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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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11.

Ich entsinne mich, es war der zehnte Tag nachher, als ich nach meinen Hausarbeiten aus dem Fenster sah. Der Himmel über der Stadt war so blau, wie ich mir das Meer vorstellte. Oder vielleicht war es doch eher das Blau einer Glockenblume im Juli, das ich gut kannte. Aber eigentlich nicht das frische aufrechte Blau an einer etwas rauhen, vom Winde gestreiften und stets schwankenden Blüte, sondern etwas Ruhendes, schön Geglättetes, das stille steht. Ganz allmählich klärte es sich auch jenseits der Stadt über den Waldhügeln auf, es waren die letzten Wolken, sie schwebten, zu klarem hellem Glanz sich auflösend, nach oben. Zwischen ihnen, die nur mehr durchsichtige Schleier waren, senkte sich die Sonne. Schon war sie, in kupferfarbenen Glast gehüllt, unter die geschwungenen Hügelketten am Horizont niedergegangen. Aber der Himmel wurde so langsam dunkel, daß ich glaubte, der Tag würde nie enden. In meinem Glück verstand ich, was das Geheimnis himmlisch bedeutete. Es war ein gutes Geheimnis, es war die Güte Gottes, die sich in der Schönheit der Natur ausdrückte und in der glücklichen Liebe der Menschen zu einander.

Meinem Vater war es nämlich in den letzten Tagen viel eher gut als schlecht gegangen. Jetzt kam er mit leichtem Schritte (federleicht) zu mir. Er wollte mir etwas Merkwürdiges zeigen. Er zog den Rock aus, streifte den bauschigen Ärmel seines gelblichen rohseidenen Hemdes nach oben bis an die Schulter, und zeigte mir die Stelle, wo er sich unlängst mit der Lanzette hatte impfen lassen. Nichts war zu sehen. Ich machte Licht, ich zog ihn zum Tisch. Keine Spur. Es hatte also nicht ›gefangen‹. War das Impfen also unnütz gewesen, wie er immer sagte – oder – zu spät? Gegen meinen Willen konnte ich mich nicht gegen eine Ahnung von Mißtrauen wehren. Trotz aller Schönheit des Abendhimmels traute ich dem Schicksal nicht ganz. Ich begann das Geheimnis zu fürchten. Aber er?

»Seid ihr Schwarzseher endlich beruhigt?« »Gewiß«, antwortete ich, bemüht, ihm nicht meine qualvolle Angst zu zeigen.

Er schlang seinen Arm, über dem die Seide seines Hemdes knisterte, warm um meinen Hals, und er flüsterte mir, so vertraulich wie schon sehr lange nicht, zu: »Vielleicht habt ihr Alten nicht immer ganz Unrecht, man kann auch zu flott und federleicht sein, denkst du nicht?« Und noch enger den kräftigen Arm um meinen Hals und noch vertraulicher der tiefe Ton seiner Stimme, der widerhallte in meiner Brust: »Ihr wolltet, ich solle zweite Klasse nehmen, aber ich fahre erste oder letzte! Und leider habe ich bei der letzten Tour zwischen Czernowitz und Munkacs den Expreß verpaßt und mußte lange im kalten Wartesaal warten, bis der Personenzug kam, der an allen Stationen hält. Zum Glück war ein Coupe dritter fast leer. Nur eine Blondine saß in der Ecke, die Beleuchtung war herabgeschraubt und anfangs sah ich nichts deutlich, aber das Auge gewöhnt sich an das Halbdunkel, und da sah ich ihr feines Gesichtel, eine Ruthenin in Landestracht, achtzehn Jahre vielleicht, aber schon Mutter, denn in ihrem Schoß unter den aufgeschlagenen gestickten Röcken schlief ihr Kindlein. In dieser Gegend heiraten sie früh, mit fünfzehn oder sechzehn. Das Kind war unruhig und wimmerte zum Gotterbarmen. Die Mutter sprach ihm gut zu, mit einem goldigen Stimmchen, ich höre es noch jetzt, natürlich in ihrer Sprache. Ich hätte merken können, daß das Kind krank war, aber ich dachte, so sei es, wie es sei! Und es ist unnütz! Mir gefiel dieses süße strohblonde Frauchen zu gut, und ich schämte mich, daß ich weglaufen sollte, und ich dachte, vielleicht brauchen sie dich noch in der Nacht, Mutter oder Kind! Das Kleine war voll Zorn, es arbeitete sich unter dem Unterrock hervor und strampelte sich mit Gottes Hilfe auch frei!« Mein Vater lachte, wurde aber schnell wieder ernst. »Die kleine Frau beruhigte mit ihrer Stimme ihr Kind, mit den Augen aber beruhigte sie mich, vielleicht fürchtete sie, ich könne böse werden, weil an Schlafen nicht zu denken war. So jung, so zart, so scheu, nicht wie eine Bäuerin, etwas ganz Bezauberndes ... Ich wollte ihr sagen, daß sie nicht Angst zu haben brauche, mich zu stören, und daß ich nie auf Reisen schlafe. Sie sah mich furchtbar schüchtern an und ließ den Rock schämig wieder zu den Füßen fallen und wiegte das Kind hin und her. Und ich dachte, vielleicht ist das Kind gar ein wenig krank und hat so etwas wie die Blattern, und die Frau hat es mit Fleiß und Absicht in den Rock eingeschlagen, damit nur ja niemand dem Kind nahekommt. Ich hatte auf der Station ein paar Pralinés gekauft, du weißt, ich muß immer so etwas haben, und die Frau sah mich naschen, und das Kind sah es vielleicht auch. Das konnte ich nicht ertragen und sagte zu mir: Du machst ihnen eine kleine Freude, eine Überraschung, denn die Pralinés waren sehr gut, und so stand ich auf, und gab beiden etwas, Mutter und Kind. Das Kind sah aus der Nähe eigentlich nicht schön aus, es hatte sicherlich Fieber und selbst bei dem schlechten Licht merkte ich, daß es scheußlich blutige Pusteln an der Stirn und um den Mund hatte und daß die Mutter (aber was war sie dennoch niedlich, diese Augen, dieser Mund!) ihm die Händchen hielt, damit es sich nicht kratze. So steckte ich ihm das erste Bonbon in den Mund. Die Frau hatte eine reizende Art – ein großes Kind und ein kleines –, sie erzählte mir zutraulich eine lange Geschichte, es war wunderbar, ruthenisch, sehr interessant, denn ich verstand es nicht. Aber Mann und Frau verstehen einander immer. Ich legte mich auf die Bank und sprach auch mit ihr, das verstand sie ebensowenig, aber wir unterhielten uns gut, ich hier, sie dort. Immer langsamer sprachen wir und bald fielen uns die Augen zu. Sie betete wohl oder murmelte und das Kind weinte und stöhnte auch ... Als ich morgens aufgewacht bin, war das Abteil voller pfeifenrauchender und braun spuckender Bauern, sie saßen zu fünfen oder sechsen zusammengedrängt auf der anderen Bank, mich hatten sie aber ausgestreckt schlafen lassen. Sie war längst fort. Jetzt ist das sechzehn Tage her. So haben wir alle noch Glück gehabt! Glaubst du nicht, mein Kind?«

Ich wußte es ganz genau, daß er vor sechzehn Tagen noch bei uns gewesen war. Es konnte höchstens dreizehn Tage her sein. Aber selbst dreizehn gute Tage waren eine Art Sicherheit. Das Wort Sicherheit ging mir im Kopf herum. Marthy war eingetreten und deckte den Tisch. Er aß sonst immer gern, und meine Mutter war eine ebenso gute Köchin geworden, als sie eine gute und sanfte Lehrerin gewesen war. Aber er wandte sich jetzt plötzlich mit Ekel von dem gedeckten Tische ab, die Nase gerümpft in dem fahlen Gesicht, er stieß den Tisch von sich, in dessen Mitte der strohgeflochtene Korb mit frischem, duftendem, mit Kümmelkörnern knusprig gebackenem Hausbrot stand und ging etwas unsicher an der Wand entlang ins Schlafzimmer, aber ohne sich an der Wand zu halten. Ich wartete einen Augenblick. Es war in mir nichts als Schauder und Schrecken. Ich kam ihm nach. Er saß vor dem Spiegel im Schlafzimmer und war blaß. Er zitterte schon etwas und sagte: »Ist dir auch so kalt?« Ich sagte ja, und schloß die weit offenen Fenster und ließ die Rolläden herab. Im Schubfach des Nachtkästchens befand sich ein Thermometer, ich holte es heraus und dachte, er würde sich mir sehr widersetzen, wenn ich ihn bitten würde, die Temperatur zu messen. Er tat dies aber nicht, sondern gehorchte mir. Ich schob ihm das Thermometer in die Achselhöhle. Den Rock, den ich ihm ausgezogen hatte, – (das Hemd schob er sich selbst in die Höhe), hielt ich in der Hand, so verwirrt war ich, er mußte mir ihn abnehmen. »Wenn ich es nur schon genau wüßte!« seufzte er. »Es ist unbedingt nichts! Nein!« sagte ich, und führte ihn sacht an sein Bett, der linken von den zwei Lagerstätten.

Ich dachte jetzt daran, daß ich ihn vor vielen Jahren als Kind im Bett besucht und mich zwischen ihn und sie gelegt hatte, und daß er mir in seiner Güte sein warmes weiches Kopfkissen geliehen hatte. Ich wollte jetzt eine Kerze anzünden, er hielt aber meine Hand fest. Offenbar hatte er Angst, sie könne ihn blenden, und es schien mir, als seien seine Augen etwas gerötet und die Lider geschwollen. Ich nahm ihm das Thermometer vorsichtig aus der Achselhöhle, es war feucht und es duftete nach ihm, wie einst das Kissen. Es fühlte sich furchtbar heiß an, es brannte mir förmlich in der Hand. »Wie ist es?« fragte er. »Gut, sehr gut!« stammelte ich. Ich ging auf den Zehenspitzen zur Tür, öffnete einen Spalt und drehte das Thermometer so lange, bis ich die silberne winzige Säule erkannte. Es zeigte nur 37 Grad. Wie selig atmete ich auf! Meine Mutter und Anninka saßen schon bei Tisch, die Servietten um den Hals wie immer, während wir, er und ich, die unseren stets im Schöße liegen hatten. Sie hatten die Suppenlöffel in der Hand, aßen aber noch nicht, sondern blickten mit großer Angst beide auf mich. Ich war so glücklich, daß ich, das Thermometer noch in der fest geschlossenen Faust, meiner Mutter um den Hals fiel und meiner schönen Schwester einen Kuß auf die feste, wie ein Apfel gesunde und rote Wange drückte. Aber ich erzählte ihnen nichts, weder von meiner Angst, noch von meiner Beruhigung jetzt, und lief sofort zu meinem Vater zurück, um ihm die gute Nachricht zu bringen. Ich traf ihn aber schon im Schlafe. Er hatte noch sein Taghemd an, das Nachthemd, die Ärmel ausgebreitet, lag auf dem Bettvorleger. Seine kleine Hand schimmerte weich auf der sandfarbenen Hemdbrust. Die Füße trugen noch die Schuhe mit allem Staub, er hatte sie aber über den Rand des Bettes herausgestreckt, so lag er friedlich da. Aber seine Atemzüge waren anders als sonst, tiefer, schwerer ... Mir war, als liefe ihm eine Art Schauder durch den ganzen Körper. Ich kniete auf dem Bettvorleger nieder, um ihm die Schuhe abzustreifen. Er erwachte und warf sich auf die andere Seite. Er ließ mich aber gewähren. Ich zog ihn aus, und auch mich durchlief ein ungewohnter Schauer, wenn ich die weiche, feuchte, kühle Haut seines Rückens streifte, aber ich mußte ihn ja berühren, um ihn zu entkleiden. Meine Mutter stand in der geöffneten Tür und sah mir zu. Sie hatte die Lampe im Speisezimmer ausgelöscht, aber ich sah das Tischtuch und auch die Bestecke weiß und silbrig schimmern. Mein Teller war gefüllt. Durch die offenen Fenster kam ein aromatischer Hauch von den Bäumen unten auf der Straße. Ich trat zu dem Bett und legte ihm die leichte seidene Steppdecke über und strich sie glatt über seinen Körper, nur mit den Fingerspitzen, um ihn ja nicht zu wecken. Meine Mutter war verschwunden, ich hörte die Tür zur Küche gehen, und ein leises Murmeln ließ mich erraten, daß sie sich mit der allezeit getreuen Magd beriet.

Ich trat zum Fenster. Im Halbdunkel schimmerte seine alte geschnitzte hölzerne Kassette auf dem Tischchen zwischen den Fenstern, sie hatte für mich immer etwas von den Geheimnissen an sich gehabt, denn mein Vater offenbarte mir den Inhalt nie, und wenn er die Kassette unter den Arm nahm und sich in einen anderen Raum zurückzog, hatte seine Miene etwas Verlorenes, etwas Freudiges, das aber ihm allein zugehörte und in das er mich nicht einweihen wollte. Aber dies lag nur an meiner Jugend. Er sagte oft, ich sei zu jung, manchmal sagte er auch, – (ein Irrtum, aber wer hätte ihn Lügen strafen sollen?) ich sei zu streng. Wie konnte ich ihm gegenüber streng sein, dessen Liebe mich überglücklich machte, vom ersten Tag in aller Sorglosigkeit bis zum heutigen Abend, der halb Sorge und halb Beruhigung war! Ich beugte mich hinaus und hörte das Gesims knistern unter den Knöpfen meiner Jacke. Das Gefäß des Himmels war jetzt gefüllt, der Himmel war tief, veilchenblau, die ersten Sterne kamen hervor und sie leuchteten mir gut zu, auch der, der seinen Namen trug. Voller Trost. Es war ja der Himmel über uns allen. Ich wußte nicht, wie mir war. Beten konnte ich nicht. Ich wartete. Meine Mutter kam, sie war in Sorge – um mich, weil ich nichts gegessen hatte. Ich tat ihr den Willen, wenn es mir auch schwer fiel.

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