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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 107
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidf6d04d2a
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27.

Am nächsten Tage war ich gezwungen, bis Mittag auf die Zeugen Maxis zu warten. Ich empfing die Herren kühl und korrekt, wie es sich gehörte, und nannte die meinen, Karl und Wharf. Wharf, der die Verhältnisse und Personen gut kannte, bemühte sich, eine ungefährliche Art der Austragung durchzusetzen, während Karl, aus Spaß an der Sache, ein klein wenig öl ins Feuer schüttete. Ich selbst verhielt mich passiv und ging meiner Arbeit nach. Ich war entschlossen, aus jeder Wendung des Schicksals das Beste herauszuholen. Endlich wurden sich die vier Zeugen einig auf folgende Bedingungen: Datum: 28. Juni 1914. Waffe: Die bekannte Steyrrepetierpistole. Dreimaliger gleichzeitiger Kugelwechsel auf Kommando des Unparteiischen. Distanz: 45 Schritt. Zeit: Sechs Uhr morgens. Ort: Die Reitbahn der Dragonerkaserne im fünfzehnten Bezirk. – Mir wäre eine Hieb- und Stichwaffe lieber gewesen, aber es war nicht mehr zu ändern. Im allgemeinen verliefen übrigens die Pistolenduelle (besonders die auf eine solch große Distanz) unblutiger, als man denken sollte.

In aller Ruhe traf ich meine Vorbereitungen. Nicht, daß ich noch einmal Schießübungen angestellt hätte. Ich beherrschte die Waffe und hatte mich überzeugt, daß ich besser schoß, wenn ich nach längerer Pause zum erstenmal wieder den Lauf der Pistole auf ein Ziel richtete. Meine Form konnte ich in keinem Fall innerhalb einiger Tage verbessern, und darauf kam es auch gar nicht an.

Ich mußte nun für den Fall, daß mir etwas Menschliches zustieß, die Abschiedsbriefe schreiben, meinen Gegner und meine Freunde in Schutz nehmen, meiner Mutter, dem Bruder und der Schwester, auch Marthy lebewohl sagen. Ich mußte mein Testament machen, obwohl es nicht viel mehr zu testieren gab. Und als ich diese ziemlich langweiligen Skripturen beendigt hatte, in denen nichts über mich selbst stand, und wo ich mich mit den üblichen Redensarten begnügte, mußte ich am Vorabend die Hotelrechnung in Ordnung bringen, zu Abend essen und mich zu Bett legen, es dem Schicksal überlassend, ob ich schlafen könne oder nicht. Zum Glück schmeckte mir das Essen gut, (während es mich doch angewidert hatte, als ich um meine Mutter so in Sorge gewesen war), und der Schlaf kam so schnell, daß ich es unterließ, das Licht abzudrehen. Ich schlief tief, aber wie ich glaube, nur kurz.

In der Tat war es kaum Mitternacht, als mich ein leises langes Pochen an der Tür erweckte. Jemand, dessen Stimme ich nicht sofort erkannte, verlangte mich zu sprechen. Mürrisch rief ich der Person zu, sie solle warten, zog einen Hausrock an, öffnete und stand Alexandra gegenüber. Ich erschrak mehr bei ihrem Anblick, als ich mich freute. Ich dachte daran, daß sie mich in dieser wichtigen Nacht am Schlafen hindere und morgen meine Hand unsicherer sein würde, als es gut war. Ich wollte am Tisch Platz nehmen, kam mir aber in meiner seidenen Hauskleidung lächerlich vor und schlüpfte ins Bett. Sie setzte sich zu mir. Ich bedeutete ihr, sehr leise zu sein wegen der Nachbarn, und so rückte sie bald auf den Bettrand. Sie zog die Handschuhe aus, (diesmal war sie würdig mit Handschuhen gekommen!) und legte auch den Hut auf mein Nachtkästchen über die tickende Uhr. An ihrer Hand sah ich den Ring nicht mehr. Sie verstand, was mein Blick bedeutete, errötete heftig und maß mich mit dem alten grünblauen kalten Auge, das mir seit meiner ersten Begegnung nicht vertrauter geworden war und das ich dennoch liebte. Sie bat mich zuerst um Entschuldigung. Sie habe während der paar Tage sich gefragt, ob sie mich anrufen solle, inzwischen sei es zu spät geworden, und, als sie es getan, habe man ihr im Hotel gesagt, ich sei eben fortgegangen (Lüge). Sie habe sich mit ihrer Mutter nicht beraten können, diese sei verreist, leider auf lange, sie komme zu mir als zu ihrem alten Freund. Mit schwerem Herzen, aber mit gutem Gewissen. Ich solle niemals glauben, sie hätte Maxi gegen mich aufgehetzt, im Gegenteil, sie liebe uns, aber jeden in einer anderen Art, (soweit sie lieben könne und dürfe, denn ihre eigentliche Liebe gehöre dem, der am meisten für sie gelitten habe, dem Heiland. Und dann habe sie natürlich auch eine kleine Schwäche für sich selbst, wie jedermann). Sie hätte Maxis Drängen um ihre Hand nie nachgegeben, obgleich alles harmoniere, wenn er nicht mein Freund gewesen wäre. Sie wolle uns nicht verlieren, nicht unglücklich machen, sondern beide behalten. Ihr Plan sei gefaßt. Mißlinge er, werde sie verzweifeln und untergehen (Lüge?). Aber wenn er gelinge, könnten wir alle drei recht glücklich sein. Auf mich komme es an. Sie sei mein, das heißt, mein Werk, deshalb solle ich jetzt meine Güte krönen. »Und was wünschen Sie denn jetzt von mir?« rief ich ziemlich laut. Unwillkürlich beugte sie sich zu mir hinab, wie um mich zum Dämpfen meiner Stimme zu veranlassen, und so drückte sie mir ihre Handfläche auf meinen Mund. Ich küßte sie. Ich wußte nicht, was ich tat, und ein wütender Schmerz, keine Wonne, krampfte mir mein Herz zusammen. Sie sah mich etwas lauernd an, wahrscheinlich glaubte sie, ich würde in alles einwilligen. Sie sagte, ich solle ihr meine Liebe beweisen, sie werde nicht undankbar sein. Ich sei der erste Mann in ihrem Leben. Ob es ein Glück oder ein Unheil sei für uns, wisse sie nicht. Sie hätte so furchtbare Angst gehabt vor mir, seitdem ich ihren gelähmten Fuß in meiner heißen Hand gehalten habe. Warum wisse sie nicht. Ohne Angst hätte sie mich vielleicht geliebt, aber sicherlich nur oberflächlich, so wie... (wen?) Ich solle ihr treu bleiben, auch sie wolle es sein, selbst wenn sie dem Anscheine nach die Treue breche und sich aus Standesrücksichten und um ihre Freiheit zu gewinnen... Ich unterbrach sie und schlang stöhnend meinen Arm um ihren feuchten kühlen Hals. »Was soll ich tun?« »Du mußt«, antwortete sie, indem sie mir das Du schenkte, das ihr Maxi mir abgenommen hatte, »aber wozu es aussprechen? Du errätst es. Ich bitte dich, ich flehe dich an, verschwinde! Europa ist groß, du bist frei, du bist reich, – ach hättest du es mir früher gesagt, hättest du mehr Vertrauen in mich gehabt...« »Zu spät, Ali«, sagte ich lächelnd, (Ali nannte sie ihr Vater, und wenigstens von ihm hörte sie es gerne!), »ich bin arm, ich bin jetzt wirklich nur der Schusterssohn, wie ihr mich nennt...« »Kannst du es uns nicht verzeihen«, sagte sie, meinen Arm mit sanfter Gewalt und ach, wie zart, von sich ablösend, »bist du nicht größer und ritterlicher als wir? Was sind wir gegen dich?« »Warum schmeichelst du mir? Das ist deiner unwürdig! Was soll geschehen?« fragte ich kalt. »Ich kann es nicht sagen, ich schäme mich, du mußt es erraten. Liebst du mich denn jetzt wirklich? Weshalb habe ich dann solche Angst vor dir? Deinen Vater haßte ich, aber vor dir empfand ich Angst«, wiederholte sie, »ich habe immer gefürchtet, ich würde vor dir knien müssen wie jetzt.« Ohne daß ich es bemerkt hatte, war sie auf den Bettvorleger hinabgeglitten und kniete hier. Das dünne Kleid, durch ihre Knie wie an den Boden genagelt, spannte sich, und ihre großen, festen, üppigen Brüste strotzten durch den Stoff hindurch. Sie legte den Kopf auf meine Knie, ich ließ meine Knie auseinandergleiten, und jetzt lag ihr Kopf in der roten Wolke ihres Haars auf meiner dünnen hellen Seidendecke, und ich fühlte, wie sie ihre Stirn in die Decke hineinpreßte und wie sie weinte. Ich hatte sie nie weinen gesehen oder nur aus Zorn. »Was willst du, Ali«, fragte ich noch einmal, »wenn ich den Mut haben soll, es zu tun, mußt du den Mut haben, es zu sagen.« »Sag ichs denn nicht, ich sage doch nichts anderes, du mußt noch in der Nacht fort, beim Packen helfe ich dir, den Rest besorgt Wharf, du darfst dich mit meinem künftigen Mann nicht duellieren. Nein! Laß uns! Laß uns! Wenn wir erst verheiratet sind, werde ich dir ein Zeichen senden, ich werde dich finden und wenn du auf dem Grund des Meeres wärest.« »Du sprichst das reine Burgtheater«, sagte ich, »bist du deshalb hergekommen? Ich muß schlafen, ich muß meine Kräfte sammeln, ich muß in Ehren bestehen, ob ich will oder nicht.« »Was ist dir Ehre?« sagte sie leise, »was ist dir Adel und Menschenstolz? Was sind dir Menschen?« »Liebe Komtesse«, sagte ich, »Worte helfen uns heute nicht. Ich kann nicht verschwinden. Ich kann mich auch nicht durch Selbstmord aus der Welt schaffen. Ich...« Sie ließ mich nicht ausreden. Ich hatte von Anfang an alles geahnt, ich kannte meine Blüten und Schönen. Mir graute vor mir, mir graute vor ihr, aber ich tat, was ich mußte. Mit einem dumpfen Stöhnen der Verzweiflung oder der Wollust fühlte ich sie in meine Arme sinken. Das Licht brannte. Die Uhr tickte. Kein Wort...

An ihrem nackten, glatten, schweißbedeckten Körper störte mich ein kleiner Gegenstand, ich wühlte zwischen ihren Brüsten in die Tiefe, ich zerrte das kleine Goldkreuz hervor, das sie immer trug. »Was tust du?« rief sie mit einer Stimme, die heiser geworden war in dieser ungeheuren Nacht, »was willst du noch? Laß es mir!« Aber es war zu spät, ich hatte zu sehr an dem dünnen Kettchen gezerrt, es riß, und das kleine, aber echte Juwel blieb in meiner Hand, an ihrem glatten Halse aber sah ich in der Morgendämmerung (das große Fenster war während der ganzen Nacht offen geblieben) einen kleinen roten Streifen, die Strieme... Auf dem nahen Kirchturme schlug es halb, es war halb sechs. Ich weckte sie nicht. Sie lag da wie tot. Ich deckte sanft ihren Körper zu, aber ich konnte mich nicht trennen von ihr. Ich hatte das erobert, was ich seit jeher ersehnt hatte. Konnte ich es nicht behalten? Ich schlug noch einmal die Decke zurück. Sie öffnete die Augen, sie fröstelte und zitterte, um ihren Mund spielte ein müdes Lächeln, ich glaube, sie war noch nicht erwacht. Die Uhr schlug dreiviertel. Ich zog mich in rasender Eile an. Noch einmal trat ich an ihr Bett, ich sah auf ihre bleiche Schönheit hinab, – sie war nicht mehr stolz, sie war so hold nach aller Glut und aller Pein.

Ich war glücklich. An meinem Finger steckte ein mittelmäßiger Ring, den ich mir nach Montecarlo gekauft – und niemals getragen hatte. Ich hatte ihn gestern beim Ordnen meines Eigentums gefunden. Ich wollte ihn auf ihren Finger streifen, es gelang nur unter Schwierigkeiten, da ich sehr dünne, langgliedrige Finger habe. Sie stöhnte auf, immer noch im Schlaf. Ich riß mich los von ihr. Ihr Kopf sank vom Kissen hinab, wie bei einem Kinde. Ich schloß, lächelnd, und ruhig in meiner Seele, die Tür von außen ab, ich eilte leise die teppichbedeckten Treppen hinab. Auf der Straße sah ich nach der Uhr. Es war erst dreiviertel fünf.

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