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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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17.

Ich hatte noch eine Mutter. Ich wollte doch so gerne alle meine unselige Liebe zu dem verstorbenen Vater auf sie übertragen, ich umgab sie mit Zärtlichkeit, mit jeder möglichen Fürsorge, mit einer Art Galanterie oder Ritterlichkeit. Sie war sehr erstaunt, aber sie nahm dies alles an. Ich beherrschte mich, wenn ich fühlte, daß sie in ihrem damals noch echten Schmerz nicht genug Größe hatte. So ließ sie drei Tage nach der Katastrophe verbotenerweise, ihr gegebenes Wort brechend, die Schneiderin kommen, um sich Trauerkleider anfertigen zu lassen. Mit Recht mochte sie sich zwar sagen, daß keine große Ansteckungsgefahr mehr vorhanden sei. Ich konnte es trotzdem nicht verstehen, daß sie sich vor dem Spiegel (seinem Spiegel) breit und schwer hin- und herdrehte und mit ernstem, strafendem Blick auf die ausgemergelte kleine Schneiderin herabsah, die zu ihren Füßen kniete und den (offenbar nicht ganz geglückten) Rock mit Nadeln in einer anderen Raffung feststeckte. (Aber damals, als meine Mutter ihrem sterbenden Mann die Freiheit zurückgegeben hatte, damals hatte sie Größe gehabt und ich hatte sie bewundert!)

Am nächsten Tage ging meine Mutter schon aus, sie kam mit allerhand Trauerutensilien zurück, unter anderem mit schwarzen, hoch über die Knöchel hinaufreichenden, etwas plumpen Schuhen, wie sie meinem Vater sicherlich ein Greuel gewesen wären. Wollte sie sich absichtlich häßlich machen? Ich sah sie tags darauf von dem Fenster aus unten auf der Straße gehen. Der schwarze Trauerflor wehte hinter ihrer hohen, starr aufgerichteten Gestalt her, alles war schwarz an ihr, bis auf die schneeweißen neuen Sohlen, die bei jedem Schritt geradezu teuflisch triumphierend hinter ihr aufleuchteten. Sie machte die ersten Besuche. Am Abend sprach sie sich mit mir aus, verlangte meinen Rat. Sie nannte seinen Namen so wenig als möglich. Von mir sagte sie, mit ihren harten Fingern die meinen umfassend, ich solle ihr treu bleiben, ich müsse ›ihrem‹ Kinde, nämlich dem kommenden, ›genau‹ wie ein Vater sein. Nachher brach sie in Tränen aus über ihr Schicksal, sie glaubte, sie habe mich zu wenig bemitleidet, sie verstand nicht, daß ich Mitleid gar nicht ertrug, und daß mein Schicksal mit dem ihren nicht mehr übereinstimmte. Sie forderte mich auf, sie von jetzt an nicht mehr Mutter oder Mama, sondern Mütterchen zu nennen – oder gar bei ihrem Vornamen! Sie begann sich wieder zu finden und die ersten Pläne für die Zukunft zu entwerfen. Sie war bereits auf dem Kirchhof bei seinem Grabe gewesen und hatte den Plan, alle Verwandten brieflich zusammenzurufen und nachträglich eine ›würdige‹ Trauervereinigung zu veranstalten. Mir erschien dieser Gedanke ungeheuerlich, ich sagte aber ja, da ich keine Spur von Widerstandskraft besaß. Sonderbarerweise meldete sich etwas bei mir, das ebenso wie jener Knall der Sektflasche etwas mephistophelisches an sich hatte, ich begann nämlich einen geradezu unersättlichen Appetit zu entwickeln, ich fühlte mich von Freßgier bei Tag wie bei Nacht wie zerrissen und mußte mir jetzt das mitleidige Wohlwollen meiner Mutter gefallen lassen, die zwar in der Küche sehr gut für mich sorgte, aber meinen Schmerz um den Verstorbenen nicht mehr ernst nahm. Sie selbst war durch den Beweis jenes von mir in der Tasche zerrissenen Liebesbriefes an eine andere Frau in ihrem bis dahin trotz allem so treuen Gefühl für ihn irre geworden, und ein unglücklicher Zufall sollte dies Gefühl bald noch mehr vergiften. Mein Vater besaß eine hölzerne, schön geschnitzte, immer gut verschlossene Kassette, in welcher er seine Schuhmodelle aus alter Zeit und andere Kleinigkeiten aufbewahrte, wie wir glaubten. Nun hatte meine Mutter im Augenblick wenig Geld; über das Grundstückbüro und über den zu parzellierenden Friedhof war die Entscheidung noch nicht gefallen, und viel hing von dem Familienrat ab, den meine Mutter nach der Leichenfeier abhalten wollte. Inzwischen aber fehlte es schon sehr an baren Mitteln, meine Mutter hatte mich etwas scharf um die Rückgabe jener Banknote gebeten, die sie mir vor Wochen gegeben hatte, um die Hotelkosten zu bezahlen. Nun kam der Augenblick, wo die Quarantänezeit ablief und meine Schwester aus der Klosterschule zurückkommen sollte zu uns. Die dort angelaufenen Kosten mußten vorher erlegt werden. Meine Mutter kam auf den Gedanken, daß in jener Kassette, an die mein Vater noch in seiner Sterbestunde gedacht hatte, eine größere Geldsumme sein müsse, die mein Vater einige Tage vor seiner Erkrankung angeblich noch gehabt hatte. Nun war der Schlüssel nicht zu finden, zu spät erinnerten wir uns, daß ihn der arme Tote, um den Hals gehängt, in seine letzte Ruhestätte mitgenommen hatte. Ich bat meine Mutter, Anninka noch einige Tage warten zu lassen, und inzwischen zu sparen, dann sollte der Schlosser kommen. Vielleicht war mir die Kassette, die mein Vater stets nur hinter verschlossenen Türen geöffnet hatte, von jeher etwas Unheimliches gewesen? Sie gab mir scheinbar recht. Ich ging in mein Zimmer, zum erstenmal seit unserem Unglück versuchend, die Lehrbücher vorzunehmen und mich auf die Prüfung vorzubereiten, die ich noch im Herbst ablegen konnte. Da hörte ich ein furchtbares unnatürliches Geheul. Meine Mutter kam, sie wankte schweren Leibes, mit der offenen Kassette an den Wänden polternd, totenblaß und ununterbrochen kreischend zu mir. Sie warf die schwere Kassette zu meinen Füßen nieder, kniete sich wie ein verstörtes Kind auf der Erde hin und holte, während das Kreischen in ein ebenso unnatürliches kindliches Weinen überging, aus dem Innern der Truhe eine Menge eleganter, schwarzer und weißer, lederner und seidener Schuhe mit irgendetwas Weißem darinnen heraus. Sie waren alle getragen, mit feinen Spuren an dem Innenleder, mit hohen Absätzen, einige mit Straßschnallen geschmückt. Aber es waren keine ›Modelle‹. In jedem der Schuhe war irgend ein zusammengeknülltes Spitzengewebe, Stickerei und rosa und blaue Bändchen dazwischen, das meine Mutter herausriß und hin- und herschüttelte, bis aus dem Innern der Spitzenhöschen kleine, in Seidenpapier eingewickelte Büschel von Haaren herausflatterten. Noch nicht genug. Sie forschte nach, grub und grub, und am Grunde der Schuhchen, meist gegen die Spitze hin, waren Bündelchen von Briefen. (Nur in einem Schuh nicht. Ich wußte, es war der Ballschuh der Offiziersfrau, die nichts Schriftliches aus der Hand gab. Aber warum hatte sie dann alles andere gegeben?) Diese Wäsche wirkte besonders abstoßend auf mich, weil ich die Dame kannte. Aber jetzt ging es nicht um mich. Vergebens versuchte ich diese Andenken meiner Mutter fortzunehmen, sie hielt wie mit Krallen daran fest, und das Furchtbarste war, daß sie mit dünnen zusammengepreßten Lippen und scharfen, hellen, harten Augen, endlich diese Andenken zu ordnen begann, um jedes Spitzenhöschen, jede Haarlocke und jedes Briefbündelchen zu dem zugehörigen Pantoffelchen zu legen, und sich und mich durch den Anblick dieser ganzen langen Reihe zu zerfleischen. »Welche Schande!« flüsterte sie. »Und vor dem Kind!« Aber ich, das Kind, wollte doch gar nichts sehen, ich nicht! Vergebens flehte ich sie an, die böse Lehrerin, in Erinnerung an die vielen schönen und guten und treuen Tage ihm diese Fehler zu verzeihen und einen Schleier darüber zu breiten, seinem Andenken zuliebe, sie wollte nichts davon hören, im Gegenteil, sie breitete diese Dinge noch schamloser vor mir, dem Sohn aus, sie legte sie ausgebreitet auf den roten Teppich, als lägen die Schönen selbst nackt da, eine Blüte neben der anderen, und er, mein Vater, bei ihnen!

Wollte sie mich von meiner Liebe zu ihm heilen? Nein, der Schmerz entzweit die Menschen. Ich fürchte, von diesem Abend an begann meine Mutter ihn zu hassen – und, kaum kann ich es aussprechen, ich – sie. Wenn ich merkte, wie sie lärmend ankam, steil aufgerichtet, den hohen Leib voran, wenn ich sie ansehen sollte, blickte ich fort! Aber noch nicht genug! Ich ahnte, daß das Schicksal nicht nur vernichtet. Daß es noch dazu höhnt, konnte ich nicht ertragen. Aber ich saß stumm da, und starrte dies alles an ... Ich haßte von jetzt an die Ehe, das dauernde Zusammensein mit dem Weibe, ich empfand das Band der Familie als Fessel; und doch war noch etwas wie Liebe in mir.

Ich dachte an die schöne junge A. v. W. und schämte mich für sie.

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