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Der Urberliner in Witz, Humor und Anekdote

Hans Ostwald: Der Urberliner in Witz, Humor und Anekdote - Kapitel 5
Quellenangabe
authorHans Ostwald
titleDer Urberliner in Witz, Humor und Anekdote
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Originale

Den Menschen und sein Wesen lernt man am besten durch beglaubigte Vorkommnisse oder doch durch eine porträtähnliche Karikatur kennen. Deshalb sind hier eine Reihe von Anekdoten und Schilderungen von Berlinern zusammengestellt. Manche, wie Madame Dutitre, der alte Heim, Friedrich Wilhelm IV. gehören zwar dem Vormärz an. Doch zeigen die später wirksamen Originale den Zusammenhang mit ihren Vorgängern. Menschliches und menschlicher Witz bleiben sich gleich – und leuchten immer wieder von neuem auf.

Madame Dutitre.

Diese Madame Dutitre, die im Anfang des 19. Jahrhunderts Berlin mit ihren Redensarten belustigte, ist in manchen Zügen eine echte Berlinerin gewesen. Unerschrocken, praktisch, aber auch mit mancherlei Unarten behaftet, eine Frau Raffke der Biedermeierzeit. Sie hatte als armes Mädchen einen reichen Schlächter geheiratet und konnte schließlich ein Stockwerk Unter den Linden bewohnen. Das hob ihre Selbstgefälligkeit und veranlaßte Berlin, ihr Treiben genau zu beachten. Daher wissen wir manches von ihr, das allerdings nur eine Seite des Wesens der Berlinerin zeigt: Die Seite, die belustigt. Nach ihrem Tode hat man ihr eine Fülle von Aussprüchen zugeschrieben, deren Echtheit nicht immer feststeht (vgl. Dr. Hermann Kügler, Mitteilungen d. Vereins f. d. Geschichte Berlins, 40. Jahrg., Nr. 1,2). Über einen Besuch der Madame bei Goethe berichtet Parthey:

Ein Besuch der berühmten Frau Dutitre erregte vor einiger Zeit in Berlin große Heiterkeit, besonders wenn sie ihn selbst in ihrer naiven Weise erzählte:

»Ick hatte mir vorjenommen,« sagte sie, »Joethe doch ooch mal zu besuchen, und wie ick mal durch Weimar fuhr, jing ick nach seinen Jarten und jab dem Gärtner eenen harten Daler, daß er mir in eene Laube verstechen und eenen Wink jeben sollte, wenn Joethe käme. Und wie er nun die Allee runter kam und der Järtner mir jewunken hatte, da trat ick raus und sagte: ›Anjebeteter Mann!‹ Da stand er stille, legte die Hände auf den Rücken, sah mir jroß an und fragte: ›Kennen Sie mir?‹ Ick sagte: ›Jroßer Mann, wer sollte Ihnen nich kennen?‹ und fing an zu deklamieren:

›Fest gemauert in der Erden
Steht die Form aus Jips jebrannt!‹«

Nach anderer Quelle soll Goethe gesagt haben: »Es freut mich, daß Sie meinen Freund Schiller ehren.« Als man sie später über ihren Irrtum aufklärte, soll sie gesagt haben:

»Ach wat, det macht ja nischt, Schiller und Joethe sind ja janz ejal.«

*

Eines Tages ging sie, wie Tietz erzählt, mit ihrer Gesellschaftsdame Unter den Linden spazieren. Mit lauter Stimme erzählte Madame einer Freundin, wo sie am vormittag schon überall Besuche gemacht habe: »Denken Se sich, Liebeken, von de B. bin ick zu de D. jeloofen, und von de D. bin ick zu de M. jeloofen, un denn bin ick wieder zu de F. jeloofen und von de F. bin ick zu de K. jeloofen, und wie ick so jeloofen bin –«

»Aber Madame Dutitre,« flüsterte die Begleiterin, »on dit: gegangen, gegangen, nich jeloofen –«

Aber da legte die alte Dame los:

»Wat, gegangen, gegangen? Mamsellken, ick bin jeloofen, jeloofen, un ick habe den reichen Dutitre jekriegt – und Sie sind gegangen und gegangen und haben noch keenen nich jekriegt. Also is jeloofen besser wie gegangen, merken Sie sich det.« –

*

Karoline Bauer berichtete folgende Anekdote von ihr:

In der Königstraße sah sie ein entfesseltes Rind ihr entgegenspringen. Voll Geistesgegenwart reißt sie die nächste Glastür auf, stürzt in den Laden und ruft:

»O Jemine, hier kommt ne dolle Kuh.«

*

Alfieri teilt folgendes mit:

Auf einer Taufe bei Benekes fragte jemand, was für einen Namen das Kind erhalten habe.

»Manchester«, erwiderte Madame, worauf ihre Tochter verbesserte: »Mamachen, Casimir (Kaschmir) heißt er.«

»Na ja,« sagte sie, »ich wußte, es war Hosenzeug.«

*

Als ihre Töchter von Freiern umschwärmt wurden, sagte sie derb, wie Frau von Hohenhausen berichtet:

»Ja, wo ein Aas ist, sammeln sich die Adler.«

*

Auf die Frage, wie ihr das Konzert eines berühmten Virtuosen gefallen habe, antwortete sie:

»Oh, ick habe mir sehr amüsiert, wenn man die ekligte Musik nich jewesen wäre.«

*

Violet berichtet: Als sie einmal bei einer Vorstellung von Werners »Martin Luther oder die Weihe der Kraft« von der Bannbulle hörte, die Luther verbrennen wollte, sagte sie zu ihrem Nachbar:

»Na, ick lach mir'n Ast, wenn die Pulle platzt.«

*

Ihr Hausarzt war der alte Heim. Um ihm den Gang in ihr Haus zu sparen, riß sie das Fenster auf, rief hinunter: »Dokterken, mir fehlt nischt« und zeigte ihm die Zunge.

*

Als ihr Mann auf dem Sterbebette lag, wollte er seine Gattin noch einmal sehen. Sie war gerade dabei, große Mengen Kuchen für die zahlreich zu erwartenden Trauergäste zu backen. Erst auf Zureden ging sie bis an die Tür, steckte ihren mit einer großen Haube geschmückten Kopf ins Zimmer, und rief:

»Jott, Vater, wat soll denn das? Du weeßt doch, ick kann keene Doten nich sehen.«

*

Den König Friedrich Wilhelm III. tröstete sie einmal mit den Worten: »Ja, Majestäteken, et is schlimm vor Ihnen, wer nimmt ooch jern eenen Witwer mit sieben Kinderkens!«

*

Einmal lief ihr Unter den Linden der König in den Weg. Er kannte sie wohl – wer kannte sie nicht! – aber er war zerstreut, übersah sie und erwiderte ihren Gruß nicht. Da war der Beherrscher aller Preußen aber an die unrechte Adresse gekommen. Plötzlich fühlte sich der Monarch am Ärmel gefaßt.

»Na, wat is'n det, Majestätken, man nich so stolz, Steuern nehmen kann Er, aber die reiche Dutitren jrießen is nicht!«

Seine Majestät sollen sich Allerhöchst vor Lachen geschüttelt und der redefertigen Frau gnädigst die Hand gereicht haben. Madame aber ließen den Handschuh in Glas und Rahmen fassen mit der stolzen Inschrift: »An diesem Handschuh faßte mir mein Keenich!«

*

Sie hatte ein Gesellschaftsfräulein, zu dessen Obliegenheiten es gehörte, daß sie der Gebieterin niemals widersprechen durfte. Einst fuhren beide Damen an einem windigen Tage im offenen Wagen nach Charlottenburg. Me. Dutitre, schön geputzt, trug einen mit drei Marabufedern verzierten Hut. Sehr bald entführte der Wind eine derselben, und die Eigentümerin, die etwas Weißes in der Luft flattern sah, fragte: »Mamselken, war det nich eine Taube?«

Antwort: »Jawohl, Madame Dutitre.«

Nach einigen Minuten entführte Zephyros die zweite Feder: »Mamsellken, war det nich en Sticksken Papier?«

Antwort: »Jawohl, Madame Dutitre.«

Als nun gleich darauf auch die dritte Feder sich empfahl, wurde die Sache verdächtig: »Herrjeß, Mamsellken, war det nich en Marampuff?«

»Jawohl, Madame Dutitre, das war der letzte.«

(Aus Jugenderinnerungen von Felix Eberty.)

*

Vom alten Heim.

Der alte Heim war Anfang des 19. Jahrhunderts ein beliebter Arzt, von dem viele Schnurren erzählt werden.

Ein damals in ganz Berlin bekannter reicher Israelit, der jedoch, wo es anging, zu sparen wußte, kam einst zum alten Heim, um sich einen gebrochenen Arm heilen zu lassen. Nachdem dies geschehen, sandte Heim dem notorisch reichen Mann die Liquidation für seine ärztlichen Bemühungen. Statt des Honorars erschien jedoch bei ihm der Geheilte persönlich und zeigte sich über die empfangene Rechnung sehr ungehalten; er behauptete, daß er absolut nicht verpflichtet sei, für seinen gebrochenen Arm auch nur einen Pfennig zu bezahlen, denn Heim habe ja ausdrücklich angekündigt: »Arme werden umsonst geheilt.«

Der Arzt war über diese naive Auffassung zuerst etwas verblüfft, faßte sich aber schnell und sagte in seiner derben Weise:

»Sie haben recht, daran habe ich nicht gedacht; und nun machen Sie mit Ihrem umsonst behandelten Arm mal schleunigst die Tür von draußen zu.«

*

Einmal behandelte Heim eine nervöse Dame, die viel an Kopfschmerzen litt und ihn mit allerlei albernen Dingen quälte. Unter anderem kam ihm die Dame mit dem Vorschlag, sie möchte sich Sauerkohl auf den Kopf legen, denn sie habe gehört, daß dies ein unfehlbares Mittel sei.

»Sehr gut,« sagte der alte Praktikus, »aber vergessen Sie nicht, auch ein Bratwurst dazu zu legen.« Hierauf warf er die Tür hinter sich ins Schloß und ließ sich nie wieder blicken.

*

Eine andere Dame ließ ihn wegen einfacher Kopfschmerzen mitten in der Nacht holen und lamentierte ihm vor, sie müsse ihn »insultieren«, da sie an »Konfektionen« nach dem Kopfe litte. Heim, ärgerlich über die wegen einer Bagatelle gestörte Nachtruhe, erwiderte: »Da kann ich Ihnen nur den Rat geben, schicken Sie hinüber nach der ›Hypothek‹ und lassen Sie sich etwas ›Rhinozerosöl‹ holen.«

*

Eine vornehme Dame, die Mutter geworden war, peinigte Heim, der ihr Hausarzt war, mit allen möglichen und unmöglichen Vorschlägen bezüglich der Ernährung ihres Sprößlings und rückte unter anderem auch mit der Frage heraus, was der Herr Geheimrat wohl von Eselsmilch halte.

»Sie ist gut für junge Esel«, erwiderte der Gefragte.

*

Heims Sicherheit in dem richtigen Erkennen der Krankheiten war so groß, daß sich die Sage gebildet hatte, er wisse schon von dem Geruch, der im Zimmer herrsche, was einem Patienten fehle. Einige Studenten beschlossen nun, ihn auf die Probe zu stellen und veranstalteten eine genau einstudierte Komödie. Einer von ihnen mußte sich ins Bett legen, und nachdem man sich über eine bestimmte Krankheit, die der Pseudopatient heucheln und genau beschreiben sollte, geeinigt, rief man den alten Heim herbei.

Der Arzt erschien, befragte den im Bett Liegenden eingehend und erhielt prompte Antwort.

Plötzlich jedoch sagte er: »Stecken Sie mal die Zunge heraus.«

Dies geschah.

»Weiter,« befahl Heim, »weiter, zum Donnerwetter weiter!«

Der falsche Patient steckte die Zunge aus dem Halse, daß ihm schier die Luft verging, der Arzt sagte:

»So, nun können Sie von Ihrer Zunge – einen praktischen Gebrauch machen ...«

Und mit dem klassischen Ausdruck Götz von Berlichingens ging er hinaus.

*

Später begegnete einmal eine von ihm unterstützte Glaserfrau dem alten Heim auf der Straße, und da sie sich ihrer Schuld erinnerte, fragte sie ihn, was sie ihm zu zahlen habe. Heim, der hier eine Forderung überhaupt nicht geltend zu machen beabsichtigte, sagte im Scherz:

»Na, zwei Taler, Mütterchen, wird's wohl machen.«

Die gewissenhafte Frau, die auch im Wohlstand eine sparsame Hausfrau war, aber erwiderte: »Nun, ein Taler und zwanzig Silbergroschen ist wohl auch genug.«

»Ei freilich,« sagte Heim lachend. »Nur um Gotteswillen dem Doktor nicht zu viel Geld ins Haus tragen.«

*

Des Königs Witze.

Friedrich Wilhelm IV., der sich gern den Geistreichen nennen hörte und sein großes Vergnügen an den Berliner Redensarten und Spöttereien hatte, besaß eine große Neigung, selbst oft recht billige Witze zu machen. Selbst den Oberkonsistorialrat und Hofprediger Strauß, der wichtige Entscheidungen des Königs beeinflußte, neckte er einmal, wie Georg Ebers erzählt:

Als er ihn zum Hofprediger ernannt hatte, rief der König Alexander von Humboldt zu:

»Ein naturhistorisches Kunststück, daß du mir doch nicht nachmachen kannst! Ich habe einen Strauß zum Dompfaffen gemacht.«

*

Als Kronprinz wurde er der Mittelpunkt des Hoflebens. Man erzählte, wie er bei einer Hoftafel verspätet, den in solchen Dingen nervösen König mit einer Lieblingsredensart des Maurerpoliers Kluck aus Angelys »Fest der Handwerker« angesprochen habe:

»Meester, dadrum keene Feindschaft nich«, worauf der König mit einem andern Zitat des Stücks geantwortet habe: »Na, det weeßt de doch, Willem, ick bin allemal derjenige, welcher.« –

*

Als die Rätselmode in Berlin an der Tagesordnung war, gab er dem Minister Kleewitz, den er nicht recht leiden mochte, folgendes Rätsel auf:

»Mein erstes frißt das Vieh, das zweite habe ich nie; mein Ganzes alle Tage – wird's mehr des Landes Plage.«

Auf Kleewitz Beschwerde beim König sollte der Kronprinz in Arrest geschickt werden, redete sich aber sehr geschickt heraus, er habe »Heuschreck« gemeint.

*

Friedrich Wilhelm IV. hatte die Gabe, allen Dingen die freundlichste Seite abzugewinnen. Deshalb ereigneten sich auch für ihn die meisten komischen Dinge. Es war für den Begleiter nicht immer leicht, den schicklichen Ernst zu bewahren, z. B. wenn ein Schulmeister an der Spitze einer Kinderschar eine ebenso lange als langweilige Rede hielt, die der König gutmütig und geduldig mit anhörte, bis ein Esel auf dem nahen Felde laut schrie, und der König dann leise dem Adjutanten ins Ohr sagte:

»Stille, stille, immer hübsch einer nach dem andern.«

*

Einst wollte der Bürgermeister einer kleinen Stadt den König, der selber ein guter Redner war, mit einer glänzenden Rede begrüßen. »5000 Bürger«, begann er. – Kunstpause. – »5000 Bürger.« – Abermalige Kunstpause. –

»Grüßen Sie bitte die 5000 Bürger von mir, aber jeden einzeln«, rief der König und fuhr weiter.

*

In Trier kredenzte man ihm einen Becher Wein mit der Versicherung, daß die Gesinnungen an der Mosel so lauter und so rein wie dieser Wein seien.

»Ist doch kein Achtundvierziger?« erwiderte der König gut gelaunt.

*

Der Hofschlächter Raabe in Potsdam, der Weihnachten den König mit einem Paket feinster Würste bedacht hatte, erhielt als Gegengabe eine in Form einer Wurst gearbeitete goldene Dose, auf deren Deckel die Worte eingraviert waren: Wurst wider Wurst.

*

Als der König August von Hannover, der ihm persönlich wenig sympathisch war, abreiste, gab er mit verständnisvollem Lächeln die Parole aus:

»Oxford.« –

*

Eine Gesellschaft veranstaltete einst eine ernste Musikaufführung von Dilettanten in der Friedrichskirche zu milden Zwecken gegen Eintrittsgeld. Friedrich Wilhelm IV. und Königin Elisabeth besuchten die Aufführung und spendeten beim Ausgang viel Gold in die Hüte der einsammelnden Komiteemitglieder. Als die Königin darunter den Gartendirektor Lenné erkannte, fragte sie teilnahmsvoll:

»Nahmen Sie viel ein?«

»Jetzt nur Bitterwasser, Euer Majestät«, antwortete mit einem kläglichen Gesicht der stets mit seiner Gesundheit beschäftigte Hypochonder.

Der König lachte laut – und machte aus dieser Antwort einen viel erzählten Witz.

*

Bunte, mit Orden behängte Uniformen waren dem König nicht angenehm. Herrn von Nagler, der sich als Oberpostmeister in einer goldgestickten Uniform vorstellte, empfing er mit den Worten:

»Mein Gott, aus welcher Bronzefabrik kommen Sie denn her?«

*

Der Weinhändler Louis Drucker.

Ein ganz besonders nach dem witzhungrigen und spottlustigen Berlin passender Mann war der Weinhändler Drucker. Im vormärzlichen Berlin hatte er großen Zulauf. Die Besucher lachten über seine vielen, manchmal auch politischen Anspielungen. Er kam aber auf die Dauer doch auf keinen grünen Zweig und ging nach Amerika, wo es ihm auch nicht geglückt sein soll ...

Ein Zeitgenosse schrieb über Drucker:

»Ein neues Wesen mit gutem Humor, ein schöngeistiger Weinhändler und weinhandelnder Schöngeist erhob sich mitten im Bedrängnis der Tage: Herr Louis Drucker. Wir wollen ihn mit seinem eigenen Weine ein Lebehoch bringen: ist dieser nicht der beste, so weiß Herr Drucker, daß er selbst die Schuld daran trägt. Übrigens ist zu erwähnen, daß der lustige Kauz durch Cholera und allerhand Ungemach an der Hand seines Kapellmeisters Hirsch und seiner Sängerin »Achmalia Rindfleisch« sich glücklich bis auf unsere Tage hindurchgewühlt hat, und zwar, wie er versichert, ohne dabei Grüneberger getrunken, verschänkt, oder auch verkauft zu haben. Es will das immer viel sagen und verdient alle Beachtung. Herr Drucker ist eine neue Berliner Merkwürdigkeit, die wir jedem, der einen tüchtigen Odem hat, von Noah abstammt, und sich dieser Abstammung nicht schämt, in mehr als Augenschein zu nehmen raten.« So konnte denn auf Grund dieser chronistischen Notiz festgestellt werden, daß Louis Drucker kurz nach Neujahr 1837 seinen Weinschank eröffnet hat, und zwar mit folgender Annonce:

»Erfrischungs-Anzeige.

Um dem drückenden Mangel an Weinhandlungen zu begegnen, werde ich zum Wohle der durstenden Menschheit am 4. Januar 1837, fünf Minuten nach Sonnenuntergang in der Roß-Straße Nr. 29 eine Weinhandlung eröffnen. Lokal, Kellner, meine Wenigkeit und sonstige Utensilien werden ein harmonisches Ganzes bilden, welches nur von der Reinheit meines Lagers und meiner Grundsätze übertroffen werden soll. Nur um sich von der Wahrheit zu überzeugen, lade ich meine vom Durst geplagten Mitbürger und Freunde zum fleißigen Besuch meines Lokales ergebenst ein, allwo sie sich belehren können, wie alt die Wein-Komposition in Deutschland sei.«

*

Der Hosenträger.

Auf die übertriebene Schwärmerei der Berliner Damenwelt bei der Anwesenheit von Franz Liszt bezieht sich folgender Scherz Druckers:

»Durch den glücklichen Zufall bin ich in den Besitz eines Hosenträgers gelangt, welchen der berühmte Virtuose Franz Liszt um Gebrauch hatte. Um den Wünschen vieler Berliner Damen zuvorzukommen, die kein Andenken von ihm besitzen, werde ich diesen Verlegenheits-Aushelfer in kleine Stücke parzellieren und, soweit es der Raum gestattet, einem jeden ein Andenken zukommen lassen. Mit Zwangsjacken für tolle Frauen kann ich jedoch nicht aufwarten.«

*

Druckers Weinstube erhob sich, wie Gotthilf Weißstein in seinen von E. Frensdorff veröffentlichten Druckerschen Nachlaß erzählte, trotz des neuen »Bayrischen Bieres« – zu bedeutender Berühmtheit. Hier wurde durch attisches Salz der Durst nach saurem Wein rege gehalten. Drucker, der früher in Weinen »gemacht« hatte, machte jetzt in Witzen, zu allen Zeiten das beste Geschäft, das man in Berlin etablieren kann. In einem altertümlichen Hause der Poststraße tagte eine zusammengedrängte Gesellschaft, es wurden die großartigsten Witze losgelassen, deren Echo man ein halbes Jahr später in den Provinzen als Neuigkeit hörte. Es war ein Gemisch von Rausch, Katzenjammer und Vermessenheit, was hier zur nächtlichen Stunde sein Wesen trieb. Drucker, der Roué, fast immer etwas angetrunken, wenn er die Gesellschaft eröffnete, und fast ohne Lebenszeichen, wenn sie geschlossen wurde, trieb seine Witze wie ein toller Reiter sein Pferd ... Das ging in einer Karriere über die faulen Zustände und die Schranken der Redefreiheit hinweg ...

Vielfach hatte sich die Gewohnheit herausgebildet, daß Drucker kurz vor Schluß noch einen Witz zum besten gab. Die ganze Kapelle spielte einen Tusch und Drucker trat vor. Meistens war es eine derbe Zote, manchmal gab er ein spaßhaftes Rätsel auf oder machte einen politischen Witz. So berichtet Dr. Alexander Meyer, der treffliche Berliner Plauderer und Humorist, folgendes Geschichtchen vom 18. März 1849: Nachdem die stürmischen Ereignisse des Vorjahres eifrigst debattiert worden waren, trat Drucker vor und gab folgendes Rätsel auf:

»Was ist für ein Unterschied zwischen heute und heute vor einem Jahr?«

Antwort: »Heute vor'm Jahr waren wir guter Hoffnung und heute sind wir – in anderen Umständen.«

*

Zweiunddreißigstes Vergnügtseyn.

Aus einem Bericht über das Treiben in Druckers Weinstube.

( Drucker tritt fröhlich unter seine Gäste. Er ist zu der heutigen Soiree festlich geschmückt, indem er einen braunen Frack um seine Gebeine wand.) Herr Kapellmeister! schreiten Sie zur Ouvertüre, wenn Sie durch Ihre Sommerkleidung nicht daran verhindert werden. ( Zu den Gästen.) Ich grüße Sie, meine Herren, in den Räumen dieser kriegerischen Weinstube.

Ein Gast: Kriegerisch! Wie so?

Drucker: Allerdings! Meine Weine haben einen Stich, dadurch bekommen meine Gäste einen Hieb, ich habe einen Schuß, der Krieg ist da! Auch könnte man die Weinhandlung versetzt eine Heinwandlung nennen.

Ein Wein-Reisender ( zu einem Gast): Bruder! Du hättest längst heiraten sollen, wenn du in diesem Jahre noch heiratest, gebe ich den Wein zu deiner Hochzeit. –

Drucker: Aha! Als Mit-Gift.

Ein Gast: Wissen Sie schon? Madeira ist untergegangen.

Drucker: Für die Liebhaber dieser Sorte allerdings ein großes Unglück; aber neben dem Unglück auch viel Glück! – Das Rezept ist gerettet! –

Ein Gast: Kellner! Geben Sie mir zu der Sülze Essig!

Ein Chicaneur ( reicht ihm sein Achtel Wein und sagt): Bedienen Sie sich einstweilen.

Drucker: Sie kommen so munter hierher, und sind jetzt so mürrisch. Ist Ihnen vielleicht etwas Unangenehmes aufgestoßen?

Chicaneur: Nichts als Ihr Wein.

Drucker: Bitte! dafür verkaufe ich auch die Sorte unter dem Fabrikpreise.

Gast: Wie alt ist wohl dieser Franzwein?

Drucker: Genau weiß ich's nicht. Soviel ich weiß, junger 11er – und gestern fertig geworden. Wilhelm! Bringen Sie einen Borstenwisch und fegen Sie die Fliegen hier fort. Ich begreife nicht, wie die Menge toter Fliegen hierher kommt.

Chicaneur: Sie haben mitgetrunken.

Gast: Kellner! Die Wein-Karte! – Ist dieser Steinwein gut?

Drucker: Vortrefflich! Die Steinsetzer sogar bedienen sich seiner mit günstigem Erfolge zum besseren Zusammenziehen der Fugen zwischen den Steinen. – Eine ähnliche Sorte nenne ich Einquartierungswein.

Gast: Aus welchem Grunde?

Drucker: Er wurde den französischen Einquartierungen vorgesetzt, um sie auszuquartieren. Auch als Überschwemmungswein dürfte er sich wirksam zeigen. Ein halbes Ohm in den größten ausgetretenen Strom gegossen, müßte denselben unfehlbar binnen 10 Minuten wieder in sein Bett zusammenziehen.

Chicaneur: Nennen Sie ihn doch Corpswein und lassen sich für die Mischung ein Patent geben. Er wird von großem Nutzen sein, um die einzelnen zerstreut liegenden Truppenteile eines Armeekorps schneller zusammenzuziehen.

Gast (ein Schlesier): Der Wein is a bissel harbe, a is wohl gutt, a schmeckt mer og nich.

Drucker: Das kommt daher, weil Sie an den Grüneberger gewöhnt sind.

Chicaneur: Oh, den vermißt man hier nicht.

Drucker: Mein Herr, hören Sie auf, mich zu morden, oder ich brauche Repressalien. Amalia ist bereit, mich durch ihren Gesang zu rächen.

Chicaneur: Halten Sie ein! – Ich verstumme!

Drucker: Übrigens – ohne Scherz – daß meine Weine gut sind, beweist wohl am besten der nicht unbedeutende Absatz derselben. Bis nach Frankreich versende ich sie. Bei vorkommenden Belagerungen soll er verwandt werden, um die Kommandanten der Festung leichter dahin zu bringen, daß sie sich übergeben.

Ein Gast: Heut war die ganze Spree mit toten Fischen bedeckt. Sind vielleicht die Mühlen geschützt?

X: Nein! Aus Versehen ist einem Hausknecht ein Fäßchen Wein auf der Schleusenbrücke geplatzt und in die Spree gelaufen.

*

Sehr viel Spaß bereitete Drucker den Berlinern mit seinen Anzeigen, von denen hier einige folgen mögen:

Das rosenfarbene Pferd.

»Heute ist um Mitternacht bei mir ein von Natur rosenfarbenes Pferd zu sehen – es bleibt nur kurze Zeit in meinem Besitz, bitte sich daher mit der Besichtigung zu beeilen.«

Natürlich war am Abend das Restaurant vollgepfropft von Neugierigen, und es wurde tapfer gezecht in Erwartung des naturgeschichtlichen Wunders. Endlich, als es Mitternacht schlug, schrie alles: »Drucker! Drucker! das rosa Pferd!«

Und der schlaue Bursche öffnete die Stalltür auf dem Hofe, und beim matten Schein einer Stallaterne stand dort ein ganz gewöhnlicher – Schimmel!

Den Enttäuschten und Tobenden sagte Drucker dann in seiner ironischen Weise: »Aber, meine Herren, es gibt ja auch weiße Rosen ... ich habe mein Wort gehalten.«

*

Grande Soiree.

Donnerstag, den 4. Januar 1838. Zur Feier der Rückerinnerung vergnügt verlebter Festabende: Grande Soiree, bei welcher mein erster Kapellmeister Hirsch zum ersten Male auf einer römischen G-Saite und zwar rückwärts vortragen wird. Fräulein Amalie hat das Gelübde getan, das allgemeine Vergnügen durch ihren Gesang nicht stören zu wollen. Die böhmischen Damen: Brigitte, Franziska und Bebi Kreitel werden binnen acht Tagen von ihrer Kunst- und Urlaubsreise nach Tirschtiegel zurückerwartet. –

*

Letztes Aprilplaisir.

Montag, den 30. April 1828. Großes unverfälschtes viel harmonisches vergnügtes Abendbewußtsein nebst eingelegten Arien von Achtmale Rindfleisch und Begleitung. Auch wird mein Premier Kapell-Chef Hirsch, wohlgeboren, veränderungshalber zum ersten Male in Sommerhosen erscheinen. –

NB. Anfang sogleich, Ende nach Belieben.

Subskriptionen auf die in diesen Tagen erscheinenden Maikäfer werden noch bis zum 3. Mai angenommen, später tritt erhöhter Ladenpreis ein.

Ein schmerzhafter Verlust hat meine weibliche Kapelle betroffen, Fräulein Hardag, erste Sängerin, hat nämlich den vierten Zahn auf der Unterseite verloren und beabsichtigt, sich auf Aktien einen neuen einsetzen zu lassen. Zahnärzte, welche auf Kinnladen-Spekulation reflektieren, wollen Preis und Zeichnung einsenden. Mindestfordernde erhalten den Zuschlag.

*

Druckersche Witze.

(»Wissenschaftliche Vorträge, gehalten in den Soireen des diversen Vergnügtseins.«)

Ein Bürger, der sein fünfzigjähriges Bürgerjubiläumsfest feierte, erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Mit dieser ehrenvollen Auszeichnung nicht zufrieden, wandte er sich an einen Kommerzienrat, und bat sich dessen Meinung aus. Dieser antwortete: Verhalten Sie sich ruhig; an Ihrer Stelle würde ich ihn so lange liegen lassen, bis er schwarz wird. –

*

Eine Drucker-Rede.

(Grüneberger, wie er wirklich ist.)

Meine hochzuverehrenden und womöglich viel verzehrenden Gäste, Menschen, Bürger, Mietsabgabenspender und Feuerzettelinhaber! Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen eine Schilderung des Grüneberger Weines gebe, um Sie zu dem Genuß des meinigen anzuspornen, d. h. nicht meines Grünebergers, sondern vielmehr meines Johannes- oder anderen Bergers, wofür Sie mir Taler spenden.

Die Stadt Grüneberg, Verehrungswürdige! ist, wie Sie alle wissen werden, auch eine schöne Gegend. Sie hat soundsoviel Einwohner, vielleicht noch einige mehr, und zwar sehr liebe und gute Menschen. Sie sind durchaus nicht daran schuld, daß in ihrer Gegend Wein wächst; das ist ein Schicksal, dem sie sich geduldig fügen müssen, denn als der liebe Gott die Ufer des Rheines bekränzte und der Champagne ihre goldenen Trauben schenkte, da lachte die personifizierte Ironei, Seine infernalische Hoheit der Teufel, und lachte höhnisch und pflügte in einer wilden Nacht die Gegend um Grüneberg, und legte einen Samen in die Erde, der Verderben über alle menschlichen Geschmacksnerven bringt. Die Wirkungen des Grüneberger Traubenblutes sind furchtbar, und es ist ein moralisches Verdienst, dieselben bekanntzumachen, damit unsere Nachkommen lieber ihre Kehlen mit Wasser, sage mit Wasser, benetzen, als mit jener Weinpersiflage, die kein Erbarmen kennt, sondern ihre Spuren durch Mord und Zerstörung alles Heiligen bezeichnet.

Ich bin kein Säufer, aber ich liebe den Wein; ich bin keine feige Memme, aber ich fliehe den Grüneberger. Ich bin ein Mann, der dem Satan in die Augen sieht, aber er komme als offener Feind, nicht als Grüneberger, versteckt unter Rhein- und Moselwein zu mir, wenn ich durstig bin. Da unterliege ich – gegen solche Waffen kann ein schwacher Mann nicht kämpfen. Neulich – es war am 5. Mai 1838, ich werde diesen Tag nie vergessen, hatte ich die Kaiserstraße zurückgelegt, war glücklich über ihr Pflaster fortgekommen, bedurfte aber der Erholung, d. h. mich durstete. Ich stehe also vor einem Hause still, auf dessen einem Fenster mit goldenen Buchstaben das Wort »Weinstube« zu lesen war. Ich kann nämlich lesen, und mein Dirigent Hirsch auch, wiewohl sonst die Hirsche nicht lesen können, aber das bleibt sich gleich. Nichts Böses ahnend also trete ich hinein, ohne das größere Schild oder vielmehr die Warnungstafel: »Grüneberger Weinhandlung« bemerkt zu haben. Ich fordere mir einen Schoppen, ich bekomme ihn. Ich frage: »Was kostet dieser Schoppen?« Sie antworten mir: »Vier Silbergroschen«. Ich erschrecke und sehe mich befremdet um. »Vier Silbergroschen?« wiederholte ich bestürzt, und schon dämmert eine gräßliche Ahnung in meiner Seele auf. »Vier Silbergroschen? Oh, Sie irren sich wohl?«

Ich hätte in diesem Augenblick einen Taler darum gegeben, wenn man mindestens fünfzehn Silbergroschen gefordert hätte.

Aber dem Kellner schwebte ein Geständnis um seine Lippen. »Nein,« sagte er gemütlich, »ich irre mir nicht. Dieser ist der Preis vor diese Sorte Jrünberger.«

Es war heraus, das Wort; ich wurde blaß wie zwei Leichen. Der Kellner dagegen tat, als ob gar nichts vorgefallen wäre, und ließ mich von Gott und der ganzen Welt verlassen, mit meinem Schmerze allein.

Mit Kennermiene prüfte ich: es war echter Grüneberger. Ich hoffte noch immer, daß vielleicht ein kleiner Betrug vor sich gegangen wäre, aber nein, er blieb echt, der Grüneberger, die Flasche winselte und bebte. Endlich, nachdem ich dem Himmel meine Seele empfohlen, schenke ich ein, schlage drei Kreuze vor dem Becher, ergreife ihn, setze ihn an den Mund und setze ihn wieder auf den Tisch. Endlich nehme ich ihn noch einmal in die Hand, nämlich den Becher, den Grüneberger, halte ihn an die Nase, rieche die Blume und stelle ihn noch einmal auf den Tisch. Endlich aber denke ich: Drucker, sei keine feige Memme, nehme zum dritten Male den Becher, sehe mir den Wein an, stürzte ihn hinunter.

Zuerst war mir, als ob mich der Schlag rühren sollte, solch ein Blitz fuhr mir durch alle Glieder, dann saß ich unbeweglich wie der Ritter Toggenburg, die Augen starr vor ihm hingeheftet.

Mit einem Male regt sich mein rechter Fuß, hebt sich hoch – und fällt wieder nieder; der linke Fuß macht es ihm nach, und eben, als ich erstaune und außer mir werden will, geht mein rechter Arm in die Höhe, streckt sich nach der Decke des Zimmers und fällt dann herunter. Der linke Arm, nicht faul, ihm nach, und so sitze ich Unglücklicher da wie eine Mühle, getrieben von den Fluten eines satanischen Krätzers.

Ich will an meine Familie zu Hause denken, aber mit einem Male merke ich, daß ich in die Quere denke.

Ich will aufstehen, aber ich bin wie angenagelt auf dem Stuhle.

Endlich reiße ich mich los und will gehen, aber ich gehe rückwärts mit eingebogenen Knien wie ein Klapperstorch.

Ich will schreien, aber ich habe die Maulsperre.

Ich will noch ein Glas trinken, um mich nach dem homöopathischen Grundsatz zu kurieren, aber die Flasche war weg, und hüpfte in der Stube wie ein kleiner Kobold umher.

So stand ich fünf volle Stunden, bis mir ein Gast ein Glas echten Champagner in den Mund goß, der mich augenblicklich wieder herstellte.

Wenn Ihnen von diesem Champagner gefällig ist, meine Herren, so steht mein ganzer Keller zu Diensten. Die Flasche kostet im Abonnement zwei Taler inkl. Pfropfen; später tritt der erhöhte Ladenpreis ein, Knall und Schaum gratis; Kinder unter zehn Jahren bezahlen die Hälfte.

*

Professor Buttmann.

Während der Sommermonate gab es gar keine Straßenbeleuchtung; die lange Abenddämmerung und der Mond wurden als genügende Stellvertreter für dieselbe angesehen. Männer, deren Kleidung so von Fett getränkt war, daß sie spiegelblank erschienen, reinigten die Straßenlampen. Es war ein Lieblingswitz der Jungen, diesen geplagten Leuten zuzurufen: »Mal schliddern for'n Sechser!«, wodurch angedeutet wurde, daß, wenn sie sich hinlegten, man auf ihnen wie auf einer kleinen Eisbahn dahingleiten konnte ...

Außer den erwähnten Lampenputzern fehlte es auch den Straßen der Residenz nicht an Figuren, die heutzutage vollständig von der Bildfläche verschwunden sind. Da gab es zum Beispiel, weil viele Leute, namentlich alte Herren, sich noch täglich den Kopf pudern und pomadisieren ließen, Friseure, die mit eigentümlich eiliger Geschäftigkeit umherliefen, von oben bis unten wie mit Mehl bestreut, an den Röcken weite Seitentaschen tragend, aus denen Brenneisen, Scheren und Kämme hervorragten. Der bekannteste unter ihnen war der Theaterfriseur Schultze, der beständig in einem kurzen Zuckeltrabe blieb, als wenn er fürchtete, überall zu spät zu kommen. Eines Tages rief demselben ein Spaßvogel aus dem Fenster nach: »Hören Sie einmal!« Und als jener stillstand: »Haben Sie Zeit?«

Schultze, der einen neuen Kunden zu erhalten hoffte, erwiderte eifrig: »Jawohl!«

»Nun, warum laufen Sie denn so?« sagte der andere und warf das Fenster zu.

Der bekannte Philologe Buttmann, den man nach dem weiten lottrigen Anzuge, den er zu tragen pflegte, und wegen seiner eiligen Art zu gehen, wohl für einen solchen Friseur halten konnte, wurde einst ebenfalls aus einem Hause angerufen und von einem Herrn gefragt, ob er ihm die Haare schneiden wolle? Buttmann erwiderte: »Jawohl!« Kam herauf, bat um eine Schere, weil er die seinige vergessen habe, und schnitt dem unvorsichtigen Besteller die Haare ratzekahl vom Kopfe.

Als der so Verunstaltete sich im Spiegel besah und gewahrte, wie er zugerichtet worden, rief er in vollster Wut:

»Aber Sie können ja gar nicht Haare schneiden?« worauf Buttmann lächelnd antwortete:

»Sie haben mich ja nicht gefragt, ob ich kann, sondern nur, ob ich will. Ich bin der Professor Buttmann.« ...

Nach Felix Eberty.

*

Frau Schlächtermeister Buggenhagen.

(Erzählung von Hugo Wauer in seinen »Humoristischen Rückblicken« auf Berlins »gute alte« Zeit.)

Frau Buggenhagen war ein stadtbekanntes Original. Ihr größter Stolz war ihr Sohn. Der wollte und sollte Schauspieler werden, und da er ein stattlicher und hübscher Mann war, so hatte ihn Iffland als Schüler angenommen und ließ ihn im Chor mitwirken, bemühte sich aber völlig vergebens, ihn auch nur für kleinste Rollen brauchbar zu machen.

Frau Buggenhagens stadtbekannte Mutterliebe wurde von vielen Nachbarinnen in schnöder Weise ausgebeutet. Obgleich sehr wohlhabend, bediente die resolute Frau doch von morgens bis abends die Kunden höchst eigenhändig. Da kamen dann die schlauen Weiber, forderten »forn Jroschen« Wurst, Speck oder Schinken, und ehe Mutter Buggenhagen abschneiden konnte, begann die geriebene Kundin den Sohn sehr lebhaft zu loben. Sofort erstrahlten Mutterns Augen vor Freude und Stolz, und das abzuschneidende Stück Wurst, Speck oder Schinken verdoppelte seine Größe! Und je wärmer die Kundin lobte, desto mehr wuchs das Kaufobjekt, bis es endlich zwei- oder dreimal so groß war, als der »Jroschen« bezahlte. Und wenn die Kundin recht feurig mit gen Himmel gedrehten Augen gelobt hatte, dann schob die glückstrahlende Mutter auch noch den Groschen zurück und sagte liebenswürdig: »Ach Jott, Liebste, lassen Se doch man sind!«

Einst hatte sie Verwandtenbesuch aus der Provinz, dem sie freudestrahlend mitteilte, daß gerade an diesem Abend ihr Sohn im königlichen Theater mitwirke. Natürlich gingen alle hin. Der Sohn stellte im Chor einen Ritter dar und sah wirklich stattlich und schön aus.

»Da, da! Des is mein Sohn! Der da mit den prachtvollen roten Mantel und den joldenen Panzer.«

»Aber der redt ja janich.«

»Ja, en bisken maulfaul ist er immer. Aber warten Se't man ab.«

Aber alles Abwarten war vergebens – er blieb stumm – Mutter wurde sehr unruhig und als das Stück zu Ende war, sagte sie fast weinend:

»Es is'n Jammer mit den Jungen! Er is mal wider ticksch! Ich sage Ihnen, eene Seele von Menschen, aber wenn er ticksch is, denn könn'n Se'n dotschlagen, und Se krijen keen Wort aus ihm raus!«

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Jungfer Hanne.

Die älteste Tochter meiner Tante F. hieß Johanna oder, wie sie in der ganzen Familie kurzweg genannt wurde, Hanne. Wenn je ein weibliches Wesen, so war diese Hanne schon in der Wiege dazu bestimmt, eine alte Jungfer zu werden, denn ein vollkommeneres Musterexemplar von dieser Spezies dürfte sich kaum finden lassen.

Der Grundzug ihres Charakters war Wohlwollen und Gutmütigkeit, nach Berliner Art mit einem guten Teil der daselbst landsüblichen Polisonnerie vermischt. Wo sie eine Pflicht zu erfüllen hatte, zeigte sie sich von Jugend auf in bewunderungswürdiger Weise gewissenhaft und treu. Die alte Mutter hat sie mit kindlicher Aufopferung bis zum Tode gepflegt und wich keinen Augenblick von ihr. Als später ihr Bruder, der nach dem Tode seiner Frau nicht recht wußte, was er mit einem kleinen Mädchen anfangen sollte, die Sorge für das Kind an die Schwester übertrug, unterzog sie sich mit derselben Hingebung dieser neuen Pflicht und wurde der kleinen Antonie eine zweite Mutter.

Nachdem ich meiner alten Kusine aus vollem Herzen habe Gerechtigkeit widerfahren lassen, möge sie verzeihen, wenn ich nun auch ihrer kleinen Schwächen gedenke, die zum Teil so ergötzlicher Natur sind, daß es schade wäre, wenn man nicht wenigstens einen Teil derselben der Vergangenheit zu entreißen suchte. – Es ist eine Eigentümlichkeit der meisten alten Jungfern, daß sie entweder zur Prüderie oder zum Zynismus neigen. Hanna F. gehörte von Jugend auf der letzten Richtung an und hatte es im Laufe der Jahre unendlich weit darin gebracht. Besonders hatte sie auch das mit Diogenes gemein, daß es ihr vollkommen gleichgültig war, »was die Leute dazu sagen«. In Gang, Haltung und Toilette hatte sie sich seit langen Jahren dermaßen vernachlässigt, daß man sie auf den ersten Blick zu der Gattung der sogenannten Hundefräulein zu rechnen geneigt sein konnte, um so mehr, als sie selten ohne Begleitung eines Lieblingshündchens angetroffen wurde. Als ich sie vor einigen Jahren in Berlin auf der Straße traf, bemerkte ich, daß sie vorn in ihren Schal ein Loch geschnitten und durch dasselbe den Bindfaden befestigt hatte, an dem sie ihren Hund leitete. Sie liebte diesen Begleiter des Menschen, der den unvermählten Personen beiderlei Geschlechts oft die Familie ersetzen muß, mit übermäßiger Leidenschaft, indem sie nicht nur für Lager, Kost und Pflege des jedesmaligen Schoßhündchens mit mütterlicher Zärtlichkeit Sorge trug, sondern auch jedem Dritten gegenüber alle die Sünden, durch welche sich solche Tiere zuweilen sehr unangenehm machen, lieber auf sich nahm, ehe sie einen Verdacht oder Tadel auf dem teuren Vierfüßler sitzen ließ. – Mit der Nachlässigkeit ihrer persönlichen Erscheinung bildete die große Sauberkeit und Eleganz ihrer Wohnung einen merkwürdigen Gegensatz. Die Räume, in denen sie gern und oft einen großen Kreis von Bekannten bewirtete, machten durchaus einen behaglichen Eindruck, und man hatte an ihrer Tafel nichts von der Nachlässigkeit und Unordnung zu befürchten, die an der Person der alten Dame so seltsam auffiel. Eine Anzahl von weiblichen Standes- und Altersgenossinnen, welche es sich bei ihr wohlschmecken ließen, behandelte sie mit großer Herablassung, obgleich Komtessen und Baronessen darunter waren. Die Freude am Kartenspiel hatte sie von ihrer Mutter geerbt, was der Eintretende durch die verschiedenen, ins Auge fallenden Bostonkästchen gewahr wurde. Auch sie hatte eine Zahl von Bostonspielern an sich gefesselt, doch ging alles harmloser und mit einiger Förmlichkeit bei ihren Partien vor sich als im Hause der Mutter.

Über alle Klatschgeschichten der Stadt war sie aufs genaueste unterrichtet, besonders auch über die etwas zweideutigen, und eifrig war sie für die Verbreitung derselben in den weitesten Kreisen bemüht. Sie pflegte ihren Erzählungen gewöhnlich eine kleine Einleitung vorauszuschicken, um sich davor zu bewahren, daß man glaube, sie interessiere sich für solches Gerede: »Was die Leute doch immer zu klatschen haben. Da soll wieder die und die das und das getan haben. Ich kümmere mich in meinem Leben nicht um solche Sachen, aber man muß sich's ja mit anhören. Was weiß ich, ob's wahr ist.« Und dann reihte sich eine Skandalgeschichte an die andere.

Wenn sie aber auch viele ihrer Besuche nur zum Teil aus der Lust an der Verbreitung solcher nützlichen Kenntnisse bei ihren Bekannten abstattete, so mußte man zu ihrer Ehre sagen, daß sie auch ebenso oft und ebenso unermüdlich sich da einfand, wo sie wußte, daß sie einen Kranken und Leidenden durch ihre Gespräche aufheitern und unterhalten konnte, und mit ihren Belehrungen über das, was in der Familie der Bekannten vorging, kramte sie dann auch ebenso reichlich alles aus, was sie zur Erquickung und Herzstärkung der Freunde auftreiben konnte, denen sie hilfreich zu sein wünschte. – Wie der Berliner überhaupt keine Autorität anerkennt, und vor niemand leicht Ehrfurcht hat, so besaß Hanne namentlich die Gabe, mit den vornehmsten Personen auf eine so ungenierte Art zu reden, daß es staunenswert war. Mit ihrem von ihr wahrscheinlich kaum gekannten Vorbild Diogenes hatte sie auch das gemein, daß sie wie er zu Alexander dem Großen gesagt haben würde: »Geh mir aus der Sonne!« –

Sie war keineswegs ungebildet und hatte allerlei gelernt, aber sie gefiel sich darin, das nicht merken zu lassen, so daß man erstaunte, wenn zuweilen eine Bemerkung unterlief, die nicht nur von ihrem scharfen Verstand und einer großen Menschenkenntnis, sondern auch von einem feinen Gefühl für das Rechte und Schickliche Zeugnis ablegte, das man bei ihr am wenigsten gesucht hätte. Als ein Beispiel für die Art und Weise, wie sie jedermann wie ihresgleichen und einen alten Bekannten behandelte, diene folgendes: Ihre Köchin hatte sich bei einem in großem Rufe stehenden Arzt Rat geholt und war infolge des von ihm verordneten Mittels genesen. Als Hanne mit diesem Heilkünstler, den sie niemals gesehen, am dritten Orte zusammentraf, ging sie ohne weiteres auf denselben zu und sagte: »Herr Geheimrat, ich danke Ihnen auch recht schön, daß Sie meiner Julie den Bandwurm abgetrieben haben. Ist aber auch der Kopf mit abgegangen?« – Sie würde Alexander von Humboldt ganz ebenso angeredet haben.

Sie wohnte lange Zeit im Tiergarten, wo ihr ein kleines, an der Straße gelegenes Gärtchen mit einer Art von erhöhter Estrade zur Verfügung stand, hier machte es ihr das größte Vergnügen, die dichten Scharen der eleganten Welt vorüberziehen zu sehen, ein Schauspiel, zu welchem sie nicht für nötig hielt, besondere Toilette zu machen. In einer weißen Nachtjacke mit ihrer Schlafhaube setzte sie sich ins Freie, vollkommen gleichgültig gegen die verwunderten Blicke, welche ihre Ungeniertheit auf sich zog.

Nach Felix Eberty.

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Papa Wrangel.

Als zärtlicher Gatte.

Der alte General Wrangel war ein besonders bekanntgewordenes Original. Als er am 10. November 1848 die Truppen wieder nach Berlin führte und als »Gouverneur in den Marken« auftrat, war er allerdings nicht beliebt. Aber er wußte sich durch volkstümliches Wesen bald populär zu machen. Er bediente sich der Berliner Mundart. Das schmeichelte dem Volke. Und seine derbe Art führte bald dazu, daß man ihn »Papa Wrangel« nannte.

Als die Truppen, die infolge des 18. März Berlin hatten verlassen müssen, wieder zurückkehren sollten, hatte das Volk dem General gedroht, man würde seine Gattin hängen, wenn er es wagte, in Berlin einzurücken. Natürlich kehrte sich der General nicht an jene Drohung.

Als er aber an der Spitze seiner Truppen durch das Brandenburger Tor ritt, wandte er sich plötzlich an seinen Adjutanten mit der Frage: »Ob se ihr woll jetzt hängen?!«

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Das Schöne.

Auch im Gespräch mit den Damen schlug er diesen derben Ton an. Er fand offenbar Vergnügen daran, die Damen durch seine Grobheit in Verlegenheit zu setzen. Auf dem Hofballe erschien einst eine Hofdame mit besonders weit ausgeschnittenem Kleide. Als Wrangel ihr Kleid wohlgefällig musterte, fragte sie: »Nun, Exzellenz, so etwas Schönes haben sie wohl lange nicht gesehen?«

»Nee, mein Kind,« erwiderte der Alte, »seit meine Entwöhnung nich.« –

Lederer: Uns kann keener.

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Die Amme.

Auf einem Maskenballe fragte ihn einst eine Prinzessin, die ihre Mutterpflichten selbst erfüllte, ob er sie erkenne.

»Jawoll meine Dochter,« war die Antwort, »du bist ja die Amme von dem kleenen Prinzen.«

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Aber Exzellenz.

Als Wrangel eines Tages in Begleitung einer Prinzessin die Treppe zum weißen Saal emporstieg, ließ er seinen rückwärtigen Gefühlen etwas hörbar freien Lauf. Die Prinzessin war empört.

»Aber Exzellenz, so etwas ist mir denn doch noch nicht passiert!«

Worauf Wrangel erwiderte: »Ach, ick dachte, et wär mir passiert.«

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Kußfreuden.

Wrangel war ein großer Damenverehrer und bei seinen Ritten oder Gängen durch die Stadt warf er bald rechts, bald links jungen hübschen Damen Kußhändchen zu, so daß die Damen oft in rechte Verlegenheit gesetzt wurden. Aber als ihn eines Tages eine größere Deputation von Damen wegen irgendeiner Gratulation besuchte, da zeigte sich der alte Herr ganz besonders liebenswürdig, ging die Reihe herum und gab einer jeden einen Kuß. Der Zufall wollte, daß die ersten lauter junge hübsche Mädchen waren, die er denn auch ganz eifrig abküßte; plötzlich aber änderte sich das Bild und eine ältere Generation kam zum Vorschein; da versagten dem alten Schlauberger mit einemmal die Kräfte und er sagte zu seinem Adjutanten:

»Küsse weiter, mein Sohn!«

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Des Rätsels Lösung.

Eines Abends tat sich eine junge Hofdame sehr anhaltend mit allerlei Rätselaufgaben hervor. Schließlich ergriff sie einen silbernen Löffel, hielt ihn in die Höhe und sah unverwandt darauf hin. Das war ein Wort-Rätsel und Papa Wrangel wurde von der jungen Dame aufgefordert, das Rätsel zu erraten. Der alte Herr hatte aber soeben mit einem anderen geplaudert und war nicht recht bei der Sache. Der König, immer hilfsbereit, sprang ihm bei und flüsterte ihm die Lösung ins Ohr.

»Löffeljans, meine Jnädigste«, platzte darauf Wrangel ganz stolz heraus und erst das schallende Gelächter des Königs und der übrigen Beteiligten, sowie der wütende Blick der empörten jungen Dame belehrten ihn, daß er des Rätsels Lösung doch nicht ganz erbracht hatte.

»Meine Majestät, wir scheinen uns jeirrt zu haben«, sagte Wrangel trocken.

»Wat stellt et denn eijentlich vor, Gnädigste?«

»Silberblick, Exzellenz«, erwiderte das Fräulein.

»Weeß Jott!« rief Wrangel aus, »darauf wäre ick nich jekommen. Das kommt aber daher, daß wir alten Biwakfritzen immer an was Eßbares denken.«

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Vom Abschiednehmen.

Das Ärgste, was an schlagfertiger Antwort ihm gegenüber passiert und geleistet worden ist, geschah – beim –ten Husarenregiment, das ihm für den erkrankten Regimentskommandeur der etatsmäßige Stabsoffizier, Major v. X., vorführte. Sei es, daß der sonst schneidige Major an diesem Tage nicht gut disponiert war, sei es, daß der Satan »Zufall« seine bösesten Saatkörner ausgestreut hatte, kurzum, die Besichtigung schnitt sehr mittelmäßig ab, denn es waren einige Fehler vorgekommen, die sehr ernstlich gegen das Reglement verstießen. Der unglückliche Major, der mit der Ausbildung des Regiments in seiner dienstlichen Stellung gar nichts zu tun hatte und dafür keinerlei Verantwortung tragen brauchte, sondern nur den Regimentskommandeur vertrat, hatte schon während des ganzen Exerzierens die haarscharfen »Pfeile und Schleudern«, mit denen der General ihn unablässig regalierte, ertragen müssen und befand sich daher in bitterböser Stimmung, denn er wußte genau, was ihm bevorstand. Als daher am Schluß der Übung der Offizierruf zur Kritik geblasen wurde, war ihm klar, daß er diese Art Feierlichkeit aller Wahrscheinlichkeit nach zum letzten Male mitmachte. Er befand sich daher in einer Stimmung absoluter Wurstigkeit. Wrangel war natürlich auch sehr schlechter Laune, was er gesehen, hatte ihm nicht gefallen und ganz mit Unrecht machte er den Major zum Sündenbock. Seine abfällige Kritik beendete er, indem er sich direkt an den Major wandte mit den Worten:

»Sie, Herr Major, hoffe ich das nächste Mal auch nicht mehr vor der Front zu sehen.«

Diese ihm vor dem ganzen Offizierkorps entgegengeschleuderte Grobheit kränkte den so wie so schwer gereizten Mann und schlagfertig erwiderte er:

»Aber warum denn nicht, Exzellenz? – weshalb wollen Sie denn schon den Abschied nehmen? Exzellenz sind doch noch so rüstig!«

Natürlich: Allgemeines Entsetzen rings herum. Nur Wrangels Zorn verwandelte sich bei dieser kühnen Antwort augenblicklich in Heiterkeit, er fand den Witz ausgezeichnet: wer so schlagfertigen Geistes war, konnte kein unbrauchbarer Offizier sein. Er drohte daher dem Major lächelnd mit dem Finger und sagte:

»Ick meinte eigentlich dir, mein Sohn!«

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Das Signal.

Eines Tages im Manöver verlangte Wrangel von einem seiner Adjutanten Auskunft über eine ihm früher aufgegebene Notiz; der Adjutant erklärte, es handle sich um den Sattel eines Kavalleriepferdes. Da wird Wrangel grob und gibt dem Adjutanten in Gegenwart anderer Offiziere einen tüchtigen Verweis mit dem Bemerken, daß es bei dem betreffenden Regiment keinen Sattel, sondern einen Bock gäbe. Dieser Verweis war so eindringlich, daß der Offizier ihn so leicht nicht wieder vergaß. Als am nächsten Tage aus dem Kavalleriebiwak das Signal zum »Satteln« ertönte, fragte Wrangel, der nicht genau gehört hatte:

»Wat wird denn da jeblasen?«

Da plagt den Adjutanten der Teufel und er antwortet lächelnd:

»Es wird zum Bocken geblasen, Exzellenz!«

Wrangel zieht die Stirn kraus und sagt:

»Der Witz ist nich janz schlecht, aber du hast dafür drei Tage Arrest!«

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Vom Pfeifen.

Eines Tages gingen der Kronprinz und Wrangel die Linden entlang, als ihnen ein Junge begegnete, der nach Kräften irgendeine moderne Melodie pfiff. Wrangel, der ja mit der Straßenjugend gut Bescheid wußte und zur Belohnung ihrer Tugend stets die Tasche voll blanker Dreier bereit hielt, freute sich über den artigen Jungen und griff schon in die Hosentasche, um ihn zu belohnen.

»Sehen Sie nur, königliche Hoheit,« sagte er, »was der Junge für einen Respekt vor uns hat; er hört von weitem zu pfeifen auf.«

Und um sich seine Ansicht von dem Jungen bestätigen zu lassen, fragte er den Jungen:

»Warum hörtest du auf zu pfeifen, mein Sohn?«

Der Junge war zuerst etwas verdutzt, sagte dann aber pfiffig lächelnd:

»Wenn ick Ihnen sehe, denn muß ick immer lachen, und wenn ick lache, denn kann ich nich pfeifen!«

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Der Herr der Heerscharen.

Im Kriege gegen Dänemark leitete die preußischen Heeresteile Prinz Friedrich Karl, der den ersten Abschnitt des Feldzuges mit der Erstürmung der Düppler Schanzen am 18. April 1864 beendigte.

König Wilhelm erließ aus dieser Veranlassung ein Dankschreiben an den Prinzen, das mit den Worten begann: »Nächst dem Herrn der Heerscharen danke ich Dir usw.« Von Wrangel, der mit dem Sturm nichts zu tun gehabt hatte, war in diesem Schreiben allerdings keine Rede, ein höherer Offizier erlaubte sich dem Alten gegenüber, natürlich um ihn ein wenig anzubohren, die Bemerkung, es sei doch von Majestät merkwürdig, daß er in seinem Dankschreiben ihn, den Oberbefehlshaber, nicht erwähnt habe.

»Was wollen Sie denn?« erwiderte Wrangel heiter, »Haben Sie denn nich jelesen? Nächst dem Herrn der Heerscharen? Damit meint Majestät ohne Zweifel mir.«

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Meister Hornschrötter.

Wenn dem (unserm Schuster) das Unglück passierte, einen Stiefel zu verpassen oder ihm sonst ein kleiner Kunstfehler untergelaufen war, dann konnte er vor Wut über seine Ungeschicklichkeit ordentlich heulen. Wie besessen rannte er dann umher und malträtierte das beanstandete Meisterwerk, drückte es und stieß es, schwor ihm zu, es nie wieder ansehen zu wollen, und brach dann schließlich in herzzerreißendes Geklage und Gejammers aus darüber, was nun aus ihm werden solle.

»Der Dunner, der Dunner!« – Dabei hämmerte er sich mit beiden Fausten auf die Knie. – »Deß mir sowat passieren kann! Un det Jesellenstick in'n Jlaskasten und det Meisterstick ham Se doch jesehen! Hat mir doch die Innung ufgeschrieben, daß et det beste is, was ihr seit Jahren vor de Oogen jekommen is, wat? Un nu muß mir so wat passieren! 'n Stiebl regelrecht verpassen! Der Dunner ooch, wat soll aus mir werden, un aus meine Kinder, un aus meine arme Frau!« – Jetzt schluchzte er schon herzzerbrechend. – »Un wo ick Ihn'n doch jrade bitten wollte, Frau Fechnern, un Se mechten bei det Jingste Pate sein, bei de Martha!«

Das Schluchzen ließ nach, als meine Mutter mit einer gewissen Kühle im Ton fragte: »Meister Hornschrötter, haben Sie denn nicht im vorigen Jahre erst getauft?«

»Der Dunner, ooch, ja! Det is aber doch schon wieder en Jahr her!«

»Das wievielte ist es denn nun?«

»Det siebte.«

»Na lieber Meister, wenn das alle Jahre so geht, dann freilich dürfen Sie nicht viele Stiefel verpassen. Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben soll, so würde ich sagen: Taufen Sie weniger, dann schadet es nicht, wenn Sie auch mal zwischendurch einen Stiefel verpassen.«

Hanns Fechner: Spreehanns.

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Der Ordinarius.

(Selbstverständlich hat Berlin auch eine Anzahl von Lehrertypen. Hier mag nur eine für alle stehen, die auch gleich die Berliner Jugend zeigt.)

In der Quarta hatten wir viele Kämpfe mit unserm Ordinarius Geisler, genannt Bock, zu bestehen. Er hatte auch ein Prinzip, und das bestand darin; die Klasse aus irgendeinem Grunde am Schluß der Nachmittagsstunde zur allgemeinen Bestrafung noch dazubehalten. Dem gegenüber hatten wir einen Rütlischwur geleistet. Immer je drei und vier mußten dran glauben, Bresche zu legen, wenn Gefahr drohte. Diese immer frisch Ausgelosten mußten alsdann für die andern bluten und durften nicht mucksen, was ihnen auch passierte. Schlug es Schluß von der Schuluhr, so traten die vier Verschwörer zu gleicher Zeit in den Gang zwischen den Bänken, der am untern Ende, nahe der Tür, durch die wichtige Masse des Bockschen Bauches verbarrikadiert wurde. Nun hieß es: Kopf vor, die Mütze in der Hand, und auf den Bauch losgestürmt. Es war ja gemein von uns, denn wir wußten, daß er die Wassersucht hatte, und daß sein unglücklicher Bauch der bedrohteste Körperteil war. Aber wir waren nun einmal Verschwörer, die das Wohl der Gesamtheit im Auge hatten. Der Lehrer wich dann vor dem Ansturm zurück, griff sich zwei oder drei Rädelsführer, stieß sie mit den Köpfen zusammen und raufte ihnen die Haare aus. Während dieser kurzen Spanne Zeit rasten die übrigen hinaus, kletterten wie die Eichhörnchen über sämtliche Schultische und Bänke fort, oder wanden sich kriechend wie die Aale drunter durch.

Ich glaube, schneller hätte eine darauf einexerzierte Klasse in Feuersnot nicht das Schulzimmer verlassen können. Einen hübschen Zug mußten wir an unserm Klassentyrannen rühmen: was geschah, mußte geschehen und wurde alsdann vergessen. Nie kam er auf die tags vorher begangenen Greueltaten zurück.

Hanns Fechner: Spreehanns.

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Helmut von Moltke.

Eine Schulmeistersfrau fing einmal auf dem Felde auf eine ganz merkwürdige Art einen Hasen. Er lief nämlich gerade zwischen ihren Beinen durch, und sie brauchte nur die Beine zu schließen, um den Hasen zu fangen, den sich das Schulmeisterpaar dann auch recht gut schmecken ließ. Daraufhin wurde der Schulmeister wegen Wilddieberei angeklagt. Der Alte Fritz schrieb aber an den Rand des Aktenstückes: »Schulmeister ist sofort freizulassen, denn die Jagdbarkeit zwischen den Beinen seiner Frau steht ihm nur allein zu.«

Ich weiß nicht, ob diese Geschichte wirklich auf einer historischen Randbemerkung des Alten Fritz beruht, ich weiß nur, daß ich sie mindestens ein halb dutzendmal von Moltke gehört habe. Auch ein Verslein hörte ich einmal von Moltke improvisieren. Es kam die Rede darauf, daß im Sprichwort und im Scherzlied alle Laster des genießenden Menschen, Rauchen, Trinken usw. schon behandelt worden sind. Siehe das hübsche Verslein: »Wo man raucht, da kannst du ruhig harren, böse Menschen haben keine Zigarren.« ...

»Wie kommt es nun«, meinte Moltke, »daß nur die Schnupfer bisher noch keine Verherrlichung im Reim gefunden haben? Ich bin selbst Schnupfer und empfinde diese Hintansetzung geradezu als Kränkung.«

»Wenn es keinen Vers auf Schnupfer gibt,« antwortete ich, »so brauchen sich ja bloß Exzellenz einen zu machen!«

»Warten Sie, das sollen Sie gleich haben«, gab Moltke schlagfertig zurück. »Geben Sie mir nur eine Minute Zeit.« ... Und ehe die Minute verstrichen war, improvisierte er: »Der da schnupft, kannst ruhig du zum Freund erkiesen, böse Menschen haben keine Prisen!« ...

Prof. H. Grünfeld.

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Menzel.

Wehe, wenn Freunde oder Neugierige es versuchten, Menzel bei der Mahlzeit zu begrüßen oder anzusprechen. Mürrisch und grob ließ er die Unglücklichen abfahren. Seinem guten Freund und Schüler Fritz Werner antwortete er einmal bei solcher Gelegenheit auf die Frage: »Wie geht es dir?« in brummigem Ton: »Das geht dich gar nichts an, ich esse jetzt.« – Ein Fremder, der den einzigen Stuhl an dem kleinen Tischchen, an dem Menzel zu speisen pflegte, einnehmen wollte und höflich fragte: »Es stört doch nicht, darf ich hier Platz nehmen?« erhielt die lakonische Antwort:

»Doch stört es! Nehmen Sie doch anderswo Platz.«

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Schön ist ein Zylinderhut.

Nachdem der Senior Menzel bei Friederich sein Fläschchen geleert hatte, trieb's ihn wohl noch ein wenig zum Café Josti zu wandern, um, wie wir vermuteten, dort den Sonnenaufgang zu erleben, was bei dem alten Herrn öfter vorgekommen sein soll.

Also Menzel steht auf, geht vorsichtig, bei seiner Kurzsichtigkeit tappend, an die Reihe der Festhüte, um den seinen herauszusuchen, indes alle Augen auf sein heimliches Tun gerichtet sind. Allgemeines unterdrücktes Lachen, denn vorsichtig hat der Meister jetzt schon den dritten Zylinderhut in der Arbeit, hat ihn vor die Brust geklemmt, um herauszukriegen, ob's nicht etwa ein Chapeau claque sei. Der alte Calandrelli, der Bildhauer – sein Jugendfreund – ruft vergnügt zu einem Freunde hinüber: »Sieh doch, sieh doch, Paul, jetzt drückt er deinen neuen Zylinder ein«, springt dann aber plötzlich mit lautem Geschrei auf und entwindet dem Meister den vierten Hut. Zu spät!

»Adolf, jetzt hast du auch meine teure Angströhre verschandelt, die mußt du mir ersetzen, da hilft dir nichts.« Und der Meister darauf: »Was willst du, ich werde ihn aufbügeln lassen.«

Doch der andere antwortete: »Is nicht, das gibt's nicht, du hast ihn mir ganz eingebeult, da hilft kein Bügeln.«

Menzel aber bleibt ganz ruhig: »Laß mich in Ruh', ich werde dir morgen einen andern schicken«, setzte sich den eingebeulten Hut seines Freundes auf, ohne weiter nach dem eignen zu suchen, und verließ ungerührt die Unheilstätte.

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Die kleine Exzellenz.

Auf diesem Wege in der Potsdamer Straße kannte ein jeder den kleinen Menzel, und es war rührend zu beobachten, wie der alte Herr in den letzten Jahren seines Lebens, ohne daß er eine Ahnung hatte, von allen betreut wurde. So sah ich einmal, wie er abends über den besonders belebten Fahrdamm von einem starken, riesengroßen Arbeiter befördert wurde. Er hatte Menzel von hinten unter die Arme gefaßt und trug ihn wie ein kleines Kind, das sich gegen diese Methode mit Arm- und Beinbewegungen verwahren will, sicher durch Automobil- und Wagengetümmel nach der Frederichschen Seite hinüber. Hier setzte er ihn mit den Worten ab:

»Nee, nee, Exzellenz, heute is det zu viel Jefahre for Ihnen bei son'n Hundewetter.«

Darauf Menzel barschen Tones: »Wollte ja gar nicht rüber, wollte die Abspiegelung der Laterne auf dem nassen Straßenpflaster zeichnen, warum stören Sie mich da?«

Der Maurerpolier gutmütig lachend: »Na, denn entschuldigen Se man, Exzellenzeken – det ha'k ja nich gewußt.«

Hiermit packte er den kleinen Herrn wieder unter die Arme, trug ihn schleunigst über den Fahrdamm zurück und meinte: »So, nu ha'k Ihnen wieder returjesetzt.«

Menzel ging die Freundlichkeit des Verfahrens doch auf und er suchte in seinen Taschen nach einem Trinkgeld. Der brave Arbeitsmann aber winkte mit freundlichem Lächeln ab:

»Lassen Se man stecken. Exzellenzeken, davor ha'k det nich jemacht.«

Jetzt fragte Menzel: »Woher kennen Sie mich denn überhaupt?«

»Exzellenzeken, Ihnen kennt doch jeder. Und denn arbeete ick hier nebenan bei Ihnen auf dem Umbau bei Neumanns.«

Inzwischen hatte der Altmeister ihn mit seiner Lorgnette interessiert von oben bis unten auf malerische Verwendbarkeit hin geprüft, fragte alsbald, ob er ihm nicht Modell stehen wolle. Er würde ihm das gut bezahlen.

Der Brave winkte aber wieder ab: »Det mach ick, Exzellenzeken, aber bezahlen brauchen Sie mir davor nich – det tue ick so, vor die Ehre. Aber ick kann nur Sonntags! Denn komm ick also jleich morjen frih in de Sigesmundstraße.«

Hanns Fechner: »Mein liebes altes Berlin«.

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Der urkomische Bendix.

In der Dresdener Straße stand das American-Theater, im Volksmund »Wurschtkessel« genannt. Eine verräucherte Kneipe, in der kleine Szenen und Vorträge geboten wurden. In diesem Lokal wirkte jahrzehntelang vor der Wende des 19. Jahrhunderts Martin Bendix, ein »waschechter« Berliner, geboren am 22. Juli 1843.

»Meine Wiege«, erzählt der sehr beliebte Komiker, »stand in der Laufgasse, der heutigen Gormannstraße. Wo sie jetzt steht, weiß ich nicht!«

Viktor Laverrenz erzählt von ihm:

»Seine Couplets sind sämtlich von ihm selbst verfaßt; die Musik dazu hat zum großen Teil sein Sohn, der Musik studiert hat, komponiert. Die meisten der von ihm ins Publikum geworfenen Schlagwörter haben sich bald im Volk Bürgerrecht erworben. Seine »Schlager« wurden überall auf der Straße gesungen und bald, wenn Bendix ein neues Couplet im »Wurschtkessel« vorgetragen, kannte ganz Berlin den neuesten Witz. Seine Kalauer sind zumeist überaus blutiger Natur; aber gerade dadurch zünden sie.

Wer kennt nicht die geflügelten Worte, die sich mit unauslöschlicher Schrift in unserer Erinnerung eingegraben haben? Einige der am meisten zitierten möchte ich hier nennen: »Nu aber raus« – »Sachte, et klemmt sich« – »Eine feine Familie« – »Ick mit mein'n Verstand« – »Uns kann keener« – »Verlieren Se nischt, es stuckert« – »An den Kalmus piepen wir nich« – »Bumke muß et wissen« – »Mir könn'n Sie's ja sagen« – »Nich uffregen, det rujeniert den Täng« – »Quatsch nich, Krause« – »Wenn man bedenkt, was daran hängt« – »Man merkt's am Jang, da is was mang« und unzählige andere.

Berühmt vor allen anderen Sachen ist auch sein »deutscher Konter«, den er nach eigenen Kommandos mit seiner unnachahmlichen »Berliner Grazie« tanzte und den er im American-Theater fast allabendlich auf stürmisches Verlangen zugeben mußte. In demselben übersetzt er die französischen Kommandos »Chaine anglaise«, »Chassé-croisé« und »Grande promenade« sehr frei mit »Schönhauser Allee«, »Schatze kratze«, »Stangenpomade«. In diesem Genre war der ganze Konter gehalten.

Einer seiner besten Witze war wohl:

»Der Spiegel ist so gut wie neu. Et haben erst drei ringeguckt.«

Hanns Fechner teilt in seinem hübschen Buch »Mein liebes altes Berlin« mit:

Vornehmlich erzählte er in seinem nüchternsten Ton, in seinem Jargon von hochdeutsch und reinstem Berliner Dialekt eine Geschichte nach der andern, wie zum Beispiel: »Ick glaube ja nich an Jespenster un Spuk – aber manchmal weiß man doch nich. Da bin ick nämlich neulich umjezogen – in'n altes Haus – die Leute sagten, ich sollte nich da rinziehen, da spukt's! ›I‹ sag ich, ›wie wird's denn spuken!‹ Un richtig! Wie ick mit det Vogelbauer in eene, und de Lampe in de andere Hand die dunkle Treppe raufkomme, – da – spuckt mir eener uff'n Kopp!«

– – Oder aber: »Für de neue Wohnung hab ick mir'n Spiejel jekooft. Da sagte denn det Fräulein: »Woll'n Se'n jleich mitnehmen. Soll ich'n Ihnen einschlagen?«

»Um Himmels willen nich inschlagen!« sagt' ich, – »ick will'n janz mitnehm!«

– – Oder er erzählt: »'n Telephon hab ich nu auch in de neue Wohnung. Da hat meinen Freund Kulicke seine Dackelhündin Junge geworfen, da hab ich 'ne ›Tele von‹ jekriegt. Nu hab ich'n Televon!« Meist waren seine Aufzählungen gar zu saftig, um sie hier wiedergeben zu können.

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Der alte Rudolf Hertzog,

der das erste große Waren- und Versandhaus in Berlin aufbaute, war sehr empfindlich für Fehler seiner Angestellten, weil jeder Fehler ihm sein Werk zu gefährden schien. Als ihn ein ungeschickter Einkäufer ärgerte, depeschierte er ihm:

»Wenn man Ohrfeigen depeschieren könnte, hätten sie eine!«

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Vom Havelmüller.

Der Chemiker Dr. Emil Jacobsen, der sich selbst Hunold Müller von der Havel nannte, hatte sich schon 1872 an der Seestraße in Tegel ein Stück Feld mit der Aussicht auf den Tegler See gepachtet. Das Land schuf er um in einen Gemüse- und Blumengarten mit allen erdenklichen Bauernblumen. Den Garten nannte er Reimgarten und die Bretterbude, eine Vorgängerin der heutigen Kolonielauben und Wochenendhäuschen, ward »Reimsalon« genannt.

Einmal war im Reimsalon in Hunolds Abwesenheit eingebrochen worden. Die Diebe hatten wohl irgendwelche Vorräte darin vermutet, aber nur eine Flasche Schnaps war ihre Beute geworden. Deshalb brachte Hunold über der Tür ein Schild mit dem ja auch aus Seidels »Hühnchen« bekanntgewordenen Spruch an:

»Am Einbrechen und Plündern
Kann ich niemand verhindern.
Gott verzeih' ihm die Sünde ...
Der Schnaps steht im Spinde.«

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Bauern-Kaufmann.

Auf der Berliner Gewerbeausstellung 1896 erregte ein derber Gastwirt Aufsehen. Er selbst nannte sich den »groben Gottlieb«. Seine lukrative Grobheit setzte er später in seiner Bauernschänke fort. Dort foppte er die neugierigen Gäste. Die besonders neugierigen Frauen erschraken, wenn er ihren Mann anredete: »Wat haste denn da für'n Gestelle mitbracht? Bring man die alte Schreckschraube gleich wieder nach Hause!«

Aber schließlich zeigte er doch sein Museum, mit dem er die Sammelwut mancher Menschen parodierte.

Die berühmte Schlange, die vom Kopf bis zum Schwanz 42, vom Schwanz bis zum Kopf 87, im ganzen also »632« Fuß mißt, hatte schon Bendix in seiner urkomischen Menagerie. Indessen war ein Zigarrenstummel, den Kaufmann für den Stummel von Portorico, um den die Amerikaner mit den Spaniern dreiviertel Jahr lang Krieg geführt hatten, erklärt, seine Original-Erfindung. Sehenswert war sein Café Bauer, das aus einem Vogelbauer mit einer darin aufgehängten Kaffeetasse besteht. Weitere Seltenheiten waren ein Fläschchen mit Maurerschweiß; etwas eingetrocknetes Eis, das Nansen vom 91. Breitengrade mitgebracht hat, das aber über Nacht gestohlen wurde; einige diskrete Toilettengegenstände aus der Garderobe der Prinzessin Chimay; die weiße und schwarze Binde des Kommerzienrates Kühnemann, mit ersterer eröffnete, mit letzterer schloß er die Berliner Gewerbe-Ausstellung, abgesehen von dem großen Defizit; eine Mandel Eier des Kolumbus; eine Sprosse von der Leiter, die Jacob im Traum sah; der Brautschleier von Kanaan und der Wein jener bekannten Hochzeit, der nach dem Ableben Christi leider wieder zu Wasser wurde; die Trauringe von Adam und Eva; der Ärmel, aus dem der schreibwütige Dr. Wippchen in Bernau seine Kriegsberichte schüttelte; der Schädel Gottfrieds von Bouillon, als er drei Jahre alt war, und der Schädel desselben Mannes nach der Eroberung von Jerusalem; die Pistole von dem Dynamitattentat auf König Salomo, als er einem Eisenbahnschaffner in Nebraska ein polnisches Achtgroschenstück gab.

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Das betriebsame Modell.

Besagter Räudel blieb eines Tages mitten in der Woche vom Modellsitzen in der Klasse fort. Viele Wochen und Monate. War in seiner Wohnung nicht aufzufinden und Zuschriften erreichten ihn nicht. Ein Jahr mochte es her sein, da erschien Räudel wieder auf der Bildfläche, kurz geschoren, gut rasiert, freundlich und nett, als ob nichts geschehen sei. Da für die Klasse zur Zeit ein Modell gebraucht wurde, nahm man ihn dort an. Ich selber konnte ihn auch gerade verwenden, und so saß er denn bei mir ebenfalls ein paar Stunden. Nervöses Zucken seiner Finger veranlaßte mich, zu fragen, ob er etwa die Zeit über hätte Wolle zupfen müssen? – Beliebte Tätigkeit eingelochter Personen. – Er antwortete nicht, machte aber ein ernstes nachdenkliches Gesicht. Endlich konnte er es denn doch nicht bei sich behalten. »Sehen Se, so gemein sind die Menschen! Ich habe doch so'ne gute Handschrift, worauf mein Vater immer gehalten hat. Und da mach' ich mir denn zum Frühjahr immer so 'ne Stücker sechs verschiedene Atteste und 'n Lebenslauf mit der Bitte um gütige Unterstützung. Ich kenne doch hier um die Potsdamer Brücke rum alle die mildtätigen Herrschaften, die für unsereinen wat tun. Acht alleine in der Matthäikirchstraße! Die Herrschaften besuch ich alle zweimal im Jahre, im Frühjahr und im Herbst, Da wohnt in'n Eckhause ein Professor, den ich auch besuchen wollte. Es war'n Sonntag vormittag, und de Glocken läuteten. Und wie ich mir da gerade de Haustür aufgezogen habe, da kommt so'n dreckiger Kerl, der blinzelt mit de Augen und nickt mir freundlich zu. Na, ich sehe doch ganz proper aus und gehe die zwei Treppen rauf und er immer hinterher und nickt mich jedesmal so vertraulich an, wenn ich mich so ganz ernst nach ihm umsehe. ›Nanu,‹ denk ich, ›man jo nich vorkommen lassen‹ – aber nee, der Kerl, der wart't ganz ruhig und macht mit de Hand als wie: na, klingle du man erst! Das tu ich denn auch. Einen Augenblick später kommt der Herr Professor raus im Schlafrock, und ich übergebe ihm mein Schreiben mit einer elejanten Verbeugung. Das muß ihm wohl gefallen haben, denn er sah ganz freundlich aus. Wie er das Gesuch aber wieder zusammenmachen will, da packt mich der dreckige Kerl von hinten und sagt: ›Na, Herr Professor, den hätten wir nu, den nehm ick mir jleich mit.‹ – Und das war en Jeheimer! Hat mich doch der jemeine Mensch ausspijeniert und die ganze Zeit aufgelauert. Is das nich ne Gemeinheit? Da schreibt man stundenlang mit der schönsten Schrift seine Atteste, weil das mündliche Verfahren nich vornehm genug is, und denn wird man von so'n Menschen abgefaßt. – Und so habe ich den Herrn Kunstmaler und die Akademie so lange nich besuchen können. Aber so mach ich das nie wieder! Nu will ich gut bürgerlich werden und de ganze Sache mit de Kunst aufgeben. Denn ich habe jetzt 'ne Witwe mit einem gutgehenden Geschäft auf'm Kieker, die will mich heiraten. Na, und wenn ich erst das Geschäft habe, dann bestell ich mir auch das Bild von meiner Frau bei Ihnen.«

Hanns Fechner, »Mein liebes altes Berlin.«

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