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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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12.

Ich hatte mich getäuscht. Meine Mutter hatte die gleiche schwere Vorahnung wie ich. Ich hatte am nächsten Tage – es war kurz vor der mündlichen Reifeprüfung – schulfrei. Mein Vater hatte sich zum Frühstück gezwungen, er wollte sogar ins Geschäft, aber er hatte die Kraft nicht mehr. Mit dem Hute auf dem Kopf kam er aus dem Vorzimmer zurück und setzte sich leise stöhnend auf seinen Stuhl. Von meiner Mutter ließ er sich ins Schlafzimmer führen. Sie kam bald heraus zu mir, sie zog mich auf einen kleinen lichtlosen Balkon, der Klopfbalkon genannt wurde, weil früher die Teppiche hier ausgeklopft wurden. Er ging auf einen quadratischen Lichthof. Jetzt stand eine große Kohlenkiste hier, die Kohle war unter alten braunen Säcken verborgen. Meine Mutter sprach sofort das furchtbare Wort Pocken aus. Ich versuchte ihr den Mund mit meiner Hand zu schließen, aber ihre Worte gingen mit ihrem stoßweisen Atmen zwischen meinen Fingern weiter. Ich mußte ihr zuhören.

Sie sagte, mir zuliebe das Schreckenswort mildernd, sie habe nur einen Verdacht auf eine fiebrige Krankheit. Aber bei dem geringsten Verdacht müsse sie in unser aller Interesse, ›und besonders seinetwegen‹ den Vater ins Krankenhaus bringen. Sie wollte sich mit ihm dort in die Seuchenbaracke einsperren lassen. Inzwischen sollten wir Geschwister unbedingt aus dem Haus. Sie griff sich ans Herz, als sie das sagte. Aber sie faßte eigentlich tiefer, an ihren Leib, der an diesem Tag etwas vorstand. Sie bemerkte meinen Blick, errötete (grundlos, denn ich hatte noch keine Ahnung) und zog die Schürze aus schwarzem Lüster, an derem Bande ihre vielen Schlüssel, hell vernickelt, glänzten, zurecht. Sie strich mir, was sie sonst nur selten tat, mit ihrer etwas harten, abgearbeiteten Hand über den Kopf und sagte mir flüsternd, als könne er es hören: »Marthy habe ich um den Arzt geschickt. Anninka kommt mittags nicht mehr zum Essen. Noch glaube ich es nicht, aber ich lasse das Kind von den grauen Schwestern abholen. Ich habe es ihr schon beim Frühstück gesagt.« (Ich entsann mich, daß sie mit meiner Schwester sehr zum Ärger meines Vaters heimlich getuschelt hatte.) »Versprichst du mir, daß du mir gehorchst? Auch er braucht es so. Du mußt in den nächsten Tagen deine Ruhe haben. Du mußt übermorgen zur Prüfung antreten. Du darfst das Jahr nicht verlieren. Sobald ich kann, holen wir dich zurück. Also, dies ist vonnöten! Also höre: Ich habe dir die nötigen Sachen und die Bücher, die du vielleicht noch einmal vor dem Examen brauchst, in einen seiner Koffer gepackt. Du sagst ihm jetzt kurz adieu, sprichst aber nicht davon, daß du ins Hotel ziehen sollst. Kannst du das? Versprichst du mir das?« Ich sah sie fragend an. Sie mißverstand meinen Blick, zog aus dem Täschchen der Schürze eine ziemlich verknüllte Banknote hervor und gab sie mir. Dann gingen wir in den Korridor, der an den Klopfbalkon sich anschließt. In dem düsteren Korridor stolperte ich schon über den Koffer. Bei dem Geräusch kam mein Vater hervor. Sein Gesicht schimmerte eher grünlich als weiß, und seine Augen funkelten so wie damals, als er so zornig gewesen war. Er zog mich in das Schlafzimmer und sagte mir mit einer Art Keuchen, ich dürfe ihn doch nicht jetzt verlassen. Ich schüttelte den Kopf. »Sie will mich ins Krankenhaus bringen«, keuchte er, »aber ich will nicht.« Ich führte ihn zurück zu dem mit schwarzen Roßhaargeflecht bezogenen Diwan, auf dem ein weißes, ziemlich zerknülltes Kissen lag, und wollte, daß er sich hinlege, aber er sträubte sich. Vielleicht ahnte er, er würde sich nicht mehr erheben ... Nun klingelte es. Meine Mutter war an der Entréetür und wir hörten sie mit jemandem sprechen – offenbar war es der Arzt. Mein Vater horchte auf ... Nun riß er sein Notizbuch aus der Tasche und kritzelte in höchster Eile einige Zeilen auf den Zettel, faltete das Papier so zusammen, daß man den Inhalt nicht lesen mußte und schrieb auf die Vorderseite eine Adresse. Er erklärte es mir alles ganz kurz. Er hatte Atemnot. Ein Schüttelfrost begann. Aber selbst jetzt war in seinen blanken blauen Augen immer noch die bezaubernde Mischung von Übermut und Kleinmut, man konnte ihm auf keine Weise widerstehen. Und wozu hätte man ihm widerstehen sollen? Man mußte ihn ja lieben, und ihn sehr lieben macht glücklich! »Hier«, flüsterte er und versuchte zu lächeln, was ihm auch gelang, »mach' einmal im Leben den Postillon d'amour. Du trägst den Brief hin. Du kennst sie, du hast sie unlängst gegrüßt, du hast ihr furchtbar gefallen. Um die Zeit ist der Oberstleutnant in der Kaserne, du triffst sie allein. Wenn nicht, erwarte sie vor dem Haus, bis sie kommt. Sie kommt sicher. Solange erwarte ich dich hier. Ich verlasse das Haus hier nicht. Ich muß nämlich nicht. Es besteht Gott sei Dank noch kein Gesetz, das einen dazu zwingt. Ich bin gar nicht so sehr krank. Man kann mich auch hier ganz anders, viel besser, pflegen als dort. Ich hasse geistliche Krankenschwestern, diese weißen Eulen, du und deine Mutter werdet mich herausreißen, so elend es mir auch jetzt ist!« (Er merkte den Widerspruch nicht.)

Der Arzt pochte kräftig an der Tür. Ich öffnete. Meine Mutter trat mit ihm ein, einem älteren, etwas unfreundlichen Menschen, der eine kleine Ledertasche trug und der den Blick auf den Boden gesenkt hielt, bis er ihn unerwartet auf meinen Vater losschoß, der ängstlich und zitternd auf dem schwarzen Diwan in sich zusammengesunken war und ihm die zitternde Hand reichte. Der Arzt nahm sie nicht, sondern faßte nur das Handgelenk mit zwei Fingern, um den Puls zu prüfen. Die Uhr zog er nicht. Er flüsterte unhörbar die Zahlen vor sich hin. Bei sechzehn, siebzehn verließen meine Mutter und ich das Zimmer. Mein Vater hatte nicht nach uns beiden gesehen, er hatte seinen Blick wie ein Ertrinkender an das Rettungsboot, an das Gesicht des nüchternen, streng riechenden, alten Arztes geklammert.

Meine Mutter gab mir den Koffer in die Hand. »Mach schnell! Nur schnell! Geh mit Gott«, sagte sie. »Ich werde dir fast täglich Nachricht geben. Du sollst im Hotel Weißer Löwe wohnen. Nimm ein ruhiges Zimmer, auf den Hof. Spare nicht! Du kannst auf dem Zimmer essen, wenn du vielleicht Scheu hast, ins Restaurant hinunter essen zu gehen. Bleibe jedenfalls heute den ganzen Tag zu Hause. Ich kann mich ja irren. Gott dürfte es nicht zulassen. Er ist doch auch geimpft. Du hast mir ja dein Wort darauf gegeben. Habe ich dir das Geld schon gegeben? Spare, aber das Notwendige mußt du immer haben. Lauf jetzt! Woran denkst du noch? Gut! Ich baue auf dich!« Ich machte Anstalten, noch einmal zu meinem Vater hineinzugehen, wie um von ihm Abschied zu nehmen. Aber meine Mutter hielt mich mit einer überraschenden Kraft ab. »Laß ihn, laß ihn doch!« – Ich umarmte meine Mutter, sie küßte mich auf den Mund, ihr Gesicht aber blieb nüchtern, starr, bei aller ihrer Schönheit und aller ihrer Erregung, ihr Leib war hart wie eine Kugel aus Stein, wenn sie sich an mich preßte. Der Arzt öffnete jetzt die Tür und winkte meiner Mutter. Sie sah mich, wie ich an der Türe stand, die Klinke in der einen Hand, in der anderen den leichten Koffer, mit ihren kurzsichtigen Augen an, als wolle sie sich festklammern an mir. Ich schüttelte den Kopf. Ebensogut hätte ich nicken können. Ich verstand sie eigentlich nicht. Ich wollte auf keinen Fall, daß sie mich verstünde, denn dann hätte sie mich an meinem Plan hindern können. Jetzt sah sie ein, daß ich nichts mehr sagen wollte, sie wartete nicht ab, bis ich die halboffene Tür hinter mir geschlossen hatte, denn sie wußte, das er sie jetzt wieder brauchte. Sie lächelte mir daher nur leise und undeutlich zu, senkte den Kopf und stieß mit dem Knie die Tür in das Speisezimmer auf. Ich hörte, wie sie dann die Tür in das Schlafzimmer öffnete und erhaschte noch den Klang seiner Sprache. Ich stand nur noch einen kleinen Augenblick still, denn das Herz schlug mir so wütend in der Kehle, daß ich keine Kraft hatte, etwas zu tun. Jetzt zwang ich mich zur Ruhe, faßte die Klinke der Wohnungstür fester und schlug die Tür mit einem lauten Knall zu. Sie sollten glauben, ich sei gegangen. Nun schlich ich mich über den Korridor. Den Koffer stellte ich ab. Dann öffnete ich die Tür zum Klopfbalkon. Dort mußte ich mich verstecken. Ich mußte bei ihm bleiben.

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