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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 106
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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26.

Nach außen behielt ich eine eiserne Ruhe, aber in meinem Innern war meine Ungeduld um so größer, als ich in der Stille der Nacht gerade im Begriffe gewesen war, einen Plan auszuarbeiten, der mir gestatten sollte, wenigstens einige Reste meines Vermögens zu retten. Ich hatte am Abend Schecks ausgestellt. Konnte ich verhindern, daß sie vor Mittag eingelöst wurden, dann konnte ich sie annullieren, auf legale Art und Weise mein Konto sperren. Nachher durfte ich den ›Spieleinwand‹ erheben, und niemand konnte mich klagen. Es war dann, als hätte ich sie niemals ausgeschrieben und sie hatten genau den Wert des Papiers. Das Gesetz stand diesmal nicht auf Seiten der gewinnenden Partei. Aber wie dies bewerkstelligen? Ich hatte geplant, mein Konto am nächsten Morgen, sobald die Schalter geöffnet wurden, für alle Auszahlungen unter dem Vorwand zu sperren, mein Scheckbuch sei mir gestohlen worden. Aber mitten in meinen Erwägungen hatte mich der nächtliche Gast gestört. Sein Händedruck war so brutal gewesen, daß ich am liebsten aufgeschrien hätte, wollte er mir denn die Hand zermalmen? Als ich aber diese grausame Liebkosung angesichts der Sachlage mit Fassung ertrug, faßte auch er sich. Wir waren Freunde, sage ich, wir waren es bis jetzt geblieben, ja ich fühlte eine gewisse Wärme des Herzens in mir noch jetzt, sobald ich ihn sah, und selbst jetzt wußte ich, daß er auch in mir noch immer den Freund sah.

Das gab mir Geduld, und wahrhaftig, mit den Worten meiner Mutter zu reden, sie war vonnöten. Er begann damit, daß er sagte, Alexandra wünsche meine Besuche nicht mehr. Ich nickte und schwieg, da sich mir in allen etwas verwickelten Lebenslagen Schweigen als die beste Waffe erwiesen hatte. (Zwar trifft sie nicht immer den Gegner, aber sie verletzt nie den Eigner.) Bald dämpfte Maxi die Schärfe seines Tones, er sagte, dies gelte nur für die Zeit, in welcher die alte Gräfin verreist sei, sie sei heute abend zu einem der reichen Verwandten im Elsaß gefahren, der im Sterben liege. »Hoffentlich erbt ihr«, sagte ich ruhig.

Sein zweiter Pfeil sauste zwar sofort nachher von der Sehne, aber er traf nur matt. Maxi witzelte über mein Verhalten beim Probeflug des gräflichen Girakters. Ich hätte wohl meine philosophischen Knochen zu lieb gehabt, spottete er, es hätte Alexandra leid getan, zu sehen, wie ich mich auf die klügere Seite des Mutes, nämlich auf die Vorsicht, zurückzog. »Und du hast das von ihr selbst?« fragte ich. Er wußte nicht, was er entgegnen sollte.

Der nächste Pfeil war aber um so schärfer. »Ich höre«, sagte er, »daß du im Cercle allerhand Gelder verspielt hast.« »Wie kommst du dorthin«, fragte ich, »ich glaube du hast uns dein Wort gegeben, nicht mehr zu spielen.« »Ich weiß nicht, wen du mit uns meinst, aber man kann auch in den Klub gehen, ohne zu spielen, – wenn man aber spielt, muß man die Differenzen begleichen.« »Und das hätte ich nicht getan?« fragte ich. »Darauf kommt es an«, sagte er, mir möglichst scharf ins Auge sehend und zu diesem Behuf sein mit Heliotropbrillantine gesalbtes Haupt mir nähernd, »es soll Mittel und Wege geben, sich derartigen lästigen Verpflichtungen zu entziehen. Ich kann es dir nicht zutrauen, aber in der Desperation kommt man auf allerhand, glaube ich. Es steht nicht dafür Du kommst immer zurecht. Also: Ich möchte dich warnen.« »Gut«, sagte ich, mich mühsam beherrschend, »ich bin gewarnt.« »Nimm es nicht übel, Kamerad«, sagte er errötend, als schäme er sich seines Verdachtes, der leider nur zu sehr ins Schwarze getroffen hatte, »ich habe für dich gebürgt. Man hat mich gefragt: Bürgst du für ihn? Ich habe nicht nein gesagt. Verstellst du? Zahlst du nicht, müßte ich für dich eintreten, und wie soll ich das jetzt, wo ich dabei bin, mich zu rangieren? Das Spiel ist eine Ehrensache, und da hört die Gemütlichkeit auf. Morgen gewinnst du es vielleicht zurück. Die Summe soll übrigens immens sein.« »Nichts Besonderes«, sagte ich frech, »eine Million Kronen, nicht ganz.« Er riß die Augen auf und glotzte mich an wie der Großmächtige damals im Polizeipräsidium. Auch dieser Angriff war abgeschlagen, wenn auch unter Opfern, denn jetzt konnte ich mein Manöver nicht mehr durchführen. Jetzt war mir Maxi in die Parade gefahren, und es war damit vorbei.

Jetzt kam die letzte Prüfungsfrage, und ich wußte genau, wie sie lauten würde. Nur wußte ich die Antwort noch nicht. Vielleicht war es am besten, die Sache in die Länge zu ziehen, bis sich die Zeit zwischen ihn und sie stellte und bis ich sie ganz erobert hatte. Aber ich wollte sie nicht verführen, ich wollte sie behalten. Ich wollte bei ihr bleiben. Ich wollte nicht mehr Jäger sein, ich wollte die Zelte aufschlagen, eine Mauer um uns aufbauen und bescheiden glücklich sein mit meiner Frau. Alles stand noch vor uns – und beim bloßen Gedanken an sie und an diese unsere Zukunft weitete sich mir die Brust: Es lohnte sich zu leben.

Ich hätte also am liebsten dem Gespräch ein Ende gemacht, und meine Zimmernachbarn wünschten dasselbe, durch diskretes Pochen an den Wänden andeutend, sie begehrten jetzt, nach zwei Uhr nachts, Ruhe. Auch Maxi vernahm das Pochen. Aber statt sich zurückzuziehen, (denn was sollten Worte, alles war klar), näherte er seinen Kopf noch mehr dem meinen, der sich vor ihm, durch die Wand gehindert, nicht weit genug zurückzuziehen vermochte. »Mich stört dein Heliotrop, Lieber«, sagte ich, »gewöhne es dir ab.« Er prallte zurück, auf einen so sachlichen Einwand gegen seine Nähe war er nicht gefaßt. Aber er hatte sich etwas vorgenommen, vielleicht gegen den Willen Alexandras, und er setzte es durch, und so begann er die letzte Attacke. »Du weißt, ich habe einen Ring für Alexandra gekauft.« »Einen Ring? Ich war dabei!« sagte ich kalt und gähnte. Er setzte fort: »Ich habe in einer augenblicklichen Verlegenheit – richtig so aus Desperation – den Stein gegen einen hübscheren, aber etwas billigeren umgetauscht. Das war mein Recht. Da Alexandra meine zukünftige Frau ist, ist ihr Besitz mein Besitz.« »Gewiß«, sagte ich, »und du hast das Geld, die Differenz zwischen dem häßlichen Brillanten und dem hübschen Cirkon sicher dazu verwandt, deine alte Mutter zu unterstützen.« »Du weißt, ich habe weder Vater noch Mutter, ich habe keinen Freund außer dir.« »Dann«, sagte ich und wandte meinen Blick ab von ihm, »dann hättest du dich ihm anvertrauen können.« »Ja, du hast recht. Ich hatte Angst vor dir. Ich habe doch sonst nicht leicht Angst vor Menschen und gar vor Zivilisten und gar vor Philosophen, aber...« »Spotte nur, spotte«, sagte ich, »häkle mich durch!« Ich war froh, daß er endlich die Sache von der leichten Seite nahm, vielleicht nicht anders, als wie sie der Teure genommen hätte. »Na gut, dann ist ja alles in Ordnung«, sagte er. Er stand auf. »Du bist der herzigste Mensch, der mir je unter die Augen gekommen ist.« (Aber vor einer Minute hatte er gesagt, er hätte Angst vor mir.) »Du hast meiner Frau, das heißt meiner künftigen Frau einen echten Stein gekauft, und alles ist wie gesagt in Ordnung, wie hätte ich ihr sonst unter die Augen treten können. Du sollst einen heiligen Eid auf das Leben deiner Frau Mama geschworen haben, daß ich nicht mehr im Cercle war. Dir ist zwar nichts heilig, aber ich werde dir das nie vergessen. Du bist mein Bruder, mein zweites Ich, mein bester Kamerad. Du hast auch geschworen, hat das Komtesserl mir erzählt, du hättest den Stein nicht umgetauscht.« Ich zuckte die Achseln. »Zucke nicht die Achseln! Sieh mich an!« »Wen sehe ich denn an, wenn nicht dich?« sagte ich, »genug. Bitte beherrsche dich. Komm morgen, komm wann du willst, jetzt laß es genug sein.« »Ich gehe, ich gehe«, murmelte er, »nur eines noch.« »Ja, was denn noch?« sagte ich ungeduldig und schob ihn fort, als er in seinem doppelten Parfüm von Heliotrop und Martell sich nochmals an meinen Bettrand setzen wollte. Das war etwas, was ich niemals gern gemocht habe. »Ich bitte dich, kein Theater, keine Szenen, keine Schwüre von Kastor und Pollux«, sagte ich, – (es war etwas Theatralisches an unserem Gespräch, und mein wahres Ich und das seine waren nicht ganz dabei). »Dein Latein verstehe ich nicht«, sagte er, »ich habe dir zu danken, meiner Seel und Gott, du hast meine Ehre gerettet, das ist das Wichtigste im Leben eines Offiziers.« (Vorhin hatte er gesagt, er wäre im Recht gewesen, sie mit dem Ring zu betrügen; er widersprach sich mit jedem Wort mehr.) »Du hast, ich meine, ich verdanke dir die Bekanntschaft mit Alexandra.« »Laß gut sein! Gern geschehen!« sagte ich. Ich erhob die Stimme mehr, als ich es gewollt hatte, und das Klopfkonzert an den Wänden begann, als wären wir in einem Gefängnis, wo die Nachbarn sich nachts Klopfsignale geben! »Jetzt machen wir vorläufig Schluß, du mußt morgen in Dienst, ich habe Arbeit vor«, sagte ich, »die Nachbarn wollen, daß wir schweigen.« »Niemand hat mir Schweigen zu kommandieren«, sagte er laut. »Du mußt schon die Güte haben, mich zu Ende zu hören. Gib mir Feuer für die Zigarette. Danke. Und trinkst du nichts? Ich bin gleich zu Ende, drei Minuten, so lange als wie die Zigarette brennt. Nachher stehts dir frei, den Trennungsstrich zu ziehen zwischen uns. Ich liebe Alexandra, ich bin verlobt mit ihr, meinen Ring hat sie angenommen und trägt ihn, sie ist gebunden. Wir sind aus den gleichen Kasteln. Mein Geschlecht steht auf meinen zwei Augen. Ihre Familie ist auch am Ende. Wir wollen einen schönen christlichen Hausstand gründen«, (das ›christlich‹ war von ihr). »Wir wollen zur Ruhe kommen, in aller Gemütlichkeit, (das ›gemütlich‹ war von ihm) leben! Was willst du von uns? Alles paßt famos und wir zwei sind entschlossen...« »Und ich hindere euch? Ich stelle mich zwischen euch? Deshalb kaufe ich einen Ring für 9000 Kronen, deshalb schwöre ich zwei Meineide?« »Keine Polluxe und Kastoren! Das hast du selbst gesagt. Du drängst dich zwischen uns. Du hast keine Eide zu schwören. Du hast keine Steine aus falschen Ringen herausbrechen zu lassen. Du hast mich, mit Verlaub gesagt, nicht um eine Nasenlänge in bezug auf Noblesse zu schlagen. Was bist du ihr?« »Ich bin ihr nichts als ein Bruder, und das darf ich sein.« »Du bist kein Bruder einer Komtesse. Du bist der Sohn eines Schusters. Es muß auch Schuster geben, es muß auch Philosophen geben, aber nichts hat zu sein zwischen ihr und mir. Du verschwindest.« »Nicht ein Stünderl früher, als wann ich will.« »Du verschwindest, wann ich es will«, sagte er. »Auf deinen Wunsch? Auf ihren?« fragte ich. »Sie stellen entweder Ihre unerwünschten Visiten bei der Familie v. W. ein«, sagte er und stand endlich auf, »oder Sie betrachten sich als das, was Sie Wollen, Schuft!« »Oh, keine Frage, Herr Oberleutnant, ich ziehe das letztere vor. Lassen Sie mich schlafen, Durchlaucht, schicken Sie mir Ihre Zeugen, und machen Sie leise die Türe zu. Hinter sich, Herr Fürst.«

Er hatte die Zigarette noch im Munde. Ihr Feuer hatte also unsere Freundschaft überdauert. Ich war ruhig, ich schlief ein. Alles war gut.

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