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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 37
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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19.

Wenn ich sage, daß ich Wharf ganz unerwarteterweise verlor, will das nicht heißen, daß ich eines Tages sein Brieffach in der Hotelhalle leer gefunden und am Abend das Geklapper seiner kleinen Schreibmaschine vermißt hätte, weil er ohne förmlichen Abschied abgereist war. Sondern unerwartet deshalb, weil unserem Abschied ein kleiner Wortwechsel vorausging, den ich erst später verstand. Wharf, dessen Neugierde der wundeste Punkt war, der einzige, in welchem er seines Phlegmas ungeachtet eine Art Berufsehre einsetzte, fragte mich drei Tage nach dem übrigens wenig sensationell verlaufenen Erstlingsversuch des gräflichen Girakters, der nur einen ›Hoppser‹ gemacht hatte, nicht mehr und nicht weniger, ob ich der Sprößling eines Flickschusters sei. Nun war er der letzten Feinheiten der deutschen Sprache noch nicht mächtig. Einerlei. Ob er nun wußte oder nicht, daß Flickschuster im allgemeinen einen in seinem Beruf gescheiterten richtigen Schuster bedeutet, ich versagte ihm die Antwort darauf mit dem Hinweis, es sei unnütz für ihn zu wissen, aus welchen Kreisen ich stamme; ich hatte ja auch nie nach seiner Herkunft gefragt und möge ihn leiden wie er sei. Statt sich mit dieser Antwort zu begnügen, begann er über meine Eitelkeit zu witzeln, ich tat ihm nicht den Gefallen, mich zu erzürnen, und erzürnte ihn um so mehr. »Gut«, sagte ich endlich, »wenn Sie es wollen, bin ich der Sohn eines Flickschustergehilfen oder gar nur Lehrlings, das ist immer noch eine Stufe tiefer. Sie sehen, ich wohne in einem guten Hotel und verkehre mit Ihnen, also habe ich mich emporgearbeitet.« Diese Ironie versetzte ihn in helle Wut. Er hatte erwartet, ich würde fragen, woher er diese Information habe. Und daß ich so wenig neugierig war, brachte ihn in solche Rage, daß er die Ärmel aufkrempelte und mir einen Boxkampf anbot. Ich sagte ihm, ich sei einverstanden, wolle aber erst Boxlektionen nehmen; vielleicht bei ihm? Und als er wütend den rothaarigen Kopf schüttelte, sagte ich, es sei zu seinem Vorteil! Denn es sei bekannt, daß ganz ungeübte Boxer aus reiner Unerfahrenheit die erfahrensten Boxer knock out schlagen, (was man oft in komischen Filmen gezeigt hatte). Es sei also nur fair play, wenn wir damit warteten. Ich stünde ihm gut dafür. »Ja«, sagte er zufrieden, die Ärmel wieder hinabrollend und mit zischendem Geräusch zur Seite spuckend, »ganz genau so hat man Sie mir geschildern.« »Geschildert«, verbesserte ich. Nur ein wütender Blick war die Antwort, Wharf hatte mir vorderhand die Freundschaft gekündigt, blieb aber im Hotel, und sein Geklapper wurde quälender denn je, da ich mir einbildete, er tue es absichtlich, um mich im Schlafe zu stören.

Die schöne Jahreszeit neigte sich ihrem Ende zu. Sollte ich bereits heimkehren? Nichts war entschieden. Ich hatte mich für keinen Beruf ausersehen gefühlt, es sei denn für den Beruf der Freiheit. Dies erschien mir gleichbedeutend mit Philosophie. Denn was ist reine Philosophie anderes als reine geistige Freiheit? Aber wie sollte ich davon leben, vorausgesetzt, daß ich dafür leben wollte? Ich überzählte meine Barschaft, das heißt das, was von Marthys Geldern geblieben war. Es stellte sich heraus, daß ich in den vier Wochen 251 Kronen verbraucht hatte, also genau eine Krone mehr, als mein Guthaben bei dem Kaiserlichen Rat betrug. Woher sollte ich aber das Geld ersetzen? Zahlte ich es aber Marthy nicht zurück, so verlor diese vielleicht in ihrer Sehnsucht nach dem ›Schatz‹ die Geduld, und meine arme Mutter und mein unschuldiger Bruder waren in einer tristen Lage.

Ich mußte also zu Geld kommen. Nun hatte mir gerade an diesem Tage der Kaiserliche Rat auf die Bitte seines Sohnes einen langen Brief geschrieben, die Schreibfaulheit Karls mit Krankheit und Müdigkeit entschuldigend. Der Rat wollte, ich solle möglichst bald zurückkehren. Ich sollte meine Lektionen bei dem immer zarter und empfindlicher werdenden Studenten (und Genie?) fortsetzen, er wollte mich, damit ›ich einen bürgerlichen ausfüllenden Lebenszweck‹ habe, solange kaufmännisch beschäftigen, bis ich mit Karl zusammen auf die Universität in Wien gehen würde. Und worin bestand dieser Lebenszweck? Er schrieb, ebenso ausführlich wie geheimnisvoll, es handle sich um eine sittlich kommerzielle Sache, bei der er sich die Mitarbeit des guten alten Peters gesichert habe, der trotz seiner Gelbsucht von großem Arbeitseifer erfüllt sei und auf den eigentlich die Idee zurückgehe. Wenn ich das langatmige Geschreibe recht verstand, handelte es sich um – Sträflingsarbeit. Bis jetzt beschäftigte man einen großen Teil der zu langen Freiheitsstrafen verurteilten Menschen mit ziemlich untergeordneten Tätigkeiten wie Tütenkleben, Pantoffelschneiden und Schachtelkleben, Kuverts anfertigen, komischerweise alles Sachen, zu denen Kleister gehört. Er (oder Peters) hatte aber die Idee gehabt, in den Zuchthäusern und Gefangenenanstalten statt dessen kleine Handschuhfabrikationen und Krawattenmanufakturen einzurichten. Wenn man den beiden kommerziellen Herren glaubte, war es wirtschaftlich purer Wahnsinn, den in Freiheit lebenden Arbeitern, Zuschneidern und Steppern usw. Riesenlöhne zu zahlen, mit denen sie doch niemals zufriedengestellt sein würden. Wenn man aber den bereits vom Staate verköstigten und wetterfest untergebrachten Opfern ihrer Leidenschaften und Triebe die Kunst des Handschuh- und Krawattenfabrizierens beibringe, tue man ein gutes Werk. Denn wenn der Zuchthäusler in diese handwerkliche Schule gegangen sei, könne er nach seiner Entlassung und moralischen Wiedergeburt – brauchbares Mitglied der Gemeinschaft werden – praktische Humanität ohne Risiko usw. usw. Mir widerstand dieser Gedanke. Mich ließen sogar die ›konkurrenzlosen Preise‹ die auf diese Art zu erzielen wären, kalt.

Dennoch mußte etwas geschehen. Ich dachte hin und her. Wharf beantwortete meinen Gruß nicht, und gerade jetzt hätte ich gerne mit diesem älteren und erfahreneren Kameraden gesprochen, und ich bereute, daß ich mich so offen gegeben und ihn unbewußt gedemütigt hatte. Hinter der Angabe über den Beruf meines Vaters hatte ich, vielleicht ohne Grund, eine kleine Bosheit von Seiten des Grafen oder seiner Tochter vermutet, und hier war ein wunder Punkt für mich. Aber war es denn wahrscheinlich, daß sie sich meiner nach so langer Zeit erinnerte, daß sie mir zürnte, weil ich einer Begegnung mit ihr ausgewichen war? Wir hatten uns ja nur einmal im Leben gesehen, nie miteinander gesprochen!

Ich wußte es nicht. Es änderte übrigens nichts an meiner Lage. Ich brauchte Geld, denn ohne Geld ist auch der Freieste ein Sklave.

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