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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 39
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidf6d04d2a
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21.

Ich weiß nicht, woran die kirschäugige Dame erkannte, daß ich ein Neuling war im Spiel wie in der Liebe. Sicher ist es, daß ich diesem Umstand ihr Vertrauen auf unser Glück verdankte. Ich gab ihr zuerst 100 Kronen. Sie kannte die Währung genau und gab mir den doppelten Gegenwert in Chips, Jetons aus elfenbeinfarbenem Material. Weder ich noch sie konnten vorerst an einem der von einer großen Menschenmenge umdrängten Roulettetische einen Sitzplatz finden. Wozu hätte sie denn auch Platz nehmen sollen? Setzen sollte nur ich und zwar, wie sie mir mit einer verblüffend sicheren Mimik andeutete, ganz nach Belieben, ohne Überlegung und unbedingt ohne System.

Mit verachtungsvollem Lächeln streifte sie ein paar ältere Damen, deren Hälse unter Brillanten- und Perlenkolliers beinahe verschwanden und die ihre kleinen, in Quadrate und Rubriken eingeteilten Kartons in der behandschuhten Hand hielten und mit goldenem Crayon dort Punkte und Kreuzchen machten, wohin sich ihrer Berechnung nach die rollende Kugel des Glückes begeben müsse. Sie spielten ein puritanisches Millionärsspiel. Gewannen sie, dann hatten sie das Gefühl, vom Glück begünstigt zu sein; verloren sie aber, kostete es sie nichts. Von den Croupiers und von den echten Spielern waren solche Damen nicht besonders gerne gesehen. Von uns beiden ebensowenig. Denn es machte mir anfangs Schwierigkeiten, über die Köpfe der vor mir Sitzenden und Stehenden die Jetons an der richtigen Stelle zu plazieren. Sprechen und mich verständigen konnte ich ja nicht.

Als unser erstes Geld verspielt war, – (in zwei Runden schon), streckte ich die Hand nach neuem aus.

Ich hatte mich jetzt schon etwas vorgedrängt. Mir hatten die Leute leichter Platz gemacht, als ich gehofft hatte. Ich zog nun meine Hand voll von neuen Chips zurück und streute sie nur so auf dem grünen Teppich aus. Das surrende Rollen der Kugel erfüllte mich mit einer tief aufrührenden, feurigen und mächtig angespannten Unruhe. Ich wollte gewinnen, und es tat mir leid, daß ich nicht den ganzen Betrag auf eine einzige gute Nummer gesetzt hatte. Denn während die meisten meiner Positionen verloren gingen, hatte ich endlich meinen ersten Gewinn auf einem einzigen Feld, (17, was immer eine schicksalshafte Zahl für mich bedeutet hat). Nur war dieser Gewinn zu unbedeutend, um unsere Verluste aufzuwiegen. Ich wartete jetzt mit immer steigender Aufregung, aber noch stärkerer Selbstbeherrschung einige Runden ab. Ein älterer Herr vor mir stand auf mit gefurchter Stirn, zusammengekniffenen Lippen, die er aber mit aller Gewalt zu einem scheußlichen Grinsen verzerrte; und ebenso unnatürlich war die Höflichkeit, mit der er mir Platz machte, ja er schob mich geradezu auf den Fauteuil, den er eben verlassen hatte. Die Dame in Apfelgrün drängte sofort nach. Sie atmete heftig, ihr großer, fester, kalter Busen bewegte sich an meiner rechten Schulter über den knarrenden Stangen des Korsetts auf und ab, und sie seufzte ungeduldig auf, als ich, um meine Kräfte zu sammeln, neue Spielmarken bereits in der rechten Hand, noch einmal eine Runde vorbeigehen ließ.

Jetzt setzte ich, dem Croupier zulächelnd, als habe dieser seine Einladung nur an mich gerichtet. Ich nickte sogar unwillkürlich mit dem Kopf. Meine Chips lagen zufällig zu drei übereinander, nicht nebeneinander, wie ich es sonst tat und wie es vorgeschrieben ist. Mein Häufchen stach aus den anderen hervor. Natürlich hatte ich es auf dem roten Feld 17. Denn es ist unmöglich, ganz gedanken- und systemlos zu spielen. Dies vermag kein Mensch.

Ich gewann. Ich ließ liegen und gewann noch einmal. Sie hatte sich jetzt an meinem Halse vorgelehnt, und ihr starkes, wenn auch nicht unangenehmes Parfüm belästigte mich etwas, ich schob sie mit der rechten Schulter zurück. Ich empfand nichts Peinliches dabei. Ja, es war sogar sehr angenehm, ihr enttäuschtes, komisch übertriebenes Geseufze zu hören, und die Verminderung der Parfümplage war auf alle Fälle etwas wert. Hauptsache war uns ja Geld und keineswegs unnütze Vertraulichkeit.

Ich teilte die Spielmarken in Häufchen, einen Teil setzte ich auf Zero, der Rest blieb in meinen Händen.

Ich verlor. Ich schüttete die mir gebliebenen Spielmarken, – (ohne genau hinzusehen, wußte ich doch, daß Apfelgrün die Einsätze überwachte) auf ein beliebiges Feld, ich wollte wieder ihrem Rat folgen, ohne System zu spielen.

Ich verlor. Ich setzte das letzte Häufchen, fünf Chips, und gewann. Wir hatten jetzt elf Chips. Ich schüttelte mich, als friere mich, – und dabei war es drückend heiß in dem viel zu hellen Saal – lächelte freundlich umher, stand auf und gab Apfelgrün fünf Chips. Es war ohne Vertrag ausgemacht worden, daß wir den Endgewinn teilen würden, da wir jeder zur Hälfte bei den Einsätzen beteiligt gewesen waren. Freilich hatte ich ja noch einen Jeton zurückbehalten, aber mit diesem wollte ich noch einmal etwas Großes für uns beginnen. Sie glaubte aber, ich wollte ihn für mich behalten, und eskamotierte ihn mir sachte mit zwei samtartigen, trockenen, warmen Fingern aus der Hand. Ich ließ sie gehen.

Man hatte mir von einem anderen Saal im Kasino erzählt (man? Er!), an dem nur Beträge von 25 Louisdors aufwärts gesetzt würden. Ich dachte an diesen, fand ihn aber nicht. Ich kehrte also zu dem alten Tisch zurück, wo der Croupier und ein Teil der Spieler gewechselt hatten. Ich begann bescheiden mit meinem Einzelgänger, gewann und hatte nach verschiedenen kleinen Wechselfällen ungefähr dreißig Zwanzigfrancs-Chips und stand zum zweitenmal vom Tische auf. Der ältere Herr, der mir vorhin seinen Platz eingeräumt hatte, war dauernd in meiner Nähe geblieben und hatte mir, heiser durch seinen dicken eisgrauen Schnurrbart hindurchflüsternd, freilich in einer unverständlichen Sprache (vielleicht russisch oder polnisch) Ratschläge gegeben. Ich hatte also einigermaßen gewonnen, gewiß. Er hatte mir wahrscheinlich gut geraten, ebenso zugegeben. Aber ich hatte kein Wort verstanden, und ich glaube, er wußte es. Weshalb wäre dann so etwas Hündisches in seinen mühselig beherrschten Blick gekommen, als ich an ihm vorbeikam?

Er erwartete, ich würde ihn ansprechen, gleichviel in welcher Sprache, hier im Spielsaal verständigte sich alles auf irgend eine Art, und ich würde ihm von meinem Gewinn wenigstens einen Chip abgeben, damit er noch einmal seine Chance versuchen könne. Vielleicht hing viel für ihn davon ab. Er machte den Eindruck einer verzweifelten Eleganz, es konnte ebensogut ein heruntergekommener Offizier wie ein kaufmännischer Defraudant sein, der die von ihm kürzlich geleerte Kasse noch vor der Entdeckung durch Spielgewinn aufzufüllen hoffte. Hoffen, das war es, was ihn auch nach seinem jetzigen Verlust erfüllte, den er noch nicht als endgültig begriff. Er wollte hoffen auf fremde, nämlich auf meine Kosten, er wollte dem Schicksal eine letzte Chance geben mit meinem schwer erworbenen Einsatz. Mitleid? Schön, aber (ich wußte es von ihm ), keinem Spieler hat Mitleid je Glück gebracht. Mitleid und Chance gehen schlecht zusammen.

Vielleicht war ich nicht immer bloß Spieler. Heute war ich es. Ich ging, die Hand mit meinen schönen, glatten, festen Chips dicht an meine Brust pressend, an dem braven Menschen vorüber, und kaum konnte ich es verhindern, ihm auf den linken Fuß zu treten, den er in einem etwas abgenützten Lackschuh plötzlich vorgestellt hatte. Er hatte mich zu Fall bringen wollen, um vielleicht etwas aufzuraffen.

Möglicherweise aber irrte ich mich. Ich machte mich schnell fort.

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