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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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14.

Ich bereute jetzt meine unselige Eingebung, bei ihm geblieben zu sein. Statt ihm zu helfen, hatte ich ihm Leiden verursacht. Wie sollte er mir später verzeihen? Konnte er verstehen, – (was doch eine unbarmherzig logische Tatsache war!), daß ich hatte wählen müssen zwischen dem Hierbleiben in der Wohnung und der Ausführung seines Auftrages? Ich kam zu ihm, ich berührte tastend den Ärmel seines Nachthemdes. Er lag mit dem Kopf zur Wand, die Augen geschlossen. Ich erklärte ihm alles, ich bat ihn, den zweiten Brief zu Ende zu schreiben, den ich zu ihr tragen wollte, koste es was es wolle. Als ich nicht aufhörte zu sprechen, hielt er sich die Ohren zu. Oder faßte er sich nur an die Schläfen, von seinen Schmerzen gepeinigt? Sein Blick heftete sich endlich an mich und sprach deutlich: » Einmal! Einmal habe ich einen Wunsch ausgesprochen!« (Sonst tat er es niemals, ich las ihm ja jeden Wunsch an den Augen ab, und was hatte er schon bis jetzt verlangen können von mir?), und dieses erste und einzigemal hast du versagt, deinen Beteuerungen zu Trotz, als falscher, treuloser Mensch hast du zuerst ohne Widerspruch den Auftrag angenommen, hast dir meinen Dank gefallen lassen usw. Ich ließ ihn also allein. Es war klar, er wollte mich vorläufig nicht bei sich. Ich suchte meine Mutter, fand sie über den Küchentisch gebückt und als sie aufblickte, lag in ihren von jeher etwas kühlen, hellen Augen alles – nur keine Liebe mehr für mich. Sie sah es als erwiesen an, daß ich zwischen ihm und der Geliebten Kupplerdienste verrichtete. Als ich mich entschuldigen wollte, wehrte sie kalt ab, sie wollte diesen meinen Verrat mit ›Schweigen strafen‹, und dies tat sie, solange sie es konnte. Ich wagte mich an diesem Tag bis zum Abend nicht mehr in das Krankenzimmer. Nachts dachte ich über alles nach. Konnte ich mir eine Schuld geben? War meine Schuld nicht ebenso Gottes Wille wie der Ausbruch der Krankheit? Aber ich? Ich war Gott gegenüber wehrlos. Wenn aber nicht Gott mir all dies ›beschert‹ hatte, sondern wenn es nichts als ein Streich der blinden Natur gewesen war, ein Streichlein, auch Zufall genannt? Von der Natur war alles natürlich, auch dies, Pocken, Schmerz und Leid. Vor ihrem Angesicht gab es keine Gerechtigkeit, weder Strafe noch Schuld –, aber von Gott war es nicht göttlich. Und waren Gott und Natur vielleicht eins! Ich wußte wohl, es gab ein sich in alles Fügen, es gab Demut und Zerknirschung, es hieß: Beuge dich! Zweifle nicht, fürchte nicht, sondern liebe Gott, deinen Vater im Himmel und auf Erden! Hoffe, verliere dich, gib dich ihm hin! Wie? Aber wie? Ich hätte eine schwere Buße auf mich genommen, wie liebend gerne! Ich hätte die Folge meiner Sünden getragen, ich hätte dem Himmel ein Opfer bringen können, aber wie? Nur durch Verzichten! Aber verzichten auf wen? Verzichten auf was? Doch nur auf ihn?! Ihm zuliebe mußte ich mich auf immer trennen von ihm! Schließlich, in den Morgenstunden, kam ich zum Entschluß, mich und mein künftiges Glück in Beruf, Liebe und Familie, wie ich es mir damals vorstellte, zu opfern, wenn mein Vater mir meinen Treubruch verzieh und wenn er bald gesund würde ... Das war aber vielleicht nicht genug, angesichts seiner Bitterkeit und seines schweren Leidens! Ich setzte mich als Gegenwert. Der Gedanke an – Selbstmord war mir als lebensfrohem sorglosem jungen Menschen schrecklich, abscheulich, grauenhaft. Sich töten, wo man doch nichts anderes kann und will als leben! Dennoch versuchte ich, mit aller Gewalt mit meinem Leben abzuschließen und nun handelte es sich mir darum eine Methode zu ergründen, so aus dem Leben zu gehen, daß niemand es ahnte, und daß vor allem er nie auf den Gedanken kam, daß er die Ursache meines frühen Endes wäre. Ich glaubte, nun würde ich einschlafen können, aber ein ewiges Warum ließ mich noch lange nicht zur Ruhe kommen.

Du willst, sagte ich mir, daß dein Vater dir verzeiht, daß du seinen Liebesbrief nicht bestellt hast. Du willst, daß er gesund wird. Wenn du nun stirbst, ist ihm dadurch geholfen? Ist der Brief dann bestellt? Ist das Fieber gesunken, der Ausschlag gewichen? Wird er, der verheiratete Mann, von der jungen Frau nach seiner Genesung und nach meinem Tode mehr geliebt sein? Und wenn es so wird, wenn sie einig werden, wird er die Kraft finden, sich von uns, also dann von meiner Mutter und meiner Schwester, loszumachen und sich ganz jener Frau hinzugeben? Was wird aus uns? Kann das sein? Das Leben meiner Mutter ist zerstört, die Familie der Frau, ihre Kinder ... Was wird aus ihnen? Wo bleibt dann sein Glück? Ist dies nicht wieder ein Fallstrick des Satans?

Ich konnte es nicht mehr im Bett aushalten, ich trat an das Fenster und sah in der mondlosen, klaren Nacht, in die schon der erste Hauch eines neuen, kühlen, schönen Morgens heranschwebte von den Hügeln am Horizont, die Sterne und vor allem den, den ich zum Träger des Lebens meines Vaters gemacht hatte. Was bist du gegen diese Sterne, du winziger Gymnasiast und Vaterssohn, und was sind sie dir? fragte ich mich. Aber ich war doch von meiner Existenz, und sei sie noch so winzig, bis in meine letzten Fasern so tief ergriffen, daß ich mich als ein Etwas, als ein überlebendes Atom, als ein unzerstörbares, Freudiges, Unsterbliches, als eine Spur mehr als das Nichts empfand! Und endlich kam dadurch etwas wie die Demut des Christen über mich. Ich glaubte. Weil ich glaubte, fühlte ich mich leben. Ich glaubte an ihn . Ich atmete tief auf und begann auf das Leben zu hoffen! (Wir werden vielleicht nicht ewig leben, aber morgen werden wir beide bestimmt leben!) Ich begann sogar, mich mit mutiger, männlicher Neugier und Spannung auf den nächsten Tag zu freuen,– – als ein wahrhaft mephistophelischer Gedanke mich durchzuckte: Was dann, was aber dann, wenn das alles, endend mit dem Brief und angefangen mit seiner pestartigen Krankheit, nur ausersonnen ist, dich zu prüfen, um dich zu demütigen, dich zu zerbrechen, und dich zu einem besseren Christen zu machen?! Alles du! Nichts er! Daß mein Vater das Mittel zum Zweck der Brechung meines Stolzes und meines Übermutes sein sollte – –! Und dazu seine Krankheit, dazu sein Sich-nach-der-Wand-Hinwerfen, – dazu seine Schmerzen in Kreuz und Kopf, dazu sein Fieber und seine Schwären und gräßlichen Leiden alle, und seine Gefahr und sein – Tod?

Gott kann nicht leiden und der Mensch soll es nicht! Er soll es nicht! Und doch leidet er, sicherlich tausendmal mehr als ich?! Daß ich an ihm lernen sollte, wie es mit den Geheimnissen stand und mit dem Geliebtwerden, das durchwühlte mich so, daß ich mit den Zähnen knirschte, daß ich wie ein Irrer den Kopf gegen die Eisenstäbe schlug, die noch aus den Kinderjahren, den längst vergangenen, vor dem Fenster befestigt waren, und daß ich wie blind an meiner starr dahockenden Mutter vorbei zu dem Bett meines Vaters hinstürzte, der beim gedämpften Licht zweier Kerzen mit halb offenen, krankhaft brennenden Augen, halbnackt in seinem von Schweiß völlig getränkten Hemd, zuckend mit den Händen vor sich hinstarrte, ebenfalls mit den Zähnen knirschend, ohne mich zu erkennen ...

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