Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/weiss/verfuehr/verfuehr.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101110
projectidf6d04d2a
Schließen

Navigation:

Erster Teil

1.

Mein schöner, viel zu früh verstorbener Vater hatte mich, wie ich glaubte, besonders in sein Herz geschlossen. Ich ihn aber noch mehr in das meine. Das wußte ich. Ich habe später niemals einen Menschen so geliebt wie ihn. Ja, die Summe aller Liebe, die ich später vielen Menschen gegenüber empfunden habe, hat das Maß meiner Liebe zu ihm niemals ganz erreicht. Denn ich, sein einziger Sohn, lebte so sehr in ihm und ging so in ihm auf, wie man sich nur in der vollen Jugend hingibt, wo alles noch grenzenlos ist und man den Tod nicht zu ahnen vermag.

Viel geliebt zu werden und hinter die ›Geheimnisse‹ zu kommen, die überall verborgen sind für ein Kind, war der Wunsch meiner jungen Jahre. Deshalb war ich eifersüchtig auf jeden, den mein Vater freundlich ansah. Selbst meiner Mutter gönnte ich ihn nicht. Aber dies verbarg ich gut, seitdem sie einmal darüber gespottet hatte.

Mein ewiges Warum, mein niemals ganz gestilltes Wissensbedürfnis durfte ich nicht immer an ihm auslassen, denn er arbeitete schwer. Deshalb versuchte ich, mir viele Fragen, die mich bedrängten, selbst zu beantworten. Zu Gehorsam war ich nicht geneigt. Der ›Geist des Widerspruchs‹ hat mich schon früh besessen. Mich konnte niemand beherrschen, ich fügte mich zuerst nur aus Liebe, – und später nur aus Notwendigkeit. Selbst ein Kind begreift diese Notwendigkeit sehr gut. Meine Mutter machte sie mir in ihrer ruhigen, fast eisigen Art immer schnell klar. Konnte sie mich nicht von meinem Widerspruch abbringen, überließ sie mich den üblen Folgen meines Ungehorsams, oder sie brachte mich durch Ironie dazu, den Widerspruch bis zur Lächerlichkeit zu übertreiben. Bald fügte ich mich meiner besseren Erkenntnis, denn das Salz, das ich aus Widerspruch statt des Zuckers genommen hatte, schmeckte schlecht. Wenn ich aber etwas Erreichbares wollte, erlangte ich es fast immer, ich brauchte nicht lange zu bitten, sie konnten schon meinen Blicken schwer widerstehen. Oft sah meine Mutter fort, wenn ich mit einer ›heißen‹ Bitte zu ihr kam, schwieg eine Weile, wandte sich aber dann doch, mit zusammengepreßten Lippen lachend, zu mir und gewährte mir den Wunsch durch ein Kopfnicken, das sie mit einem leichten Streich auf meine Wange begleitete, damit ich nicht übermütig würde.

Meine Mutter war vor ihrer Verheiratung und noch ein oder zwei Jahre nachher, um zu den Kosten der Wirtschaft beizutragen, Lehrerin an einer Mädchenschule gewesen, bis ich dann, als erstes Kind, auf die Welt kam. Sie besaß noch einen Stock, ein graues, abgegriffenes Stäbchen, von dem sie, um mir zu drohen, behauptete, sie hätte böse Kinder damit gestraft. Aber ich erfuhr bald, natürlich von meinem gütigen Vater, daß sie mit dem Stock auf der Landkarte den Kindern die Städte, Meere, Landesgrenzen, Flüsse und Eisenbahnlinien gezeigt hatte, und da sie den Stab in der letzten Schulstunde, die sie gab, benutzt hatte, hatte sie ihn als Andenken mitgenommen. Alle diese Dinge konnte ich mir vorstellen bis auf die Meere, die eines der vielen Geheimnisse waren. – »Viele Flüsse nebeneinander?« fragte ich. – »Nein, aber so ähnlich!« sagte sie bloß, um mich loszuwerden, denn sie hatte viel im Hause zu tun.

Mein Vater war Handwerker, Schuhmachermeister. Er liebte das Schöne. Auch sie, meine Mutter, war ungewöhnlich schön, schlank, groß, mit hellen Augen, reichem dunklem Haar.

Am liebsten hätte er nur die schmalen, feinknöcheligen, hochspannigen Füße junger, gesunder, schöner Menschen mit herrlichen Schuhen bekleidet. Aber sein Drang nach Wissen und nach Vorwärtskommen in der Welt hatte ihn noch als Lehrling dazu gebracht, volkstümliche Bücher über allerlei Wissenschaften und besonders über Medizin zu studieren. (Für sich selbst brauchte er solche nicht, denn er war bis zu seiner letzten und einzigen Krankheit das Bild der Gesundheit.) Die Abbildungen kranker, verkrüppelter Füße hatten ihn auf den Gedanken gebracht, Schuhe für diese Füße herzustellen. Er hatte die geschickteste Hand. Alles flog nur so von seinen Fingern. Anfangs hatte er sich bei einem befreundeten Oberwärter der Chirurgischen Klinik, dann bei dem Professor der Orthopädie Rat geholt, später besprachen die Ärzte mit ihm gemeinsam, wie die Schuhe und Bandagen beschaffen sein sollten. Eine Schuh-Einlage für Plattfüße (ich hielt sie immer für Blattfüße), aus einem besonders elastischen und widerstandsfähigen Material von ihm erfunden, hatte ihm etwas Geld eingebracht. Sie sollte in Amerika ebenso patentiert werden, wie in Europa. Leider tat er nichts dazu. Der Beruf befriedigte ihn nicht. – Noch ein schwerer Klumpfuß! hörte ich ihn murmeln, wenn ein Kunde mit ungefügigen Schuhen wie auf Pferdehufen daherstapfend, den Laden verließ. Er, der so vielen Menschen, wenn schon nicht Heilung, so doch Erleichterung gebracht, der mehr als einen Menschen auf die Füße gestellt hatte durch seine Wunderwerke von orthopädischen Schuh-Apparaten, die aus Korkhülsen, Stahlscharnieren und unsichtbaren Einlagen unter dem Leder bestanden, er hielt sein Werk für ›unnütz‹. Andern machte er es recht, sich selbst nie. Er hatte verzagt, aber nicht für lange, denn am nächsten Tag war er der Übermut selbst, als wäre er in der Zwischenzeit einer Fee begegnet. Aber gab es denn noch Feen? Sein Frohsinn machte uns alle glücklich.

»Flott, flink und federleicht, Kinder!« rief er meiner Mutter und mir bei einem unserer herrlichen Sonntagsausflüge in dichtem Walde zu, über ein breites, ausgetrocknetes Bett eines Baches hin und her springend. Ich kannte keine Furcht, ich sprang ihm nach, zuerst schlecht, dann besser, mein Vater hob mich an den Armen in die Höhe, schwang mich im Kreise und schüttelte lachend über meinem heißen Gesicht seine dichte Mähne, seinen blonden Bart. Meine Mutter, einen halbvollendeten Kranz von Dotterblumen und Vergißmeinnicht in den Händen, sah in ihren Schoß, in die ordentlichen Falten ihres schwarzen Seidenkleides und schwieg. Mein Vater war am Abend vorher etwas spät heimgekehrt.

Meine Mutter hatte meinen Vater sehr lieb, denn sonst hätte sie nicht den ihr so teuer gewordenen, durch viele lange Entbehrungen erreichten Beruf einer Lehrerin seinetwegen aufgegeben. Er liebte sie noch viel leidenschaftlicher, aber nicht in gleicher Weise wieder. Darüber freute ich mich, denn er gehörte um so mehr mir. Aber es tat mir auch wehe, denn ich sah, daß selbst er manchmal trüb gestimmt war, und alle Aufforderungen der Mutter, nun solle er endlich lachen und eine ›sonnige Miene‹ zeigen, nützten nichts. Ich schmiegte mich, – wie schwer fiel mir das Schweigen, – an die Knie meines Vaters und er fuhr mir zerstreut durch das Haar und seufzte.

Wie selig wäre ich gewesen, wenn er mit mir im gleichen Bette oder wenigstens im gleichen Zimmer geschlafen hätte! Ich ahnte wohl, daß zwischen ihm und ihr etwas bestand, das sie mir verschwiegen. Was? Ein Geheimnis. Aber danach fragte ich nicht. Er, der mir sonst mit Engelsgeduld alles möglichst klar verständlich machte, wonach offenbar die meisten Kinder gar nicht fragen, wäre vielleicht böse geworden über meine bohrende Neugierde, – wie über meine Eifersucht. Und doch konnte ich diese nicht beherrschen. Meine Mutter ging ruhig darüber hinweg. Sie sagte nichts dagegen, wenn ich oft spät abends, wenn die beiden sich schon zu Bett gelegt hatten, an ihre Tür pochte und bat, sie möchten mich einlassen, für ein Stündlein, ein Sekündlein, (die Minuten hatte ich vergessen). Meine Mutter räumte nur schnell einige raschelnde Kleidungsstücke zur Seite, dann öffnete sie in ihrem faltenreichen Nachtgewand die Tür und sagte mit ihrer spöttischen Stimme: »Und was noch?« Ich sprang, die Säume meines langen Nachthemdes hochhebend, schnell über die Schwelle. Flott, flink und federleicht!

Ich wußte wohl, daß es ziemlich schmerzhaft war, auf den schmalen Kanten der nebeneinanderstehenden Betten zu schlafen. Denn das war mein mir von beiden angewiesener Platz. Aber was tat ich nicht alles, um ihm nahe zu sein! Am Tage hatte ich so wenig von ihm! Ich machte mich ganz klein und schmal. Und er, in seiner großen Güte, gab mir sogar ein Kopfkissen (und doch schlief er so gerne weich!) und belohnte mich durch einen seiner seltenen, rauhen und festen Küsse dafür, daß ich mich in meiner liebenden Grausamkeit und Eifersucht zwischen ihn und sie gedrängt hatte... Und doch war es eine glückliche Zeit! Bald schliefen wir alle drei ruhig nebeneinander, und morgens waren sie längst aufgestanden, als ich aus himmlischen Träumen, trotz der schmerzenden Knochen fast betäubt von Glück, allmählich erwachte, von ihrer Steppdecke eingehüllt.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.