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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6.

Ich sah, daß Lilys Blicke bereits wieder nach der Tür gingen, und daß die beiden Frauen einander gegenseitig Furcht machten. Ich schob vor allem dem Gast seinen Stuhl hin und ebenso meiner Mutter, meine Mutter dankte, und auch Lily dankte und zwar mit einem solchen Ausdruck von Glück oder gar Erlösung, daß ich es nicht begriff. Was war natürlicher als das? Es war ja meine Pflicht, ich war der Sohn des Hauses. Meine Mutter machte eine Bemerkung über das Wetter, dann sah sie auf ihr Ührchen, das sie an eine Nadel gesteckt auf der Brust trug, und wunderte sich, daß Marthy und das Kind noch nicht zurück waren. Lily hörte aufmerksam zu, ich sah, sie wußte, wer Marthy war und daß wir ein kleines Kind zu betreuen hatten. Sie war immer noch verlegen, sie hatte jetzt die Hände auf den Knien, die Beine waren nicht mehr gekreuzt, und die Füße hatte sie keusch unter den Falten ihres glockenförmigen Rockes verborgen.

Meine Mutter hatte plötzlich mitten in einem Satz aufgehört, denn sie hatte im Korridor die Tür gehen gehört, und ihre Sorge galt natürlich dem Kind. Lily wollte sich verabschieden, und meine Mutter hielt ihr bereits gedankenlos die Hand hin. Man sah, daß ihr Lily so gleichgültig war, daß sie sie seelenruhig hätte fortgehen lassen, ohne endlich den Grund des merkwürdigen Besuches zu erfahren. Also fragte ich, indem ich einfach die Worte meiner Mutter von vorhin wiederholte. Welcher Strahl des Glückes, den die Schöne mir unter ihren etwas zu buschigen Augenbrauen zuwarf! »Es handelt sich um einen kleinen Betrag«, sagte sie, aber jetzt hatte ihre Stimme wieder das Harte und Kreischende wie damals bei Peters. Meine Mutter, die bereits aufgestanden war, setzte sich wieder, steif und kerzengerade, stand sie im Sitzen, (wenn man so sagen kann). Sie sandte einen bösen Blick (oder war es nur Angst?) nach Lily. »Es handelt sich aber nur um eine Schuld«, wiederholte Lily, nun auch sehr gerade in ihrem Stuhl. »Ihr seliger Herr Gemahl ...« »Nein, aber nein«, unterbrach sie meine Mutter, »wir erkennen leider nichts mehr an.« Lily wollte weitersprechen, aber meine Mutter, die sich im Recht glaubte, setzte fort: »Der Termin ist längst abgelaufen, alle unsere Gläubiger sind abgefunden, niemand hat etwas zu fordern von mir.« »Nein, liebe gnädige Frau«, sagte Lily, und ihr Gesicht hatte jetzt etwas wirklich Bezauberndes, Kindliches, und ihre Stimme klang so schön, daß ich es wohl verstand, daß man sie im Chor des Theaters angestellt hatte, »nein, ich habe Geld zu bringen, ich will nichts forttragen von hier.« Meine Mutter war errötet und sah in den Schoß, während das junge Geschöpf in seinem etwas abgeschabten rostbraunen Samttäschchen kramte und schließlich einige zerknitterte Banknoten herausholte. Sie zählte sie, stumm die Lippen bewegend, die sie mit der Zunge befeuchtete, dann sah sie uns halb stolz, halb ängstlich an. Ich konnte nicht glauben, daß mein Vater mit Lily Geldgeschäfte gemacht hatte. Und wenn er ihr Geld gegeben hätte, wie konnten wir dieses Geld zurücknehmen, das vielleicht der Lohn für etwas sehr Gemeines war? Ich war bereits im Begriffe, das Geld ihr wieder zurückzugeben, (sie hatte es allmählich über den Tisch hinweg geradezu unter die Augen meiner Mutter geschoben), als meine Mutter die Scheine überraschend schnell zusammenraffte, sie ebenfalls überzählte und flink, als fürchte sie, es könne Lily leid tun, in den Ausschnitt ihres Kleides versenkte, nachdem sie die Satinschürze etwas gelüftet hatte.

Ich weiß nicht, ob ich mich jemals für ihn geschämt hatte, jetzt aber schämte ich mich für meine Mutter. »Eine Quittung ist wohl nicht vonnöten?« fragte sie, sich mit besonderem Genuß auf das Wort ›vonnöten‹ stützend. »Ich danke, nein«, sagte Lily und stand auf. Meine Mutter verabschiedete sich von ihr durch ein Kopfnicken, nicht kalt, nicht warm, wahrscheinlich war es so richtig und ›vonnöten‹.

Ich begleitete Lily zum Ausgang. Auf diesen Augenblick hatte sie gewartet, ich sah es wohl! »Ich will Ihnen nur das eine sagen«, flüsterte sie mir zu (und dabei war doch die Tür in den Salon geschlossen und der sonst so geduldige Postillion schrie sonderbarerweise in diesem Augenblick aus Leibeskräften), »glauben Sie es nicht! Ihr armer Herr Vater ...« Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte sie längst begriffen. Niemals hatte mein Vater ihr Geld gegeben. Ihr Kommen hatte einen anderen Grund gehabt.

Ein brausendes Glück durchdrang mich, eine Art bezaubernder Frost, ein wollustvoll schmeichelnder Schmerz. In den Ohren tönte es mir so, daß ich sie kaum verstand und die Worte ihr vom Mund ablesen mußte. Ich erfuhr zum erstenmal in meinem Leben, wie es ist, wenn ein Mensch von einer der Schönen geliebt wird.

Ich drückte ihr die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen, das Geld nehme ich nur als geliehen. Aber wir sehen uns bald, morgen vielleicht?« Sie nickte, noch glücklicher als ich, so glücklich, daß ich sie beneidete. »Morgen nicht, leider«, sagte sie weiternickend, »übermorgen.«

Ich sagte nichts. Ich wollte mich schon nicht mehr binden. Sie wartete, bereits die Klinke in der Hand. »Übermorgen? gut«, sagte ich endlich, »oder einen dieser Tage.« Sie ergriff noch einmal meine Hand, so stürmisch, daß das Täschchen ihr entfiel. Wir bückten uns gleichzeitig danach. Fast hätten unsere Wangen einander berührt, wenn sie mich nicht in einer Art Zorn oder Wut von sich gestoßen hätte. Sie wollte nicht, daß ich mich bücke, daß ich ihr diene. Ich dachte nicht daran, einer Frau zu dienen.

Ich kehrte zu meiner Mutter zurück. »Mache mir keine Vorwürfe«, sagte sie. »Geld muß man nehmen, woher es kommt. Non olet. Das ist doch richtig lateinisch, ohne grammatischen Fehler, dieser Ausspruch des Römerkaisers, non olet?« Ich blickte finster vor mich hin. »Mein Liebling«, sagte sie, »hättest du es lieber gesehen, wenn ich es ihr vor die Füße geworfen hätte? Wir beide lieben doch Theater nicht! Im Gegenteil! Ich finde es menschlich anständig, daß eine solche Person vom Theater die einzige Schuldnerin ist, die der Witwe und den Waisen ihr Teil nicht vorenthält. Bürschlein, Liebling«, sagte und drängte sie sich an meine Schulter, »sieh mich doch an. Wir müssen das Geld haben, Lohn für Marthy, der Kinderwagen braucht unbedingt einen Vorhang und neue Federn, der Haushalt, die Badewanne und alles ... Woher soll es nur kommen?«

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