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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 48
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3.

War es, daß meine Mutter ihre Uhr aus Vorsicht etwas vorgerückt hatte, war es, daß sie sich in der Abfahrtszeit geirrt hatte, jedenfalls kamen wir viel zu früh an. Der Bahnsteig war schlecht beleuchtet und kalt. Durch einige Lücken im Glasdach der Halle wehten schmutzig gewordene Schneeflocken auf uns nieder. Arm in Arm, so wollte sie es, gingen wir hin und her. Ich hatte Angst vor Fragen, deshalb brachte ich das Gespräch auf meine Großjährigkeitserklärung, die ich brauchte, um ein Bankkonto anlegen und ein paar gute Papiere kaufen zu können, die sich verzinsten. Sie glaubte, ich wolle diese Erklärung nur deshalb haben, um ihr jede Verantwortung für meinen Unterhalt abzunehmen. Hätte ich die Wahrheit gesagt, hätte ich großes Unheil gestiftet. Wozu also? Ich ließ es dabei. Ich brauchte nicht einmal zu lügen. Gerührt versprach sie, alles Nötige bei der Vormundschaftsbehörde zu unternehmen.

Jetzt rollte der leere Zug in die Halle. Einige Reisende erschienen, von den Gepäckträgern und ihren Angehörigen begleitet, auf dem Perron. Mir fiel ein hoher Marineoffizier auf, gefolgt von zwei Matrosen mit dem Gepäck, der sich auf den Arm eines bezaubernden Mädchens stützte. Es ist unmöglich, den Glanz dieser Schönheit zu beschreiben.

Als sie mich durch Zufall mit einem Zipfel ihres dunkelblauen, sehr langen und weiten Mantels streifte, der am Halse mit einem breiten Kragen aus Opossumpelz eingefaßt war, ging es mir mit einem so furchtbar bangen Zittern durch und durch, daß ich den zarten Arm meiner Mutter mehr drückte, als ich gewollt hatte. Die Mutter glaubte, es geschähe aus Kummer über ihre Abreise.

Das junge Mädchen, das vor einem Waggon erster Klasse unweit von uns dastand, blickte mich nicht an. Ich glaubte nur zu sehen, daß sie ihr Kinn etwas tiefer in den zwischen silbergrau und stahlgrau schimmernden Opossumkragen versenkte. Ich machte mich jetzt von dem Arm meiner Mutter los und stieg in den leeren Wagen dritter Klasse, um ihr einen Platz zu sichern. Das junge Mädchen war in den Wagen erster Klasse gestiegen. Warum sollte es nicht möglich sein, daß wir uns in dem Durchgangskorridor begegneten? Mein Herz schlug mir mit wütender, schmerzhaft süßer Gewalt in der Brust. Ich tat, als suche ich den besten Platz aus, aber mein Zögern hatte keinen Erfolg, das junge Mädchen stieg vorher wieder zu ihrem Vater hinab, wir konnten uns nicht mehr begegnen, ich konnte niemals wissen, wer sie war, und sie sollte mir ebenso nach einem einzigen kurzen Augenblick entschwinden wie die junge A. v. W.

Ganz verzweifelt kam ich zu meiner Mutter zurück. Sie fragte: »Welchen Platz hast du belegt?« »Den Fensterplatz im ersten Coupé in der Fahrtrichtung«, sagte ich. Erst lange nachher, als der Zug bereits abgefahren war, (und zwar voll besetzt), entsann ich mich zu meiner Beschämung, daß meine Mutter im Gegensatz zu meinem Vater stets gegen die Fahrtrichtung und nicht am Fenster zu reisen liebte.

Jetzt marschierte ich stumm neben ihr, die mir noch viel, ja das Wichtigste zu sagen hatte, einher, die Gedanken arbeiteten in mir, und meine ganze Anstrengung ging dahin, ihr zu verbergen, was ich dachte und fühlte, wer ich war und was ich wollte!

Ich konnte ihr niemals meinen Reichtum bekennen, denn sie hätte mir die geglückte Spekulation mit dem Schatz Marthys nicht verziehen. Sie konnte nicht verzeihen, weil sie nur dann liebte, die Glückliche, wo sie den anderen achten, sich und ihre schönen Grundsätze nicht aufgeben mußte. Gut. Wenn ich aber das Geld nicht ans Tageslicht bringen durfte, dann mußte ich, notgedrungen, den verhaßten Lehrerberuf auf mich nehmen, und schon jetzt schlugen ohne Aufhören die Worte: Lehramtsprüfung, Lehrfächer, Lehreignung, Lehrerfreuden und Pflichten, Pflichten an mein Ohr!

Das junge Mädchen sah zu mir hinüber. Sie schien mir sogar irgendwie, von ihrem Vater ungesehen, (er sah sehr matt und müde aus), ein diskretes Zeichen zu geben. Aber konnte ich denn? Konnte ich denn? Wäre ich frei gewesen, wäre ich nur halb so frei gewesen, wie ich es mir immer vorgenommen hatte, seitdem er tot war, dann wäre ich mit diesem Zug mitgefahren, ich hätte alles daran gesetzt, die Schöne kennenzulernen. Und so weiter. Das, und leider nichts anderes war es, was ich begriff. Ich war, mehr denn je, das willenlose Kind unter der Gewalt meiner Mutter, dieser nur zu gerechten und klugen und nur zu fleckenlosen Frau mit den scharf gewordenen Zügen, mit den roten, etwas sehr in die Länge gezogenen Ohrläppchen, die von kleinen Stichen durchbohrt waren. Und ich mußte dies alles sehen und mir sagen: dir hat sie den letzten Schmuck geopfert, um dich zu sehen, zu beschenken und zu erfreuen, und was hast du für sie geopfert von deinem eigenen Besitz?

Aber wußte sie denn, welche Qualen, welche Wut, welche Bitterkeit mir jetzt Tränen auspreßten? Wie konnte sie denn so ruhigen Herzens ihr noch von der morgendlichen Waschung her nach Seife riechendes Taschentuch aus ihrem abgeschabten Täschchen ziehen und mir die Augen trocknen!

Sie wollte mir Gutes tun und Herzerhebendes sagen, und während ich mich in meiner nutzlosen Undsoweiter-Sehnsucht verzehrte nach dem Mädchen in drei Schritt Entfernung von mir, – malte sie mir treuherzig und zufrieden mit ihrer Selbstaufopferung aus, wie sie schon jetzt an eine Gattin, ›ein braves Weib‹ für mich denke. Ich solle nicht zu lange ledig bleiben. Es sei nicht gut, daß der Mensch, besonders der Mann, allein sei. Sie wolle Anninka in aller Güte etwas beugen, sie gegen ihren Plan nach Hause bringen, sie zu ihrem Glück zwingen, das dann vielleicht auch mein Glück werden könne, denn Anninka, wieder in das Vater- und Mutterhaus zurückgekehrt, (in das echte, nicht in das Mutterhaus der Karmeliterinnen, wo sie jetzt lebte), würde sicherlich Freundinnen haben, und es sollte doch sonderbar zugehen, wenn unter diesen nicht wenigstens ein ehrenhaftes, arbeitsames, treues und braves Fräulein sein sollte, wert, meine Lebensgefährtin und ihre liebe Tochter zu werden! Sie wollte bei ihr nicht nach Schönheit, nicht nach Gold und ›Raffinesse‹ sehen, alles leerer Tand und eitles Gebaren. Auch übertriebenes Bildungsbedürfnis sei hier nicht vonnöten, dies sei nichts als klingende Schelle, – nur ein gediegenes Herz. Sie fragte, ob ich ihr recht gäbe. Recht und tausendmal recht! sagte ich mit Hohn, aber niemals hat sie, weder bei mir noch bei ihm, Hohn verstanden. Die gerechten Seelen verstehen ihn nie.

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