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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 32
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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13.

Auch ich konnte kein Urteil abgeben. Ich dachte daran, daß dieses herrische Wesen vielleicht von meiner Mutter ererbt sei. Sie, die sich nach seinem Tode mehr denn je an mich angeschlossen hatte und mich mehr als ihren vertrauten Freund und Berater als ihr unmündiges und vielen Irrtümern und Leidenschaften ausgesetztes Kind betrachtete, ahnte meine Gedanken und sagte kindlich: »O nein, glaube nicht, daß ich jemals so gewesen bin. Auch ich war in einem Konvikt, in der Lehrerinnenbildungsanstalt im Internat, wie es auf lateinisch heißt. Bei Gott, ich habe niemanden tyrannisiert, ich wollte es nicht, nichts als Ruhe und Frieden war mein Weg und Ziel. Ich wollte nur gerecht und billig sein. Wozu hätte ich jemand hypnotisieren sollen? Jeder für sich, Gott für uns alle. Aber die Welt will den Gerechten nicht wohl, ich erfuhr es bereits damals. Ich denunzierte meine Kameradinnen bei ihren oft richtig albernen Streichen nicht. Aber sie wichen mir trotzdem aus. Das Spitzelmädchen war das schönste und verdorbenste Ding in der Klasse, endlich erfuhren sie es, von ihr, denn sie war ja klotzdumm; aber, kannst du dir's vorstellen, sie hingen ihr noch mehr an, und die Professorinnen waren mir böse, daß nicht ich die Rolle des Judas übernahm. Ich habe mich niemals für schön gehalten, dein Vater war der erste, der mir sagte, ich hätte große Augen. Mir war jede Größe recht; sich im Spiegel zu bewundern, hat unsereins keine Zeit. Mir war meine Zeit für Wichtigeres vonnöten. Ja, ja! Ich war wie du! Du bist eben doch – Blut von meinem Blut?!« Ich antwortete nicht, Marthy schäkerte mit dem Kind zu laut in der Küche. Es begann damals schon die ersten deutlich verständlichen Worte zu formen, und meine Mutter war darüber sehr glücklich, schämte sich aber auch etwas darüber: »Eine alte Frau«, sagte sie mit einer gewissen düsteren Koketterie, die ich nie an ihr geliebt habe, »eine so alte Frau und eine so junge Mutter!« »Nun gut!« setzte sie fort, alles einer Reihenfolge nach, die sie sich eben zurechtgelegt hatte, da alles seine Ordnung haben mußte in ihrem abgezirkelten Leben, »nun gut, jetzt zu dir! Mein Baby entwickelt sich wahrhaftig famos, über Anninkas Backfischstreiche wollen wir zur Tagesordnung übergehen, du machst mir am meisten Sorgen, glückliche Sorgen, frohe – – aber doch! Was machen wir aus dir? Mit dem Schusterhandwerk bist du gescheitert. Daß du es versuchtest, gutes Kind, macht deinem Herzen alle Ehre, aber nicht ein jeder ist zum Schuster geboren! Dafür hast du deine Prüfung mit Glanz abgelegt. Es mag dich Anstrengung und Schweiß genug gekostet haben!« Wie fremd, wie abstoßend klangen diese Lobesworte in meinen Ohren! Und ich konnte die arme Frau nicht zum Schweigen bringen, ich konnte nicht aufstehen und fortgehen, wie ich heute nachmittag von Fine fortgegangen war! »Nun brauchst du Erholung, etwas gute Luft ist dir durchaus vonnöten! Nun hast du, soviel mir bewußt ist, noch das Geld für die vielen Lektionen bei dem Herrn (!) Kaiserlichen Rate zu fordern. Wie wär's, wenn du mit diesem Geld eine kleine Reise unternähmst? Nicht, glaube nicht«, sagte sie, mich wieder durch ihre rührende Güte bezwingend, »nicht, daß ich dir ein Geschenk mit dem machen wollte, was dir zu Recht zusteht und gebührt. Aber sei es, wie es sei. Reise! Einige Wochen Freiheit genießen, auf den Bergen wohnt die Freiheit, und auf der Alm, da gibt es keine Sünde!« Nun lachte sie und sah mich heiter an, und ihr Lachen mischte sich sonderbar mit dem krähenden Kichern des Kleinen in der Küche – »nein, sündigen wird mein Sohn nicht, weder auf der Alm noch hier. Du bist mein Fleisch und Blut. Wir sind nicht wie andere. Deshalb hat es unsereiner bisweilen etwas schwer. Den Schwachen liebt man seiner Schwäche wegen. Uns würde man aber verachten, wenn wir schwach wären. Bleibe dir getreu, dann machst du meinem Mutterherzen die größte Freude. Wenn du zurück bist, hast du gewählt. Vielleicht bin ich dann auch weiter in deinen Plänen inbegriffen, wir sind einander gegenseitig vonnöten, denn so kann es nicht weitergehen ... Nein, ich habe nichts gesagt, denn ich will dir deine schönen Jugendtage nicht verdüstern. Deine Wäsche ist noch nicht geplättet, aber Ende der Woche kann das Vögelchen fliegen. Wie schön! Wie schön! Wäre ich doch ...«

Eben war Marthy mit dem Kind gekommen und reichte es mit stolzer Miene meiner Mutter hin. Wie alt und grau war das Gesicht meiner Mutter im Vergleich zu den blühenden, triumphierenden Farben des Kindes, das jetzt von Gesundheit und Sauberkeit strahlte und dessen Haare ihm bereits in reicher goldener Fülle in das faltenlose Stirnchen hinabfielen. Das ganze kleine Wesen duftete nach Irispuder, und ich wußte nicht, sollte ich mich von ihm abwenden, oder sollte ich es küssen, was ich mir bis jetzt fast immer versagt hatte. Auch meine Mutter war von Postillions Schönheit entzückt, sie zog die Hängelampe etwas tiefer, um das Kind besser zu beleuchten. Das Auge des Kindes heftete sich aber an mich. Mit schauderndem Entzücken sah ich hinter den noch unbestimmten und vielgestaltigen Zügen meines Bruders das Gesicht unseres Vaters, wie er es gehabt hatte, lange bevor er sich auf seinem Sterbebette im Spiegel gesehen hatte. Marthy hatte inzwischen den Gittervorhang des Kinderbettes hochgezogen mit jenem beruhigenden surrenden Geräusch, das sich mir seit Urkindertagen stets mit dem Gedanken an Schlaf und süßen Traum und Sättigung verbunden hat; und nur damals kannte ich das sonderbare fröstelnde Behagen des Kindes, das trotz allem eifrigen Abtrocknen nach dem abendlichen Bade sich doch erst zwischen den wohlbekannten Decken seines Bettes richtig erwärmt. Und hier fühlt es sich geborgen und daheim. Meine Mutter, die ich seit seinem Tode nicht mehr hatte für sich selber beten hören, betete jetzt zu Füßen des Kinderbettes, nachdem sie das Gitter wieder herabgelassen hatte. Das Kind streckte seine Fingerchen durch die Maschen, plötzlich schmatzte es mit den Lippen und lachte, dann aber zog es sie wieder zurück und schlief ein.

Meine Mutter holte den alten Atlas hervor und zeichnete mit der Rückseite des Obstmessers einen großartigen Reiseweg, der über Wien bis nach Salzburg, ans Meer und, als das Messer auf dem Papier ausglitt, sogar bis nach Montecarlo und die Azurküste führte. Das sollte der Flug sein, den das ›Vögelchen‹ nehmen sollte.

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