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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 36
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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18.

Mit aller Kraft widerstand ich der Begierde, diese Gedanken niederzuschreiben. Ich sagte mir, daß ich viel zu jung und lebensunkundig sei, um bereits jetzt etwas Dauerndes hervorzubringen.

Ich hatte einen Nachbarn, der spät abends heimkehrte, meistens sogar später als ich, und der sich an seinen Schreibtisch setzte, um etwas auf seiner Maschine niederzuschreiben. Die ersten Klappergeräusche gingen an meinem Ohr fast spurlos vorüber. Aber dann horchte ich aus dem Halbschlaf heraus auf, zählte die Tipps, (wenn man das Buchstabengeräusch so nennen darf), ich zählte unwillkürlich deren Zahl. Waren der Tipps drei, dachte ich an Ich, waren es fünf, dachte ich an Vater, schließlich sprang ich aus dem Bette heraus, warf die Kleider um, und lief noch einmal auf die Straße. Als ich einmal gegen zwei Uhr nachts heimkam, erschien der Nachbar, ein rothaariger magerer junger Mensch, auf seiner Schwelle, ein dickes gelbes Kuvert in der Hand. Er wunderte sich, mich auf dem Treppenflur zu treffen, ich wunderte mich, wie ein Mensch die Unverschämtheit haben konnte, bis zwei Uhr nachts die Nachbarn im Schlaf zu stören. Ich dachte daran, mich bei dem Geschäftsführer zu beklagen oder auszuziehen. Aber beidem kam der Nachbar zuvor, indem er am nächsten Abend zur gewohnten Stunde (seine Stunde!) an meine Tür klopfte und fragte, ob er mich vielleicht im Schlafen störe. Wenn ja, wolle er unten in der zu dieser Zeit meist leeren Hotelhalle arbeiten.

Ich verneinte. Wir kamen ins Gespräch, er nannte mir seinen Namen, Josua Wharf. Sein Vater war Schotte, die Mutter Schweizerin. Sein Alter war schwer zu bestimmen, der Grad seiner Intelligenz, die Redlichkeit und Gesinnung, das Maß seines Wissens und seiner Aufrichtigkeit undurchschaubar. Er war Journalist, hatte aber begonnen, sich auch mit der neuen Pressephotographie zu beschäftigen, und probierte seinen kostbaren, aber schwerfälligen Apparat an allen möglichen Objekten aus, bei jedem Wetter und bei allen Tages- und Nachtzeiten, also auch an mir ...

Ich hatte niemals einen guten gleichaltrigen Freund, kaum jemals einen Kameraden gehabt, und seine Gesellschaft störte mich nicht. Er erschien stolz eines Tages mit einer großen Photographie von mir, sie war so geschmeichelt, daß ich mich nicht wieder erkannte. Er schien sich über meine Verlegenheit nur zu freuen, gab mir aber das Bild nicht, sondern sagte, er wolle es für seine im Werden begriffene ›Kartothek kommender Männer‹ aufbewahren. Ich, (ein Junge von kaum neunzehn Jahren), mußte ihm für seinen Zettelkasten die Daten meines Lebens, Alter, Geburtsort usw. angeben. Als er mich nach meinem künftigen Beruf fragte, wurde ich still. Ich wußte ihn noch nicht. Ich bat ihn, mit dem Ausfüllen der Rubrik zu warten. Er tat dies natürlich gern. Ich konnte nicht annehmen, daß er mich überhaupt allzuernst genommen hat.

Was war ich ihm und was er mir? Auch diese höchst oberflächliche Bekanntschaft reihte ich in mein System der Gewichtlosigkeit ein. Aber wenn ich meine bisher weitaus engste, schwerste und wahrhaft tragische (oder komische?) Beziehung, die zu meinem armen Vater, mit unserer ganzen luftigen Bekanntschaft verglich, konnte ich ›am letzten Ende‹ keinen so ungeheuren Unterschied erkennen. Als ich am Sterbebette meines Erzeugers gewesen und mein Flehen und meine Verzweiflung (oder meine Rettung) ihm nicht einmal Widerstand abgenötigt hatten, was war ich ihm gewesen? Der allzugehorsame, allzudemütige Sohn, der Bringer des Spiegels, in dem er seine verlorene Jugend und Schönheit sah. Wenn er sich nicht einmal soviel Mühe um den einzigen Sohn gab, wie er sich um eine etwas unbedeutende, hübsche und armselige Person wie Lily (zu seiner Zeit) gegeben hatte, so konnte ich nur wiederholen, daß sich jeder Mensch, welcher der widerspruchsvollen Welt gerecht zu werden strebt, sich jeder Schwere zu entäußern hat. Denn je leichter er sich macht, je weniger ernst er sich und seine Notwendigkeiten nimmt, von denen stets die eine der andern, widerspricht, desto weniger erbärmlich ist er. Banal gesagt, desto besser geht es ihm. Mir ging es jetzt gut.

Mit Wharf kam ich öfter auf Rennplätze, ich machte mit ihm Nachtfeste, Praterwagenfahrten in einer Art Blumen-Festzug, garden-partys, andere größere Gesellschaften, Militärparaden in und vor der Stadt mit. Auf dem Trabrennplatze photographierte er die Pferde und bekam für das Versprechen, Bilder zu schicken, gute Ratschläge von den zwerghaften sehnigen Jockeys, Tips, aber das waren andere als die Tipps auf der Maschine. Die dumme Ähnlichkeit der Worte machte mich lachen. Sehr zu seinem Verdruß, da er nicht ertrug, daß man lachte oder sich ärgerte, ohne daß er wußte warum. Aber seine Tips erwiesen sich meist als falsch, und mir machte es manchmal Spaß, mit der Spitze meines Bleistifts in dem Rennprogramm die Pferde anzuzeichnen, deren Gangart mir gefiel. In drei von fünf Fällen hatte ich recht; mein Vater hatte viel von Pferden verstanden. Zuviel sogar, sagte er oft, um zu gewinnen. Denn er traute den Jockeys nie, weil sie die ›Form‹ ihrer Pferde je nach den Wetten zurückhielten oder nicht.

Eines Nachmittags lud mich aber Wharf zu einer anderen und zwar viel aufregenderen sportlichen Sehenswürdigkeit ein. Ein verrückter Graf sollte ein Flugzeug erfunden haben, das er Girakter nannte und das von jedem Platz ohne Anlauf in die Höhe steigen und sich ebenso an beliebiger Stelle niederlassen konnte; plötzlich entsann ich mich des Freundes meines Vaters, und vor allem der jungen Gräfin, und zum erstenmal seit meinem Abschied von zu Hause stockte mir das Herz. Ich nannte Wharf den Namen des Erfinders, bevor er ihn aussprach. Er staunte, denn meine Vermutung war richtig. Der Girakter sollte in Gegenwart einiger Generalstäbler und der Direktoren des Aeroklubs an dem gleichen Nachmittag, vorausgesetzt, daß Wind und Wetter gut blieben, eine wichtige Probe bestehen. Ich kam nicht mit. Ein Gewitter drohte, behauptete ich. Die schöne Zeit sei vielleicht zu Ende. Aber ich fürchtete ja nicht das Wetter. Ich fürchtete, das einzige Wesen auf Erden wiederzusehen, das fast ebenso tief in mir weiterlebte wie er. Mein Nein ärgerte den Journalisten, aber ich erklärte es ihm nie, und verlor ihn plötzlich ebenso unerwartet, wie ich ihn gewonnen hatte. Und seine Sprachschnitzer waren so komisch gewesen!

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