Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 105
Quellenangabe
pfad/weiss/verfuehr/verfuehr.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101110
projectidf6d04d2a
Schließen

Navigation:

25.

An dem gleichen Abend fand zu Ehren des Grafen ein Souper im Aeroklub statt, bei dem auch Alexandra erscheinen sollte, es war ihre erste große Gesellschaft. Sie bat mich zu warten, während sie sich umzog. Sie wollte sich wohl bewundern lassen in dem tief ausgeschnittenen, weißen, mit alter écrufarbener Spitze garnierten Seidenkleid. Ich wartete, wie ich auf meine Geliebte, auf meine Frau gewartet hätte. Als sie endlich erschien, las sie in meinen Blicken alles, was ich ihr doch nicht verbergen konnte. Wir sahen einander lange an. Schließlich trat sie, mich stumm an der Hand führend, auf den Balkon hinaus. Ich hatte Angst, daß die unehrerbietigen Spatzen der Reinheit ihres Kleides Abbruch tun könnten, (ich war stolz auf sie, ich fühlte mich als ein Teil von ihr), und hätte es lieber gesehen, wenn sie im Salon auf die Mutter gewartet hätte, die noch mehr Zeit zu ihrer Toilette brauchte als ihre Tochter, obwohl ihr Festgewand seit Jahr und Tag die gleiche altmodische veilchenblaue Toilette mit dem hohen Schnürleib und dem weißen Spenzer war. Alexandra spottete über meine Befürchtungen und fragte mich, ob ich Angst hätte um ihr Hochzeitskleid. Ich antwortete nicht und sah sie so kalt an, daß sie es war, die errötete. Sie hatte immer noch meine Hand in der ihren. »Ich hoffe«, sagte sie, sich mühsam beherrschend, »Sie werden unser Freund bleiben, auch nachher.« »Aber wenn Sie ihn nicht heiraten«, antwortete ich, »versprechen Sie mir, daß Sie keinen anderen nehmen?« »Seit wann sind Sie so besorgt um mein Wohl?« gab sie zurück. Sie wollte nicht verstehen. Ich zog ihre Hand näher an mich und erblickte den Ring. »Gut! Aber versprechen Sie mir wenigstens eines«, sagte ich und ließ ihre Hand fallen, »daß Sie nicht mit diesem Ring in die Gesellschaft gehen. Geben Sie mir ihn! Ihre Hand ist ohne Ring schön genug, morgen erhalten Sie den Ring zurück, ich muß wissen, wie es damit steht, durch mich haben Sie Maxi kennen gelernt. Ich kann ihm einen Betrug nicht zutrauen.« »Immer dasselbe, immer dasselbe«, spottete sie und wandte ihren Kopf ab, »hier ist er. Machen Sie damit, was Sie wollen. Aber er geht nicht ab, helfen Sie mir doch!« Sie lachte, ihre schönen, bläulichweißen, kleinen Zähne zeigend, während ich mich abmühte, den Ring von ihrem rosigen Finger abzuziehen. »Schnell, schnell, bevor jemand kommt«, flüsterte sie heiser, »und tun Sie mir nicht weh.« Die Gräfin erschien am Arm des Grafen, der seine alte Uniform als Rittmeister trug. Ich begleitete alle drei bis zu dem Wagen und kehrte nach Hause zurück. Ich wußte eigentlich nicht, was mit dem Ring beginnen. Ich arbeitete noch eine Stunde oder zwei, aß und trank, nahm ein Bad und legte mich zu Bett. Am nächsten Morgen erwachte ich in glücklicher Stimmung.

Ich entsann mich des Rings und auch der Schecks, die ich unlängst gewonnen hatte und die ich durch meine Bank einlösen lassen konnte. Nachdem dieser Weg schnell erledigt war, ging ich zu meinem Juwelier. Kaum, daß ich ihm den Ring zur Prüfung übergeben hatte, schoß mir ein Gedanke durch den Kopf oder vielmehr ein Entschluß, der Gedanke kam nachher, so wie es bei vielen Entscheidungen meines Lebens der Fall gewesen ist. »Der Stein ist ein Cirkon?« fragte ich. »Gewiß«, antwortete der Juwelier, »ein kurantes Stück, ein braver Stein.« »Wie kommt es, daß er Glas schneidet?« »Glas?« gab der gute Mann zurück, »er schneidet sogar Bergkristall, sein Härtegrad ist über sieben.« »So, über sieben. Das ist sehr interessant, hat aber mit meinem Besuch heute nichts zu tun. Ich möchte nämlich einen Diamanten in derselben Art, eine Spur größer oder kleiner, lieber sogar, offen gesagt, eine Winzigkeit größer, aber nicht viel. Lupenrein und genau so geschliffen wie das alte Juwel. Gibt es das?« »Aber Herr Doktor«, sagte der Goldschmied, »hier in Wien!« »Und kann ich ein paar anständige Steine sehen?« Er zeigte mir einige. Schließlich einigten wir uns auf einen, der einen ganz leisen Hauch von blauer Farbe an sich hatte; er ließ ihn im Lichte der schönen Vormittagssonne spielen, während er ihn zwischen den Gliedern einer feinen stählernen Pinzette hielt. Es war ein wunderbarer Stein. »Und kann ich darauf warten«, fragte ich, nachdem ich den unverschämten Preis etwas ermäßigt hatte, »daß Sie ihn statt des Cirkon in den Ring fassen?« »Das nicht«, antwortete er, »das leider nicht. Die Fassung muß sorgfältig erneuert werden, vielleicht muß man sogar etwas löten.« Endlich versprach er auf mein Drängen, den Ring bis nachmittags vier Uhr fertig zu stellen, und genau auf die Minute hatte ich ihn in Händen. Den alten Stein hatte er in Seidenpapier eingewickelt. Ich wollte ihn zuerst fortwerfen, nahm ihn aber immerhin mit.

Alexandra wartete bereits in großer Ungeduld auf mich oder auf den Ring. »Alles ist gut«, sagte ich, bereit zu lügen, ganz als hätte ich immer gelogen und überall ohne Ausnahme, »der Diamant ist echt; der Stein ist ungewöhnlich kostbar, er muß mindestens ...« »Ich bin nicht neugierig«, sagte Alexandra, »geben Sie ihn schnell her, ich hatte Höllenangst, er könne inzwischen kommen und danach fragen.« Ich ließ sie den Ring anstecken, diesmal half ich nicht. Obwohl sie es vielleicht erwartet hatte, denn sie hatte mir die rosige Hand, die Finger gespreizt, bereits hingestreckt. Sie sah den Stein lange an. »Es ist ein riesiger Brillant«, sagte sie, »kann er denn echt sein? Ich weiß, Maxi ist nicht vermögend, deshalb will er ja warten, bis er Hauptmann ist, weil das die Kaution verringert. Sind Sie ganz sicher, daß er echt ist?« »Wobei soll ich Ihnen schwören?« sagte ich lächelnd, »ich habe bereits beim Leben meiner Mutter geschworen, daß er meines Wissens keine Karte mehr anrührt außer der Generalstabskarte, und jetzt schwöre ich Ihnen bei meinem teuren und mir unersetzlichen Leben, daß sein Stein ebenso echt ist wie seine Liebe zu Ihnen.« »Könnte ich Ihnen trauen«, sagte sie leise, »könnte ich Ihnen doch trauen ...«

Der alte Diener trat mit Erfrischungen ein. Ich wollte nicht mehr bleiben. Der Pfeil war von der Sehne, und bald mußte ich wissen, ob er sein Ziel erreicht hatte. Wäre ich doch geblieben! Hätte ich den Mut gehabt, meinem Rivalen herzhaft ins Auge zu sehen! Alles wäre anders geworden, denn man konnte meine Tat zwiefach auslegen. Ich habe mich nur verteidigt.

Ich hatte aber Angst, Maxi zu begegnen, und deshalb eilte ich von Alexandra fort. Und doch mußte ich ihn heute noch sehen. Deshalb suchte ich den Cercle auf, der am Nachmittag ziemlich leer war. Ich langweilte mich tödlich. Es quälte mich natürlich auch, daß ich wußte, er war bei Alexandra, und vielleicht waren sie glücklicher denn je? In mir wühlte der Neid, die Eifersucht, doch bereute ich nichts. Ich war unruhig, gespannt, wie auf der Jagd, auf dem Anstand. Ich spielte Schach, nicht gut, nicht schlecht. Abends belebten sich die schönen kühlen Säle. Man pilgerte nach dem Abendbrot in die Spielsäle und ich blieb allein. Der Cercle war so vornehm, daß man mich trotz meiner riesigen Gewinne von unlängst nicht aufforderte, Revanche zu geben. Nachdem ich im Lesezimmer fast alle Zeitungen durchgelesen hatte, schlenderte auch ich in den Spielsaal, ohne die geringste Absicht zu spielen, sondern in der immer quälenderen Spannung, meinen Freund zu sehen. Aber er erschien nicht. Es wurde spät und später, die grünen an langen Seidenschnüren hängenden Lampen über den Spieltischen wurden angezündet, ich begann, eine winzige Kleinigkeit zu setzen, erst im Stehen, dann nahm ich einen Stuhl, in dessen Samtkissen ich versank. Das Spiel lenkte mich ab, es tat mir gut.

Ich gewann. Dann verlor ich, war aber zu träge, aufzustehen. Ich begann ganz leise zu verlieren. Jetzt packte mich das Spiel, wie es jeden packt, der seiner nicht mehr ganz Herr ist. Übrigens schien mein letzter Gewinn, den ich auf 560 000 Kronen schätzte, mir untreu werden zu wollen. Es lag mir nicht übermäßig viel daran, ich hatte an meinem alten Vermögen genug.

Ich schrieb jetzt einige Schecks mit ziemlich hohen Ziffern aus. Leider riß mich nach großartigen Anfangserfolgen eine Pechsträhne ziemlich in die Tiefe. Um also die alten 460 000 von Montecarlo unversehrt zu erhalten, mußte ich gewisse Einsätze wagen. Ich hatte Erfolg, ich überschritt gegen elf Uhr abends wieder das gute alte Limit, die braven 460 000. Wäre ich doch aufgestanden! Aber der Gedanke, daß ich die ganze Zeit umsonst gespielt hatte, ließ mich verweilen. Ich wollte zufrieden sein, wenn ich mit einem Endgewinn von nur 7000 Kronen, dem Preis des neuen Steines, einer Bagatelle angesichts der Einsätze hier, fortgehen konnte.

Diese kleinliche Denkungsart, die mich an mir überraschte, war mein Verderben. Ich gewann nicht nur diese 7000 nicht hinzu, sondern verlor alles, und nackt wie ein neugeborenes Kind stand ich gegen ein Uhr auf. Mein Vermögen mochte im besten Falle zwei- bis dreitausend Kronen betragen. Aber ein Gutes hatte es. Mein Mut, der vorhin etwas wankend geworden war, hatte neue Kräfte gewonnen. Mit eisiger Ruhe empfing ich in meinem Hotelzimmer gegen zwei Uhr morgens meinen guten Maxi, der, den Klub zu seinem Glück und zu meinem Unglück meidend, zuerst bis Mitternacht in der Halle meines Hotels meine Ankunft abgewartet hatte, um sich dann noch in den Cercle zu begeben, um mich zu treffen. Wir hatten uns gekreuzt. Er wußte also schon von meinem Unglück. Er hatte nie gefragt, was ich besessen hatte, Indiskretion war ihm fremd und sogar unverständlich. Aber was ich verloren hatte, wußte er. Freute er sich? Nein! Schadenfreude hat er nie gekannt, so wenig wie Neid, glaube ich.

 << Kapitel 104  Kapitel 106 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.