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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidf6d04d2a
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11.

Lily war so voller Ungeduld, daß sie, an den Schnüren ihrer Unterkleidung zerrend, leise Flüche ausstieß. Als ich am Fenster stand, hatte auch ich Schwierigkeiten mit Schnüren, und zwar mit denen des Vorhanges aus Zwillich. Ich mühte mich ab, den allzufesten Knoten aufzulösen. Aber während dieser wenigen Minuten war etwas wie Vernunft und kalte Überlegenheit in mir erwacht. Ihre allzugroße Eile hatte mich mißtrauisch gemacht. Nicht, daß ich schon jetzt auf sie verzichtet hätte. Nur die entfernte Möglichkeit, aus diesem häßlichen Zimmer herauszukommen, bevor ich das mir immer noch viel zu fremde junge Geschöpf besessen hatte, war in mir aufgetaucht. Vielleicht ahnte Lily etwas von diesen Gedanken, sie war halb entkleidet nachgekommen. Das Korsett hatte sie eben mit einem lauten Krach hinter sich geworfen, und nun lehnte sie sich mit ihrem warmen, schnell atmenden Körper an mich und versuchte mit ihren Händen von neuem mein Gesicht zu fassen und zu sich zu ziehen, als müsse dies immer so sein. Ich wehrte mich, (denn ich habe von jeher gehaßt, angefaßt zu werden, außer von meinem Vater), und mit einemmal war ich es, der ihr zu widerstehen begann. Warum drängte sie mir ihren halboffenen feuchten Mund auf, aus dem jetzt die Düfte des Tabaks und des Parfüms in holdem Verein herausströmten? Warum forderte sie Zärtlichkeiten von mir, statt zu warten, bis ich sie bitte? Hätte sie doch auf der Kante ihres Bettes gewartet! Hätte sie mich zu Hilfe gerufen, um sie von dem Panzer ihrer Weiblichkeit und dem Schutz ihres Geschlechtes, dem Korsett zu befreien! Hätte sie mir unter Widerstreben, mit abgewandtem, heiß errötenden Kopf erlaubt, mit meinen Lippen ihren Hals zu streifen, oder ihr kleines Ohr von der Farbe halbreifer Erdbeeren zu liebkosen mit meiner Zunge! Ich machte mich mit ruhiger Energie los. »Ist es denn schon dunkel? Wollen wir nicht noch warten?« fragte ich. »Was sagst du, was sagst du?« fragte sie mich, als hätte sie meine doch wahrhaftig einfachen Worte nicht verstanden. »Nein, nein, ein Kavalier wie du soll nicht warten«, gurrte sie heiser. Sie hatte also gerade das Gegenteil dessen gehört, was ich gesagt hatte. Die erste Bitte, die ich an sie gerichtet hatte, hatte sie mir abgeschlagen. Ich sah sie an und sah eine üppige und zugleich schlanke, fast bis zur Bewußtlosigkeit fiebernde, für jeden echten Mann sicherlich begehrenswerte Frau. Aber ich begehrte sie nicht mehr so stark wie gestern, als sie auf dem Wege zum Bahnhof geflohen war. Ich senkte den Blick, riß mit ziemlicher Gewalt an den Schnüren des Vorhangs, bis er fiel, und kehrte mit ihr in die Mitte des Zimmers zurück. Ihr Rock hatte sich am Bund gelöst und schleifte hinter ihr her, als sie mir nachkam. Ich wollte, sie solle sich in den Lehnstuhl setzen, der in der dunkelsten Ecke des Zimmers stand, das immer noch viel zu hell blieb. Ich zeigte ihr sogar den Fauteuil. Ich wollte, sie solle dort bleiben, mit den Knien unter dem Kinn und beide Hände um die Knie geschlungen, eine Stunde, vielleicht den ganzen Nachmittag, ich wollte bei ihr sein, nahe, zärtlich, aber durch die Seide ihres Rockes getrennt von ihr und ihrer Glut, ich wollte ihre nackte Haut neben mir ahnen, aber nicht mehr berühren und nicht küssen. Noch nicht! Heute nicht! Ich war jung, sie liebte mich, es war schöner und wollustvoller, noch ein ganz klein wenig zu warten, sich nur ganz allmählich dem zu nähern, was uns zugedacht war. Vielleicht morgen nachts in der guten Gegend, im Walde, auf dem Moose oder in den dichten Gestrüppen des Niederholzes, wo die Sträuche und Bäumchen so dicht standen, daß sie kleine Zellen bildeten, deren Boden von Erdbeerblättern, Moos, allerhand duftenden Pilzen, grau- und rotköpfigen, flechtenartigen Gewächsen wie mit einem kühlen, weichen, reinen Teppich bedeckt war. Ich streichelte ihre Wangen mit dem Handrücken, eben nur tastend, ich wollte sie nahe wissen, mehr durch die Wärme der berührenden Hand als durch das Fleisch und Blut selbst. Aber sie wartete nicht. Sie begann zu zittern, als hätte sie Frost. Auf dem Lehnstuhl wollte sie nicht bleiben. Ich sah wohl, sie war etwas anderes gewöhnt. Aber hätte sie nur geschwiegen! »So geht das nicht, Kleiner«, sagte sie, und zum erstenmal an diesem Tage hatte sie in ihrer Stimme etwas, das sie im Zusammensein mit Peters gehabt hatte. Der Ton machte mir Ekel. »Husch husch ins Bett, kleiner Engel! Welch eine Hitze, ach!« Es war die banalste ihrer vielen Stimmen. Die Worte in ihrer praktischen Gemeinheit ernüchterten mich. Sie hob jetzt ihr mit blaßblauer Seide eingefaßtes, aber nicht von Flecken freies, schmales Korsett vom Boden wieder auf, in Angst, wir könnten darauf treten, die Fischbeinstäbe zerbrechen. Sie zog sich methodisch aus, legte die Unterröcke übereinander, die Schuhe nebeneinander. Aus ihren Achselhöhlen sah ich schwarzes struppiges Haar in wilden Büscheln dringen. Sie merkte meinen Blick, zuckte mit zornigem Lächeln die Schultern und wandte den Kopf ab. Ich dachte an ihn. Es graute mir etwas vor ihr.

Auf dem Bett sitzend, die Beine bis weit über die Knie in glänzende schwarze Seidenstrümpfe gehüllt, zog sie, den Nacken beugend und die Haarnadeln mit der einen Hand festhaltend, ihr schneeweißes, frisch gestärktes, mit schmalen Spitzen geschmücktes Batisthemd aus. Ich sah zum erstenmal eine unbekleidete nackte Brust und darunter den ebenmäßigen, stummen, muschelartig vorgewölbten Leib, der sich sanft wogend mir entgegenbewegte und von mir zurückwich im gleichen Takt wie ihre tiefen Atemzüge. Sie hatte jetzt den Kopf zur Seite geneigt, die Schulter hatte sie hochgezogen, sie schüttelte sich, und die Haarnadeln fielen knisternd eine nach der anderen hinab. Sie streckte jetzt, ohne mich anzusehen, ihre Hände nach mir aus.

Ich kam aber nicht. Ich fand es viel schöner, viel würdiger meiner selbst, eine Schöne, die ich nicht liebte, unberührt im vollen Glanze ihrer nackten heißen Schönheit zu verlassen, als sich ihr halb gezwungen, aus Neugierde oder animalischer Sinnlichkeit hinzugeben, und nachher zu erwachen mit Beschämung über meine Schwäche, mit Ekel an dem höchsten, das die Liebe bietet, und mit erbärmlicher Angst vor den Folgen eines allzubilligen Rausches. Ich sah klar, ich dachte, ich hatte mich gefaßt. Sie sah jetzt erstaunt auf, die Schultern fielen herab, mit ihren Händen bedeckte sie ihren Schoß, wie um ihn zu schützen. Sie hatte die Hände ineinander gefaltet, und der starke Schein der Nachmittagssonne brach sich in den kleinen Steinen ihrer vielen Ringe.

An ihren Brüsten änderte sich etwas, ich verfolgte es mit Spannung, mit einer Art entzückten Sehens. Die Brustwarzen hatten sich eben aufgerichtet und standen wie stumpfe, aber blutbefleckte Lanzenspitzen starr empor. Unter der linken Brust aber pochte ihr Herz, die etwas feuchte Haut in winzigen Hüben bewegend. Ebenso bewegten sich, stumm vorwärtsstoßend, ihre Lippen. Sie sprach nicht, sie zitterte nicht. Vielleicht wartete sie nicht mehr. In ihrem Blick lag etwas wie ein schüchternes Entsetzen. Ich trat näher zu ihr, ich strich ihr, um nicht im Bösen von ihr fortzugehen, über den Scheitel, dann streifte ich ihren Mund und faßte endlich fest und wie um zu danken, ihre Hände, löste sie voneinander, küßte jede für sich auf den Handrücken und ging in das Zimmer zurück. Sie begann zu weinen, und das häßliche Bett knirschte unter ihrem Körper, den sie hin- und herwarf. Ich hatte schon den Hut in der Hand. »Bitte, bitte«, stammelte sie, »kannst du nicht noch fünf Minuten warten?, ich schäme mich vor dem Wirt.« Ich tat ihr den Willen und blieb noch fünf oder sechs Minuten neben ihr, zählte die Sekunden und dachte an nichts. Sie hatte sich etwas beruhigt und hatte sich mit dem Kopf nach der Wand zu gelegt. Ihre Hand suchte etwas auf dem Nachtkästchen. Ich verstand sie jetzt gut und ich glaubte, daß auch sie mich verstand. Ich gab ihr eine von ihren billigen Zigaretten in die eine, die Streichhölzer in die andere Hand, sie setzte sich auf und rauchte stumm. Ich nahm meinen Hut und schlüpfte hinaus. Als ich wegging, kam mir etwas nach. Ich war mit dem linken Schuh in ihre Spitzenwäsche getreten, und das Ding kam mir gar zu getreulich nach. Erst auf der Treppe befreite ich aufatmend und mich sofort beruhigend die Ösen von einem winzigen Stück weißer, unschuldsvoller Spitze, das an ihnen hängen geblieben war. Unten bezahlte ich bei dem Hotelbesitzer die Zimmermiete. Auf der Straße besann ich mich und kaufte, obgleich mein Geld so knapp geworden war, daß ich verschiedene Kleinigkeiten vor einigen Tagen hatte ins Pfandhaus tragen müssen, im Tabakladen ein Päcklein der besten Zigaretten und hinterlegte es im Hotel, wo man meine Wiederkehr sehr belächelte. Ich lächelte nicht.

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