausgemalt?

In meiner Wut über diese weisen Reden, die ich jetzt in meiner Sehnsucht nach Opossum am wenigsten erwartet hatte, überflog ich nur noch den Schluß der Epistel, und hier zeigte sich die Lehrerin, Schriftstellerin und Soziologin doch so sehr als echte Mutter, daß sie mir, dessen Unruhe sie vielleicht jetzt erst begriffen hatte, einen kleinen Trost, etwas für mich Erfreuliches, eine Zukunftshoffnung, eine Art Ziel geben wollte. Dies war nicht das berüchtigte Lehramt, noch auch das ehrsame Ehegespons, aus den Freundinnen Anninkas nur nach innerem Wert und güldenem Gehalt auserwählt, sondern mein kleiner Bruder, dem ich nicht allein Bruder, sondern auch ein Freund, ein Vater werden konnte und sollte. Dies alles war allerdings nicht neu für mich, aber es hatte einen gewissen Reiz. Dort täte ich not, sagte sie. Mußte ich ihn nicht lieben? Mußte ich nicht, geführt von seinem Kinderhändchen, in den Kreis der Familie zurückkehren, den ich voreilig verlassen hatte? Und so erzählte sie mir in dichtgedrängten Zeilen, um alles auf die letzte Seite zu bekommen, wie Postillion sie unlängst an der Bahn erwartet habe. Es hätte wild gestürmt und geschneit, und sie habe den Regenschirm aufgespannt; das Kind hätte sich von untenher an dem stählernen Gerippe des Schirmes mit beiden Fäustchen angehalten und gesungen aus voller Brust. Ich lächelte, etwas getröstet, bei dieser Erzählung. Sie war natürlich nicht wahrheitsgetreu, denn der Zug kam erst nach Mitternacht daheim an, und keine Gewalt der Erde hätte Marthy bewegen können, meiner Mutter ›ihr‹ Kind bei solchem Wetter und zu solcher Stunde an die Bahn zu bringen. Früher hatte meine Mutter nie gelogen. Keinem zuliebe. Hatte sie es von mir gelernt? Mir war bitter zu Mute, aber ich machte mich mit allen Kräften an die Arbeit, die ich in den letzten Tagen etwas vernachlässigt hatte. Es war kein rechter Trost, aber die beste Art der Betäubung blieb es immer! Ich studierte Philosophie. Der Philosoph machte sich über den Liebhaber lustig, und der Liebhaber vergalt es ihm mit gleicher Münze. Und dabei schien es mir doch, als ob meine Philosophie und meine sinnliche Leidenschaft einander nicht feindlich gegenüberstanden, kamen doch beide aus dem Wesen, das ich am meisten liebte: aus mir.

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