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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 103
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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23.

Während bei Alexandra die Schlaflosigkeit allmählich nachließ, lernte ich sie kennen. Ich machte mir die wütendsten Vorwürfe, daß ich Maxi von mir und ihr fernhalte, daß ich ihn also eines Verrates an mir für fähig halte. »Du hast keine Rechte«, hämmerte ich mir ein, »und je mehr du sie verhinderst, einander vielleicht nur rein gesellschaftlich nahezukommen, desto mehr schadest du dir selbst! Du treibst sie zueinander!« »Darf ich das nicht?« antwortete mir eine andere Stimme meines Ich. (Denn zum erstenmal seit erdenklichen Zeiten war ich zwiespältig, zu Reue und Selbstvorwürfen geneigt, und selbst meine Schlaflosigkeit ging darauf zurück, daß das eine Ich schlafen wollte und konnte, – aber vom anderen Ich gehindert wurde.) »Ich bin doch nur der brüderliche Freund für sie, sie liebt mich nicht, sie hat es selbst ausgesprochen.« »Aber«, ließ sich die andere Stimme vernehmen, und obwohl ich mir die Ohren zuhielt, hörte ich mich sprechen mit dem Tonfall, den ich bei den Blüten und Schönen gehabt hatte, »hat sie nicht noch in der gleichen Stunde gesagt, ich liebe sie nicht? Würde sich nicht alles ändern, wenn ich ihr sage, wie es um mich steht, wenn ich, da ich nun nicht mehr lügen kann, auch mit dem Schweigen breche und mich ihr ganz anvertraue, wie ein Demütiger sich Gott anvertraut, den er nie erfaßt, nie versteht?« Die Gegenstimme zögerte nicht. Kein Argument, das sie nicht entkräftet hätte. Aber das andere Ich ließ auch kein Argument schlummern, vielleicht waren es Vernunft und Leidenschaft, die sich nicht vertragen konnten, oder das Blut meines Vaters, das sich mit dem Blut meiner Mutter nicht mischte! Zum Schluß befahl ich beiden Ruhe und mir einen Entschluß. Die Ruhe ließ sich nicht kommandieren, der Entschluß war aber leicht zu fassen: Weder Maxi wiedersehen noch auch Alexandra! Aber ich konnte diesen Entschluß nur fassen in blutleerer Theorie, als Philosoph des du sollst! Mit welchen Qualen habe ich ihn durchzuführen versucht, bis ich ihn schließlich doppelt brach, ich kehrte nach zehn unseligen Tagen zu ihr zurück, suchte dann Maxi auf, lud ihn in Alexandras Namen ein und war bei seinem ersten Besuche zugegen.

Nachher gingen wir natürlich auch gemeinsam fort. Ich fand Maxi etwas blässer und ernster als sonst. Warum schwieg er nicht? Weshalb suchte er mich von der Reinheit seiner Absichten dadurch zu überzeugen, daß er, der nie ein hartes Wort über seinen ›Damenflor‹ gefunden hatte, jetzt manche von Alexandras Eigenschaften bespöttelte, zum Beispiel ihre unweibliche Härte bei jedem Urteil, ihren bornierten Hochmut, ihren veralteten Adelsstolz. Von ihrer Schönheit aber kein Wort! Ich konnte ihm nicht recht geben, ich hatte mich so in ihre Art verwoben, daß mir ihre Schwächen natürlich erschienen. Ja, ich liebte sie so, daß ich sie an ihren Schwächen faßte, sie wurde mir leibhaftig und greifbar und lieb und tröstlich mit ihnen und herzensnäher. Ich hätte am liebsten nur eines gehört aus seinem Munde, nämlich, er käme nicht wieder. Ich fragte ihn in versteckten Worten, er antwortete mir offen, das hänge von mir ab. Daß ich sie liebte, wußte er. Es konnte sich also nur darum handeln, ob ich sicher war, daß sie mich nicht liebte. Dann hatte er alles frei. In einer Aufwallung von Großmut, die ich sofort nachher bereute, sagte ich ihm, nicht von mir solle die Rede sein, sondern nur von ihr. Und von ihm! Ich hatte mir diese Worte nur mit Mühe abgerungen, aber er nahm sie hin, als wären sie mir leicht gefallen.

Ich kam also jetzt seltener zu ihr. Ich hoffte, daß ich dann mit mehr Freude empfangen würde. Ich hatte doch etwas geopfert, schwer genug! Aber sie wurde nicht froher, ja sie sah mich oft so düster an wie vor der Operation! Nach dem Schlaf durfte ich nicht fragen, und doch war er schon fast gut gewesen. Ich fragte natürlich nicht, ob sie meinen Freund inzwischen wiedergesehen hatte. Da sie so trist war, glaubte ich, es sei nicht der Fall, ich wollte eben nichts sehen, ich war wie alle in solcher Lage.

Eines Tages überraschte sie mich mit der Frage, ob es mir mit meiner Brüderlichkeit und Treue ernst gewesen sei, sie müsse sich entscheiden. Sie stehe vor einem wichtigen Entschluß, ihre Mutter sage zu allem Ja und Amen, ihr Vater höre nicht hin, ihre Freundinnen hätten den bekannten ›Wiener Komtesselverstand‹ und dächten nur an Konditorei, Jux, Theater, Flirt und Tanz, ich sei ein Mann und solle ihr raten und helfen. Aber aus freien Stücken, nicht gezwungen und ganz offen. Es liege an mir. Sie faßte meine Hände, zog sie, die Augen schließend und ironisch aufseufzend an ihre Stirn, an ihre Ohren, an ihre kalten, festen Wangen. Ich machte mich sanft frei und sagte mit ruhiger Stimme, ja, sie könne mir vertrauen. »Ich habe«, sagte sie heiser, »Ihnen vor der blöden Operation gesagt, ich würde mich leichter zu dem Marterlager entschließen, wenn ich sicher wüßte, irgend einen Menschen zu lieben. Jetzt bei dem Fürsten ist es das gleiche. Ich weiß es nicht.« Sie schlug sich an die Stirn. »Alles schweigt. Ich muß nun einmal heiraten. Ich will nicht so weiterleben. Waren Sie doch niemals hierher gekommen!« Sie verscheuchte die Spatzen, die ihr treuer waren, als sie es jetzt brauchen konnte und die mit ihrem wütenden Geschilper ihre immer noch schwache und zarte Stimme fast überschrien. »Vielleicht hätte ich mich mit allem abgefunden. Es war alles geordnet. Jetzt ist nichts mehr in Ordnung, ich quäle mich und euch alle. Was soll ich also jetzt tun? Hat denn er nicht über mich gesprochen? Wir sind die gleiche Kaste, er hat das richtige Alter, er ist ja kein Kind mehr – wie Sie. Er trägt das bunte Tuch wie Papa zu seiner Zeit. Ich verstehe meine Mutter, auch sie schwärmte natürlich für Offiziere, – und endlich käme ich fort von hier!« Sie schlug auf das eiserne Balkongeländer, daß es schallte, und blickte in die Tiefe. Mich sah sie nicht an.

Ich versuchte das einzige Heilmittel: zu handeln. Für mich war sie – wenigstens heute – verloren. Aber vielleicht änderte sich später etwas. Frauen sollen ja so wandelbar sein. Hatte sich Karla nicht gewandelt? Wenn ich Alexandra von meinem Freund abriet, verlor ich sie aber auf immer. Denn sie mußte darin mit Recht einen Verrat an ihm sehen. Sie würde ihn trotzdem heiraten, denn sonst wäre sie jetzt nicht so weit gegangen. Als erste Bedingung würde sie von ihm verlangen, daß er mich aufgäbe, und ich hatte beide verloren, den Freund und sie.

Ich sagte also, ich hätte niemals einen so prachtvollen Menschen gekannt wie ihn. Ich hätte eine wunderbar schöne junge Schwester, (ich hätte sie nicht als so schön preisen dürfen, Alexandra hörte derartiges ungern, und sie wurde blaß und rot vor Ungeduld), und ich würde meine Schwester keinem anderen Mann so gern anvertraut haben wie ihm. Sie antwortete, die Ehe zwischen meiner Schwester und einem Hocharistokraten wie V. wäre wohl ein schlechter Scherz. Sie hob eine Zeitung von dem Plaid auf dem Liegestuhl auf und schlug damit nach den Spatzen. Ich sah, daß sie mir zürnte. Ich ging.

Ich war so verzweifelt, daß ich daheim in meinem Hotelzimmer den Besuch Maxis als Trost empfand; wenigstens konnte ich mit ihm von ihr sprechen. Aber Gutes hörte ich nicht. Wie es schien, hatten sie gar nicht auf meine Zustimmung gewartet. Maxi war von jeher überzeugt gewesen, daß ich nicht zu einer Alexandra gehöre, und er hatte gleich bei seinem ersten Besuch im Sanatorium den Eindruck gehabt, daß sie ihn gern sähe. Er hätte sich nicht aufdrängen wollen. Als ich aber plötzlich gekommen sei, ihn zu holen, sei er natürlich froh und glücklich gewesen usw. usw. Er wollte sich so bald wie möglich verloben.

Zum Heiraten war bei einem österreichischen Offizier die Sicherstellung eines Heiratsgutes nötig, das für den Oberleutnant 25 000 Kronen, für den Hauptmann aber viel weniger betrug. Ich versuchte ihn dazu zu bringen, daß er solange warte, bis er zum Hauptmann befördert war. Er war froh, daß ich nichts anderes verlangte von ihm. Er war jetzt oben gut angeschrieben, und der allgemeine Termin der Beförderungen, die vierteljährlich stattfanden, war nicht mehr weit entfernt. Ich war glücklich über den Aufschub. Wir gingen Arm in Arm fort. Er wollte ihr ein Geschenk kaufen, ich sagte ihm, daß Alexandra sich stets etwas Schmuck gewünscht habe. Ich verließ ihn vor dem Laden eines bekannten Juweliers. Am nächsten Tage erschien er bei Alexandra mit einem schönen, wenn auch etwas plumpen Solitär. Damit glaubte er, das rechte getroffen zu haben. Mit gefiel das Ding nicht. Natürlich sagte ich dies den beiden nicht. Ich sagte mir, (und schon haßte ich ihn im stillen), so wenig wie Maxi etwas von Schmuck verstünde, so wenig wisse er, mit seinem billigen ›Damenflor‹, eine A. v. W. zu würdigen, und Alexandra sei zu schade für ihn. Sie fand übrigens das Geschenk wunderbar. Natürlich wollte ich nach wenigen Minuten fort, um sie allein zu lassen, aber bald war er es, bald sie, die mich zurückhielt.

Er war sehr froh. Im Glück hatte er etwas so Frisches und Natürliches, daß sich mein Haß verlor, sehr zu meiner Freude. Auch war ich nicht ganz so unglücklich als ich gefürchtet hatte. Solange ich Alexandra ab und zu sehen konnte wie bisher, war noch nicht alles verloren. Alexandra war zufrieden. Sie schlief jetzt gut. Sie blühte auf. Oft war sie jetzt freundlicher zu mir als zu ihm. Ich hielt mich still. Niemals habe ich mich korrekter benommen als jetzt. Alexandra trieb jetzt Sport, Tennis. Natürlich fiel es ihr anfangs etwas schwer. Ich spielte mit ihr, servierte ihr nur leichtere Bälle und verfehlte oft ihre matten Bälle, um ihr den Spaß zu machen, mich zu besiegen. Es tat mir wohl, daß ich anfing, meiner selbst wieder so Herr zu werden wie vor alter Zeit.

Ich wollte etwas verreisen. Ich sagte es Alexandra, daß ich eine kleine Bergpartie ins Glocknergebiet vorhabe, denn ich hatte niemals zur Zeit der ersten Enzian- und Narzissenblüte das Gebirge gesehen. Sie war damit nicht ganz einverstanden, und bat ihren Maxi, er solle mich begleiten, sie habe Angst um mich. Darüber konnten wir erfahrene Bergsteiger nur lächeln, das heißt, ich lächelte, er aber nicht. Aber er erfüllte ihr den Wunsch. Es war nicht einfach, Urlaub zu erhalten. Ich war natürlich frei und konnte fahren, wann und wohin ich wollte. Wir reisten ab. Im Eisenbahnwagen waren wir allein. Aber wir schwiegen und rauchten stark. Unsere Blicke begegneten einander nicht. Beide hatten wir von ihr das Zeitungsschmökern gelernt, und ich begriff, daß es außer der Liebe und den Geheimnissen der Philosophie nichts Aufregenderes gibt als die Zeitereignisse, die hohe Politik, aber wir lasen emsig auch die Lokalereignisse, alles bis zu den kleinen Annoncen. Die Bergpartie selbst machte mir weniger Freude als sonst. Ich sehnte mich schon am ersten Tage zurück nach ihr. Selbst jetzt, wo ich sie als die künftige Frau meines besten Freundes vor mir sah, wollte ich lieber in ihrem Schatten leben, als frei sein und nichts als mein eigener Herr.

Der Aufstieg war schwierig, aber immerhin noch einfacher als viele meiner früheren Touren. Es lag noch eine Menge Schnee. Dort, wo er geschmolzen war, sah man ein verwittertes Schiefergestein sich Hunderte von Metern sehr steil auftürmen, die sogenannten Bratschenwände, die wir am dritten Tage unserer Jochwanderung erreichten: Großes Wiesbachhorn-Bratschenkopf-Mainzerhütte. Bei dieser Partie passierten wir – immer im Angesicht des Pasterzenkees, des größten Gletschers der Ostalpen – über einen kleinen, etwa einen halben Meter breiten Grat. Wir hatten nicht angeseilt. Als ich einige Schritte getan hatte, – (jetzt schwebte man fast im leeren Raum, so winzig war das Felsenband unter den Füßen, so ungeheuer der tiefblaue Himmel über uns, so grell strahlend der weiße Gletscher vor uns, und so ohne Grund und Boden tat sich der Abgrund zu beiden auf vor mir, – vor mir allein!), erfaßte mich ein nie gekannter, den Atem versetzender Rausch. Es seufzte tief in mir auf. Eine unbekannte schwere Gewalt füllte meine Knie wie mit heißem Blei, lähmte mein Herz, ließ es dämmrig blau und plötzlich schwarz werden vor meinen Augen, Himmel und Erde schwollen auf und vermischten sich fürchterlich. Das Ruhende begann wüst zu kreisen. Es trieb mich, die Augen zu schließen, dem Wanken nachzugeben, – und zu fallen wie ein Stein, dem Steine ringsum vermählt. Es war Bergangst, es war das Schwindelgefühl, das ich nie vorher gekannt habe. Wie durch ein Wunder merkte mein Freund meinen Zustand, er sprang schnell zu mir, packte mich an meinem Gürtel, näherte sein braunes, schweißglänzendes Gesicht mit den dunklen Augen (und dem Heliotrophaar!) dem meinen, sprach mir ein paar grobe, aber aufmunternde Worte zu und schleppte mich zurück. Von nun an ließ er mich nicht aus den Augen, er hielt sich immer abgrundwärts, mich ließ er felsenwärts gehen, als wir nachher auf einem anderen Wege absteigen mußten, als wir gekommen waren. Ich versuchte, ihn zu bestimmen, den Aufstieg trotzdem zu wagen. Es war die erste Bitte, die er mir abschlug. Leider, so glaube ich, mit Recht.

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