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Der Urberliner in Witz, Humor und Anekdote

Hans Ostwald: Der Urberliner in Witz, Humor und Anekdote - Kapitel 10
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authorHans Ostwald
titleDer Urberliner in Witz, Humor und Anekdote
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Dichters Stimme

»Dämels Ecke hat das Wort!«

Von Wilhelm Raabe.

(Aus »Villa Schünow«. Verlagsanstalt für Literatur und Kunst, Hermann Klemm A.-G., Berlin-Grunewald.)

Wilhelm Raabe, dieser große Psychologe und bester Erkenner deutschen Wesens zeigt in der folgenden Verteidigungsrede des Berliner Hofschieferdeckermeisters Schönow, daß er auch den Berliner durchschaut hat und ihm gerecht werden kann. Schönow, der in einer Kleinstadt zu Besuch weilt, stößt in dessen Stammlokal »Dämels Ecke« mit dem reichen Stadtrat Liebelotte zusammen. Liebelotte hat einem im Sterben liegenden Veteranen von 1870 die Hypothek auf dessen Häuschen gekündigt. Darüber gerät Schönow, selbst ein Veteran von 1870, so »in die Wolle«, daß er den reichen Stadtrat hinausgrault und den zurückbleibenden Honoratioren gründlich seine Meinung sagt.

Hab ick et mich doch jleich jedacht, dat se mir den Nassauer, den Potsdamer, den Weltstädter, den Jardeleutnant und den alljemeenen deutschen Reiseonkel in eene Persönlichkeit uffmutzen werden! Wollen Sie jütigst auch was anderes nicht dabei verjessen, wenn Sie mal vater- und mutterlos uff die Jrenze zwischen Moabit und Martinikenfelde aus die Taufe jehoben werden sollten, meine Herren; nämlich det wenn auch jroßartige, so doch merkwürdige Jefühl, als eigentliche Wiege man bloß den ganzen Ersatzbezirk des siebten Brandenburgischen Infanterie-Regiments Nr. 60 – Ober- und Niederbarnim, Teltow und beiläufig ooch det bißken Städteken Berlin – zu haben! ... Wer hat da ebent det große Wort fallen lassen, Kameradschaft hin, Kameradschaft her?! Meine Herren, der vormalije Unteroffizier im siebten Brandenburgischen Infanterieregiment und jetzige Landsturm und Berliner Hausbesitzer Schönow bemerkt Ihnen doch, daß Sie in diesem Falle ihn mit Ihre bekannte verdeckte Anspielungen uff die bekannte Ansiedelung am Strand der Spree doch nur bis an die Pelle kommen. Det süße Innerste kriegen Sie damit noch lange nicht raus. Jetzt haben Sie im vorigen Jahr die Sechziger nach Düsseldorf verlejt und die Rheinländer und nicht mehr die Teltower, die Treptower, die Lützower, die Tempelhofer, die Rixdorfer, die Schmargendorfer, die Plötzenseer, die Weißenseer, die Stralauer, die Rummelsburger und det übrige unzälije Gänsekleen liefern mehr den Bedarf an Füssilierfleesch und Jrenadierknochen für 't Sechzigste. – Aber – Schönowen sein Heimatgefühl haben sie damit nich 'n Ende gemacht, und sein Kameradschaftsjefühle hält er uffrecht, so weit sie abens Punkte neune von Memel bis Metz det Volk und die Brüderschaft in Waffen mit dieselbe Trommel- und Hornmelodie ärgern und sie in die Kommißflaumfedern locken. Und in diesem Sinne, wie Joethe jesagt haben soll, trete ick immer als richtiger Berliner in jede Provinz, wo et sich um eenen Kameraden in Schwulibus handelt, möglichst feste uff, wenn et sich ooch um die höchsten sittlichen Fragen in Hinsicht uff die Hosentasche handelt, wie Rothschild, Bleichröder und die übrigen Klassiker in det Fach sagen. Und wenn mich jar noch mit alle Anspielungen uf die ollen verjährten Annexionen von Anno bis ans Ende von de Dinge, Dietrich von de Wilhelmshöhe und sonstige wirkliche dämliche Nassauereien uff den Pelz rücken sollten, so verkündije ich hier an Dämels Ecke jetzt nischt weiter als: jrade darum! ... Womit ick bloß sagen will, det man ja jedem seine persönlichen Jefühle jerne hochachten will, und doch bei außerjewöhnliche Jelegenheiten von ihm verlangen kann, daß er in einem speziell jejebenen Fall einmal jroß und nich bloß an seine anjeborene Privatranküne, oder wie jesagt, sein innigstes Portemonnaie denkt ... Ick hätte zum Exempel in Liebelottes Stelle jetzt nich det Kaptal in de Hundswede jekündigt; und wat hab ick denn anderes verböst, meine Herren, als daß ick det offen ausjesprochen habe? Det er daruff sofort hinjing und nich mehr sang, is mir für die alljemeene Jemütlichkeit hier am Tische zwar een Verlust! Aber da könnte doch jeder kommen und jleich seine – Jeige unterm Arm nehmen, wenn zufällig 'ne neue Variation von die schöne Melodie »Seid umschlungen Millionen« uff's Pult jelegt wird. Det ick jetzt mein Instrument darniederlege, hat einen anderen Jrund. Garçon, ankere eenen! Wat unser soeben leider hinjejangener Freund, wie ick vernahm, noch in die Tür Berliner Wind in mir nannte, habe ick vollkommen ausjeflötet – die reene Nachtigall nach Johanni. Wilhelm Schönow is mein Name und – Dämels Ecke hat das Wort.«

*

Die Börsemnänner.

David Kalisch: »Einmalhunderttausend Taler«.

( 2. Akt. Zehnter Auftritt. Zwickauer, dann Zittauer.)

Zwickauer: Sechzehn – bis siebzehn, achzehneinhalb, macht dreiviertel – ein sechstel Courtage – ist neunzehn – zwanzigdreiviertel.

Zittauer ( tritt ein, ihn auf die Schulter klopfend): Sagen Sie, mein Allerwertester, was halten Sie von diesen Leuten hier?

Zwickauer: Faul – sehr faul! Oberfaul!

Zittauer: Ich sage Ihnen, mein Allerwertester, fein, pikfein, gediegene Dukaten.

Zwickauer: Ich sage Ihnen, mein Allerwertester – Sie irren sich. Ein retournierter Kaufmann muß sich jetzt sehr in acht nehmen und immer die goldene Mittelstraße – das miste Milieu beobachten. Andere Leute flankieren hin und her, des Morgens sind se konservativ, des Mittags sind se liberal, und des Abends sind se ratzekahl! Aber ich bin vorige Woche gereist auf der niederschlesischen Eisenbahn – bin ich zu sitzen gekommen mit dem Bankier Meier in einem Coupee – in Kohlfurt haben mer uns gekreuzigt und zusammen noch gegessen mein Leibgericht: Beefsteak mit Ei und Moustache-Sauce. Hat er mir gesagt: Wissen Sie, was Goethe sagt?

Zittauer: Nein!

Zwickauer: David Strauß.

Zittauer: Nein!

Zwickauer: Karl Gutzkow?

Zittauer: Nein – wer kann alle Jüden kennen.

Zwickauer: Nu wer' ich Ihnen sagen, was Goethe sagt in seiner Iphigenia auf Tauris:

»Es soll der Mensch nicht mit den Göttern wandeln –
Er muß ja doch auf jenen Höhen schwindeln!«

Schwindeln? Verstehen Sie die feine Anspielung von Goethe?

Zittauer: Was kommt mir raus von Goethe? Sagen Sie mir lieber – ist die Abendpost schon da? Haben Sie schon Hamburger Bericht?

Zwickauer: Louis ( spricht Loujih) hat mer'n eben gebracht!

Zittauer: Was kommen Märker?

Zwickauer: Vierzehndreiachtel!

Zittauer: Steele-Vohwinkler?

Zwickauer: Siebzehneinhalb.

Zittauer: Geben Sie?

Zwickauer: Ich nehm' – ich nehm'.

Zittauer: Haißt 'n Kunstüück – ich sage Ihnen, mein Allerwertester, mer werden geben achtzehn.

Zwickauer: Ich sage Ihnen, mein sehr Allerwertester – Sie werden nicht geben achtzehn – Sie werden gehen ächzen! Beide ( gehen nach dem Hintergrund ab).

*

Ein Abend in Stralau.

Aus Kalisch: »Einmalhunderttausend Taler«.

Gartenanlage am rechten Spreeufer in Stralau. Der Hintergrund zeigt den Blick auf Treptow und Berlin.

Rechts Gastwirtschaft Stullmüllers mit einem großen Schilde: »Restaurationslokal«. Darunter ein kleines Schild: »Echt bayrisch Lagerbier«. Auf einem andern liest man: »Kalte und warme Speisen zu jeder Tageszeit.« An der ersten Kulisse links Lauben mit Tischen und Stühlen. An der vierten Kulisse links eine Falltür, die in den Keller führt. Rechts am Wasser hohe, dichte Baumgruppen. An einem Baume ein Zettel mit den Worten: »Um Irrungen zu vermeiden, bittet man, gleich zu zahlen.«

Erster Auftritt.

Stullmüller, Wilhelmine. Beide sind auffällig stärker geworden.

Wilhelmine ( im Hause, ruft): Stullmüller!

Stullmüller ( in der Kulisse links): Was ist denn, Minneken?

Wilhelmine (wie oben): Hast du deine neue Kappe aufgesetzt und die frische Schürze vorgenommen?

Stullmüller ( wie oben): Ja, Olleken.

Wilhelmine ( kommt mit Tellern, Tischtuch, Servietten usw. aus dem Hause und serviert in einer Laube den Tisch.)

Stullmüller ( kommt von links in einer sehr bunten kurzen Jacke, weißer Schlafmütze und Schürze. Er hat ein großes Messer und eine Ente in der Hand, die er rupft).

Wilhelmine ( ihn ansehend, barsch): Wie siehst du denn wieder aus, Mensch – warum hast du denn nicht deine neue Jacke angezogen? He?

Stullmüller ( gehorsam): Sie – sie – ist mir zu enge, mein Herze, – ich komme nicht mehr rin.

Wilhelmine ( den Tisch deckend): Ich habe sie dir doch erst vor vier Wochen gekauft?

Stullmüller ( wie oben): Ja, kann ich dafür, daß du mich so gut futterst? Bei dir schlägt ooch allens gut an. Wir werden alle Tage stärker.

Wilhelmine: Na, ich esse doch fast gar nichts!

Stullmüller: Ich auch nicht. Des Morgens höchstens drei bis vier Semmelkens zum Kaffee, um zehn Uhr einige wenige Schinkenstullen und 'n Paar Grünthaler, uff'n Mittag etwas Bouillon, 'ne unbedeutende Hammelkeule, zwei große Weiße höchstens und 'n paar petit Kümmelken, na, und gegen Abend da muß man nu schon was verzehren, wegen die Gäste, damit se Appetit kriegen, und 's bayersche Bier kann man deswegen och nicht verachten. Wie gesagt – essen wie essen – aber – trinken.

Wilhelmine: Trinken –? Ja – das werde ich dir noch abgewöhnen – du wirst dich noch zuletzt krank machen.

Stullmüller: Krank!? – Ja – ich bin schon etwas leidend. ( Kläglich.) Ich weiß gar nicht, was das ist – des Morgens immer ungeheuren Durst – des Mittags fürchterlichen Magenkrampf und des Abends ein unwiderstehliches Gefühl nach Schlaf und Bequemlichkeit mit leidenschaftlicher Sehnsucht nach Ruhe und Häuslichkeit.

Wilhelmine: Das werde ich dir alles abschaffen – mein Junge – hab' ich dir deswegen geheiratet – daß ich den ganzen Tag allein arbeiten kann und du spazieren gehst – lungerst und angelst – höchstens 'n paar Krebse fängst?

Stullmüller ( für sich laut): Sie hat heut' wieder ihre gute Laune und rächt sich in der Gegenwart für die Vergangenheit.

Wilhelmine: Was hast du wieder zu räsonieren?

Stullmüller: Jar nichts – ich meine bloß, was das heute wieder für schönes Wetter ist! Aber sag' mal, Minneken, warum soll ick mir denn gerade heut' meine neue Jacke anziehen.

Wilhelmine: Das wirst du schon erfahren!

Stullmüller: Und für wen sind denn die beiden Gänseriche, die ich gerupft habe, und dieser Enterich?

Wilhelmine: Das wirst du schon hören!

Stullmüller: Und für wen deckst du denn eigentlich da so viel Kuverts, liebes Minneken?

Wilhelmine ( barsch): Das wirst du schon noch sehen!

Stullmüller: Ah – so – nu bin ich befriedigt!

Wilhelmine ( zu ihm tretend, keifend): Eens ist gewiß, des nämlich diese Anstalten nicht deine frühern Amouren gelten, deine Ballettbekanntschaften, deine Choristenliebschaften, deine Almas und Normas!

Stullmüller: ( für sich) Almas – ach, so muß es kommen, wenn man mit Geld heiratet!

Wilhelmine ( wie oben): Und das sage ich dir – ich soll nur noch einmal merken, daß du, wie neulich, die jungen Mädchen von de Berliner Wasserpartien die Cour machst, freundliche Gesichter schneidest –

Stullmüller: Gesichter schneid'st?! Du schneid'st dich – Ophelia! Ich habe nie –

Wilhelmine: Sei stille, Schwiemelinsky, ich kenne dir und deinen früheren Lebenswandel – ich habe noch nicht vergessen, wie du mich mal auf jenem Ball behandelt hast –

Stullmüller: Ach – immer wieder die alte Geschichte!

*

Der Dichter.

Aus »Leberecht Hühnchen« von Heinrich Seidel.

In diesem Augenblick kam ein sonderbares Individuum an dem Garten vorüber. Ein Mann mit etwas zu kurzen Hosen, die unten ausgefranst waren, und mit einem Rocke, der in den Tagen, ›da Berta spann‹, wohl einmal braun gewesen sein mochte, jetzt aber überall in ein unbeschreibliches Grün hinüberschielte, sowie mit einem Hute aus der Konfliktszeit, der ihm zu klein war. Der Mann lehnte sich über den Zaun und sah mit seinen etwas verschwommenen Äuglein eine Weile teilnahmsvoll auf den Garten hin.

»Bei der Witterung wachst et«, sagte er dann.

»Jawohl«, antwortete der Doktor.

»Een zu scheener Maimonat«, sagte dann wieder der Mann, »wie er ins Gedicht steht.«

»Gewiß«, erwiderte Havelmüller.

»So'n Dichter kriegt zuletzt doch immer recht!« äußerte der sonderbare Fremdling wieder.

»Natürlich,« erwiderte der Doktor, »denn wie singt schon Friederike Kempner:

Die Poesie, die Poesie,
Die Poesie hat immer recht!«

»Scheen gesagt!« sagte voll Anerkennung der Fremde. Dann druckste er eine Weile zögernd vor sich hin und schoß endlich mit der Frage hervor:

»Kennen Sie den Dichter Liebig?«

»Meinen Sie den, der den Fleischextrakt erfunden hat?« fragte unser Freund.

»Nee,« antwortete jener, »nich mal mit ihn verwandt.«

Dann nahm er langsam seine runzliche Hand hervor, und nachdem er damit eine Weile nachdenklich die achttägigen Bartstoppeln an seinem Kinn gerieben hatte, begann er wieder: »An den hat sich die Menschheit ooch versündigt.«

»Wieso?« fragte der Doktor.

»Na,« antwortete er, »Schillern und Kotzebuen und Quida'n kennt jeder, wer aber kennt Liebigen? Sie ooch nich. Und ick weeß doch, dat Sie'n Doktor sind und haben Bildung gelernt. Aber det macht der Brotneid heitzudage. Sie lassen eenen nich uffkommen. Et is 'ne heuchlerische Krokodilenbrut, sagt Kotzebue. – Kennen Sie Kleisten sein Grab am Wannsee? – Den haben se verkannt, und er hat sich dotgeschossen. Haben Sie neilich in die Zeitung gelesen, von Lindnern? Den haben se ooch verkannt, und er is verrückt geworden. Ebenso verkennen se Liebigen, und wie't mit den noch mal kommen wird, det weeß ick nich. Mahlzeit die Herrschaften.«

Damit wandte er sich energisch ab und schob, allerlei Unverständliches vor sich hinmurmelnd, gesenkten Hauptes weiter.

»Kinder, Kinder,« sagte Doktor Havelmüller dann, als der Mann außer Hörweite gekommen war, »mir ist vorhin, als dieses Individuum seine letzte Rede hielt, eine Erleuchtung gekommen. Das war nämlich der Dichter Liebig selber. Ich habe bereits von ihm gehört. Er betreibt neben dem beschaulichen und nachdenklichen Gewerbe des Topfbindens auch die Kunst, einige kümmerliche Scherben alter gebrauchter Reime durch den dünnen Draht fadenscheiniger Gedanken zu sogenannten Gedichten zu verbinden. Seht, lieben Freunde, nun habt ihr zum Schluß auch noch ein verkanntes Genie hiesiger Gegend kennengelernt, nun könnt ihr in Frieden nach Hause fahren.«

*

Bei der Silvester-Bowle.

Aus: »Die Familie Buchholz« von Julius Stinde. Verlag G. Grote, Berlin SW 11.

Bei uns geht es nämlich mit dem Silvesterabend um. Einmal wird er bei Krauses gefeiert, in dem folgenden Jahr bei Bergfeldts und dann bei uns. Wir hatten ihn zuletzt gehabt, und somit waren Krauses dran. Wie aber sollte es mit Bergfeldts werden?

Die Bergfeldten hatte mich tödlich beleidigt; ich kann nicht sagen, wie ich mich geärgert habe, ja ich hätte sie zu meinen Füßen sterben sehen können, und wenn sie mich um einen Tropfen Wasser gebeten hätte, würde ich ihr Vitriolöl gereicht haben! – Doch nein. Diese Gefühle bestürmten mich nur im ersten Moment und waren auch wohl schuld daran, daß ich das Gallenfieber bekam; jetzt, nachdem ich mich ordentlich ausgeseucht habe, denke ich nicht mehr so intolerant und schäme mich ordentlich, daß jemals solche Gedanken in meinem Busen aufsprießen konnten. Damit will ich aber keineswegs eingestanden haben, daß die Bergfeldten ohne Schuld sei. Im Gegenteil, sie war es, die anfing.

Also Krauses waren dran! – Herr Krause kam denn auch zu uns, um uns zu bitten, und mein Karl nahm die Einladung ohne weitere Überlegung an. »Karl!« rief ich, mit einer Kleinigkeit Schärfe im Ton: »Weißt du denn auch, ob die Bergfeldten da sein wird oder nicht?« – »Gewiß!« erwiderte mein Mann trocken, »wir sind alle die Jahre am Silvester zusammen gewesen, und werden es diesmal auch!« – Er sagte diese Worte mit einer Bestimmtheit, die ich lange nicht an ihm bemerkt hatte. Während er sprach, fixierte ich ihn deshalb mit meinen Augen, aber obgleich er diesen Blick kennt, sah er nicht weg, sondern hielt ihn ruhig aus.

»So?« rief ich. – Weiter sagte ich kein Wort, aber in diesem »so?« lag etwas drin, daß mein Karl doch einen Schreck bekam und man ihm ganz gut ansehen konnte, wie es ihm vor Angst trocken im Munde ward.

»Liebe Frau Buchholz«, nahm nun Herr krause das Wort, »ist es denn nicht möglich, daß Sie verzeihen können? Sehen Sie, draußen in der Welt gibt es Unfrieden genug, und Haß und Zwietracht wird an allen Enden gesäet. Sollen diese bösen Dämonen auch das Familienleben zerstören, alte Bande der Freundschaft zerreißen und uns um die wenigen Freuden bringen, die aus dem humanen Zusammensein hervorblühen?« – Ich kämpfte eine Weile mit mir selber. »Nein,« sagte ich darauf: »Mit Dämonen mag ich nichts zu tun haben; ich hab' noch genug von neulich, als das dämonische Weib mir erschien. Und niemand soll mir nachsagen, daß ich nicht human wäre. Sie haben so schön gesprochen, Herr Krause, daß es unrecht von mir sein würde, wenn ich nicht nachgäbe! Natürlich aber muß die Bergfeldten mir das erste Wort gönnen, sonst bleibt's beim alten.«

Herr Krause garantierte für die Bergfeldten, und so versprach ich denn, daß wir kommen würden.

Kaum war Herr Krause gegangen, als ich zu Karl sagte: »Er hat doch wohl recht. Es ist besser, wir leben in Frieden, als im Streit; wozu auch das ewige Maulen? Aber die Weihnachtskleider der Kinder müssen noch bis zum Silvester fertig werden, und das neue Medaillon mit dem großen Diamanten, das du mir geschenkt hast, werde ich tragen. Soweit bringen Bergfeldts es doch nie!« – –

Der Abend kam. »Wir wollen nicht die ersten sein,« sagte ich, »es sieht so gierig aus, wenn man zu präzise antritt.« – »Wie du meinst,« erwiderte Karl, »aber bedenke doch, wir gehen nicht in Gesellschaft, sondern zu Freunden!« Ich blieb jedoch auf meiner Meinung bestehen, und wir warteten daher so lange, bis der kleine Krause kam und sagte, sie wären alle da und die Schlagsahne finge schon an dünne zu werden, Mama könnte sie nicht länger halten. Da machten wir uns denn auf den Weg. Als wir ankamen, ließ ich meinen Mann eintreten, dann folgte ich in hellgrauer Seide, etwas ausgeschnitten, mit dem neuen Medaillon, begleitet von den Kindern, die in ihren Weihnachtskleidern sehr vorteilhaft aussahen. Alle standen auf und wir begrüßten uns. Krauses waren sehr herzlich, desgleichen Herr Bergfeldt, aber sie, die Bergfeldten, machte eine Verbeugung, die acht Tage auf Eis gelegen hatte. Mir versetzte es ordentlich den Atem, zumal die Krausen mich auf das Sofa neben die Bergfeldten nötigte. Es war eine Angstpartie, und da sie alle das bemerkten, redete keiner ein Wort: es flog ein Riesenengel durch das Zimmer. Mit einem Male unterbrach Onkel Fritz die fürchterliche Stille, indem er laut ausrief: »Es kann heute ja noch recht gemütlich werden!« – Alle fingen an zu lachen, während ich und die Bergfeldten rot übergossen auf dem Sofa saßen. Nun kam es darauf an, zu zeigen, wer von uns die Gebildetste sei, und deshalb rief ich: »Das wird es auch wohl noch!« und hierauf antwortete die Bergfeldten: »Es ist ja nur einmal Altjahrsabend im Jahre!« Dem stimmten denn auch alle bei, der Tee kam und nach dem Tee Kirschmarmelade mit Schlagsahne für die Damen und Bier für die Männer, und ehe ich mich versah, war ich mit der Bergfeldten im Gespräch ganz wie früher. Während die jungen Leute »Taler wandern« spielten – Onkel Fritz ließ den Taler mitwandern und brachte die ganze junge Gesellschaft immer ins Lachen – unterhielten wir älteren uns über dies und das, bis wir zu Tisch gingen. Die Bergfeldten hatte mir erzählt, daß der Student, Herr Weigelt, sich sehr nett herausmache und nächstes Jahr wohl Assessor sein würde und dann Auguste heiraten könnte, und ich mußte ihr versprechen, zur Hochzeit zu kommen. Es war ganz wie zu alten Zeiten. Herr Krause hatte auch wohl mit ihr geredet, und so konnte man deutlich sehen, daß ein vernünftiger Mann doch viel Gutes stiften kann, wenn er die Gelegenheit dazu wahrnimmt. Überhaupt wünschte ich in diesem Augenblicke, daß mein Karl in dieser Beziehung etwas von Herrn Krause abhätte, so sehr ich sonst im übrigen mit ihm zufrieden bin.

Bei Tische war es wieder außerordentlich nett. Wir saßen zwar ein bißchen sehr eng, aber es ging doch. Erst hatten wir Mohnpielen, dann Karpfen mit Meerrettich und dann Rippespeer mit Kompott, zum Schluß gab es Eis. Mitten auf dem Tisch stand eine Bowle. Herr Krause und Onkel Fritz schenkten ein, und wenn sie leer war, kam Frau Krause mit einem großen Topf und goß sie wieder voll. Wir wurden nun zusehends fideler. In den Pausen sangen wir Lieder, die Onkel Fritz auf dem Klavier begleitete. Vor dem Fisch sangen wir: »Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein«, und vor dem Braten, »Wir gehn nach Lindenau«, wozu Onkel Fritz eine ganze Masse neuer Verse gemacht hatte, die er solo vortrug, und wobei wir andern immer nur den Refrain sangen. Nein, wie haben wir gelacht! Einen Vers hatte er auf mich gedichtet, in welchem er sagte, ich würde überall gelesen, »sogar in Lindenau!« – Es war zu spaßhaft, auch der kleine Eduard stimmte mit ein und noch den ganzen Abend sang das Kind vor sich hin: »Wir gehn nach Lindenau!«

Als wir das Eis »intus« hatten, wie der Student, Herr Weigelt, zu sagen pflegt, erhob sich Herr Krause, sah nach der Uhr und klopfte an sein Glas, um die Rede auszubringen. Er wurde mit einem Male sehr still und feierlich, und auch der kleine Krause hielt mit dem Singen inne, nachdem sein Papa ihm einen milden Klapps verabreicht hatte. Was Herr Krause nun sprach, war wirklich sehr wohltuend. »Dem neuen Jahre«, so etwa sprach er, »jubele man zu, als wenn es die Macht hätte, alle Hoffnungen und alle Wünsche, selbst die eitelsten und die gefährlichsten zu erfüllen, während man das alte Jahr verabschiede, wie jemanden, der mehr versprach, als er habe halten können, ohne Mitleid und ohne Bedauern. Und doch sei das alte Jahr während 365 Tagen unser Freund gewesen und habe uns im bunten Wechsel Freude und Leid gebracht, wie der liebe Gott es für gut halte. Die Freude ermutige den Menschen, das Leid läutere ihn, beide aber hätten sie das Gemeinsame, die Herzen der Menschen einander zu nähern, und wo wahre Liebe zu Hause, da lege sich jedes Jahr einen neuen Ring um die, welche sich liebten, daß sie nimmer voneinander lassen könnten. Und das wollten wir auch von dem neuen Jahre hoffen: Was es auch bringe, die Liebe möge es festigen.« – Als Herr Krause geendet, schlug es im Nebenzimmer dumpf zwölf und wir stießen mit den gefüllten Gläsern an. Da rief plötzlich der kleine Krause: »Es hat dreizehn geschlagen.« – Und so war es auch. Onkel Fritz, der im Nebenzimmer mit der Feuerzange die Glocke schlug, hatte, wie stets, wieder einmal Unsinn gemacht. Wir lachten jedoch und ließen uns nicht weiter stören, obgleich dreizehn keine angenehme Nummer ist.

Onkel Fritz hat eben etwas reichlich Freigeistiges an sich.

Wir blieben noch bis gegen zwei, dann brachen wir mit dem Bewußtsein auf, einen recht frohen, gemütlichen Abend verlebt zu haben. Die Bergfeldten lud uns zu ihrem Geburtstag ein, der nächstens ist, und ich sagte zu. So wäre denn das Kriegsbeil zwischen uns begraben.

Unterwegs sprach ich mit meinem Manne darüber, wie prächtig es doch von Herrn Krause gewesen sei, die Versöhnung zwischen mir und Bergfeldts herbeizuführen. – »Warum sollte er auch nicht,« antwortete mein Karl, »ich hatte ihn ja darum gebeten!« – »Du, Karl?« – »Mir tat euer Zwist längst in der Seele weh!« – »Mein Karl!« – Weiter sagte ich nichts, aber ich fiel ihm um den Hals und gab ihm einen tüchtigen Kuß. »Wilhelmine!« rief er ganz überrascht. – »Du bist doch der beste Mann auf dem Erdboden,« sagte ich, »du hast das Herz auf dem rechten Fleck, nur nicht immer den Mund!« – »Das hat seine guten Gründe,« lachte er, »dafür sprichst du für zwei!« – »Aber Karl ...!« – »Laß gut sein, Kind, es soll im neuen Jahr bleiben wie im alten!« –

So feiern wir Silvester bei uns in der Landsberger Straße. Hoffentlich ist eine von meinen Beiden am nächsten Silvester verlobt und auch für Onkel Fritz wird sich wohl etwas Passendes finden; für den wird es nachgerade Zeit. Prosit Neujahr!

*

Witwe Parutschke.

Von Leo Heller.

Aus: »So siehste aus – Berlin«.

Jeder hatte eine Schaufel voll Erde auf den schöngeschnitzten Sarg in der Grube geworfen, dann schritten sie langsam den breiten Friedhofsweg hinunter, dem offenen Tore zu. Voran Frau Hermine Parutschke, die Witwe, begleitet von den besten Freunden ihres verstorbenen Gatten: dem einstigen Schutzmann und gegenwärtigen Gefangenaufseher Walter Nieberding und dem Besitzer eines kleinen Magazins für Herrenbekleidungsartikel, Karl Puschik. Alle drei verharrten in tiefem Schweigen.

Vor dem Kirchhoftor stand eine Droschke. Auf dem Bock saß der Kutscher und schlief.

»Heda!« rief Herr Nieberding, der an den Wagen herangetreten war, dem Kutscher zu. Da dieses »Heda!« noch aus seiner Schutzmannszeit herrührte, wurde der Kutscher sofort munter und sah auf Nieberding und die Witwe und Herrn Puschik, die inzwischen auch vor dem Wagen Aufstellung genommen hatten, vom Bocke herab.

»Wat heeßt Heda? Se Ham doch jesehn, det ick'n bißken jedöst habe!«

»Se ham aba nich uff'm Bock zu penn'n, Mann. Det is jegn de Vorschrift, Mann!«

»Ach wat, Vorschrift hin, Vorschrift her! Man is eben nischt als'n Mensch, der ooch seine Bedirfnisse hat. Un denn: konnte ick wissen, det se'n so schnell injebuddelt ham? Det dauat bei de Normalen eene janze Weile lenga! Se ham'n woll durch Eilbotn besorcht, wat?«

»Mensch, halt'n Se de Klappe! Det is doch de Witwe von!«

Herr Puschik hatte sich beeilt, den Wagenschlag zu öffnen, um Frau Parutschke beim Einsteigen behilflich zu sein.

»Wolln wa wieda in de alte Ordnung zurickfahren?« wendete sich Herr Puschick an Herrn Nieberding. »Sie hintn neben der Olln, ick meene natürlich unse hochvaehrte Frau Parutschke, und ick vorn, uff de schmale Seite?«

»Nee,« erwiderte Nieberding, »det kann ick nu nich annehm. Nu lassen Se man mir uff det Brett setzn. Ick sehe Frau Parutschke zu jern int Jesichte. Und meine Schwarze wird von det Schtindken Droschkenfahrt uff's Harte ooch nich jleich zu schpiegeln besinn.«

»Wo'n soll ick denn fahrn?« kam es vom Bock herunter.

»Wo'n a fahrn soll! De Droschkiers sind seit'n Novemba ooch schon janz dußlich jeworn! Nach'n Drauerhaus retour: Krausen 26.«

Die Droschke setzte sich noch immer nicht in Bewegung.

»Na, wat is?« rief Herr Nieberding und steckte seinen Kopf zum Wagenfenster hinaus.

»Ach, nu is mir wieda der Jaul injeschlafen! Det macht de Schtimmung, det passiert ma imma so bei meine Kirchhofstouren.«

Der Kutscher schnalzt mit der Zunge, schlägt mit der Peitsche und schreit »Hüh!« Endlich gerät der Wagen ins Rollen.

»Sagn Se,« beginnt Herr Nieberding nach einer Pause das Gespräch, »sagn Se, Frau Parutschke, wat halt'n Se in eenfort den Koop so schief? Ham Se draußen een Zuch wechbekomm?«

»Ach nee,« antwortete die Witwe, »sehn Se denn nich, det mein lange Drauaschleia zwischen de Dhire injeklemmt is? Ick kann mir doch nich jrade setzn, sonst reißt mir doch det janze Ding kaputt. Der Meta een Marke fünfzehn ...«

Beide Herren springen jäh empor. Nieberding reißt die Droschkentür auf.

»Nu kenn Se doch wenichstent wieda den Kopp jrade haltn, Frau Parutschke, det is doch ne Aleichterung for Ihn, wat?«

»Ach ja!« sagte die Witwe, holt aus ihrer schwarzen Handtasche ein großes Taschentuch, entfaltet es und bedeckt damit ihre Augen.

»Mein arma Gotthilf,« weint sie in das Tuch.

Nun findet es Herr Puschik richtig, in das Gespräch einzugreifen. Er greift aber nicht nur in das Gespräch ein, sondern auch nach dem Arm der Witwe, der durch seine Rundung eben nicht reizlos ist.

»Lästan Se man nich, Frau Parutschke, Jotthilft is woll. Jott hat ihn jeholfn. A weeß von nischt mehr, a heert von nischt mehr, a sieht von nischt mehr ...«

»A wa en juta Mann ...«

»Det wa a,« bekräftigt Herr Nieberding, der von seinem engen harten Platz aus immer bemüht ist, mit den Knien der Witwe in Berührung zu kommen. »Een juta Mann, ja, det is der Ausdruck forn. De Welt hat wat verlorn an'n. Aba man muß den Kopp nich hengen lassn deshalb, vaehrte Frau Parutschke. Wat Jott dhut, det is wolljetan. Und denn: Wie scheen leichtet da Morjenschtern! Wir sind alle Sinda, Frau Parutschke, aba Jott vajibt. Et jibt lauta Freisprüche dort obn. Det is de beste Schtrafkamma, wo mir habn, Frau Parutschke.«

»Ach heeren Se nur, Herr Puschik, wie nobel der Wachtmeesta schpricht. Det allens jeht eenem wie Balsam in de Seele. Ick weene ooch schon nicht mehr. Wat is denn de Taxe, Herr Nieberding?«

»Eens, zehn.«

»Wat, schon ieba Eens? Wa sind doch noch kaum 'n Ende jefahren.«

»Aba, et is doch Taxe drei.«

»Ach richtig, der Dod meines jutn Jotthilft hat mir janz um'n Vaschtand jebracht. Nu wird ooch de Wohnung janz leer sind.«

»Ja, ja«, seufzt Herr Puschik.

»Ja, ja«, seufzt Herr Nieberding.

»Ich werde mir nur schwer an de Einsamkeit jewöhn kenn'. Wenn ick Jotthilfn rufn werde, wird keena komm. Und dann firchte ick mir so in de leere Wohnung. Ick bin so nervjös! Imma, wenn et knackt, fahre ick zusamm.«

»Ja, ja«, seufzte Herr Nieberding.

»Ja, ja«, seufzte Herr Puschik.

»Ick werde mir det Mechen von Portje mit zum Schlafn nehm. Se is nur fast nie in de Nacht zu Hause ...«

Die Augen Nieberdings und Puschiks schießen Blitze gegeneinander.

Es entsteht eine lange Pause, an deren Schluß die Droschke hält.

Man steigt aus. Die Taxemeteruhr zeigt drei Mark, Puschik zieht die Börse.

»Aba Se werdn doch nich«, sagt Frau Parutschke.

»Ick werde«, erwidert Herr Puschik mit großer Energie. »Se kenn ma 't ja obn wieda retour jem«, setzt er etwas weicher hinzu.

»Denn darf ick de Herrn woll zu eene Dasse Kaffee bitt'n?«

Herr Nieberding schlägt die Hacken zusammen, Herr Puschik lüftet den Zylinder.

»Jehen Se voran, Frau Parutschke, et sind vier Dreppen, da sehe ick Se imma jern vor mir«, meint Herr Nieberding.

»Jott,« lacht die Witwe, »der Wachtmeesta hat doch imma seine kleenen Jalantrien im Koppe!«

*

Der Mann ohne »S«.

Von Hans Hyan.

Hinterhaus, vierter Stock. Links bei Juhrkes.

Herr Albert Juhrke, Falzer seines Zeichens, sitzt mit seiner Frau, einer kleinen, quabblichen, schwarzköpfigen Person, und seinem Freunde Bernhard Meier bei Tisch.

Pellkartoffeln und Hering hat's gegeben, 'ne feine Sache, aber man kriegt mächtigen Durst danach.

»Weeste, Albert,« – Bernhard Meier langt mit einer äußerst nonchalanten Bewegung in seine Billettasche – »du kenntest e'ntlich noch 'ne Weiße holen ... hier haste!«

»Jewitt, Bannad, gib man her!«

Herr Albert Juhrke hat eine kleine Hasenscharte, die seine Sprechweise hin und wieder ein wenig beeinflußt und ihn zwingt, das »S« jedesmal durch ein »T« zu ersetzen.

Er verduftete, und kaum ist er raus, so sinken sich Freund »Bannad« und der kleine, schwarze Wuschelkopf in die Arme und knutschen sich, was das Zeug hält.

Als draußen die Tür geht, fahren sie auseinander und warten mit etwas rosigen Wangen auf den Eintritt des Eheherrn.

»Na, Prot, Bannad!«

»Prost, Albert ... Donnerwettstock, die schmeckt aber fein ... wenn wa nur bloß ooch'n bißken Schluck hetten – Albert, komm, tu m'a den eenundzwanzigsten Jefallen und jeh noch ma' runter! ... Du weeßt doch, bei Müllern! meine Marke, die ick immer hole ... Juchtelfuchtel mit Pferdebittern! ja, wißte?«

»Na, jewitt, jib man det Geld her, Bannad! Kannte ma nich noch'n paar Jroschen for Szijaren jeben?«

»Aber selbstmurmelnd, Albert! – Hier, oller Junge, un nu beeil dir'n bißken!«

Albert verschwindet abermals. Aber wie er wiederkommt, haben die beiden Täubchen nicht genug aufgepaßt, und die Toilette der kleinen Quabbelichen ist etwas derangiert.

Der Gatte zieht die Augenbrauen sehr hoch, und das bekannte Engelchen fliegt durchs Zimmer. Nach und nach jedoch legt sich die Beklommenheit wieder, und Bernhard, dessen Appetit noch immer nicht gestillt ist, meint:

»Albat, wat meenste, woll'n wa nich noch 'ne Weiße –« Doch er kommt gar nicht zu Ende, denn voller Entrüstung erhebt sich sein Freund und sagt:

»Do? ... un wat macht't du daweile? – Mit meine Frau puttieren – – Nee, dat jiebt't nich mehr – – da hol' da man deine Weitte und dein' Napt alleene, vatete! –«

*

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