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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 49
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidf6d04d2a
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4.

Die Zugskondukteure begannen pfeifend die Wagen entlang zu laufen, eine schrille Klingel ertönte, und zugleich schlugen die schweren Eisentüren eine nach der anderen zu. Meine Mutter ist niemals besonders geschickt gewesen. Sie hielt ihr Köfferchen in der einen Hand, während sie mit der anderen selbst die Waggontür zu schließen versuchte. Dabei blieb der Saum ihres Mantels hängen, so daß die Waggontüre nicht vollständig schloß. Jetzt wollte sie das Fenster herablassen, aber sie mühte sich vergeblich mit dem Mechanismus ab.

Durch den Zug ging ein leichtes Schüttern. Er wich, wie oft, wenn die Lokomotive zu schwach ist, ihn sofort zu ziehen, etwas nach rückwärts zurück, während die Maschine gewaltig losdonnerte. Ein sonderbarer, aber nicht ganz unlogischer Einfall kam mir mit einem Male. Wie, wenn ich den Augenblick, bevor der Zug endlich in der Fahrtrichtung zu laufen begann, benützte, um mich auf das Trittbrett zu schwingen? Ich hätte diese Handlung meiner Mutter leicht erklären können, zum Beispiel aus der Angst um sie, weil die Tür schlecht geschlossen war, und wenn ich einmal im Zuge war, hatte ich die Hoffnung, ja fast die Gewißheit, das Mädchen im Opossum wiederzusehen, und damit war alles gewonnen!

Es war nicht Furcht, was mich abhielt, denn wem war ich im Grunde Rechenschaft schuldig? Es war ein ganz natürlicher Instinkt, der mich bewog, so zu handeln, wie ich es tat: nämlich auf meinem Platz zu bleiben, meine Mutter mit den Augen zum Abschied zu grüßen, den Oberkörper nur leicht in der Fahrtrichtung vorzubeugen, den Hut in der einen Hand, mit der anderen an Stelle eines Taschentuchs meine hellen Wildlederhandschuhe schwingend. Meine Mutter, der es endlich gelungen war, das Fenster zu öffnen, beugte sich viel zu weit vor, ihr großes weißes Taschentuch in der Hand. Nun wußte ich, daß die Tür nicht ganz geschlossen war. Ich erlebte nun das, was ich mir eine halbe Minute vorher nur als Vorwand vorgestellt hatte, wirklich, und dadurch einige Augenblicke der furchtbarsten Angst und Sorge um sie. Es fiel mir wie ein Stein vom Herzen, als der Zug aus der Halle war, und das weiße Flaggentuch der treuen Mutter im Innern des Wagens verschwunden war.

Es war mir glücklich zumute. War es, weil ich meine Mutter in Sicherheit wußte – und mit jedem Augenblick weiter entfernt von mir, war es die unbeschreibliche Freude, die blühende Schöne im Opossum neben mir zu sehen auf dem fast verlassenen Bahnsteig?

Sie war nicht abgereist, ich hatte sie nicht verloren, ich hatte nur meine Natur, dem unfehlbaren Instinkt zu folgen brauchen und war bei der gewinnenden Partei. Denn es war jetzt kinderleicht, (durch Öffnen einer ohnehin schon offenen Tür), der jungen Dame einen Höflichkeitsdienst zu erweisen, der ihr genau so gelegen kam wie mir, denn sie äußerte keine Überraschung. Wir gingen so selbstverständlich nebeneinander aus dem Bahnhof, als wären wir Arm in Arm hingekommen. Zum Glück waren die zwei Ordonnanzen, die das Gepäck ihres Vaters an die Bahn gebracht hatten, schon vorher verschwunden. Sie erschien mir jetzt, als ich sie aus der Nähe sah, nicht mehr ganz so fleckenlos schön wie beim ersten Anblick, aber etwas anderes, viel Heißeres regte sich in mir, das ich ebensowenig beschreiben kann wie ihre Schönheit.

Sie war nicht so groß wie ich. Der sehr lange Mantel hatte sie größer erscheinen lassen als sie war. Er war es, der sie am freien Ausschreiten hinderte. So kam es, daß sie drei Schritte machte, wenn ich einen machte. Aber gerade das entflammte mich. Sie war stets einen halben ihrer kleinen Schritte vor mir voraus, und so sah es aus, als fliehe sie vor mir. (Lilyfine bei den roten Felsen im Sommer bei Boure.) Das Blut sauste mir so wild im Ohr, daß die ersten Worte, die sie sprach, – (Phrasen, nichts weiter), nur wie von sehr weit an mein Ohr drangen. Wußten wir beide, wo wir waren? Plötzlich fanden wir uns, – (immer noch dauerte das banale Gespräch weiter, dem keiner von uns zuhörte) – im Gewühl vor der Oper, wo die Vorstellung zu Ende war. Die herrlichen Karossen der Abonnenten, vom Opernportier in seiner silbergestickten Uniform mit Stentorstimme ausgerufen, liefen in flinkem Trab die Rampe an, bis sie mit einem leichten Rucker der livrierte Kutscher für einen Augenblick zum Stehen brachte, und dann nahmen sie, eine dicht hinter der anderen, unter dem festen Trappeln der Hufe auf dem Holzstöckelpflaster, aber ohne einen Laut der mit Gummi besetzten Räder und der auf den Federn sich wiegenden, schwarzen, spiegelblanken Coupés den Weg abwärts. In solch einem Wagen hätte eine A. v. W. von der Oper heimfahren müssen! Und sie war es gewesen, die ich vor Beginn der Vorstellung in dem prunkvollen Foyer gesucht hatte.

Rings um das Gebäude der Oper gehen schöne gedeckte Arkaden, und hier blieben wir, (als wären wir zum erstenmal unter einem gemeinsamen Dach, obwohl wir es doch schon am Bahnhof gewesen waren) solange, bis die Wagen der großen Herrschaften abgerollt waren und die Reihe an die bürgerlichen Fiaker und Droschken kam, die weniger rücksichtslos vorfuhren und abfuhren. Vor dem Portale der Oper wurden die monumentalen Kandelaber verlöscht, (fackeltragende Riesen oder Jungfrauen), in den Arkaden blieben die gemütlichen Gasflammen brennen. Wir traten an den Rand der Arkaden, und Opossum hielt ihre Hand hinaus, um zu sehen, ob es noch schneite.

Sie trug damals lange dunkelgraue Wildlederhandschuhe. Sie hielt die rechte Hand mit der Handfläche nach oben. Dort, wo die Knopfreihe auf der Handfläche beginnt, war ein kleines ovales Stück ausgeschnitten. Hier sah ich ihre nackte Haut. Im ersten Augenblick war sie noch trocken, perlmutterfarben, aber bald feuchtete sie sich unter den spärlichen Schneeflocken an und färbte sich zu meinem höchsten Entzücken allmählich zart rot wie eine unreife Erdbeere.

Sie hatte die Augen gesenkt, zum Glück sah sie mich jetzt nicht an. Ich faßte sie an der linken Hand und führte sie sicher über den Platz. Ich hatte mich wieder. Vielleicht war es die Berührung der leibhaftigen, festen, greifbaren Hand im Handschuh, die mich beruhigt hatte. Aber ich hütete mich wohl, dem kleinen Stück nackten Fleisches nahezukommen, denn niemand sollte ahnen, was es in mir erregte. Und wie hätte sie es ahnen sollen, ein adeliges Mädchen, eine Unberührte wie sie? Sie war nicht viel älter als ich. Mit tiefer Ruhe heftete sie jetzt ihren großen grauen, nicht zu weichen Blick auf mich. Sie fragte mich, wohin ich wolle. Ich fragte zurück, ob sie sofort heimkehren müsse oder ob sie mit mir noch einige Schritte gehen könne. Die Luft war rein, der Schnee lag mehr in der Luft, als daß er fiel. Ein etwas strenger Geruch wie nach Medikamenten schwebte um sie. Wir gingen und gingen. Plötzlich waren wir weit oben am ›Gürtel‹, nahe an meiner Wohnung. Ihr Schritt war langsamer geworden. Ich verstand. Ich nahm Abschied von ihr, gab ihr mit Bleistift, möglichst deutlich geschrieben, meine zwei Adressen. Sie faltete das Blättchen sehr klein zusammen und steckte es in den Ausschnitt ihres Handschuhs, wo es leise knisternd verschwand. Es begann jetzt stark zu schneien, und auch der Schnee knisterte unter uns beiden. Ich fragte nicht nach ihrem Namen.

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