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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 44
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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26.

Es war ein warmer, wolkenloser Herbsttag, und meine Mutter forderte mich auf, eine kleine Spazierfahrt zu unternehmen. Das heißt, wir sollten meinen Bruder in seinem Wägelchen in den Park fahren. Ich widersetzte mich nicht. Die Reise hatte mich nicht ermüdet. Ich wollte in Ruhe überlegen, wie ich es mit Marthy einrichten wolle, und diese Ruhe hoffte ich auf der Spazierfahrt zu haben. Meine Mutter kleidete sich so schnell und so hübsch wie möglich an, (sie trug seit dem letzten Gedenktage keine Trauer mehr für Papa), nahm den Kleinen auf den Arm, und unten im kühlen, fliesengedeckten Flur setzte sie ihn in den Wagen, der im Erdgeschoß an eine Eisensäule der Treppe mit einem Kettchen angeschirrt war. Mein Brüderchen sah blühend aus, es sprach bereits, deutete nach allerhand Dingen mit dem Finger, wobei er in possierlicher Weise das Fäustchen zu ballen verstand, aus dem bloß der Zeigefinger hervorstand mit dem winzigen kurzgeschnittenen Nagel. War das die Lehrergebärde, die er meiner Mutter von den Händen abgesehen hatte? Aber ich hatte diese Zeigegeste schon lange nicht mehr bei ihr gesehen. Sie war seit Papas Tod offenbar ebenso eine andere Frau geworden wie ich ein anderer Mann.

Während wir den Wagen, uns abwechselnd, auf seinen quietschenden Federn und mit seinem quietschenden Fahrgast durch die belebten Straßen der Stadt und dann durch das alte Eisenportal in die Hauptallee des Parkes rollten, und während von den hohen Bäumen die ersten bunten, trockenen Blätter, eigenartig aromatisch duftend, herabfielen und zwar ebenso leise und geheimnisvoll in den offenen Wagen, meinem Bruder auf das gestrickte, troddelgeschmückte Mützchen oder ins Gesicht oder zwischen die Händchen, wie uns vor wenigen Monaten die frischen, hellen Blüten in den Schoß gefallen waren, Lilyfine und mir, überlegte ich den Plan, den ich bei Marthy in Szene zu setzen hatte. Mich von meiner Mutter zu trennen, erschien mir mehr denn je als die erste Pflicht mir gegenüber.

Und erkannte ich eine andere Pflicht an? Meine Mutter hatte es leichter, sie suchte keine Liebe und keine Freiheit außerhalb der Familie. Die Freiheit hatte sie seit Papas Tod wiedergewonnen – daher ihre neue Jugend und ihr bestimmtes, klares, gelöstes, heiteres Wesen! – und die Liebe fand sie in ihren drei Kindern und hauptsächlich, jetzt an diesem Nachmittag, in mir. Sie war nicht mehr die Frau, die mir als Kind, (was ich ihr nie vergessen konnte), wegen meiner dummen Frage, warum es Fingerhut und nicht Fingerschuh hieß, eine scharfe Züchtigung hatte zuteil werden lassen. Sie war ja jetzt nicht mehr bitter und konnte sich zu Worten versteigen wie: »Was ich ihm«, (sie nannte Papa weder beim Namen noch bei seiner Stellung als ihr Gatte), »was ich ihm am schwersten habe verzeihen können, ist nicht, was er mir angetan hat. Aber du mußt wissen, mein Herz, ich habe diese vielen Stilproben und Ergüsse ad notam genommen, nicht allein als hintergangene Ehegesponsin, sondern auch mit deinen Augen! Denn du hast ihn noch mehr geliebt als ich! Und hätte ich nur ein einzigesmal deinen Namen erwähnt gefunden! Es sind doch auch Epistelchen von seiner Hand darunter, du weißt. Er hat sich lächerlich jung gemacht, hat sich als Junggeselle ausgegeben. Aber er hat es gebüßt, er ruhe in Frieden. Wir haben ja alle unser irdisch Teil an Schwächen und Fehlern. Ich verlange nicht von dir, du sollst dich von meiner Lage rühren lassen. So schlimm ist es lange nicht mehr. Aber was nun? Wenn Marthy bleiben könnte, wäre es fast ebenso gut, als wenn du bliebest, und ich stelle es Gott anheim. Ich begreife wohl, daß es eine andere Art Menschen gibt als mich. Lassen sie mich und meine Familie leben, lasse ich sie auch leben. So habe ich mich mit seinem Andenken ausgesöhnt, und das war dringend vonnöten für uns alle. Im Evangelium (du mußt es regelmäßig lesen, denn etwas Aufregenderes gibt es nicht!), stehen unbegreifliche Dinge, aber ich beginne sie nun doch zu begreifen. Nur geht es langsam, denn in meinem Alter lernt man schwer. So steht, daß die letzten die ersten sein werden, wenn es an die Schlußprüfung geht. Aber wenn ich nun von meiner Berufung aus nicht zu den letzten gehöre, was soll ich tun? Denn Menschen wie ich können doch nicht mit Wissen und Willen zu letzten werden, das ist gegen die Natur. Und dann heißt es, und da sträubt sich mir das Herz in der Brust: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Wie soll ich aber, nicht als Richterin, da sei Gott vor, aber bloß in meinem Beruf als Lehrerin bestehen, wenn ...« Hier unterbrach sie mein Bruder, der mit lautem Geschrei verlangte, auf den Arm genommen zu werden.

Er war es so von Marthy gewöhnt, wie ich sofort erriet, was aber meine Mutter nicht glauben wollte, denn sie redete dem Kind erst lange zu, es solle sich lieber ›bequem‹ hinlegen, dann untersuchte sie die Unterlage, um schließlich das Kind doch auf den Arm zu nehmen und es so heimzutragen, während ich den Kinderwagen ruhig und fröhlich vor mir herschob.

Marthy empfing mich in einer schön geplätteten reinen Schürze, aber mit etwas mißtrauischen Blicken. Wir aßen zu Abend, dann ließ ich meine Mutter bei ihren Büchern, – (Lehrbücher für Kleinkinderbewahranstalten, Führer für ›Hortnerinnen‹), nachdem ich sie um das kleine Paket gebeten hatte, das sie von mir und Marthy in Verwahrung hatte. Sie gab es mir erst nach längerem Suchen, sie hatte offenbar ganz vergessen, daß es einen so wertvollen Inhalt hatte.

Ich ging in die Küche und traf Marthy, wie sie aus weißer Wolle, wovon sie einen gewaltigen Knäuel zwischen ihre dürren Knie geklemmt hielt, einen weißen Hochzeitsstrumpf strickte, ab und zu die rechte Faust in den Fußteil versenkend und das ganze häßliche Gebilde über ihrem derben, fettlosen Arme glatt streichend. Ich reichte ihr das Paket. Aber sie, scheinbar nur bemüht, die Maschen zu zählen, ließ es fallen, und sie hob es nicht auf, während sie dem Knäuel, der zufällig bald nachher auch auf die Erde fiel, sofort nachkam, sich tief bückend, so daß ihre Knochen knackten.

Der Strumpf war ihr wichtig, das Paket nicht. Denn es enthielt nichts von Wert. Ich, war ich ihr etwas Wertvolles oder Wertloses? Darüber war sie sich vielleicht nicht klar, wichtig war es aber mir im höchsten Grade für meine Pläne.

Sie hatte meinen schönen Koffer gesehen und zwar nicht mit reiner Freude. Denn sie war im Zweifel, ob dieses kostbare Reiseutensil aus meinen Geschäftsgewinnen usw. erworben war, oder ob ich es mir auf Kosten ihres Heiratsgutes und ihrer im Schweiße erworbenen herrlichen Banknoten angeschafft hatte. Ich hob also vorerst das Paket auf, öffnete es, nahm das Buch heraus und legte es in ihren Schrank, aber natürlich ohne die Bibelblätter durch Banknoten zu ersetzen. Sie erblaßte.

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