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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 101
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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21.

Daheim war noch kein Telegramm angekommen. Der Mittag ging vorüber. Ich hörte das Tellerklappern, der Geruch der Speisen zog durch die Türritzen, ich hätte keinen Bissen berühren können. Auch ich hatte seit der Versammlung kaum etwas zu mir genommen, aber ich war jung, ich konnte noch sehr lange fasten, ohne zugrunde zu gehen. Freilich quälte mich der Hunger, besonders da er mit einem furchtbaren Widerwillen gegen Speise und Trank verbunden war. Endlich kam eine Depesche, sie stammte von Maxi und besagte, daß alles gut ginge, die Operation glänzend verlaufen sei, obwohl sie drei Stunden gedauert, daß er ein paar Blumen gekauft und sie zu ihr hineingeschickt habe, er werde noch einmal aufwarten, nachmittags oder abends, wie es ihm der Dienst gestatte, und mir sofort rapportieren. Sorgen dürfe ich mich nicht. Ich las das ziemlich umfangreiche Telegramm drei- oder viermal; als ich es endlich auswendig kannte, ertappte ich mich dabei, daß ich von den Speisen, die Anna auf der Nachttischplatte schon vor Stunden für mich aufgebaut hatte, bereits seit einer geraumen Zeit aß. Kurz darauf kam die Depesche von Wharf. Auch sie war tröstlich, der Minister hätte ihm alles zugesagt, die Sache sei bereits erledigt. Ich ging schnell vor unser Haus, um meine Mutter zu erwarten. Aber es wurde Abend, bevor sie kam. Man brachte sie in einem Krankenwagen, der Arzt saß neben ihr, zwei Justizsoldaten trugen sie auf einer Bahre vorsichtig die Treppe empor. Ihr Gesicht war mit einem großen Tuche bedeckt, aber ich sah, daß es sich bewegte. Oben betteten wir sie sofort und flößten ihr Cognac in warmem Wasser löffelweise ein. Sie nahm das Getränk am liebsten von mir. Der Arzt versicherte, es bestehe keine Gefahr. Man solle sie nicht zum Essen zwingen, die Flüssigkeitszufuhr sei das Nötigste. Alles, was sie trinke, solle sehr gezuckert sein. Am nächsten Tage ging es meiner Mutter wieder viel besser, und die brave Marthy weinte wieder.

Ich und meine Mutter vermieden, auf die ganze Angelegenheit zurückzukommen. Einmal, als ich eine Anspielung auf die Liebesgabe machte, die der treuherzige Postillion in Gestalt seines kleinen Schatzes, nämlich der Winterrockknöpfe, ihr zugedacht hatte, verzog sich ihr Mund so bitter, daß ich fürchtete, sie würde zu weinen beginnen. Seitdem hüllte ich mich in Schweigen. Sie war unterlegen; es wäre nicht ritterlich gewesen, es sie merken zu lassen. Sie wußte es, sie wußte es nicht. Wahrscheinlich war sie nur unterlegen, weil sie sich zu schnell und zu kühn vorgewagt hatte, und für die fernere Zukunft konnte man keine Vorhersagungen machen. Ich wollte nicht abreisen, bevor sie nicht aufgestanden war. Nun schien es aber, daß sie nicht früher aufstehen wollte, bevor sie nicht eine Deputation von Arbeitern und Arbeiterinnen empfangen hatte, von der schon im Gefängnis die Rede gewesen war. Ich ahnte zwar, die Deputation würde weder heute noch morgen kommen, also wahrscheinlich nie, aber ich überließ es den harten Tatsachen, meine Mutter zu erziehen, wie sie mich erzogen hatten. Endlich entschloß sie sich zum Aufstehen.

Bevor ich wieder nach Wien abreiste, hatte ich ihr versprechen müssen, ich werde in Kürze die Lehramtsprüfungen nachholen. Es war dies aus vielen Gründen ›vonnöten‹. Schon um vor ihr zu bestehen. Obwohl wir oft allein waren und Zeit genug gehabt hätten, stritten wir nie. Sie machte niemals Anspielungen auf mein Treiben, von dem sie im Gefängnis gesprochen und ebensowenig fragte sie mich, ob es wahr sei, daß ich große Reichtümer hätte, wie es das kleine Blatt behauptet hatte. Hätte ich davon beginnen sollen? Es lag mir der Kampf mit meiner Mutter oder meinem Vater von Natur fern, und jetzt ganz besonders, da sie der Schonung bedurfte und ich mit dem Herzen schon in Wien war.

In Wien begab ich mich von der Bahn zu Alexandra. Ich konnte Wien jetzt als meine Heimat betrachten. Alexandra war der wichtigste Teil meiner Familie, nämlich das, was mir einst mein Vater gewesen war. Ich freute mich auf sie, ich vertraute ihr, sie und ich waren eins. Welche Gefühle, als ich die Treppe des Sanatoriums emporsprang, als ich die Zettel an den weißlackierten Türen mit den Namen der Kranken las, als ich das Wimmern der Kranken hörte, den schweren Chloroformgeruch einatmete und doch nichts sah, hörte und wußte als das eine, daß ich zurückkehrte zu ihr.

Auch sie war ganz froh, mich zu sehen. Sie war noch sehr blaß, aber ihr Auge und der merkwürdige Zug um den vollen Mund (eigentlich war nur die Oberlippe voll, die Unterlippe war streng und kalt!) gaben mir noch mehr Rätsel auf als sonst. Über mich vermochte sie mit ihrer noch schwachen und zittrigen Stimme etwas zu spotten: sie habe gefürchtet, ich würde wieder elf Jahre brauchen, – (elf Jahre hatten zwischen unserem ersten Zusammensein bei meinem Vater und dem ersten in Wien in der Lastenstraße gelegen), bis ich sie aufsuchen würde. Von Maxi schwieg sie. Blumen fand ich nicht. Die Mutter war fast noch froher als die Tochter, daß ich da war. Sie konnte mir jetzt manches von der anstrengenden Pflege anvertrauen. Vertrauen setzte sie ja in uneingeschränktem Maße in mich. Sie hätte sich scheinbar nicht vorstellen können, daß ich etwas anderes sei als ein alter Jugendfreund, der Kamerad, der Berater, der brüderliche! Ihre Tochter durfte das Sanatorium noch nicht so bald verlassen, sie mußte den neuen Gebrauch der Muskeln lernen.

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