Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 108
Quellenangabe
pfad/weiss/verfuehr/verfuehr.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101110
projectidf6d04d2a
Schließen

Navigation:

28.

Ich begab mich an den Ort, wo ich mich mit meinen Freunden hatte treffen wollen, in das Café Europe am Stefansplatz. Hier war ich vor sieben Jahren gewesen, an jenem Spätnachmittag bald nach seinem Tode, als ich zum erstenmal die großen gewichtlosen Freuden der Freiheit und der Reuelosigkeit erlebt hatte, die mir die Kraft gegeben hatten, Geld und Glück zu gewinnen – und es zu behalten fast bis jetzt. Was lag mir aber jetzt am Gelde, ich besaß ja den Menschen, der an seine Stelle getreten war.

Ich hatte kein Auge geschlossen. Ich war aber nicht müde. Ein Kellner brachte Kaffee und das gute, klare, kalte Wiener Wasser, und ich trank. Ich dachte auch an den Tod. Maxi war ein ebenso guter Schütze wie ich. Ich wußte nicht, ob er mir zürnte, ob er mir den Tod wünschte. Ich wünschte ihn ihm nicht, jetzt nicht mehr. Denn ich brauchte um meine Geliebte nicht mehr zu kämpfen, sie war die Meine.

Aber bei all meiner Freundesliebe konnte ich das Geschehene nicht ungeschehen machen. Bloß die Verzweiflung konnte Alexandra den Gedanken eingegeben haben, ich solle fliehen, bei dem Duell nicht erscheinen. Ich hätte mich gerade in ihren Kreisen, in denen wir beide doch leben mußten von jetzt an, so wie sie beide in ihnen gelebt hätten, auf immer unmöglich gemacht durch eine Flucht. Ich hätte fliehen können als der Sohn meines Vaters. Nicht als ihr Mann. Ich hätte dadurch Maxi bloßgestellt, er hätte den Dienst nach einer so urblöd verlaufenen Ehrenaffäre schandenhalber quittieren müssen. Was aber tun? Ein Loch in die Luft schießen? Ein Ziel sein für seine Kugel, ihn aber schonen auf jeden Fall? Wollte ich das? Ich fühlte, irgend etwas in mir wollte noch weiterdenken, mein Entschluß war noch nicht klar gefaßt, aber da erschienen meine Freunde im schwarzen Gewande trotz des Junisonnenscheins. Sie waren froh, mich so pünktlich anzutreffen, daß der Wagen nicht entlassen zu werden brauchte, der uns in die Kaserne brachte. Die Straßen waren leer. Es war Sonntag, ein schöner Morgen, leicht bedeckt, ganz leicht schwül.

Ich sagte mir also, ich wolle handeln, sobald ich die Pistole in der Hand hatte, – und es nachher überlegen. Das hat mir immer Glück gebracht: Zuerst die Tat, die Idee nachher.

Man hatte uns bereits erwartet. Als wir durch das Tor der Kaserne an den Wachtposten vorbeigingen, schlug es gerade sechs Uhr. Die Zeugen kannte ich bereits, es war ein Hauptmann und ein Oberleutnant der Genietruppe, der Unparteiische war ein Major des Dragonerregimentes. Der Regimentsarzt erschien als letzter, einen kleinen schwarzen Kasten mit Verbandszeug unter dem Arm, mißvergnügt in die Sonne zwinkernd, da er nicht ausgeschlafen war, und es ihm nicht behagte, am Sonntag ›Dienst‹ zu tun.

Ich sah meinen Freund wieder. Er war es gewesen. Er blieb es. Ich liebte und haßte ihn zugleich. Er hatte mich nicht gehalten, er hatte Alexandra nicht gehalten. An mir sah er vorbei. Plötzlich aber bemerkte ich auf den grünen Samtaufschlägen seines Kragens drei silberne Sterne, wo sonst nur zwei gewesen waren. Er war also in den letzten Tagen endlich zum Hauptmann befördert worden. Am liebsten wäre ich zu ihm hingetreten, hätte ihm die braungebrannte, behaarte, ziemlich große, feste Hand, die sich so gut in meine fügte, geschüttelt, ich hätte ihm die etwas zerrauften Haare, denen das übliche Heliotropbrillantine heute fehlte, zurechtgekämmt.

Aber er wollte mich nicht kennen. Er durfte es nicht.

Endlich waren wir nach langen Pourparlers, bei denen wir beide nicht mitzusprechen hatten, in die ovale Reitbahn gekommen, die von einem feinen, in der Sonne glimmernden Staube erfüllt war und von dem würzigen Brodem schwitzender Pferde, dem herben Geruch vielgebrauchten, feucht werdenden Sattelzeugs. Man schloß die Türen, man zählte die Distanz mit den Schritten des langbeinigen Majors ab. Im letzten Augenblick hatte man ihre Anzahl (sehr zu meiner Freude) vergrößert auf fünfzig. Ich dachte, ich müsse vor dem Kugelwechsel den Rock ausziehen und er seine Uniformbluse. Aber es war nicht so; ich in meinem Jackettanzug, er in seiner Uniform. Wir stellten uns jeder an der Stelle auf, die der Unparteiische durch einen Querstrich in der Lohe des Bodens bezeichnet hatte, wie es die Kinder tun, wenn sie ›Himmel und Hölle‹ im Sande eines Parkes spielen. Ich bekam meine Waffe in die Hand, er die seine. Jetzt kam der peinlichste Moment. Wir mußten einen Versöhnungsversuch über uns ergehen lassen und dazu die Waffen noch einmal abgeben. Diese nutzlose Verzögerung machte mich ebenso ungeduldig wie ihn. Ich sagte kurz nein. Er hörte wohl nicht aufmerksam hin und antwortete erst auf die wiederholte Frage, dann natürlich ebenfalls mit nein. Wir erhielten die Waffen zurück, die vom Waffenmeister gestern genau revidiert und geölt worden waren. Etwas von dem Waffenöl klebte noch am Schaft und an den Läufen, an denen man die Fingerabdrücke sah. Ich war sehr ruhig. Ich hatte Hunger. Ich war ungeduldig, da ich mich entsann, Alexandra in meinem Zimmer eingeschlossen zu haben. Wenn sie Hunger hatte – –, wenn sie auf mich wartete – –. Ich wünschte, es wäre alles vorbei. Die Uhr in der Nähe schlug halb. Ich wußte, daß zuverlässig alles vorüber sein würde, wenn es dreiviertel schlug, ja sogar früher. Jetzt verzogen sich die vier Sekundanten in die Verschalungen der Eingangstüren, durch die sonst die Pferde hineingeführt wurden, dort waren sie einigermaßen sicher vor verirrten Kugeln. Hieß es doch, daß solche Duelle oft für die Sekundanten gefährlicher waren als für die Duellanten. Ich lächelte. Maxi starrte mich jetzt mit seinen tiefliegenden Augen an, aber er lächelte natürlich nicht, sondern es war Haß, der aus seinem Blick sprach, und sogar etwas Tückisches, das er niemals gehabt hatte. Oder doch? Hatte er wirklich Neid und Mißgunst nie gekannt, war er besser als sie und ich? Ich zuckte die Achseln und stellte mich in Positur. Wir sollten bei drei schießen. Die Kommandos ›eins‹, ›zwei‹ erschollen, dann eine kleine Pause und endlich auch das ›drei‹, wie fallen gelassen. Wir zogen zu gleicher Zeit ab und hörten einen einzigen Knall und Widerhall: zwei Abschüsse in eins mit dem Geräusch, das die Kugeln verursachten, als sie splitternd in die Holzverkleidung der Reitbahnwände einschlugen. Keiner hatte getroffen. Die Distanz war groß. Ich hatte gar nicht gezielt. Er ebensowenig. So hatte ich mich geirrt, sein Blick war vielleicht verzweifelt und unglücklich und verloren, aber nicht tückisch. So hat er Neid nicht gekannt? Er ist immer mein Freund gewesen? Der zweite Kugelwechsel verlief genau wie der erste. Beim letzten geschah etwas Merkwürdiges.

Der Unparteiische zögerte diesmal lange mit dem ›eins‹, Gott weiß warum, das Warten zerrte an den Nerven, und der Schweiß brach mir aus, das Herz schlug wild, es flimmerte wüst vor den Augen, nicht aus Angst, einfach aus Ungeduld. Endlich kam das ›zwei‹. Aber noch bevor das ›drei‹ erscholl, hatte mein Freund abgedrückt. Diesmal muß er unbedingt brav gezielt haben. Die Kugel schlug mir durch die gestärkte Manschette meines Hemdes, haarscharf an meiner Brust vorbei pfeifend.

Man ist beim Pistolenduell so postiert, daß man dem Gegner möglichst wenig Ziel bietet; also ein Bein vor dem anderen, den rechten Arm erhoben, genau in der Linie des in Längsstellung befindlichen Körpers, den anderen Arm im Rücken. Ich, was tat ich? Mein Fehler ist es immer gewesen, etwas zu spät zu schießen. Ich wußte nicht, warum ich es jetzt tat, ich fühlte nur den Instinkt, den der Jäger vor etwas Lebendem empfindet und den man nicht beschreiben kann. Ich wartete ja nur den Bruchteil einer Sekunde, nicht länger, ich schwöre es, dann zielte ich, die Pistole schlagartig senkend, auf die drei Silbersterne auf dem Samtkragen der Uniform und zog ruhig ab. Mein Freund zuckte zusammen, aber er blieb stehen. Er wandte sich zu den Zeugen und dem Arzt, die alle hervorgekommen waren, er zog, den Rand der Uniform aufstülpend, aus seiner Hosentasche ein weißes Taschentuch, und ich dachte, er würde sich die Stirn abtrocknen, – (er stand jetzt leicht gebückt, abgewandt von mir). Da sah ich das Tuch, wie ein Schwamm mit hellrotem Blut getränkt, schwer seiner Hand entsinken. Er hielt sich. Mit kleinen Schritten, den Kopf auf der linken Schulter, ging er zu der Wandverschalung, der Arzt stützte ihn rechts, der Major links, er ließ sich auf den Boden nieder, er lehnte sich mit dem Rücken an die Holzverkleidung, die von den Hufschlägen so vieler tausend Pferde aufgerissen war und hell erglänzte. Jetzt sank auch der Oberkörper und sein Kopf auf den Boden. Der Arzt, kreidebleich, lief um seinen Kasten. Er brachte ihn nach einigen sehr langen, unbeschreiblichen Augenblicken endlich herbei, während einer der Zeugen eine Bahre besorgte. Sie richteten Maxi jetzt auf, sie zogen ihm die Uniformbluse aus, ich glaube auch, er sprach mit ihnen, vielleicht um sie zu beruhigen. Er war bei Besinnung. Er drehte den Kopf hin und her, um dem den Verband anlegenden Arzt die Sache leichter zu machen. Ich trat näher. Aber niemand hatte mich gerufen. Karl hatte eine ängstliche Miene, Wharf drückte mir die Hand und nahm mir die Waffe ab. Aber auch jetzt war er voll Neugierde und Spannung, und er kehrte in die Nähe der Gruppe zurück. Ich sah, wie sie Maxi den Kopf auf seine zusammengerollte Bluse betteten, damit er höher liege. Jetzt kam ich zu ihm. Ich sah ihn beherzt an. Er hatte unter der Bluse nur ein bis zu den Oberarmen reichendes Netzhemd, und durch die Lücken des Gewebes traten seine schwarzen Haare an der mächtigen Brust hindurch. Er trug im Halsausschnitt des kragenlosen Hemdes noch immer die kleine goldene Medaille der hl. Muttergottes von Mariazell, die ich von unseren Jägerfahrten her gut kannte. Er atmete sehr heftig, die Augen halb geschlossen, die Wangen braun und fahl zugleich, die Lippen feucht, er hatte sie benetzt, vielleicht dürstete ihn. Der inzwischen schnell angelegte Verband am Halse schien ihn zu drücken, er suchte ihn zu lockern, zog aber seine Hände, mit Blut befleckt, mit entsetztem Gesicht zurück. Jetzt blickte er um sich. Wir sahen ihn alle voll Sorge an. Die zwei Dragoner hoben die Bahre auf. »Nicht ins Marodenzimmer«, sagte der Arzt, »sofort in einen Wagen, in ein Auto, und dann in das Militärspital in der Währingerstraße.« Der Major ging voran, dann kamen die zwei Dragoner, zwischen ihnen mein Freund von einst. Ich blieb allein. Er war es, dem alle folgten, selbst Karl und Wharf. Wharf kehrte endlich wieder. Ich zeigte ihm den Durchschuß an der Manschette. Mein Herz pochte mir so leer in der Brust. »Es soll eine Durchschuß der großen Halsvene sein bei der Hauptmann, weiter nichts«, sagte er tröstend, »Hauptsache, er kommt lebens ins Spital, dann ist es eine leichter Verletzung.« »Fahre auch du sofort nach«, sagte ich ihm, »und berichte mir.« »Was willst du warten?« fragte er. Im Hotel? Ja, ich besann mich, »ich warte wieder in meinem Hotel.« »Gut, es kann lange nicht dauern«, sagte er, »du hast sofort Nachricht, entweder telephonisch, oder ich komme. Je nachdem. Wahrscheinlich werden er operiert. Man kann das nicht so einfach nähen. Der Regimentsarzt hat gesagt, das beste wäre das Finger in die Wunde zu stecken.« »Den Finger?«, »Ja, er fürchtet...« »Geh, geh«, sagte ich, »verschaffe dir Sicherheit!«

Der Major war zurückgekommen. »Kann ich gehen?« fragte ich ihn. »Ja, nein«, antwortete er sehr verwirrt, »wir müssen ein Protokoll aufsetzen, dazu brauchen wir aber die Zeugen, sie müssen alle unterschreiben, wir müssen das Garnisonskommando benachrichtigen. Die Waffen müssen versiegelt werden wegen der Zahl der Patronen, und es gibt immer einen Haufen Scherereien. Völlig umsonst.« Ich fragte ihn nicht nach weiteren Erklärungen. Einer der Zeugen kam, der andere nicht. Endlich waren wir bereit und gingen.

 << Kapitel 107  Kapitel 109 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.