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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 110
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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30.

In der darauf folgenden Nacht sah ich immer die drei silbernen Sterne vor mir, wie sie am Halskragen der Uniform meines Freundes geschimmert hatten. Ich trat ans Fenster und suchte nach den Sternen, die ich meinem Vater und A. v. W. gewidmet hatte. Meinem Freund Maxi einen Stern zu widmen, hatte ich verabsäumt. Sollte es mich reuen? Der bittere Geschmack der Reue wich nur einem noch mehr bitteren Gefühl, nämlich der Wut und Empörung gegen A. v. W. Sie hatte sich verraten, sie hatte ihn verraten und natürlich auch mich, sie hatte bereut. Jetzt hieß es für mich, ihr nicht nachzufolgen.

Ich hatte mein ganzes Leben während der letzten sieben Jahre auf Menschen, Wissen und Genuß gestellt. Von Wissen hatte ich so wenig erworben, daß ich noch alle Geheimnisse vor mir sah, verhüllt, verkleidet, noch tiefer im Dunkel als vor meinem Studium. Meine Einsicht war gering, nur mein Hunger nach Erkenntnis war geblieben. Ich glaubte nicht, daß ich Bleibendes geleistet hatte. Ich hatte mich vom Glauben getrennt, war vorzeitig, wie er, aus der Kirche geschlüpft, aber ich war ohne Schwindelgefühl vor den Abgrund der Welt getreten. Schwindelte mir jetzt, nachdem ich in meiner Leidenschaft die zwei Menschen zugrunde gerichtet hatte, an die ich mein Herz gehängt hatte? Durfte ich kein Herz haben, keinem Gefühl folgen? Was hielt mich aber dann noch am Leben? Wie sollte ich dann den Schiedsrichter spielen zwischen der Natur und dem Ich, also ein Philosoph sein, wenn ich mich nicht dem Leben hingegeben hatte? Ich war aber zum Glück noch jung. Sieben Jahre waren bei einem gesunden Mann wie ich, der noch auf manches Jahr rechnen konnte, nur ein geringer Teil des Lebens. Auf Jahre rechnete ich. Auf Menschen nicht mehr.

Ich erfuhr von dem getreuen Wharf, daß A. mit dem Leben davonkommen würde – und mit einem verkürzten Bein. Schön, adelig, gelähmt hatte ich sie vor Jahr und Tag angetroffen, – so und nicht anders stellte ich sie dem Schicksal wieder zur Verfügung. Sie schrieb mir nicht, ich ihr nicht, sie sandte keine Botschaft, und ich? Ich hätte ihr, nachdem ich das Kettchen hatte so gut wieder zusammenlöten lassen, daß man die Bruchstelle nicht sah, ihren erbärmlichen Schmuck und Trost zurücksenden können. Aber Theater, Gesten und Symbole habe ich stets für nichtssagend gehalten. Ich tat nichts.

Zu Maxis Begräbnis fand ich mich nicht ein. Es hätte unliebsames Aufsehen erregt, ohnehin hatten die Zeitungen mehr über diese ›Tragödie eines jungen Pionieroffiziers‹ und über seinen ›Herzensroman‹ gebracht, als mir lieb war. Wharf hatte sich nicht nehmen lassen, auch von seiner Seite verschiedene Artikel in die Welt zu setzen. Wacker und treu wie Gold hatte er meine Partei ergriffen und mich vielleicht vor unliebsamen Konsequenzen geschützt. Aber was hätte mir allen Ernstes noch geschehen können? Wenn ich einen Menschen ums Leben gebracht hatte, so war es innerhalb eines alten Ehrenkodex geschehen, und derartige Handlungen, nur millionenfach vergrößert, sollten, wenn man Wharf und seinen Kriegsprophezeiungen glaubte, bald an der Tagesordnung sein. Es hieß, das Protokoll über unsere Heldentaten sei dem alten Monarchen nicht vor Augen gekommen, da solche triste Bagatelle angesichts des Todes des Thronfolgers viel an Bedeutung verloren hatte. Ich sah die Ereignisse kommen. Was vermochte ich dagegen? Hatte ich jemals versucht, die Massen zu beherrschen, Einfluß auf die politischen Ereignisse zu gewinnen? Ich war vierundzwanzig Jahre alt, auch bei dem größten Genie (und ich war kaum genial), hätte ich in den Staatsaktionen noch nichts erreichen, nicht der Weltgeschichte, dem rollenden Rade der sich jetzt jagenden politischen Ereignisse in die Speichen fallen können. (Nicht richtig, sagte ich mir aber gleich nachher in meiner Antikritik, haben die zwei blutjungen serbischen Fanatiker und Königsmörder nicht, – aus Liebe zu dem mediokren Ideal der Nation, – zur Waffe gegriffen, und mit ein paar wohlgezielten Schüssen ganz Europa in den Grundfesten erschüttert?) Wohl wahr! Wohl wahr! Aber ich hatte keine solchen blutgierigen asketischen Ideale und ich war nicht mehr in dem weichen und biegsamen Alter, sie zu erleben. Und doch mußte ich meinem neuen »besten« Freunde Wharf recht geben, wenn er sagte, ich hätte meine Kräfte nicht an Ziele vergeuden sollen, die keine waren. Er hatte recht. Ich gab ihm nicht recht. Ich ließ gerade jetzt, im kritischen Augenblick, im Schatten einer Schuld und in unnützer Reue, keinen Tadel an mir zu. Wo findet ein Mensch seinen Anker, seinen Halt im Sturm? Nur bei sich. Er fragte, es war seine Form des Lebens. Ich machte Worte, um nichts zu sagen. Wozu sich mehr enthüllen als unbedingt nötig? Ja, er hatte recht! Ich hatte nichts als drei bis vier Stunden Glück genossen, als ich Karla nach zwei Jahren erobert hatte. Ich habe nur mein Teil genossen, als ich A. v. W. eroberte, die liebte, auf die ich seit meinen Jugendtagen gewartet habe und mit der ich mein ganzes Leben verbringen wollte in gesetzmäßiger Ehe als braver Privatdozent und Familienvater. Ich hatte wahrscheinlich doch mehr geliebt als die meisten Männer meines Alters und Standes, und deshalb war es mir gelungen, die Blüten, Schönen und eine Alexandra zu verführen. Ich wollte an Alexandra schreiben, von ihr Abschied nehmen, ihr meine Hilfe, meine Hand, meine Zukunft anbieten, ihr sagen, daß ich sie immer noch liebe. Liebte ich sie noch? Wo sie gewesen war, war jetzt eine Wunde. Bei ihr mag es nicht anders gewesen sein. Ich schrieb also nicht, mit Worten war gar nichts getan, die Höhe war überschritten, und der Tod eines bei allen Schwächen prachtvollen Menschen stand zwischen uns. Vielleicht hatten wir ihn geopfert, ohne es zu wissen. Es lohnte nicht. Ich ordnete meine Verhältnisse, denn ich wollte nicht weiterleben wie bisher und konnte es nicht.

Anfang Juli, beim Halbjahresschluß, verlangte und erhielt ich meine Bankabrechnung. Ich war der glückliche Besitzer von 2309 Kronen. Außerdem besaß ich ja noch den Cirkon, den ich aus Alexandras Ring hatte herausbrechen lassen, um ihn durch einen echten Stein zu ersetzen. Ich verkaufte das jämmerliche Juwel, es brachte mir aber nur 350 Kronen ein. Törichterweise wandten sich einige der Gläubiger meines armen Freundes an mich. Er war mit Läpperschulden gestorben. Die größte Summe schuldete er dem Cercle für die Futterkosten seines Pferdes, das zum Trabrennen trainiert wurde und jetzt in der Freudenau sein Jungfernrennen, wie man es nennt, absolvieren sollte. Übrigens hatte ich angenommen, der Fürst würde lieber Hunger leiden, als – – Nun, dem Pferd war es nicht schlecht gegangen, und ich bezahlte redlich, was er schuldig war, denn bei dem jetzigen Stande meiner Finanzen machten fünfhundert Kronen mehr oder weniger nichts aus.

Ich wollte Wien verlassen. Ich wollte zu meiner Mutter heimkehren. Sie hatte systematisch und mit aller Intelligenz und Energie das getan, was ich hätte tun können, sie hatte versucht, für die Allgemeinheit, das Kollektiv, die Masse, das Volk zu leben. Ich hatte ihre Rolle übernommen, ich hatte mich den Gefühlen und Herzensabenteuern überlassen. Warum sollten wir nicht tauschen? Leider fand mein Vorschlag keine Gegenliebe mehr. Meine Mutter wollte nicht verstehen, daß ihre alte Unterscheidung (aus der Hausfrauenzeitung) in Jäger und Hirten zwar richtig war, daß aber auch die Jäger zur Winterszeit oder wenn sie sich eine Wunde geholt haben, sich an den Herd und unter das dicke warme Dach der Hirten zurückziehen. Mit anderen Worten, meine Mutter meinte, ich sei aus dem Rahmen der Familie herausgewachsen. Auf den ersten Brief antwortete sie kühl und klug. Sie, in ihrem alten Pflichtgefühl, nahm die Gelegenheit wahr, sich zu rechtfertigen: sie machte mir Vorwürfe. Wozu? Was geschehen war, war geschehen. Sie war von der schwachsinnig werdenden Marthy aufgeklärt worden über meinen alten, längst verjährten, kleinen Streich mit dem Gebetbuch, dem versiegelten wertlosen Paket, das wir ihr als kostbares Pfand anvertraut hatten. Es hatte niemanden geschadet. Sie wußte von dem Streichlein beim Großmächtigen, wo ich mit List und Tücke ihr wertvolles Leben gerettet hatte. Sie selbst hätte es wohl wie die Königsmörder für ihr Ideal, das den Wahrheitsbeweis nicht anzutreten brauchte, geopfert. Ich hatte es nicht zugelassen. Sie wußte von dem Duell mit tödlichem Ausgang. Statt sich und mir Glück zu wünschen, daß ich mit dem Leben davongekommen war, und nicht er, machte sie pathetische Anspielungen auf das Blut, das an meinen Händen klebe, und richtete die Frage an mich, ob es mir nicht vor mir graue. Wie ich meine Untat vor Gott und der Natur verantworten könne? Wußte sie nicht, daß ich eine kleine, etwas zu aphoristisch gehaltene Schrift über das Thema verfaßt hatte, daß es keine gütige Natur, keine gütige Gottheit und am wenigsten eine menschliche Kreatur von reiner Güte gäbe? Ich hätte ebenso gut fragen können, wie die Natur und Gott diese unsinnige Tragödie vor meinen klaren Augen verantworten könnten. Aber leere Worte habe ich stets gehaßt, und vage Begriffe waren meiner Ansicht nach die Todfeinde der Philosophie. Meine Mutter war anständig, ja hochherzig, selbstlos und sie hatte guten Willen. Aber wie wenig kannte sie mich! Sie hatte keine blasse Ahnung von dem Leben, und sie maßte sich an, eine Masse von Menschen, das Proletariat zu führen, einzig von ihrem Herzen geleitet! von ihrer verständigen Güte, ihrem Opferwillen, von ihrer Pflicht. Und von dem Gefühl der Überlegenheit über die Ärmsten der Armen, also trotz allem auch – von etwas Eitelkeit! Sie warf mir vor, ich hätte ihr Steine in den Weg gelegt. Daß ich ihr aber ohne Rücksicht auf mich das Leben gerettet, daß ich ihren Kindern, das heißt vor allem meinen zwei an ihr hängenden Geschwistern die Mutter erhalten hatte, so weit sah sie nicht. Wäre ich sofort nach Erhalt von Alexandras Brief nach Wien gereist, würde aller Wahrscheinlichkeit nach Maxi leben, sie aber in der kühlen Erde an der Seite ihres federleichten armen Mannes ruhen. Aber was solls? Die Zeit, das sind die Ereignisse, hatte ich gepredigt. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen, folglich auch die Ereignisse nicht. Nicht einmal in Gedanken.

Ich sah sie oft aus der Nähe an, ich hatte scharfe Augen, sie etwas kurzsichtige. Ich wollte sie im Grunde nicht anders, ich gab der Wirklichkeit recht. Ja, was will man tun, gerade wegen dieser Torheit und Gefühlsfülle war ich ihr sehr zugetan. Ihre Eitelkeit störte mich nicht. Jeder Mensch braucht sie, um sich zu behaupten. Sie war keiner von den drei Sternen. Aber das hinderte mich nicht, trotz dem Mangel einer Einladung meine Koffer zu packen und heimzukehren. Ich mußte mich auf die Lehramtsprüfung vorbereiten. Meine geringen Barbestände konnte ich nicht mit hohen Hotelrechnungen vergeuden und vor Ottakring graute mir. Bestand ich im Frühherbst die blöde Prüfung, hinderte mich nichts, als Privatdozent meine winzige, widerspruchsvolle Weisheit der wissenshungrigen Jugend in Czernowitz darzubieten, so gut ich konnte. Ich mußte endlich auch praktisch denken. Die Fähigkeit dazu habe ich immer in ziemlich hohem Grade besessen, deshalb ist mir fast alles so gut gelungen. Nicht was ich getan hatte, hatte ich zu bereuen, sondern wessentwegen ich es getan. Gut, ich kehrte dritter Klasse heim.

Ich fand aber weder meine Schwester noch meinen Bruder zu Hause vor. Meine Mutter hatte sie aufs Land zu meinem uralten Großvater, (dem großen Gärtner und trefflichen Jäger) gesandt. Sie wollte einfach nicht, daß ich mit ihnen in Berührung träte, daß ich sie »moralisch verseuchen«. Ach, wenn sie gewußt hätte, daß sie auch Annas Rückkehr in das Land der Heimat aus dem Kloster ihres heiligen Egoismus nur meiner praktischen List verdankte! Ich klärte sie nicht auf, wir lebten zwei oder drei Wochen übertrieben ruhig und furchtbar friedlich zusammen, während sich die Wolken auf dem politischen Horizont immer mehr zusammenballten und die Gäste des Mittagstisches immer spärlicher wurden. Nicht wegen der Kriegsgefahr, sondern weil nicht mehr der reine Engel am Kochherde, Anna, kochte, und die zittrig und dumm gewordene Marthy Salz von Zucker nicht mehr unterscheiden konnte. Sie wußte zwar gut zu weinen und zu verraten und meine alten Sünden aufzuzählen, aber nicht mehr gut zu backen und zu kochen. Meiner Mutter war dies ziemlich gleichgültig, sie war wieder zur Politik zurückgekehrt, aber nun, ganz wie am Anfang, auf dem Boden des Gesetzes, des Respektes vor dem Kaiser, der Demut vor Gott und »im Sinne« der patriotischen Ideale. Sie nahm sich jetzt nicht mehr vor, den Klassenkampf durch gütliche Versöhnung von Reich und Arm im Schatten des Kreuzes zu liquidieren, sondern sie hatte vor, das internationale wurzellose Proletariat mit dem Vaterland und der Scholle zu versöhnen. Sie war oben, bei den Großmächtigen, gut angeschrieben, man ließ sie öffentlich sprechen, und es hieß, sie predige jetzt noch hinreißender als früher. Ab und zu lud sie mich zu den Meetings ein. Ich klopfte ihr auf die mageren zarten Schultern. Was sollten wir einander sagen? Sieben Jahre standen zwischen uns. Sie glaubte an patriotische Idole, gottgewollte Monarchie, angestammte, gesalbte und gesegnete Dynastie, Treue für Treue, oben ist oben, unten ist unten, Österreich wird ewig stehen usw.; ich fand dies alles rührend und bedauerte nur, daß diese alten schönen Mumien mich nicht mehr verführen konnten. Ich hatte mich wieder meinen kritischen Betrachtungen allgemeiner Art zugewandt, sogar die recht dringende Lehramtsprüfung verschwand aus meinen Blicken. Ich bereitete mich aber in meinem Inneren eher auf eine andere Prüfung vor, den Krieg. Karl kam, er war auf der Durchreise nach Norwegen, sein Vater, der mit Staatslieferungen viel verdient hatte und noch mehr zu verdienen hoffte, sah schwarz, er wollte seinen Sohn vor dem Kriege bewahren. Wahrscheinlich wollte er ihn auch vor seinen Lastern bewahren und hätte mich als seinen Begleiter in Norwegen oder sonst einem voraussichtlich neutralen Lande keine Not leiden lassen. Ich hörte mir alles an, wollte es mir überlegen, aber mein Entschluß war schon lange gefaßt. Ich wollte den Krieg, wenn es dazu kam, mitmachen. Nicht, um für den alten Monarchen und die noch ältere k. k.-Doppelmonarchie und für den noch älteren, schwarzgelben, rührenden und, ach wie friedlichen Patriotismus mein Leben aufs Spiel zu setzen, sondern um hinter gewisse Geheimnisse der Menschennatur zu kommen, die sich möglicherweise im Krieg entschleiern würden. Das Individuum war mehr denn je mein Idol. Die Natur des Menschen war Gipfel oder Abgrund, ich mußte versuchen, sie trigonometrisch zu messen. Wenn ich sage »Idol«, meine ich alles andere als die sentimentale Anbetung der Menschlichkeit im alten Sinne. Ich glaubte, daß die guten Philosophen von früher, diese meist häßlichen, menschenscheuen, auffälligen, schwächlichen und eitlen, impotenten und schrulligen, im Leben und bei den Weibern mehr oder weniger gescheiterten Existenzen nicht die einzigen Philosophen der Menschennatur sein konnten, weil sie von dieser einen wichtigen Teil nur vom Hörensagen kannten. Sie lebten in der Einsamkeit, weil sie mußten. Sie hatten keine Wahl. Die Massen kannten sie vom Katheder her. Und die Frauen von wo? Und sich selbst von wo? Ich hatte viel am eigenen Leibe erlebt, ganz vergebens hatte ich diese sieben Jahre nicht gelebt und die drei Sterne fallen gesehen. Ich fand, daß es meiner endgültigen Ermannung nicht schaden würde, wenn ich meine nackte Existenz zu verteidigen hätte. Gegen wen? Doch nur gegen Menschen. Wie? Durch List und Mut – und vielleicht durch ein bißchen Glück. Das Glück im Spiel hatte ich von zwei Seiten kennen gelernt. Von wieviel Seiten würde ich das Glück im Krieg kennenlernen? Vielleicht wurde es eine unvergleichliche Schule. Vielleicht kam ich als ein anderer aus ihr heraus. Wahrscheinlich war mir bis jetzt vieles zu leicht in den Schoß gefallen. Ich selbst hatte mich also im Falle des Krieges, der großen Jagd, nicht mehr gegen mich selbst zu verteidigen, die Reue hatte ich hinter mich zu werfen... Ich tat es. Es gelang, und das Gewissen peinigte mich endlich nicht mehr.

Wharf, der inzwischen als Korrespondent seines Blattes in den Balkan gereist war, behielt mit dem Kaiserlichen Rat recht, meine Mutter in ihrem blöden Glauben an die gottgewollte Friedenskrone, den Finger des Schicksals und an den guten Kern des Menschen unrecht, es kam zum Kriege. Meine Schwester und der Bruder kehrten zurück. Sie hatten sich nach mir gesehnt, sie waren ungern von zu Hause weggegangen, sie hatten sich schon lange auf mich gefreut. Ich freute mich auch an ihnen. Meine Entschlüsse konnten sie um so weniger beeinflussen, als es jetzt unmöglich war, die Grenzen zu überschreiten, der Krieg an Serbien war im gleichen Augenblick erklärt und begonnen worden. Retten konnte sich niemand mehr. Mit den Ereignissen, auf Seite der gewinnenden Partei sein, sich über die blinde und blöde Masse erheben und das kalt und überlegen erleben, was sie in Dienst und Phrasendunst sklavisch erlebten – das war einfach, klar. Ja, endlich war ich mit meiner Mutter einig in dem, was »vonnöten« war. Wir saßen am I. August 1914 als kleine Familie, Mutter, zwei Söhne und eine erwachsene Tochter und eine alte Magd am Tische. Es gab Huhn, aber die wirklich verlorene Marthy hatte beim Ausnehmen des Huhns die Galle zerdrückt, und das Fleisch war bitter. Meine Mutter zwang sich dazu, um die tränenselige Marthy nicht zu kränken, wir anderen hielten uns an Wurst und Brot und Obst und etwas Wein. Der gute Postillion trank den ersten Tropfen Rebensaft aus einem großen Wasserglas, und seine schelmische Laune machte uns alle zu Tränen lachen. Er meinte, auch er wolle, einen großen Schinken im Tournister, in den Krieg, denn ohne Kinder könne der Krieg nicht gut ausfallen und er würde sich alle Mühe geben. (Das Volk dachte nicht viel anders.) Ich lächelte und streichelte ihn. Seine Ohren, die bei der Geburt etwas abstehend gewesen waren, hatten sich sehr niedlich angelegt. Er hatte noch viele ähnliche Einfälle und machte uns Kaiser und Soldaten, »Serben und Scherben« vor. Auch die sonst so ernste Anna lachte. Sie gedachte in ihr Kloster zurückzukehren, aber nicht um das Heil ihrer Seele zu pflegen durch Einsamkeit, Fasten und Gebet, sondern um sich der Krankenpflege zu widmen, Verwundete zu betreuen, an denen es nicht fehlen würde. Am nächsten Morgen stellte ich mich der Kommission, welche die sogenannten Freiwilligen auswählte zur Verfügung, wohlgewaschen und in frischer Wäsche, wie es verlangt war. Wer konnte mehr freiwillig sein als ich? Man fragte mich, welche Waffengattung ich vorziehe. Alle seien mir recht, sagte ich bescheiden, mich dabei in meiner ganzen Größe und Jugendkraft, nackt vom Scheitel bis zur Sohle unter dem Meßgerät aufreckend, »alle sind gut, bitte, ausgenommen die Genietruppe«. Also wurde ich zur schweren Artillerie angenommen.

Vor dem Assentierungslokal verkauften junge und alte Mädchen Blumen. Auch das bezaubernde Geschöpf, bei dem ich vor Jahr und Tag das Bukett für Lilyfine gekauft hatte, (sie war längst an die Wiener Hofoper engagiert) war darunter. Sie erkannte mich sofort, und sie, die Arme, schenkte mir reichem Menschen ein schönes kleines Sträußchen. Ich steckte es auf den Hut, wie es die anderen braven Freiwilligen taten. Wiedergesehen habe ich sie nicht mehr, zwei Tage nachher fuhr ich mit einer Menge gleichaltriger Rekruten nach Görz in Istrien, wo sich unser Regiment befand.

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