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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 34
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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15.

Der zweite Grund, weshalb ich von Marthy entweder ihren ganzen Schatz oder gar nichts verlangen wollte, bestand in der einfachen Erfahrungstatsache, daß man, wenn man viel erhalten will, noch mehr verlangen muß. Ich holte sie eines Abends von den Portiersleuten ab, wo sie inmitten einer furchtbaren Unordnung mit so fettigen Karten das Spiel ›Franzefuß‹ spielte, daß die Karten aneinander oder an der Tischplatte klebten, was die Spieler alle zu tausend Schwindeleien und zu lautem, krachendem Gelächter, wie es Marthy niemals bei uns laut werden ließ, veranlaßte. Sie verließ brummend die Tafelrunde, nicht ohne ihren Gewinn, der in einem Blechschälchen vor ihr lag, eingestrichen und das Glas Kümmelschnaps geleert zu haben, das ihr die Portiersfrau vorgesetzt hatte.

Auf der Treppe bereits versuchte ich Marthy ins Vertrauen zu ziehen, und ich begann nicht etwa mit meinen Geldnöten, sondern mit der von Monat zu Monat aufgeschobenen Taufe meines Bruders. Ich trat allen Ernstes auf als Nachfolger meines Vaters, ich behandelte die alte, reiche, streitsüchtige Magd als ein nicht nur gleichstehendes, sondern höheres Wesen, dem eine wichtige Aufgabe zugewiesen ward, an der bis jetzt alle anderen versagt hatten: nämlich meine Mutter von der Notwendigkeit der Taufe zu überzeugen. Es handelte sich ja, wie Marthy wohl wußte, um keine Formsache, sondern darum, daß meine Mutter den Frieden mit Gott und der Weltordnung machte, den sie seit dem Tode meines Vaters und besonders seit der Entdeckung der frivolen Truhe verloren hatte.

Was hätte sie wohl gesagt, wenn sie von meinen Erlebnissen mit Lilyfine erfahren hätte? Hätte sie mich als Blut von ihrem Blut, oder als Fleisch von seinem Fleisch angesehen? Ich schwieg natürlich darüber. Es gab mir eine gewisse Überlegenheit, Dinge zu wissen, die den anderen verborgen waren. Ja, ich muß sogar sagen, es gewährte mir eine noch größere Überlegenheit, die Menschen durch halb wahre oder unklare Angaben, (um nicht zu sagen Lügen), wie an ihnen unsichtbaren Schnüren dorthin zu führen, wo ich sie haben wollte. So zum Beispiel versuchte ich Marthy jetzt klar zu machen, daß sie selbst die Taufpatin des kleinen Leopold werden müsse, und daß sie dieses Ziel leichter erreichen würde, wenn ich fort wäre und sie allein blieb mit meiner Mutter. Es wäre dies eine ungewöhnlich große Ehrung für sie gewesen, und war im Grunde doch nur das, was sie durch ihre Treue um uns verdient hatte. Nun war der Zusammenhang zwischen der Ehrung als Taufpatin und meiner Sommerreise nur sehr schwach. Trotzdem saß die Angel, und ich zog die Angelschnur ein wenig fester an.

Nun vertraute ich, beim Schein der alten Küchenlampe in Marthys verblühenden, aber von Leidenschaften nicht freien Zügen lesend, ihr so nebenher auch meine Geldnöte an. Der Besuch des in der Stadt als sehr reich und sehr gemein bekannten Kaiserlichen Rates hatte auch auf die Magd Eindruck gemacht. Nun deutete ich an, es seien an 1000 Kronen, die ich als Honorar zu fordern habe, und sie glaubte es. Aber hatte ich das Geld nicht unlängst von ihm bekommen? Nein, ich hätte es nicht nehmen wollen, weil ich es in dem Geschäfte des Rates mit riesigem Gewinn weiterarbeiten lassen könne. Jetzt bot sie mir, ihr altes, mir wohlbekanntes Gebetbuch unter einer Schicht roter flaneller Unterröcke hervorholend, drei Hundertkronenscheine an. Sie hatte den Gebettext zwar am Rande herausgeschnitten, aber treu und fromm unter dem Buch aufbewahrt, das mit neuen Banknoten statt mit alten Gebeten und Heiligenbildern angefüllt war. Ich sagte ihr, ohne weiter auf die Höhe der Summe einzugehen, die ich ruhig liegen ließ, es sei unvorsichtig von ihr, das in langen Jahren so schwer erworbene Geld einfach im Schrank zu halten. Ich nahm das schöne glatte Geld aus den Buchdeckeln heraus und zählte es ab. Ich tat, als ob ich mich verrechnete, und sagte »zweitausend Kronen, damit müßte man doch etwas anfangen können«. Sie streckte die Hand leidenschaftlich nach dem Geld aus, aber die Hand sank unter meinem ruhigen Blick bald wieder auf den Küchentisch, und in ihrem Gesicht wetterleuchtete es. Sie schwankte. Sie stand auf und arbeitete in der Küche so lärmend umher, daß meine Mutter ihr aus dem Schlafzimmer zurief, sie solle sich ruhig verhalten, denn unser Postillion, der die ersten Zähne bekam, war heute schwerer eingeschlafen als sonst.

»Meine Mutter darf keinesfalls etwas davon wissen«, sagte ich, während ich Marthy, die ich um zwei Köpfe überragte, mit einem kameradschaftlichen Lächeln (wie dem eines jüngeren, aber im schlimmen Lauf der Welt besser bewanderten Bruders) umfaßte. Sie schwieg immer noch. Ihre Hände arbeiteten jetzt ohne Arbeit und Ziel in ihrer Schürze umher. Ich setzte mich zu ihr.

»Ich will ganz ehrlich sein«, sagte ich ihr, »niemand weiß, wie ein Geschäft ausfällt. Wenn es für Sie ein zu großes Opfer wäre, mir die 2000 Kronen anzuvertrauen, dann...« Sie ließ mich nicht aussprechen. »Kein Wort weiter«, rief sie laut, dann wiederholte sie dieselben Worte leiser, der Mahnungen meiner Mutter eingedenk. »Nehmen Sie! Eine arme Magd werden Sie nicht betrügen.« »Aber wenn ich Unglück habe, wenn wir mit Verlust arbeiten?« sagte ich. »Ich bin jung und bin neu im Geschäft.« »Ja, aber du bist nicht der gnädige Herr«, sagte sie, aufstehend, ihre Schürze glattstreichend und sich sehr zufrieden mit ihrer roten rauhen Hand über ihren breiten Mund fahrend, als habe sie eben etwas Vortreffliches gegessen, »dir gebe ich es mit Freuden, du hast Glück, ich warte, bis du damit zurückkommst, und ich sorge mich nicht weiter. Basta! Aber da mußt du mir raten«, sagte sie, mich jetzt unaufhörlich mit du anredend, was sie seit Jahren nicht mehr tat, »wie schwindeln wir den Lorenz (ihren Schatz) an?« »Nichts einfacher als das«, sagte ich ihr, »du schiebst die Gebetbuchblätter wieder zwischen die Buchdeckel« (sie tat es), »dann holen wir aus meinem Schreibtisch Petschaft und Siegellack und machen ein kleines versiegeltes Paket. Und dieses Paket vertraust du gegen Quittung meiner Mutter an. Was kann Lorenz dagegen haben?« »Nichts«, sagte sie zögernd, »ich glaube, eigentlich nichts. Aber du kennst ihn nicht. O diese Männerwelt!« Sie lachte jetzt und war offenbar sehr glücklich darüber, daß sie dem habsüchtigen Bräutigam und auch meiner ahnungslosen Mutter einen Schabernack spielen sollte.

Auf den Zehenspitzen ging ich in mein Zimmer, ich brachte Petschaft und Siegellack. Aber wir hatten keine andere Kerze zur Hand als den Stumpen, der von der Kerze geblieben war, die für meines Vaters Gedenken war angezündet worden. Das viele ›große‹ Geld schob ich nachher nachlässig in die Hosentasche, die glatten Scheine rücksichtslos zusammenknüllend. Diese offenkundige Verachtung des schönen Geldes machte Marthys Vertrauen felsenfest. Ich hörte sie bald darauf in festen Schlaf verfallen, und ihr Schnarchen störte mich lange genug. Am nächsten Tag nahm meine Mutter das Paketchen in Verwahrung. Es interessierte sie nicht besonders. Denn auch sie verstand das Geld nicht. Anfang August reiste ich nach Wien ab.

[Kapitelüberschrift Nr. 16 fehlt. Re.]

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