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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 38
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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20.

Ich kam auf der Gotthardpaßroute im Expreßzug durch die Alpen, mußte dann umsteigen und sollte von Montecarlo (oder Monaco) aus zum erstenmal das Meer sehen. Aber schon auf den letzten Stationen vor dem Endziel kam mir in den Sinn, daß man mich ohne Legitimation nicht in die Spielsäle einlassen würde. Im Ausland hatte ja mein Schulzeugnis noch weniger Wert als in Wien, wo man im Hotel darüber gelächelt hatte. So kam es, daß mich bei meiner Ankunft in der hochgelegenen Station weder die schönen, von einem kürzlich niedergegangenen Gewitter noch triefenden, im Abendsonnenglanz geradezu feurig glänzenden Palmen vor dem Bahnhof, noch auch das in der Tiefe schieferfarben glimmernde, von wenigen Fischersegeln in Rostbraun und Weiß belebte Meer tiefer berührte.

Auf der Fahrt hatte ich kaum die Augen geschlossen. Aber ich war jetzt, wie mir schien, weniger müde als bei meiner Abreise von Wien. Ich nahm einen Wagen und ließ mich zum Kasino fahren. Aber als dieses, ein geschmackloses, überladenes Gebäude, vom Kutscher mit dem Peitschenstiel unter Grinsen bezeichnet, auftauchte, überlegte ich mir, ob es nicht besser wäre, wenn ich zuerst ein Hotel aufsuchte, um mich für die Spiele zu sammeln. Abgesehen davon war ich auch des Glaubens, es würde nur nachts hazardiert. Meine Vorstellung von Montecarlo war stets mit dem Bild von hell strahlenden Spielsälen in Gold und Rot, von aufgeputzten Frauen, olivenfarbenen Brasilianern mit erbsengroßen Diamanten in den bunten Krawatten, hoch aufgeschossenen, unnahbaren, weißblonden Großfürsten und dergleichen erfüllt. Ich kannte weder die Spielregeln, noch beherrschte ich auch nur annähernd die französische Sprache, ja ich hatte nicht einmal hier gültiges Geld.

Ich ließ also den Wagen am Kasino vorbeifahren und zeigte dem Kutscher mit der Hand vage in einer der zum Meer abfallenden Straßen ein Hotel. Es standen ihrer viele in einer Reihe, und es war mir gleichgültig, welches er wählte. Ich bekam ein schönes Zimmer, das aber weder auf die Straße noch auf das Meer hinausging, sondern auf kleine Gärten, Kleinviehställe, auf einen Gasometerdom und sogar auf einige Fabrikschlote, – freilich waren sie nicht so hoch wie die, welche ich von dem Hotelzimmer (mit Lily) gesehen hatte. Ich wusch mich und verlangte ein Bad, es gab aber keines, oder das einzige Badezimmer war gerade besetzt, oder man hatte Gäste darin untergebracht. Ich verstand das Französische nicht, winkte ab und ging etwas verdrossen und jetzt doch die sehr lange Fahrt in den Knochen spürend auf die Straße.

Ich versuchte auf den Hauptplatz zu kommen, (es mußte doch solch einen Platz mit Rathaus, Kirche, Denkmal und Musikpavillon geben), fand mich aber nach zwei Minuten wieder vor dem prunkvollen Portal des Kasinos, das auf einen sehr gut gepflegten Rasenplatz hinausging, in dem ungeheure Blumenbeete in einer so strotzenden Blüte standen, daß der Geruch meinen armen brennenden Schädel mehr betäubte als erquickte. Es standen Bänke genug umher, ein sehr elegantes Caféhaus gegenüber dem Kasino bot Schatten unter fransengeschmückten, vom Wind geblähten, cremefarbenen Sonnensegeln und versprach alles an Erfrischungen, was einer wollte. Ich nahm also dort in einem bequemen, funkelnagelneuen Korbstuhl vor einer etwas defekten Marmortischplatte Platz. Aber es hielt mich nicht. Denn bevor der Kellner die Bestellung ausgeführt hatte, war ich aufgesprungen, – (oder irgend etwas in mir, in dem ruhebedürftigen und nach Eiskaffee durstenden Menschen), ich stand vor dem Portal und spekulierte angestrengt darüber nach, wie ich mich hineinschleichen könne, ohne eine Legitimation vorzeigen zu müssen und mein Alter, das heißt meine Jugend und Unmündigkeit zu verraten, denn ich wußte genau, daß Minderjährigen das Betreten der Spielsäle streng verboten war.

Ich hielt meinen Hut in der Hand. Eine junge (aber nicht mehr ganz junge) Person in Apfelgrün, die entfernt an die Offiziersfrau erinnerte, die das letzte Abenteuer meines Vaters gewesen war, schlängelte sich an mich heran, nahm mir, ihre winzigen aber sehr schönen bläulichweißen Zähne in einem ebenso nichtssagenden wie bezaubernden Lächeln zeigend, den Strohhut, (einen fein geflochtenen Panamahut mit schottisch gemustertem schmalem Band) aus meiner Hand und begann, sich damit das ovale, regelmäßige, etwas geschminkte Gesicht zu fächeln. Ich war so überrascht und verlegen, daß ich beinahe schon entschlossen war fortzugehen, ihr den teuren Hut, dessen Krempe sie rücksichtslos hin- und herbog, zu lassen und in das Caféhaus zurückzukehren, von dessen Terrasse aus der Kellner mich bemerkt hatte, das hohe Glas mit Eiskaffee noch auf dem Tablett.

Aber die junge Dame hielt mich zurück, sie schüttelte mit einer Art Mütterlichkeit den Kopf, so daß die großartigen, perlgrauen, in Zöpfchen geflochtenen Straußfedern ihres Rembrandthutes schwankten, als wolle sie mir andeuten, ich solle mich nicht fürchten, denn sie meine es gut mit mir. Sie faßte meinen Arm und führte mich etwa so, wie man ein ungebärdiges, mit der bösen Welt noch nicht ganz vertrautes, wildes, einjähriges Füllen umherführt, vor dem Kasino hin und her, ja sie machte dann die Runde um das gewaltige Gebäude, das aus der Nähe noch geschmackloser aussah als aus der Entfernung. Sie sprach mich in verschiedenen Sprachen an. Verstehen konnte ich keine, schon infolge meiner Aufregung, es dröhnte mir in den Ohren. Sie nickte zwar zu meinen Worten, denen ich dummerweise eine nasale französische Betonung gab, aber wenn wir uns endlich doch verständigten, war es darauf zurückzuführen, daß unsere Absichten natürlich die gleichen waren. Voller Zufriedenheit hob und senkte sie die perlmutterfarbenen Augenlider über den kirschenartig glänzenden Augen, an denen die Iris ohne sichtliche Unterscheidung in die Pupille überging, packte meinen Arm mit ihrem linken Arm noch fester, wie um sich meiner zu vergewissern, mit der anderen Hand setzte sie mir, nachdem sie mein zerrauftes Gelock etwas geordnet hatte, den Panama auf den Kopf. Jetzt war sie mit mir am Arm schon in der Halle, (es ging so schnell, daß ich vergaß, den Hut abzunehmen, aber andere taten ebensowenig dergleichen). Jetzt waren wir beide mit unseren langen Schritten auch schon an dem Beamten vorbei, der die Legitimation der alten Besucher revidierte, während an einem anderen Schalter die neuen Eintrittskarten ausgestellt wurden. Mich hatte dieser Augenblick mehr erregt, als ich gedacht hatte. Vielleicht empfand ich jetzt etwas Ähnliches wie damals, als Lilyfine ihr schmales blaues Korsett krachend auf den Fußboden geworfen hatte. Eine Prüfung stand mir bevor. Das Herz schlug mir mit einer wollüstigen Angst, die im Grunde so herrlich war, daß ich mir sagte, ich würde diese Reise nie bereuen, sollte ich auch 200 Kronen verlieren.

Nur so weit, und nicht ein Haarbreit weiter zu gehen, war mein Vorsatz, und nach den Erfahrungen mit Lily traute ich mir genug Willenskraft zu, um jeder Versuchung zu entgehen und – mich nicht durch Schwäche unglücklich zu machen.

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