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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 102
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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22.

Es mag sein, daß es schon zu dieser Zeit hin und wieder Gelegenheit gegeben hätte, Maxi zu sehen, aber es bestanden bei mir immer Hindernisse, und komischerweise war es auch bei ihm nicht viel anders, wenn ich gerade einmal eine freie Minute hatte. Da aber zwischen uns keine Zerwürfnisse bestanden und nichts zwischen uns sich einmengen konnte, wartete ich ruhigere Zeiten ab. Er wohl auch. Ich lebte damals in einem Zustand furchtbarer und doch unbeschreiblich glücklicher Spannung. Ich war, wenn man das begreifen kann, ein wenig glücklich, aber gar nicht zufrieden. Aber war ich denn noch das von seinem Willen fest umpanzerte Ich, war denn nicht mein Wesen jetzt nur ein Teil Alexandras, wie es einst ein kleiner Teil des Unvergeßlichen gewesen war? Mein Glück hing oft nur von ihrer Laune, ihrem guten Willen, vom lieben Himmel ab. Aber konnte ich denn von einem zarten, empfindlichen Geschöpf, das soviel zu leiden hatte, verlangen, sie solle beherrscht sein in ihren Schmerzen, geduldig in ihren schlaflosen Nächten? Sie hatte über die Menschen – fast alle – zu klagen. Entweder waren sie zudringlich und lästig, oder sie fand sie falsch und kalt. Der Ton der Briefe, die sie bekam, war entweder zu sehr mitleidig und beschämte sie, oder zu arrogant und verletzte ihr gerechtes Selbstgefühl. Sie sah mich an. Ich verstand sie immer. Das Wetter quälte sie, indem es mit jeder Änderung wilde Schmerzen in der sehr langsam vernarbenden Wunde verursachte. Ich wußte voraus, wenn das Barometer fiel, daß es böse Tage für uns geben werde, denn dann konnte sie bis zur verbissenen Wut verzweifeln, ja bis zu einer Art Raserei! Wenn das Wetter zum Bessern umschlug, war alles wieder gut, sie betete und dankte der Jungfrau Maria, und dann nahm sie auch meine Hand, und fast hätte sie mir sie einmal geküßt, so dankbar war sie mir. Wofür? Der Arzt bat sie um die Erlaubnis, ihren Krankheitsfall (zu den anderen vierunddreißig) veröffentlichen zu dürfen. Er hätte gern ein Bild, das heißt eine Photographie von ihr gehabt (mit einer Gesichtsmaske natürlich). Sie geriet in einen Wutanfall, vor dem selbst der tapfere Chirurg flüchtete. Ich beruhigte sie sofort, ich versprach ihr, sie durch einen Bekannten in all ihrer Schönheit malen zu lassen. Leider ist es nie dazu gekommen.

Sie begann zu gehen. Ich half ihr, ich lehrte es sie mit großer Geduld, denn anfangs ging sie schlechter als vor der Operation. Vielleicht kann nur eine junge Mutter diese unsägliche Freude empfinden, wenn sie ihr kleines Kind unter den Achseln umfaßt und es mehr trägt, als sie es über den Teppich des Kinderzimmers führt! Sie sagte manchmal nachher, mir in die Arme sinkend, sie könne nicht mehr, das Herz versage ihr. Aber wenn ich in den Korridor hinausgegangen war, um mit Laibacher zwei oder drei Worte zu wechseln, hörte ich, wie sie einen Stuhl vor sich herschob, marschierte und im Takte sang. Ich kam sofort zurück, um ihr behilflich zu sein, aber sie war dann bereits in ihr Bett geschlüpft.

Vielleicht wäre jetzt der Augenblick gewesen, mich diskret (mit einer diskreten Lüge wie einst bei den Blüten und Schönen) zurückzuziehen, mich auf mich selbst zu besinnen und mich von nun an nur von dem abhängig zu machen, was ausschließlich in meiner Macht stand. Ich konnte aber nicht mehr – lügen. Ganz als spräche ich mich mit mir selbst aus, sprach ich mit ihr. Ohne daß ich und sie es merkten, verstrickten sich einmal gegen Abend in dem stillen lauwarmen Zimmer unsere Finger ineinander, als wäre es ein Fleisch und Blut.

Aber an dem Zittern, das mich durchlief, als ich es merkte, sah ich, daß ich ihre Nähe meiden müßte. Nicht um meinetwegen! Einzig um ihretwillen. Durfte ich ihr das sagen? Sicherlich war es eine Torheit, aber das Herz saß mir auf der Zunge, und ich ertrug lieber ihren Zorn und ihren bösen Blick, als daß ich alles gut und kalt verschlossen hätte in mich. Der Panzer war eben durchbrochen, aber zum Glück, denn trotz allem atmete ich auf. Ich verdankte ihr die größte Freiheit, nämlich die, mich ohne Rückhalt noch einmal in meinem Leben einem Menschen ganz hingegeben zu haben. Und so durfte ich von jetzt an mehr in ihr leben als in mir selbst.

Seltsamerweise litt meine wissenschaftliche Arbeit nicht darunter, daß sie Alexandra wie einst Karla verabscheute. Sie schmähte sie sogar an einem Tage als gottlos, arrogant und hochmütig, und am nächsten Tage verspottete sie sie, weil sie an der Philosophie nur eine plebejische Arbeit sah für Bettler und ›Zugereiste‹, (Menschen, die aus der Provinz stammten und nach Wien kamen, um es zu erobern und auszusaugen). Zum Schluß verachtete sie, die doch auf Geld nie übergroßen Wert gelegt hatte, die nutzlosen und unpraktischen Theorien und zählte an den Fingern her, daß man von der Philosophie niemals leben könne! Platonius und Sofoklius, wie sie sie nannte, – (ich weiß nicht, ob aus Unwissenheit oder aus Ironie) seien Hungers gestorben, den Heiden Sokrates aber habe man durchgeprügelt und aufgehängt. In den Kreisen des Adels galt übrigens Unwissenheit als charmant, übergroße Bildung dagegen als aufdringlich und ›extrem‹.

Ich kam damals in Versuchung, nicht meine Arbeit aufzugeben, aber ihr das zu verraten, was ich bis jetzt nur dem Großmächtigen in dem Augenblick höchster Gefahr anvertraut hatte, nämlich meine Vermögensverhältnisse. Aber ich schwieg, ich wollte ihre treue schwesterliche Zuneigung nur mir selbst, aber nicht meinem Reichtum verdanken. So töricht, so blind war ich! So schwer machte ich es mir und ihr! Sie konnte keine Spezialpflegerin bezahlen, nachts vermochte sie nicht zu schlafen, oft hielt sie mich bis Mitternacht zurück. Ich saß bei ihr, ich redete ihr gut zu, blätterte in meinen Papieren, legte sie auf die Bettdecke, und sie ordnete sie mit ihren schönen Händen, als wären sie etwas Kostbares, und während noch ihre Finger sich bewegten, schlief sie aufseufzend ein.

Wie sollte ich sie verstehen? Ich erfuhr, daß man nur klar lesen kann in Menschen, die man nicht liebt. Nur dann beherrscht man sie. Jeder Mensch, den man liebt, ist ein Abgrund. Aber lockte es uns beide nicht dem Abgrunde zu? Sie hatte mir ja gestanden, daß sie früher der Abgrund vor ihrem Balkon magnetisch angezogen hatte. – Endlich wurde es wärmer, die Tage wurden länger, sie sollte eines Tages (von ihrer Mutter begleitet) das Sanatorium verlassen. Sie lud mich am letzten Sanatoriumstage nicht ein, sie nachher zu besuchen. Fand sie es selbstverständlich, daß ich auch nachher kam, oder war es selbstverständlich, daß ich nicht mehr kam, da meine Mission eigentlich erfüllt war und ein neues Leben in ihren Adelskreisen begann für sie? Es berührte mich seltsam, daß sie mich, als ich an der Schwelle des mir vertraut gewordenen, blitzend sauberen, hellen und luftigen Sanatoriumszimmers stand, fragte, was denn aus meinem Fürsten geworden sei. Sie meinte Maxi und verbesserte sich: »Ich meine den herzigen Oberleutnant von V.« Ich sagte, ich hätte ihn noch nicht wiedergesehen. »Und Ihr gelehrter Freund Wharf?« Ich schwieg bekümmert. Wharf hatte mich in letzter Zeit oft angerufen, ich war ihm Dank schuldig für die Dienste, die er meiner Mutter erwiesen hatte. Ich hatte immer noch zu wenig Zeit. Ich wußte, er kam zu Alexandra ins Sanatorium. Wir hätten einander hier treffen können, ja müssen, wenn nicht ein unglückseliger Zufall es stets verhindert hätte. Im Grunde wußte ich, sie wollte es nicht, daß ich an ihrem Leidenslager mit Wharf oder einer ihrer wenigen Freundinnen zusammentraf. Aber warum sagte sie es nicht? Warum nie eine Silbe über den Brief, den sie mir in einer Aufwallung von Vertrauen oder Verzweiflung geschickt hatte? Aber auch niemals ein Wort des Vorwurfs über mein Fernbleiben, ja auch nur eine Anspielung, eine Frage nach den Gründen, nach meiner Mutter. Sie wußte ja alles aus den Zeitungen. – Auch jetzt schien sie zu warten, daß ich frage, ob ich sie besuchen dürfe.

Ich wollte aber nicht ihr Trabant sein. Ich wollte nicht mit mir spielen lassen. Schweigend verbeugte ich mich, sie errötete jäh und zuckte die Achseln. Ich schloß so leise die Tür, ich horchte so fein auf jedes Geräusch aus dem Krankenzimmer, daß ich auf den zartesten Ruf zurückgekommen wäre zu ihr. Ich wäre glücklich damit gewesen. Und sie wußte es. Aber sie schwieg, ich hörte sie so grob aufseufzen, daß es einem Knurren glich, und dann kam das Rascheln mit den großen Zeitungsblättern, die wie immer ihre liebste Lektüre waren.

Durch Zufall begegnete ich Anfang Februar auf der Freyung ihrer Mutter, sie schien froh, daß sie mich getroffen hatte, sie sagte, mein Fernbleiben kränke ihre Tochter tief, ich solle das arme Wesen schonen. Am besten sei es, ich käme sogleich mit ihr. Ich kam. Alexandra empfing mich nicht. Aber sie ließ mir sagen, ich solle bald wiederkommen. Ich tat es. Ich liebte sie.

In diesem Jahre setzte der Frühling ziemlich früh ein. Mitte März durfte meine Alexandra zum erstenmal das Haus verlassen. Das heißt, sie verließ es nicht. Unser erster Spaziergang bestand darin, daß sie an meinem Arm die vier Treppen herabstieg und dann wieder hinauf. Die unteren Treppen hatten rote Plüschläufer, die oberen waren bloß und kalt und glatt. Als wäre das ganz geliebte Geschöpf mein Werk und der erste verfehlte Schritt könne mir alles vernichten, zitterte ich während der Dreiviertelstunde, welche dieser kühne Abstieg und Aufstieg dauerte. Wie glücklich lachten wir einander oben an, als wir wieder vor der Eingangstür standen und dreimal schellen mußten, bevor der alte schwerhörige Theodór uns öffnete.

Am nächsten Tage begannen wir kleine Spaziergänge, endlich konnte sie zu Fuß ins Sanatorium und brauchte keinen Wagen. Im Sanatorium massierte man sie mehr mit den Fäusten als mit den Fingerspitzen, man quälte sie mit elektrischen Strömen, man zwang sie zu Turnübungen, die viel zu schwer waren. Schließlich überließ man die völlige Heilung der gütigen Natur.

Im Vorübergehen sah sie sich oft gespiegelt in den großen Schaufenstern der Läden. Sie fand, daß sie furchtbar plump geworden sei. Von einem Gemälde wollte sie nicht mehr reden hören. Mag ja sein, daß sie nicht mehr die zerbrechliche Blütenanmut der gelähmten Alexandra hatte. Aber für mich hätte sie robust wie eine Bäuerin sein können, wenn sie nur gesund und glücklich war. Ich lebte jetzt nur in ihrem Willen. Hätte ich nur gewußt, was sie wollte!

Ich richtete ungefragt das Wort nicht mehr oft an sie. Niemals mehr berührte mein Arm den ihren, wenn sie nicht darum bat. Niemals streifte ein heißer Blick ihre volle kühne Brust. Und doch war sie trüb, voll verhaltenen Zorns, der Schlaf wurde nicht besser, die Nächte verbrachte sie auf dem Balkon, in das alte schottische Plaid gehüllt. Oft klagte sie, ihre schönen schlanken Beine jäh bis zum Knie entblößend, über reißende Schmerzen in dem oder jenem Muskel. Ich fragte den Oberarzt, er grinste nichtssagend, ich fragte (nach Überwindung welcher Schwierigkeit!) den vielbeschäftigten Chirurgen in eigener Person, er lachte gerade aus und meinte, dort wo ein Mensch keine Nerven mehr habe, könne er auch keine Schmerzen empfinden. Ich verschwieg Alexandra diese Antwort. Ich erhoffte viel vom Frühling, von der freien Natur.

Mit ihr wie einst mit meinem Vater durch die Wälder streifen, mit ihr auf den herrlichen, wild umbuschten Nebenkanälen der alten Donau zu rudern, zu baden, eine kleine Bergtour im Hochsommer, eine erste vorsichtige Skitour im Winter und abends in ihrer Nähe, aber nicht zu nahe, auf dem Balkon sitzen, und auf die Baumkronen mit den Spatzennestern herabblicken, – das, aber nicht mehr, hätte ich gebraucht, um glücklicher zu sein als ich es je gewesen war, ja glücklicher, ich gestehe es, als ich es verdient habe!

Endlich konnten wir die ersten größeren Spaziergänge ins Freie unternehmen. Die Luft war recht herb und rein, von Gras und Blüten war noch nicht viel zu sehen. Aber die dünnen, gedrungenen Stämme der Kirschbäume, die harschige Rinde bis zum Ansatz der Äste weiß gekalkt, an denen eben die ersten Knospen sich ankündigten, in kleinen Sträußchen gesammelt am Ende der wie Pech glänzenden, sich im Märzwinde wiegenden Zweige, – die dürren, in sich verkrümmten, sehnigen Weinstöcke, von blaugrünem Kupfervitriol getränkt gegen die Phylloxera, – die kleine Höhe bei Neuwaldegg mit den jungen Buchen und alten Eichen über der gewundenen, etwas feuchten Straße, wo ich seit Karla nie mehr gewesen war. Aber keine zweite Karla mehr! Keine Verführung mehr!

Eines Abends sagte sie mir das, worauf ich gar nicht mehr gerechnet hatte, sie danke mir innig für alles! Sie wolle immer für mich da sein – wie eine kleine törichte Schwester. Sie werde mir mit jedem Tage mehr vertrauen. Sie wisse, ich liebe sie nicht. (Warum sagte sie dies, während sie an meinem Arme hing?) Sie sagte, sie liebe mich nicht. (Weshalb sagte sie das, während sie sich abwandte, um von einer Weide ein graugrünes, rauh behaartes Kätzchen abzureißen, das sie dann erstaunt betrachtete, als frage sie es: »was willst du denn von mir?«) Sie wartete vielleicht, ich würde etwas Unerwartetes sagen.

Ich hätte viel darum gegeben, wenn sie jetzt geschwiegen hätte. Aber sie merkte dies nicht und sagte, sie werde bald einmal ›rein‹ praktisch daran denken müssen, ihren Eltern nicht mehr zur Last zu fallen. Von dem geistlichen Stift würde sie, da nun das Geld für die furchtbar teure Operation ›geopfert‹ sei, niemals ohne Geld und Aussteuer aufgenommen werden. Auf dem Balkon unter den Spatzen wolle sie nicht ihr bißchen junges Leben vertrauern. Die Erzherzoginnen hätten sechsunddreißig mediatisierte Familien, die standesgemäß seien und mit denen sie sich verbinden dürften, kraft des Hausstatuts, glücklicherweise habe sie einige Familien mehr zur Verfügung, so zum Beispiel die der Fürsten von V.

Sie sah mich an mit einem Blick, der mich durchstach, und doch leuchtete er nicht.

Ich wußte, sie würde noch einmal auf das Thema Maxi zurückkommen; ich schämte mich aber für sie, daß sie diesen Vermittlungsdienst ausdrücklich verlangen mußte von mir, daß sie sich in ihrer trüben Lage demütigte. Ich begann also jetzt von Maxi das zu erzählen, was ich gelegentlich erfahren hatte, nämlich, daß er nicht mehr so oft im Cercle erscheine, daß er nur wenig mehr spiele, daß er sehr ruhig und eingezogen lebe und daß er sich für die Militärakademie vorbereite. Ich hätte (und damit log ich zum erstenmal seit langer Zeit) ihm seit einigen Tagen meinen Besuch für heute abend zugesagt. Ich zitterte in meinem Innern, aber meine Stimme zitterte nicht, und in meinem Gesicht konnte sie in der Dämmerung noch weniger lesen als sonst. Aber auch sie beherrschte ihre Züge gut.

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