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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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4.

Um diese Zeit verkaufte mein Vater gegen den Rat meiner Mutter seine Werkstatt an seinen ältesten Gehilfen, und meine Eltern überlegten lange, was man beginnen sollte. Die Stadt entwickelte sich sehr schnell, kleine Dörfer, die in der Umgebung lagen, wurden eingemeindet, selbst Wälder, Wiesen und unbebaute Grundstücke. Viele Menschen wurden schnell reich. Mein Vater dachte daran, ein Grundstückbüro zu eröffnen.

Mein Vater muß jetzt noch mehr beschäftigt gewesen sein als früher. Er kam oft spät heim, einmal hatte er eine bereits etwas welke, seltene Blume im Knopfloch, manchmal war er noch nicht daheim, wenn es neun Uhr geworden war und die Schlafmüdigkeit mir die Augen schwer machte. Meine Mutter riet mir, ich solle ruhig aufbleiben und die Ankunft meines Vaters abwarten und noch mit ihm einen Bissen essen, sie zeigte mir sogar, wo die Speisen standen. Rechnete sie mit meinem Widerspruchsgeist, das heißt damit, daß mir das erlaubte Aufbleiben keinen Spaß machen würde? Ich ließ mich nicht stören und blieb. Endlich knarrte die Entreetür leise, mein Vater kam heim, seine Augen leuchteten in merkwürdigem Glanz, in seiner Tasche klingelte etwas Metallgeld. Er hatte einen starken, süßen und dumpfen Geruch an sich.

Er sagte, er sei beim Frisör gewesen und dieser hätte zuviel Parfüm genommen. Aber sein Haar, das hatte ich beim Kuß gemerkt, roch eher nach Rauch, Zigarrengeruch, das Parfüm kam von unten, aus seiner Rocktasche. Wir saßen einander gegenüber, er hatte ein müdes, aber eigentlich glückliches Gesicht. Er faßte jetzt etwas verlegen in seine Rocktasche, dann gab er mir die Zeitung zu lesen, die ich sonst nur heimlich mit größtem Genusse verschlang.

Ich tat, als ob ich lese, als er sich aus dem Fenster herausbeugte, ein kleines weißes Taschentuch herauszog, es an seine Schläfe, an seinen Mund hielt, und es dann, zu einem kleinen Knäuel zusammengeballt, aus dem Fenster warf. Er sah ihm nach. Der Wind hob seinen blonden Bart fort von seinem weißen glänzenden Halskragen. In diesem Augenblick trat meine Mutter in ihrem Nachtkleid ein, unerwartet von uns beiden. Er wandte sich errötend um, nahm mir die Zeitung aus der Hand und hieß mich schlafen gehen. Jetzt gehorchte ich ihm, ohne Zögern, ohne Besinnung. Bei ihm empfand ich den Widerspruchsgeist nicht, denn ich wollte ihm gehören. Es war mir traurig, daß er ein neues Geheimnis vor mir hatte. An der Schwelle zu meinem Schlafraum blieb ich stehen und sah empor. Vielleicht wollte ich den lieben Gott um etwas besonders Gutes und Frohes für ihn bitten, denn damals stellte ich mir Gott immer über meinem Kopfe, in die sogenannte Ewigkeit und Unendlichkeit hineinragend vor. Er mißverstand aber diesen Blick. Er lachte meiner Mutter zu und zeigte ihr, die ganz und gar nicht hinhörte, sondern mir stumm winkte, ich möge doch endlich gehen, zwei Ringe in der Decke eingelassen, welche die früheren Mieter der Wohnung zum Aufhängen von Zimmerturngeräten benützt hatten. Ich verbeugte mich vor meinen Eltern und ging schlafen, ich hörte sie sofort sehr schnell und leise reden, aber nicht so leise, daß ich nicht etwas davon hätte auffangen können. Das aber wollte ich um keinen Preis. Ich stopfte mir die Finger in die Ohren und schlief ein. Natürlich ließen die Finger bald nach und mein ganzer Körper löste sich in dem (auch an diesem Abend seligen) Gefühl der Müdigkeit, des sich Verlierens, des sich Anvertrauens, des an Gott, den unendlichen und ewigen Vater Glaubens, des sich an ihn und das ewige freudige Leben Dahingebens.

Am nächsten Abend kehrte mein Vater schon um sechs Uhr heim, er setzte sich zu mir, sah mir über die Schultern in meine Schulaufgaben, zog dann ein Notizheft heraus und schrieb meine Aufgabe, – (es war darstellende Geometrie mit verwickelten Zeichnungen), in seinem Hefte nach. Es war, als wolle er noch einmal in die Schule gehen. Das Gymnasium, das ich, als wäre es etwas Selbstverständliches, besuchte, war der große Traum seiner Kindheit gewesen. Meine Mutter war sehr froh über sein frühes Heimkommen. Das Parfüm schwebte noch um ihn, wie die letzte Erinnerung an einen Traum. Meine Eltern tranken Wein, von denen sie mir einige Tropfen in mein großes Wasserglas schütteten.

Nach der Mahlzeit, als meine Mutter die kleine Schwester zur Ruhe gebracht hatte, schleppte mein Vater ein großes, in blaues dickes Packpapier gehülltes Paket herein. Es enthielt Turngeräte, eine Schaukel aus gelbem glatten Holz, ein Reck, zwei Ringe aus Eisen, mit hellem Leder bespannt, und die dazu gehörigen Seile und eisernen Schnallen. Meine Mutter schüttelte den Kopf, plötzlich etwas ernst geworden. Vielleicht fürchtete sie, mein Vater wolle durch dieses Geschenk etwas gutmachen. Aber jetzt schoß geradezu eine fröhliche Flamme in den goldbraunen schönen Augen meines Vaters auf, als er meiner Mutter den Rücken streichelte, und auf ihren bloßen weißen Nacken hinflüsterte: – »Liebes! Nicht er, sondern du mußt es zuerst versuchen! Du mußt schaukeln!« Wie hätte sie ihm widerstehen können? Ich und er hatten das Turngerät oben mit Hilfe der Küchenleiter befestigt. Um es zu erproben, hatte sich mein Vater an die frischen, knarrenden Seile gehängt. Jetzt hob er meine errötende Mutter sanft auf die Schaukel, strich ihr zärtlich die Hausschürze über den Knien zurecht, und schaukelte sie lind hin und her, bis sie ihm, als wäre sie schwindlig geworden, mit beiden Armen um den Hals fiel. Jetzt durfte ich turnen. Welches Entzücken war es für mich, als ich, vom parkettierten Fußboden mich mit Kraft abstoßend, zuerst von der Erde aufstieg, und dann, durch Aneinanderziehen der Halteseile die Schaukel in immer sausendere Schwünge versetzte! – Unten saßen die Meinen und tranken sich zu, mein Vater spielte mit seiner von Ringen blitzenden Hand in den dicht und streng geflochtenen Haaren meiner Mutter, die still vor sich hin sah, ich aber flog fast zur Decke, die Augen schließend, tief atmend und wie berauscht, ihnen entgegen, dann nieder zur Erde, und zurück schwang ich in den dunklen kühlen Schlafraum.

Mein Vater hatte jetzt ein schönes Büro in der Stadt, aber dort sah er uns, meine Mutter, mich und meine Schwester (die jetzt schon fleißig lief und die ebenso um meine Freundschaft warb, wie die Trabanten in der Schule), – nicht gerne, wenn wir ihn unangesagt besuchten. Aber gerade das wollte meine Mutter. Einmal kam sie mit uns, ließ uns aber vor der Tür warten. Nachher aber eilte sie mit bitterem blassem Gesicht, mich mit der rechten, meine Schwester mit der linken Hand haltend, die Treppe hinab und atmete schwer, ihren gestickten Schleier lüftend, als bedrücke er sie. Zwei ältere, sehr kostbar und doch nicht schön gekleidete Herren, die Zigarren im Mund, mit dicken goldenen Uhrketten und Brillantennadeln in den auffallenden Krawatten, schnauften eben an uns vorbei die Treppe hinauf. Sie grüßten meine Mutter, die kaum dankte und uns so stürmisch herunterführte, daß meine Schwester, die noch nicht genug Bescheid wußte mit ihren dünnen Beinchen, beinahe gestürzt wäre. Meine Mutter fing sie gerade noch auf. Sie ließ meine Hand los, und hob die eben zum Weinen ansetzende Anninka an ihre Brust.

Wir gingen dann auf der Straße schnell weiter. Ich hatte den Eindruck, daß ein Fenster im Büro meines Vaters jetzt geöffnet wurde, und daß er uns etwas nachrief. Sie hörte nicht hin und eilte mit uns heim. »Versprich mir, daß du niemals spielst!« rief sie mir atemlos zu, als wir daheim vor unserem Hause angelangt waren. Als wir aber im Kinderzimmer waren, sagte sie, den Schleier von ihrem Hut abreißend: »Endlich! ... So, Kinder, spielt!« Ich hätte jetzt nach dem Warum fragen sollen. Vielleicht hätte mir meine Mutter etwas von ihrem Kummer mitgeteilt. Aber ich wollte nichts wissen. Übrigens übersiedelten wir bald darnach in eine etwas größere Wohnung, für die neue Möbel beschafft werden mußten. Vieles von der alten Einrichtung wurde verschenkt, aber die Turngeräte nahmen wir natürlich mit ...

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