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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 35
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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17.

Ich kam zur Mittagszeit in Wien an und gab mein kleines Köfferchen am Bahnhof in Verwahrung. Ich schlenderte an dem herrlichen Tage nach der inneren Stadt. Zum erstenmal fühlte ich mich von Herzen frei. Im Mittelpunkt der Stadt, im Schatten des Stefansdomes, befindet sich ein kleiner, aber ungeheuer bunt und fröhlich bewegter Platz. Ich setzte mich an einen der Marmortische vor dem Café Europe. Der Platz besteht eigentlich nur aus dem Dom auf der einen und dem großstadtartig verrußten Prunkbau an der Ecke des prachtvollen Grabens auf der anderen Seite. Von dem Wasser, das einen besonderen Wohlgeschmack hatte, trank ich Glas für Glas. Fast schien es mir zu Kopf zu steigen. Alles lag hinter mir.

In der besonderen Helle und Durchsichtigkeit dieses Spätsommernachmittages, über welchen bereits ein edelsteinfarbiger, klarer, früchtereicher, aber kühler und gesättigter Frühherbst hinwehte, gedachte ich vor allem meines Vaters, ohne Bitterkeit. In meinem körperlichen Glück, in dem Frieden dieses sorgenfreien, zukunftslosen Nachmittages, durfte ich seiner ohne Bitterkeit gedenken. Ich tat das, was meine Mutter vor zwei Wochen an seinem Sterbetag beim Schein der dicken Kerze getan hatte. Ich feierte meine Versöhnung mit ihm bei dem flirrenden, gewichtlosen und doch fast greifbaren, klaren Licht, das über die steilen, taubenblauen Dächer des gewaltigen gotischen Domes zu mir kam und sich auf den Wasserperlen der Wasserkaraffe in tausend Regenbogenfarben brach.

Ich wollte meinen Vater nicht verraten. Ich wollte ihn nicht verlassen. Ich wollte ihn weiterlieben! Aber nicht mehr mit dieser rauschartigen Liebe, die ihm nicht gerecht geworden war. Ich muß ihn oft gequält, ihn oft in seinem federleichten Lebensgenuß bedrückt haben.

Ich hatte in ihm etwas Übernatürliches gesehen, in meiner Liebe aber nur eine ganz natürliche Sache. Jetzt sah ich in ihm einen Menschen fast wie jedermann, gemischt aus Höherem, Halbgöttlichem, und Niederem, Animalischem. Dieses hatten sie für seine Schwächen gehalten. Aber waren sie nicht aus seiner Natur gekommen? Er hatte niemandem schaden wollen, nur selbst glücklich und genußreich sein. Nicht er, sondern meine Liebe hatte das Unnatürliche gehabt. Ich hätte nur Gott so lieben dürfen wie ihn oder keinen.

Aber jetzt blieb mir mein Ich, winzig klein, aber immer noch unendlich mehr als das Nichts. Denn auch das ist Größenwahn, wenn ein Wesen wie ich sich dem Nichts gleichstellen wollte. Denn dann wäre es dem allmächtigen Tode gleich.

Ich stand auf, als es bereits gegen Abend ging. In der Nähe unweit des Grabens und einer barocken schönen Mariensäule befand sich ein Hotel. Es mußte mir sofort gefallen, ich wollte möglichst dem Platz meines Freiheitsglücks, dem Stefansplatz, nahebleiben. Ich hatte kein Gepäck, bloß den Schein für mein abgeschabtes Köfferchen. Ich hatte aber Geld. Ich machte mir kein Gewissen daraus, mir von diesem Geld, das mir nicht gehörte, einen schönen schweren Schweinslederkoffer mit gesteppten Nähten zu kaufen. Und damit der Koffer nicht durch sein leichtes Gewicht auffallen sollte, kaufte ich mir zwei Paar Schuhe, etwas Wäsche, ein paar Bücher. Ich hielt einen Wagen an, (zum erstenmal im Leben auch dies), und kam auf den Gedanken, zuerst in den Prater zu fahren, auf dem Rückweg mein Köfferchen von dem Bahnhof abzuholen, der in der Nähe dieses Parkes gelegen ist. So geschah es. Ich landete mit zwei Koffern in dem Hotel, ich fragte nicht nach dem Preise, sondern packte alles aus, wusch mich, trank nochmals von dem unbeschreiblichen Wasser und trat auf die Straße hinaus, von einem fröhlichen Hunger getrieben, – (nicht nur Hunger nach Nahrung, sondern nach Leben und Zukunft!); in einem guten Restaurant bekam ich ein herrliches Essen, zartes Fleisch, würziges Gemüse, duftige Mehlspeisen, einen Kaffee voll Mark und Süße, einen leichten Wein und Zigaretten von solchem Aroma, wie ich sie mir noch nie gegönnt hatte. Nach dem Ende der Mahlzeit trat ich auf die Straße hinaus, wo die Bogenlampen, vom Winde leise bewegt, wie Monde zwischen den stillen Mauern der Häuser brannten, und ohne Spur von Müdigkeit und Trübsinn ging ich schnell bergauf, bergab, durch die innere Stadt in die Vorstädte und aus den Vorstädten in die Landschaft, Weinberge, Wäldchen, Wiesen und Dörfer, wo die im Talgrunde liegende Stadt überging in das freie Gefild, über dem ein warmer, reiner, würziger Wind vom Wienerwald her wehte.

Mein Glücksgefühl wuchs auf eine mir unbegreifliche Weise, je länger ich ging. Ich kam erst gegen Morgengrauen heim. Ich verschlief den ganzen Tag ...

In der nächsten Zeit, bei dauernd herrlichem, trockenem, mehr oder weniger windigem Wetter, das jenseits des Sommers, aber noch nicht diesseits des Herbstes stand, lebte ich in einer Leichtigkeit, einer Gewichtslosigkeit, die ich niemals für möglich gehalten hatte. Ich dachte vor, ich dachte wenig nach. Ich vergaß. Ich lebte gerade in den Tag hinein. Ich kaufte mir was mir gefiel, und da meine Bedürfnisse in bezug auf Kleidung und Nahrung immer bescheiden gewesen sind und ich die Preise hier nicht teurer fand als in meiner Heimatstadt, schien es, als ob das Geld, auf das ich mir ein gewisses Notrecht einräumte, nämlich jene 250 Kronen, immer und ewig währen würde. Erst wenn ich mehr ausgab, hätte ich vielleicht die Schranke zwischen ehrlich und unehrlich überschritten. Nur dann kam jenes wertlose Paket, für das sich meine Mutter so blind verbürgt hatte, ans Licht und damit meine List.

Ich lebte reuelos, aber nicht gedankenlos. Im Gegenteil, jetzt, wo ich niemanden mehr von ganzem Herzen liebte und wo alles so herrlich ›flink und federleicht‹, um mit ihm zu sprechen, ja wie auf Flügeln schnell und ohne Laut an mir vorübergetragen wurde, wurden meine Gedanken von einer durchsichtigen, weder von Trauer noch von Bitterkeit, noch auch von Sehnsucht und von Ehrgeiz getrübten Klarheit. Ohne Zittern, heiter, meiner Jugend und Gesundheit bewußt, entsann ich mich der Sternenkarte, die er und ich auf den Knien gehabt und studiert hatten auf den kühlen Stufen der Treppe. Die Fixsterne waren bis zu einer Million Lichtjahre von mir entfernt. Also: wenn in jeder Sekunde das Licht 300 000 Kilometer durchmißt, weit mehr als ein menschlicher Blick auf der Erde je umfassen könnte, auch vom höchsten Gipfel aus, so sammelten sich diese 300 000 Kilometersekunden zu richtigen Minuten, diese zu Jahren, diese Jahre zu Jahrzehnten, zu Jahrhunderten, überfluteten weitaus die höchste Lebensgrenze des Einzelnen, gingen in die Zehntausende und entschwanden jeder Art menschlicher Historie, Erzählung und Sage von menschlicher Größe und Heldenkraft! Was waren dann eines Nabobs unermeßlicher Reichtum und eines Napoleons diktatorische Herrschaft? Aber hier war noch lange die Grenze nicht, Hunderttausende von solchen Unendlichkeitsjahren machten erst allmählich die Millionen voll.

Aber ich der wagemutige Student nachts am Hoffenster eines Hotels, sah mir froh diesen Stern an, ich überwand durch ein glückliches Zusammentreffen den Abgrund der Licht-Äonen, und meine Winzigkeit trat in Berührung mit ihm. Wir kannten uns. Wir genügten uns. Wir hatten auf einander gewartet, der Lichtstrahl des Sternes dort und die Netzhaut und mein Bewußtsein hier, und wir hatten einander bei diesem Rendezvous nicht verfehlt, wir gehörten zusammen. Wer weiß, wie lange? Was lag daran? Treue ist vielleicht Tod. Ich lebte. Ich war meiner und seiner bewußt und froh. Ich freute mich an ihm so gut wie jenseits von Zeit und Raum. Aus diesen Gedanken und Gefühlen begann ich meine Philosophie der Gewichtlosigkeit zu entwerfen, die Theorie einer Freiheit in Ausgleich des Einzelnen, und in der ewigen Begegnung zwischen All und Nichts.

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