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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 40
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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22.

Ich hätte nun einfach das Kasino verlassen, im Café de Paris essen, eine Stunde am Meeresstrande spazieren gehen und mich dann ins Bett werfen können, um am nächsten Tage wieder heimzureisen, ohne großen Gewinn zwar, aber doch so, daß die Fehlsumme weitaus gedeckt war, und ich ruhigen Herzens Marthy und meiner Mutter vor Augen hätte, treten können.

Zwei Gedanken beschäftigten mich dabei in besonderem Maße. Erstens der, daß meine Mutter durch irgend einen unseligen Zufall das Paket öffnen und entdecken würde, daß es nur Gebetbuchblätter oder Heiligenbilder, aber kein Geld enthielt. Sie hatte aber eine Quittung auf 2000 Kronen ausgestellt. Was dann? Vielleicht war Marthy so fest auf meiner Seite, daß sie mich nicht verraten würde, es lag dies auch in ihrem Vorteil. Dann war meine arme Mutter mit einer neuen Schuld belastet, und ich spielte auf jeden Fall, ob mit oder ohne ›Notrecht‹, eine infame Rolle. Das Wort ›infam‹ klirrte mir geradezu in den Ohren. Aber ebenso klirrte das dicke Gold und das Silber an den Kassen, und selbst die Chips aus Hartgummi hatten eine Art stolzes Knattern an sich, als wüßten sie, was sie wert seien. Nun hielt ich mich bei solchen albernen Vergleichen nicht lange auf. Ich mußte handeln. Und weil es mir selbst an Erfahrung fehlte, (der ausgepumpte Spieler von vorhin hätte mir gerne geraten und geholfen, er vagierte ewig um mich herum, aber ich wich ihm aus), da ich noch ein unreifer und lebensunkundiger Mensch war, dachte ich an die Erfahrungen, die mein guter Vater beim Spiel gemacht hatte. Ich wußte, daß die Spielgewinne ebenso, nicht mehr und nicht minder, sein Unglück gewesen waren wie die Spielverluste. Ja, die Gewinne, in denen man nur zu schnell ein System zu finden glaubt, – (die albernen Gelehrtenmienen so vieler ›seriöser‹ Spieler hier bewiesen es mir), waren für ihn noch unheilvoller gewesen. Ich hatte unter diesen Erlebnissen das große (nämlich leichte) Geld fürchten gelernt. Ich hatte das Geld in seiner verräterischen Leichtigkeit sogar dann noch gefürchtet, als ich es, ein Jahr nach seinem Tode, in der saffianenen Brieftasche des Kaiserlichen Rates gesehen hatte. Aber was war mir dessen Geld? Die Erinnerung an die Brieftasche meines Vaters, die sich ausgeweitet, abgenützt, (aber abgenützt von seinen lieben Fingern), noch in meiner Schreibtischlade umhertrieb, die hatte mich eben im Spielsaal schaudern gemacht. Denn von allen großen Scheinen, die ›in flotter, flinker Leichtigkeit‹ in diese Brieftasche geeilt, sie aber mit noch größerer Leichtigkeit verlassen hatten, war nichts geblieben.

Aber seit seinem Tode war mehr als ein Jahr vergangen. Ich war in diesem Jahr nicht auf der Schulbank gewesen, aber gerade jetzt hatte ich gelernt. Ich verstand unter Philosophie nicht allein reinen Freiheitssinn, sondern ebenso auch brutalen Wirklichkeitssinn. Illusionen waren die ärgsten Feinde der Freiheit und auch der Wirklichkeit. Was nun? Ich sah hier das Geld rollen. So dick es war, so frech und behende rollte es, wie überhaupt die Dicken oft glänzend tanzen! Ich wußte, wie schwer es für mich gewesen war (was schwer? Unmöglich!), durch ehrliche Arbeit auch nur 250 oder 300 Kronen zu verdienen. Und erst die Familie des Schusterlehrlings! 300 Kronen waren ihr eine unbegreifliche Zahl, dachte ich. Und was mir nach drei Monaten Arbeit beim Rat zugestanden hätte, war der Dame in Apfelgrün in einer halben Stunde in den Schoß oder vielmehr in ihr aus dünnem Golddraht geflochtenes Handtäschchen gefallen. Sollte es also bei meiner Angst vor dem Gelde bleiben? Sollte ich gehen und mich brav bescheiden? Oder sollte ich nicht versuchen, mich darüber zu erheben, seiner nach Möglichkeit zu spotten, es zu gewinnen und nachher es – zu verachten? Dies war der zweite Gedanke, und der entscheidende, der natürliche. Vielleicht war das nur ein Teufelsschluß, etwas wie ein ›Notrecht‹ bei Marthy, eine Versuchung, mir noch weitere Spiele zu gestatten. Ich weiß es nicht. Die Folge spricht nicht dafür.

Ich setzte mich also, nachdem ich eine starke, eiserne Reserve beiseite gebracht hatte, – (am liebsten hätte ich diesen Rest vor mir selbst unter den mächtigen Bäumen in einem dunklen Winkel des Kasinogartens vergraben, doch war dies nicht möglich), an einen der Trente-et-Quarante-Tische. Sie waren, weil hier höhere Einsätze nötig waren als am kleinen Roulette, weniger besucht als dieses. Aufmerksam studierte ich die Bedingungen und Gewinnquoten des Spiels, das wie alle Glücksspiele stupid einfach ist. Ich begann zu setzen und gewann mäßig. Dann traute ich mir mehr zu und gewann stark. Ich spielte sehr vorsichtig, ich hielt die Reserve immer dreimal so hoch wie den Einsatz.

Nach drei bis vier Stunden hatte ich einen großen Haufen Chips vor mir liegen. Ich zog plötzlich alles zu mir heran, Gewinn und Reserve, ganz nah. Ob Furcht vor dem Geld oder Verachtung des Geldes, – jetzt ist der Augenblick: Ende!! Ich sagte mir Ende! Und ich gehorchte diesem Ende!! blind. Ich gab mir die größte Mühe, meine gierigen hungrigen Blicke von dem Croupier und von den fallenden Karten und den Spielfeldern abzuwenden. Ich legte mir sogar die Hand fest vor die Augen. Nach einigen Minuten hatte ich mich so weit in der Gewalt, daß ich aufstehen konnte. Eine mitleidige Dame war des Glaubens gewesen, ich wäre vor lauter Glück ohnmächtig geworden, und hatte mir ihr Riechfläschchen so dicht vor die Nase gehalten, daß sie, als sie es zurückzog, einen großen Jeton (1000 Francs) ›beinahe‹ hätte mitgehen lassen. Ich faßte ihn gerade noch zur rechten Zeit. Ich glaubte, daß im allgemeinen in Spielsälen eine Art roher Honorigkeit geübt wird, wie auch eine Art grober Generosität. Leider hatte ich von beidem nichts bemerkt. Wahrscheinlich machte meine Jugend die Leute glauben, ich wüßte nicht, was Geld ist, oder ich würde Angst haben, auf meinem Eigentum zu bestehen. Aber wie sollten die Menschen hier mich kennen, wenn ich selbst mich erst heute nacht kennen gelernt hatte? Ich eilte über die dicken Teppiche zur Kasse und ließ mir das Geld auszahlen. Gern hätte ich lauter schöne neue Scheine gehabt. Aber ich war ja nicht Marthy und mußte nehmen, was ich bekam. Man bot mir zuerst sehr große Scheine an. Ich lehnte ab, ich wollte viel Geld, eine Masse, ein wirklich dickes Bündel in der Hand haben, denn ich ahnte noch nicht, wieviel ich hatte. Als ich aber, unter entzücktem atemraubendem Herzklopfen, die Hundertfrankenscheine in ihren Hundertpackungen sich in ganzen Reihen vor mir auftürmen sah, – und noch lange kein Ende! – erkannte ich die Lächerlichkeit meines Wunsches und erbat durch Zeichen und Winke möglichst viel große Scheine, nämlich solche von 1000 Francs für 370 000 Francs und den Rest (es waren nämlich genau 372 217 Francs im Ganzen) in Metall, und zwar die zweitausend Francs in herrlichen, jungfräulich glatten und himmlisch schweren Goldstücken, und den winzigen Rest in Silber. Alles war in Ordnung.

Ich stieg die Treppe des Kasinos hinab. Draußen begann es zu dämmern. Von dem taufeuchten Rasen stieg ein zarter Duft auf, das Gras war vor kurzem gemäht worden. In den Blumenbeeten war ein Teil der Blüten geschlossen. Ich trat hinzu und versuchte, ohne zu wissen, was ich tat, mit dem Finger eine Blüte ganz zart aufzumachen, sie widerstand aber stärker als ich gedacht hatte. Eine Schelle ertönte und gleichzeitig das Ijah – Ijah eines Esels, in das ein anderer, weiter entfernter, traurig einstimmte. Ich kam auf den Platz vor dem Café de Paris, das die ganze Nacht über geöffnet ist, und sah hier einen Schuhputzer, einen hübschen Jungen etwa in meinem Alter, eingeschlafen in seinem Gehäuse, auf einer Art Thron sitzen. Meine Schuhe waren von dem Rasen feucht geworden, ich weckte den Kerl, ließ mir die Schuhe putzen, wobei ich auf dem Thron saß, er aber zu meinen Füßen kniete und meine Knöchel mit seinen warmen Fingern umfaßte, während er mit der Bürste fest über den Rücken meiner Füße strich, bis die Schuhe so prachtvoll glänzten wie noch nie.

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