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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 46
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dritter Teil

1.

Ich war noch zu jung, um das Recht zu haben, ein Bankkonto anzulegen. Ich hatte mir in Wien sofort nach meiner Ankunft ein kleines Zimmer in einem etwas ärmlichen Fabrikviertel, Ottakring, gemietet. Ich hatte das von der Universität ziemlich weit entfernte Quartier gewählt in der Sorge um meinen Schatz, denn ich nahm an, man würde bei einem Studenten, der ein Kabinett, (das war der Name für solche einfenstrige bescheidene Zimmer) mietet, nicht ein Vermögen von fast einer halben Million vermuten. Wenn ich aber während des ganzen Tages von Vorlesung zu Vorlesung und von der Bibliothek zu den vorgeschriebenen Seminarübungen zu rennen hatte, quälte mich die Sorge um mein Geld. Endlich fiel mir ein Ausweg ein. In dem vornehmen kleinen Grabenhotel, in welchem meist ein internationales Publikum mit kostbarem Schmuck wohnte, gab es ein Hotelsafe, für dessen Sicherheit sich die Direktion verbürgte. Freilich stand es nur den Gästen zur Verfügung. Ich mußte also die Ausgabe für ein zweites Zimmer verschmerzen, dafür konnte ich ruhig arbeiten.

Mein Zimmer dort war das gleiche, das ich im Sommer bewohnt hatte. Auch Wharf hatte das seine wieder bezogen. Anfangs streiften wir einander nur mit Seitenblicken. Später hatten wir ein wenig Mühe, das Lachen zu verbeißen. Endlich versöhnten wir uns durch einen Schwall nicht ernst gemeinter Schimpfworte. Aber seine Nachbarschaft (von dem Klappern seiner Schreibmaschine und dem Plätschern beim photographischen Entwickeln abgesehen) hätte mich vielleicht in der Arbeit stören können. Ich gab also das triste Kabinett nicht auf. Es zwang mich zur Konzentration, ich war ungestört, keiner meiner Kameraden wohnte hier, sie alle zogen bessere, freundlichere Viertel vor. Die Arbeit kam, soweit ich es zu beurteilen vermochte, nicht schlecht weiter. Aber die Frauen, die Mädchen, die ›schönen Kinder Wiens‹, wie es im Liede heißt? In strenger Keuschheit lebte ich wie ein Mönch. War denn die Freiheit noch nicht völlig errungen? Ich hatte meine Familie in geordneten Verhältnissen zurückgelassen, – (so glaubte ich wenigstens und sagte es mir immer wieder vor). Sie brauchte mich nicht. Ich brauchte sie nicht. Und doch! War sie es, die mich auch hier, vielleicht nur durch die Erinnerung an Vater und Mutter, hinderte, mich meiner Freiheit und dem Genuß bis zum Letzten hinzugeben ohne Bedenken?

Ich hatte meine Mutter, nachdem ich ihr gleich nach der Ankunft die Ottakringer Adresse gegeben hatte, gebeten, mir postlagernd zu schreiben. Sie sollte weder diese noch die Stadtwohnung sehen, ich wollte niemals überrascht werden. Um ihr dies zu erklären, griff ich zu der Erfindung, in dem Hause in Ottakring wohne zufällig ein Mensch, der genau so heiße wie ich und in dessen Hände bereits verschiedene offenbar an mich gerichtete Briefe gelangt wären. Aber die Wirkung dieser List war nicht so, wie ich sie beabsichtigt hatte. Meine Mutter, der Recht und Ordnung fast das Höchste im Leben bedeuteten, geriet in gewaltige Unruhe um mich. Denn welches Chaos mußte in einem Hause herrschen, in welchem die Briefe nicht dem ordentlichen Adressaten eingehändigt wurden? Und Wien-Ottakring wurde für sie die wilde Gegend, wo man unter Dieben und Räubern haust, und wo man den Geldbeutel vor dem Schlafengehen unter dem Kopfkissen versteckt. Außerdem hatte sie in Erfahrung gebracht, daß Ottakring ein recht armseliges Viertel ohne schönen Park und Grünflächen sei. Sie fürchtete, ich litte unter Entbehrungen, und meine Beteuerungen, es ginge mir herrlich, seien bloß dazu bestimmt, sie mit frommem Betrug zu beruhigen. Sie konnte es sich ja nicht anders denken, als daß ich Blut von ihrem Blute war, ein Mensch, den nur Hingabe, Keuschheit, Selbstaufopferung und die strenge, aber schöne Pflicht glücklich zu machen vermochten.

Ich ging mit etwas Vorsicht über diese Mißverständnisse hinweg. Im Grunde schmeichelten sie mir sogar. Mir erschien es als die beste Methode, meine Mutter etwas von mir abzulenken, daß ich weniger schrieb. Ich wollte, sie solle mich nicht mehr so ernst nehmen. Meine Karten wurden so flüchtig geschrieben, daß sie sie schwer oder gar nicht zu entziffern vermochte. Leider faßte sie dies als Zeichen einer großen Unruhe, Bedrückung und Not und vor allem als Anzeichen meines Heimwehs nach dem Elternhaus, nach ihr und dem Postillion auf. Ich bereitete ihr schlaflose Nächte, während ich doch alles getan zu haben glaubte, um sie zu beruhigen – und fernzuhalten.

Sie hätte mich, so wie ich eben war, niemals verstanden. Das wußte ich sicher. Meinem Vater hätte es wahrscheinlich nicht ganz an Verständnis für mich gefehlt. Ich wollte nämlich zu gleicher Zeit das sein, was er zu verschiedenen Zeiten seines Lebens gewesen war, nämlich emsiger, ordentlicher Handwerksmann und ein froher, unbekümmerter, leichter Lebemann. Der ›Graben‹ bedeutete mit dem schönen Hotel das wolkenlose Leben, den Besitz des vielen Geldes, den Luxus, so manchen Genuß, wenn auch leider noch nicht jeden. Aber Ottakring war pedantisch, systematisch, nüchtern, Arbeit, Bücher über Bücher, aber vor allem rings um mich der Anblick vielen Elends, dem man nicht entgehen konnte, denn es begann hinter fast jeder Tür in dieser großen Mietskaserne, fast an jedem Tag, natürlich auch in der armseligen Familie, an deren Seite ich wohnte.

Ich war nach Ottakring gezogen, um einsam und frei für mich zu sein, aber ich lebte doch Wand an Wand mit den Wirtsleuten. Die Wände waren natürlich dünn. Wären sie doch auch nur etwas sauberer gewesen! Mit Mühe hatte ich meine Behausung, deren Kärglichkeit mich nicht gestört hätte, im Gegenteil! von dem Ungeziefer befreit, das mit uns hauste. Ich riet meiner Wirtin zu dem gleichen sicheren Verfahren. Aber diese Frau, ein armes Geschöpf mit erdfarbenem Teint, mit unbestimmbarer Haarfarbe zwischen blond und grau, mit unbestimmbarem Alter zwischen dreißig und fünfzig, durch viele Unglücksfälle zermürbt und jetzt nur noch im Lotteriespielen, im Kaffeetrinken, im Kirchenbesuch und in endlosen Schwätzereien eine Art Lebensfreude findend, war nicht geneigt, ihre Lebensweise zu ändern. Sie begann mich wegen meiner exzessiven Reinlichkeitsansprüche fast als Verrückten anzusehen, dem sie manches nachsah. Ihr lag eigentlich nicht übermäßig viel daran, einen Mieter meiner Art zu beherbergen. Eine große Bierbrauerei lag in der Nähe. (Der Malzgeruch hatte bald etwas Anheimelndes für mich, er verschwand auch sonntags nicht.) Ich war leicht zu ersetzen durch einen anderen Mieter aus der Fabrik, der infolge seiner Müdigkeit nach zwölf bis dreizehn Arbeitsstunden vom Ungeziefer keine Notiz nimmt. Oder noch besser waren einige Schlafburschen, von denen zwar jeder nur wenig zahlte, die gemeinsam aber viel mehr einbrachten als ich.

Meiner Mutter teilte ich von alledem natürlich nichts mit. Weihnachten feierte ich allein. Da die Gasthäuser und Cafes geschlossen waren, machte ich gemeinsame Wirtschaft mit den Wirtsleuten, sie sprachen, aßen, sangen und tranken viel. Ich hörte zu und schwieg.

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