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Der Untermensch und andere Satiren

Rudolf Presber: Der Untermensch und andere Satiren - Kapitel 6
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Untermensch und andere Satiren
authorRudolf Presber
firstpub1905
yearca. 1916
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleDer Untermensch und andere Satiren
pages3-100
created20070322
sendergerd.bouillon
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Die lieben Kritiker.

Ich habe einen alten Herrn gekannt, der zog sehr schöne Rosensorten im Sommer und schrieb sehr üble Bücher im Winter.

Im Sommer lebte er auf seinem kleinen Landgut in einem Seitentälchen des Rheins, okulierte und ging mit seinem Riesenstrohhut – er soll in Panama gearbeitet sein und fünfzig Mark gekostet haben, was für einen Strohhut immerhin ein erstaunlicher Kaufpreis ist – spazieren. Er behauptete, seine Baumschule bringe ihm Berge Goldes ein; in Wahrheit lebte er von erfreulichen Renten, die ihm ein aus 250 Meter Höhe gefallener Onkel vermacht, just als er – der Onkel – den lenkbaren Luftballon erfunden zu haben glaubte. Mein Gott, jeder hat heute seinen lenkbaren Luftballon, für den er Geld, Knochen und Zukunft zu Markte trägt. Aber nicht jeder stürzt so hoch ab; und nicht jeder kann abstürzend einen Neffen in den Stand setzen, Rosen zu okulieren, neue Sorten zu züchten und im Winter Bücher zu schreiben, auf die der pietätlose Sortimenter sein Frühstück stellt . . .

Im Winter, wenn die zarten Rosenstämmchen zum Halbkreis gebogen ihre Kronen, mit Stroh und Tannenreisern sorgsam vor der Kälte geschützt, verbergen, schrieb der alte Herr Bücher. Die Bücher enthielten wunderliche philosophische Systeme, allerlei aphoristische Gedanken, die er mit den Blattläusen im Sommer von seinen jungen Rosentrieben abgelesen. Der Verfasser selbst stellte diese Bücher weit über Schopenhauers »Parerga« und sehr hoch über Nietzsche. Den einen schlug er – seiner Ansicht nach – in der Form, den andern in der strengen Logik. Er anerkannte beide; aber er war zufriedener mir sich.

Dieser angenehme alte Herr, den ich sonst schätzte, weil er im Schach ein geradezu vorbildliches Bauernspiel spielte, pflegte, wenn er von der Kritik sprach, zu sagen: »Es gibt dreierlei Sorten von Kritikern. Es gibt einen Kritiker, der ein aufgeklärter Mensch ist und der das Große groß sieht. Es gibt einen Kritiker, der so gerecht ist, daß er sich des eignen Urteils enthält. Und es gibt einen Kritiker, für den die Sprache nur zu zwei Zwecken erfunden ist: erstens, um Zeilenhonorar zu schinden; zweitens: um hinter dem Gewurstel seiner Phrasen zu verbergen, daß er ein Rindvieh ist.«

Das war derb. Aber er ließ es sich nicht ausreden.

Sah man näher zu, welche Kritiker bei ihm nun in Klasse I, welche in Klasse II und welche in Klasse III fielen, so erwies es sich, daß das Häuflein der »aufgeklärten« Kritiker seine Bücher gelobt – er sagte: »verstanden« – hatte; daß die »gerechterweise sich des eignen Urteils enthaltenden« Kritiker die von ihm selbst verfaßten Waschzettel seines Verlages abgedruckt hatten; und daß die im Rankenwerk der Phrasen versteckten . . . (ich schäme mich, das Wort zweimal zu schreiben, und bitte oben nachzusehen) genau die Leute waren, die seine Theorien für Unsinn und seine Ausführungen für belanglos erklärt hatten.

Der Mann war sehr glücklich in seiner Theorie. Es ist zweifellos ein herrliches Gefühl, von allen »aufgeklärten Menschen« geschätzt, gelobt und der Nachwelt empfohlen zu werden. Es ist eine Freude, zu erfahren, daß gerechte Beurteiler sich einem so imponierenden Kopfe gegenüber in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle nicht für kompetent erklären; und es muß den Schaffenstrieb des wahren Genius anregen, sich von dem R . . . . . . . unverstanden und angeblökt zu wissen.

Ich habe später den Nachlaß des Rosenzüchters und Dichters geordnet. Beim Okulieren hatte er sich mit einer rostigen Gartenschere in den Daumen geschnitten. Eine Blutvergiftung war die Folge. Wenige Minuten vor seinem Tode hat er noch Aphorismen gesprochen. Aphorismen von einer Deutlichkeit und sinnlichen Kraft des Ausdrucks, daß die ihn betreuende barmherzige Schwester erklärte, sie hätte ihn nicht weiter gepflegt, wenn er am Leben geblieben wäre.

In den Nachlaßpapieren fand ich unter minder Verständlichem den von schönem Selbstbewußtsein leuchtenden Vers:

Folgt das Geschrei der Tadler
Dem Flug in Sonnenwelten,
Was kümmert es den Adler
Wenn ihn die Spatzen scheltend

Die auf der Regentonne
Von Dingskirchs Markt sich blähen,
Auf steilem Flug zur Sonne
Kann sie der Aar nicht sehen!

Ein glühender Verehrer des Verblichenen hat mich als Testamentsvollstrecker zwingen wollen, diesen Vers auf das Grab des Verewigten meißeln zu lassen. Ich habe das abgelehnt mit der Begründung, daß ich mich auf den Steinen der Toten gern der Beschimpfung der Lebendigen enthalte. Der Jüngling hat dann meine getreue Pflichterfüllung als Testamentsvollstrecker angezweifelt, und es ist ein Beleidigungsprozeß entstanden, der drei Jahre geschwebt und dann mit einem Urteil geendet hat, das ich wegen seines entsetzlichen Deutschs nie zu Ende gelesen habe.

Da aber noch kein Gerichtsvollzieher kam, die Geldstrafe einzuziehen, scheine ich den Prozeß gewonnen zu haben.

 

 

Ich habe einen jungen Menschen gekannt, der trug die merkwürdigsten Schlipse und machte noch viel merkwürdigere Gedichte.

Er hatte die Erfindung gemacht, daß sich die Verse hinten und vorn reimen müßten und daß es sehr hübsch sei, wenn der Dichter ein übriges täte und auch in der Mitte noch einen Gleichklang anbrächte.

Es ist kaum zu verwundern, daß dieser »Neutöner« nur einen beschränkten Kreis von Bewunderern fand. Immerhin, es gab auch solche. Und da er neben seiner Liebe zur Dichtkunst noch ein von früh verstorbenen Eltern überkommenes gutgehendes Geschäft für Delikatessen, Südfrüchte und feinere Parfümerien besaß, so hatte der Mann zu leben. Mehr als das. Er hatte so viel Geld übrig, daß er eine Monatsschrift herausgab. Auf den fünfzehn ersten Seiten tobten er und seine Jünger ihren lyrischen Wahnwitz aus; auf den fünf letzten Seiten empfahlen er und seine Geschäftsfreunde ihre Seifen, ihren Kaviar und ihre Messinaorangen. Es gab materiell gesinnte Menschen, denen die fünf letzten Seiten lieber waren, als die fünfzehn ersten.

Der junge Mann kam zuweilen an unsern Stammtisch, und ich hatte die Freude, seiner besonderen Freundschaft gewürdigt zu werden. Wenn ich ehrlich sein soll, so basierte dieses schöne Verhältnis darauf, daß ich als vorsichtiger Mann erklärt hatte, ich verstände von der Lyrik gar nichts. Ob sich die Verse vorn, hinten oder in der Mitte reimten, sei mir mindestens so gleichgültig, wie die Beratungen einer Dorfältestenversammlung der Suaheli-Neger; und außer »Deutschland, Deutschland, über alles –« und zwei oder drei Programmnummern der Schwestern Barrison habe sich niemals ein Lied meinem Gedächtnis eingeprägt. Merkwürdigerweise zog dieses Geständnis den jungen Poeten mächtig an. Es scheint, daß sehr bedeutende Menschen eine Vorliebe haben für solche Vorurteilslose, für solche noch unbekritzelte Tafeln eines fremden Gehirns, die sie mit ihrem Stift beschreiben können.

Das Unglück fügte es, daß unser Nachhauseweg vom Abendschoppen derselbe war. Und da es in der deutschen Mittelstadt, in der wir damals lebten, abends immer sehr windig war, und ich aus Furcht, mich zu erkälten, ungern gegen den Wind sprach, so hatte der vortreffliche Poet immer das Wort. Besonders der Mondschein regte ihn an. Es ging ihm da wie den jungen Hunden, die auch nicht stille sein können, sobald die gelbe Riesenpomeranze im blauen Himmel hängt. Er quälte mich dann stets mit seiner Familiengeschichte, die zum Verständnis seines Talentes notwendig war. Eine Tante von ihm hatte überhaupt nur in Reimen gesprochen. Auch kurz vor ihrem Tode noch, der leider im Irrenhaus erfolgt war. Und eine Schwester von ihm hatte als Mädchen sehr schöne Gedichte gemacht mit leisen Anklängen an Heine und Eichendorff; bis sie einen Biskuitfabrikanten in Mannheim heiratete. Da hörte die Poesie natürlich auf.

Auf diesen weihevollen Gängen vom »Roten Krokodil« nach den heimischen Penaten ließ er sich auch über die Kritik aus, und ich habe mir manches Vortreffliche aus seinen Ausführungen gemerkt.

Ein Kritiker, sagte er, ist wie eine Schmeißfliege. Sehen Sie, so ein Stück Kuchen, auf das sich so ein Biest setzt, geht nicht davon kaput, es wird nicht vergiftet und nicht aufgebraucht. Aber es ist ekelhaft, davon zu essen, mein' ich.

Ein Kritiker ist wie eine Hornisse, sagte er, Vespa crabro. Sie kennen dieses peinliche Tier! Von sieben solchen Hornissen angegriffen fällt ein Pferd, das hundertmal größer ist. Und sehen Sie, der alte Pegasus ist nur ein Pferd. Er hat Flügel freilich. Aber die Hornissen haben auch Flügel. Und sieben Hornissen bringen ihn zu Fall.

Ein Kritiker ist wie ein Maulwurf, sagte er. Er gräbt sich Gänge unter der Erde, tief unter den Blumen; unter den Wurzeln der Blumen sogar. Dort macht er Jagd auf Engerlinge und Käferlarven und all so was, was noch nicht reif ist fürs Sonnenlicht. Und von Zeit zu Zeit wirft er mitten in den Blumenbeeten mit dem kräftigen Rücken und den breiten Schaufelpfoten einen abscheulichen Haufen auf, ganz nutzlos und zwecklos. Und dieser garstige Haufen sagt nur: Hier unten bin ich, hier unten grab' ich, hier unten freß' ich Engerlinge und Käferlarven; und um euern schönen, blumenreichen Ziergarten scher' ich mich den Teufel!

Ein Kritiker ist wie der weiße Elefant des Königs von Siam, sagte er. Alle Elefanten erzählen sich: Einer unseres Geschlechts ist am Hofe des Königs von Siam und wird sehr geehrt. Denn während wir alle braun sind oder grau und haben eine schmutzige Farbe, ist er ein weißer Elefant. Weiß vom Rüssel bis zur Schwanzspitze. Und in allen Ländern kennt man ihn und redet von dem weißen Elefanten des Königs von Siam . . . Wenn man aber nach Siam kommt und sieht sich den Elefanten an, dann ist er gar nicht weißer, als andere Elefanten. Nur irgendwo am Bein oder am Hinterteil hat er einen weißlichen Flecken, und er versteht's, sich immer so in seinem goldenen Stall zu drehen, daß man just den einzigen weißen Fleck auf der faltigen dicken Haut bemerken muß, der ihm den Ruhm eingetragen, daß er ein »weißer« Elefant ist.

 

 

Ich kenne einen steinalten Sonderling, der hat einmal in seinem Leben ein Stück geschrieben und drucken lassen.

Das sind vierzig Jahre her. Damals lebte Gutzkow noch und Otto Ludwig; und Gustav Freytag war längst durch die »Valentine,« die »Journalisten« und die »Fabier« bekannt geworden. An alle drei hatte der aus gutem Hause stammende Jüngling Empfehlungen. Und mit diesen Empfehlungen übersandte er jedem von den dreien ein Exemplar seines Dramas, in dem schließlich der Held die ungetreue Heldin im Angesicht der Mutter erdolchte.

Von Gustav Freytag kam zuerst Brief und Urteil: Talentvoll – aber aus den vier Akten hätten fünf werden müssen. Der Prosa sei in Anbetracht des Stoffes der Vers vorzuziehen gewesen. Und schließlich, es müsse jedes edlere Gefühl verletzen, daß die Mutter dabei stehe, wenn ihr Kind gerichtet, gemordet werde.

Dankbar sah der Jüngling das ein und begab sich eifrig an die Umarbeit. Mitten in diesem verdienstvollen Werk traf ihn ein Brief Gutzkows: Talentvoll – aber unreif. Aus den viel zu schleppenden vier Akten müßten drei zusammengezogen werden. Die Prosa sei zu veredeln und zu vertiefen. Und schließlich müsse die Heldin ihre Ruchlosigkeit vollmachen, indem sie den einst Geliebten töte. Diesem furchtbaren Vorgang empfehle es sich, seinen hilflosen, blinden Vater, nicht ihre Mutter, beiwohnen zu lassen. Was den Effekt außerordentlich steigern werde.

Dankbar mühte sich der Jüngling, auch das alles einzusehen. Er legte die nach Gustav Freytags Rat begonnene Änderung beiseite und begann nach Gutzkows Vorschlägen umzuändern. Als er mitten im dritten Akt war, traf ihn ein Brief Otto Ludwigs.

Talentvoll – schrieb er – aber dringender Verbesserung bedürftig. Die Einteilung der vier Akte müßte bleiben, aber das Ganze sei als derbes Bauernstück zu fassen, in diesem Sinne die Prosa zu verstärken und volkstümlicher zu gestalten – Heldin und Held müßten gemeinsam in den Tod gehen, aber ohne andere Zeugen als das Publikum. Es empfehle sich, die Mutter der Heldin schon zwischen den beiden letzten Akten durch Gift oder Gram zu töten.

Heute ist der Dichter reichlich siebzig Jahre. Er arbeitet immer noch an der Verbesserung seines Jugenddramas. Er hat alles schon versucht, die Wünsche der drei bedeutenden Berater in Einklang zu bringen. Er hat die Mutter und die Tochter und den Helden und seinen Vater schon abwechselnd getötet. In Prosa und in Versen. Aber immer, wenn er den einen der gestrengen Kritiker befriedigt hat, kommt ihm wieder der Brief des andern in die Hände und es scheint ihm, daß der recht hat.

Zweiunddreißig Fassungen des Dramas sind dem engeren Kreis seiner Freunde schon bekannt geworden. Aber zur Veröffentlichung einer einzigen ist er nicht zu bewegen.

»Ein ernster und echter Dichter,« sagt er, »muß jede kritische Anregung dankbar verwenden. Vor allem, wenn sie von bedeutender Seite kommt. Und ehe er dieser Anregungen gerecht geworden, soll er an keine neue Arbeit gehen . . .«

In der letzten Zeit zeigen sich traurige Symptome von Marasmus bei meinem alten Freunde. Der Arzt hat ihm das Lesen von Geschriebenem verboten. Und er weint viel, weil er sich nicht mehr erinnern kann, ob es Otto Ludwig war, der die Mutter als Zuschauerin des Mordes wünschte, und ob der Vorschlag, den blinden Vater des Helden an der Tragik zu beteiligen, von Gutzkow oder von Gustav Freytag ausging.

Zuweilen aber ist er auch schon ganz geistesabwesend und verlangt ungeduldig nur nach köstlichen Quittenpasteten, in deren Herstellung seine vor fünfzehn Jahren gestorbene Haushälterin Meisterin war. Aber er weiß nicht mehr, daß die Gute tot ist . . .

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