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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7.

Lily war atemlos angekommen, ohne Hut, den Mund halb offen. Die Augen leuchteten voll unbekümmerter Freude. Ohne daß sie es sagte, (ja, sie lud mich sogar zu einem Spaziergang in den nahen Park ein), merkte ich, daß sie Eile hatte, und ich tat ihr einen Gefallen, als ich sagte, ich müsse in zehn Minuten bei dem Kaiserlichen Rat sein, wo ich eine Lektion zu geben hatte. »Da haben wir ja den gleichen Weg«, sagte sie, »ich bitte, schämen Sie sich meiner nicht, wenn ich wie ein Stubenmädchen ohne Hut gehe, denn ich komme nur auf einen Sprung aus seinem Geschäft.«

Der Kaiserliche Rat, Besitzer eines großen und vornehmen, teuren Krawatten- und Handschuhgeschäftes, beschäftigte, um die Herren anzuziehen, nur die schönsten und jüngsten Verkäuferinnen. Auch mein Vater hatte mich mehr als einmal, lange genug, vor dem Laden warten lassen, um dann mit einem kleinen, in hellgrünes Seidenpapier gehüllten Paketchen herauszukommen, das er, ein Lächeln unter seinem blonden Bart verbergend, in seiner Brusttasche unterbrachte, nicht ohne über die ›gesalzenen‹ Preise zu seufzen.

Lily war seit vier Monaten bei dem Kaiserlichen Rat. Vor vier Monaten (und einer Woche, glaube ich) hatte ich sie bei Peters kennen gelernt. Wie hing dies zusammen? Ich konnte doch nicht glauben, daß sie mit ihrem Chef über uns und unsere Lage gesprochen habe und daß ich ihr die Stellung bei seinem Sohn verdankte. Aber wenn ich jetzt auch noch so gemessen schwieg und so lange Schritte machte, daß auf einen von mir drei von ihr kamen, so waren wir doch in ihrer Schuld, Mutter, Marthy und sogar der Postillion, der dank ihrem Geld jetzt wieder in der reparierten Zinkwanne gebadet werden konnte statt wie bisher in einem etwas rissigen Holzbottich. Sie wollte, daß ich mit ihr bis zu dem Geschäft komme. Sie hatte für die Zeit ihrer Abwesenheit eine Geschäftskollegin gebeten, sie zu vertreten. Ich nahm aber dieses Opfer nicht an, denn ich sah, sie zitterte, das arme Ding, um ihre Stellung, und sie wollte nicht wieder als Choristin ihr Brot verdienen.

Beim Abschied strahlte sie vor Glück, ihre Hand glühte. Als ich die Treppe zur Wohnung des Kaiserlichen Rates hinaufging, zufrieden, eben zur Zeit anzukommen, hörte ich, wie mir jemand eilig nachkam. Sie war noch einmal und zwar diesmal ohne Stellvertreterin, da es nur auf eine Minute war, aus dem Laden im Hause fortgelaufen, sie war selig, daß sie mich getroffen hatte, denn es wäre ihr, wie sie mir, vor Eile und Aufregung keuchend, zuflüsterte, zu schwer geworden, zu warten, bis meine Stunde beendigt war und ich das Haus wieder verließ. Warten worauf? Ich hatte vergessen, ihr ein Wiedersehen vorzuschlagen. (Vielleicht nicht ohne Absicht, denn für mich war plötzlich Hinauszögern und Wartenlassen ein Genuß, ein ›auf dem Anstand stehen‹, wie es manche Jäger kennen, besonders die, die zur Zeit der Dämmerung jagen.) Jetzt holte ich dies nach und reichte ihr dann, auf einer höheren Treppenstufe stehend als sie und mich zu ihr hinabbeugend, nochmals die Hand, die sie nicht lassen wollte. Ich trat, um einige Minuten zu spät, bei meinem Schüler ein, der mir meine Unpünktlichkeit zum Vorwurf machte, froh, an dem Lehrer etwas aussetzen zu können. Er war sehr begabt, hatte ein stupendes Gedächtnis, sehr originelle Einfälle, beherrschte Wort und Schrift wie ein Meister, nicht wie ein schlechter Schüler, er faßte die Lehrsätze oft schneller auf, als sie ausgesprochen werden konnten. Ein Genie? Ich weiß es nicht. Jedenfalls war er aber im höchsten Grade von Wissenschaften jeder Art, den humanistischen ebenso wie von den naturwissenschaftlichen angewidert, alles ließ ihn kalt, die Wissenschaft, die exakte nicht minder als die Philosophie, die mich seit seinem Tode mit jedem Tage mehr anzog, gleichgültig und öde erschienen ihm die Liebe, die Familie, die Politik, das Vaterland, die soziale Not, die Kunst und jeder edlere Genuß, denn als Lebenszweck, das heißt als Zeitvertreib, erkannte er im besten Fall den Fußballsport und das Kartenspiel, das gute Essen, ›Paperl‹ genannt, an und das reine ›orientalische‹ Nichtstun. Seltsamerweise war er nachts von Schlaflosigkeit geplagt. Es war eine Pein für ihn, nachts nicht völlig im Nichtstun aufgehen zu können, nachdem er seine Faulheit tagsüber mit großer Hartnäckigkeit mit starkem Widerstand gegen uns alle, Vater, Mutter, Freunde durchgesetzt hatte. Ab und zu mußte er nachts etwas auf kleine Zettel kritzeln, die man morgens in winzigen Fetzen wiederfand. Als er bemerkte, daß sie der Aufmerksamkeit des Vaters nicht entgangen waren, vernichtete er alles auf andere Weise.

Für mich war das Erteilen von Lektionen bei einem solchen Schüler keine Freude. Denn er widerstand mir, träge, scheinbar willenlos, aber mit Erfolg. Er wehrte sich gegen mich und zeigte dies vor allem während der Stunden dadurch, daß er seinen Stuhl möglichst weit wegrückte und mich jede Frage dreimal stellen ließ. Seine Antworten waren manchmal so abgründig stupid, daß sie fast genial erschienen. Und welch Widerspruch! Obwohl er die Uhr während einer Stunde zehnmal herauszog, schien er mich bei aller seiner Abwehr gerne bei sich zu haben, er erfand Vorwände über Vorwände, um mich über die Zeit festzuhalten. Und sicherlich war er es, der seinem Vater den Rat gegeben hatte, der mir so unheilvoll werden sollte, nämlich mir ein hohes Gehalt (bis zum Semesterschluß 250 Kronen) vorzuschlagen, das aber erst dann zahlbar sein sollte, wenn er die Prüfung bestand, also, wenn es ihm so beliebte, erst in einem Jahr. Ich hatte dieses Angebot annehmen müssen, denn ich fürchtete, unser Haushalt wäre ohne meine Mithilfe nicht aufrecht zu erhalten. Am nächsten Tage sah ich Lily wieder. Auch diesmal hatte sie das grell Strahlende, das unbekümmert Laute, das Überglückliche, das sie nicht gerne offen zeigen wollte, weil sie fühlte, daß es mich – in diesem Trauerjahr – empörte, das sie aber doch nicht verbergen konnte. Dabei war ihre Lage im Grunde nicht besser als die meine. Aber sie liebte. Ich zum Glück nicht.

Der Kaiserliche Rat, unser beider Herr und Gebieter, hatte ihr zweimaliges Fortgehen aus dem Geschäft an einem Nachmittage ›mitten in der hohen Saison‹ sehr ungünstig aufgenommen. »Hat er Sie entlassen?« fragte ich, nicht ohne Angst, denn es wäre ein übler Lohn für ihre großmütige Hilfe gewesen, wenn ich sie um ihre Stellung gebracht hätte. »Noch ärger«, sagte sie grollend, fast knurrend, aber das Glück, bei mir zu sein, drang trotz alledem durch ihre trivialen Worte: »Ich bin dem gemeinen Schuft jetzt sogar Geld schuldig und muß es ihm noch abarbeiten. Dann ist die Saison zu Ende, die Herren gehen in die Ferien, und unsereins schickt man auf den ...« Sie nannte ein Wort, dessen Sinn ich damals noch nicht verstand.

»Wozu haben Sie denn Schulden gemacht?« fragte ich töricht. Ich hatte angenommen (und mich damit zufriedengegeben), daß sie für uns Ersparnisse gemacht hatte. Sie war klüger als ich und schwieg. Ein Park war in der Nähe. Nicht jener, in dem ich sie mit meinem Vater hatte sprechen sehen, den Kopf zur Seite geneigt, die Schultern emporgezogen. Jetzt war ihre Haltung ganz anders. Sie hatte den Kopf so tief gesenkt, daß auf ihrem dunkel elfenbeinfarbenen Nacken ein Halswirbel deutlich hervortrat.

Es war nach sieben Uhr, am späten Nachmittag war ein Gewitter niedergegangen, unter den Jasminsträuchern und Kastanienbäumen lagen Blüten, weiß und rosarot, verstreut. Es duftete stark nach Sommer, nach Erde.

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